Karfreitag: In Berlin findet mitten in Kreuzberg, am Kottbusser Tor, eine Soli-Veranstaltung für den Transgenialen CSD statt. Die Hauptstadt ist so dekadent und leistet sich zwei CSD’s. Die übliche Parade gleicht mittlerweile eher einer Zirkusveranstaltung, bei der gern einmal vergessen wird, dass es beim Christopher Street Day nicht nur um’s Feiern geht. Vor einigen Jahren entstand als eine Art Gegenbewegung der Transgeniale CSD, um den Fokus wieder auf politische Forderungen zu lenken. Ausnahmsweise bin ich Gästin bei der Veranstaltung und stehe nicht selbst auf der Bühne. Ich habe einen Entschluss gefasst, während ich mir mein rotes Haar onduliert habe: Ich will knutschen!
Doch immer, wenn ich den Wunsch verspüre, Zungenakrobatik zu betreiben, stehe ich am Ende des Abends frustriert in einer Ecke und werfe allen, die ihre innige Zweisamkeit performen, einen hasserfüllten Blick zu.
Dieses Mal stehe ich in der Menge auf der eigentlichen Tanzfläche und verfolge neugierig, aber doch auch gelangweilt, den Anfang der Show. Neben mir steht Tim, ein Transmann, den ich schon seit Ewigkeiten vom immer mal wieder Sehen kenne. Einmal haben wir uns zufällig in der U-Bahn getroffen und sehr nett unterhalten. Ich hatte ihn schon in der Schlange zur Kasse entdeckt: „Hey, Hallo! Wie geht’s?! Du hast ja gar nicht Hallo gesagt!“ „In letzter Zeit hatte ich immer das Gefühl, du ignorierst mich. Immer wenn ich dich gesehen habe, wollte ich dich grüßen, doch von dir kam nichts. Da hab ich mir irgendwann gedacht, ich lass’ es bleiben.“, antwortet Tim.
Ich bin verblüfft. Mir wird klar, dass ich manchmal dazu neige, Vieles um mich herum bewusst auszublenden. Wenn ich in Berlin unterwegs bin, kenne ich Hinz und Kunz und in den Momenten, in denen ich lieber bei mir bleiben will, setze ich unbewusst einen Filter ein. „Oh, was, wirklich?!“, reagiere ich auf seine Antwort. „Das ist definitiv nie so gewollt. Ich freue mich jedes mal, dich wieder zu sehen. Also sag einfach Hallo.“ Dabei streiche ich ihm über den Rücken, um meine Aussage zu bestärken, bemerke aber, dass dieses mal etwas anders ist. Er lächelt zustimmend und zieht dabei seine Jacke aus.
Irgendwie packt es mich. Es liegt etwas Neues in der Luft. Ich fühle mich von Tim unglaublich angezogen. So ging es mir vorher nie. Ich fand ihn immer ganz sweet, mehr aber nicht. Ich kann dem Impuls nicht wiederstehen: „Ich würde dir gerne etwas sagen, aber ich weiß nicht, ob ich das darf. Ach was soll’s, klar darf ich: du wirst immer männlicher.“ Mit solchen Aussagen muss man extrem vorsichtig sein, denn gerade in der Berliner Szene kann es leicht passieren, dass man jemanden in seiner Geschlechtsidentität verletzt und gewisse Grenzen überschreitet. Doch ich ignoriere diese Überlegung einfach. Denn schließlich bin ich ja auch trans*. „Klar darfst du das sagen. Und es ist ja schließlich ein Kompliment. Danke.“, reagiert Tim geschmeichelt.
Wir sehen uns gemeinsam die Show an, bis er seine Jacke endlich zur Garderobe bringt. Ich will uns Getränke besorgen, aber irgendwie verpassen wir uns. Er geht zurück zur Tanzfläche und ich quatsche mit irgendwem. Doch diese Anziehung lässt einfach nicht nach. Wir schawänzeln umeinander herum, unterhalten uns ein wenig. Ich zeige mein Interesse, um ihn dazu zu bewegen, einen Schritt weiter zu gehen. Der Herr ziert sich allerdings. Ich muss an die Worte meiner Flirtlehrerin denken: sei nicht zu direkt und lass ihn den ersten Schritt machen. Männer wollen jagen. Doch ich überwerfe dieses Prinzip kurzer Hand, denn Tim und ich sind beide trans*. Als Transperson ist man nahezu sein ganzes Leben damit beschäftigt, heraus zu finden, wer man eigentlich ist. Man hat keine Zeit und keinen Nerv, die kleinen Spielregeln zwischen Mann und Frau zu erlernen. Ich sollte allerdings eines Besseren belehrt werden.
Der Vorsatz zu knutschen, wird immer präsenter in meinem Hinterkopf. Aber wenn ich verunsichert bin, habe ich die unangenehme Angewohnheit, meine Freunde zu belästigen. Ich kann nicht einmal ansatzweise einschätzen, welche Richtung das Interesse an meiner Person einschlagen kann. Unterhält er sich den ganzen Abend mit mir, weil er auf mich steht!? Oder einfach nur, weil wir uns kennen?! Darf ich ihn einfach küssen? Aber wie? Sag ich ihm, ich will ihn küssen? Ich bin total gehemmt. Meine Freunde sagen: „Tu es einfach!“ Ich muss jedoch wieder an die Worte meiner Flirtlehrerin denken.
Tim steht an der Kasse und ich geselle mich dazu. Ich flirte, was das Zeug hält. Ich rücke näher. Streiche wieder über seinen Rücken. Diesmal länger und intensiver. Es beginnt zu knistern. Ich spüre, dass sich die Anziehung verstärkt. Es liegt tatsächlich was in der Luft. Doch Tim küsst mich einfach nicht und ich trau mich noch immer nicht.
Einige Gläser Sekt später stehen wir wieder nebeneinander auf der Tanzfläche. Mir reicht’s. Ich zieh’ ihn an mich ran und wir küssen uns. Päng! Passt wie die Faust auf’s Auge. Gefühlte drei Stunden lassen wir nicht voneinander. Ich könnte ihn verschlingen. Wir tanzen und albern rum. Ich sage ihm irgendwann, dass ich froh bin, dass ich mich getraut habe. Er sagt, er hätte es sich nie getraut. Wie süß. Dafür gibt’s gleich noch’n Kuss. Der Sekt und die Küsse verschmelzen zu einem angenehmen Rausch. Nicht nur unsere Lippen sind miteinander verschmolzen, auch unsere Körper kommen sich immer näher. Ich werde übermütig und frage ihn, während ich am Bund seiner Boxershorts herum spiele: „Was passiert eigentlich, wenn man einem Transmann in den Schritt greift?“ Großer Fehler, wie sich später noch zeigen wird! „Was passiert denn, wenn ich dir in den Schritt greife?!“, kontert Tim. Wir lachen beide und knutschen weiter.
Irgendwann landen wir an der Bar. Tim verschwindet auf der Toilette und ein offensichtlich schwuler Gast sagt zu mir: „Euch beide hier heute rumknutschen zu sehen, rettet meinen Abend.“ Warum, weiß ich bis heute nicht. Wahrscheinlich, weil wir irgendwie alle Erwartungen und Geschlechtergrenzen gerade so richtig durcheinander würfeln. Tim ist wieder da. Ich frage ihn, was er am nächsten Tag vor hat. „Ich muss morgen früh noch was erledigen, aber so gegen zwei könnte ich dich abholen“, antwortet er. „Gerne. Wir können gerne einen Kaffee trinken.“, entgegne ich. „Ach so, du willst Kaffee trinken?! Was hast du denn gegen Sex?!“ platzt Tim mit einem ironischen Unterton heraus. Ich bin baff. Ich war so naiv zu denken, dass ein Transmann irgendwie anders ist, als andere Männer. Einfühlsamer und nicht auf typische Spielchen konditioniert. „Wir kennen uns seit 6 Jahren und knutschen heute zum ersten Mal miteinander rum. Du wirst doch wohl nicht denken, dass ich mit dir morgen ins Bett gehe!“, weise ich ihn in die Schranken. Er dreht sich um und verschwindet in die tanzende Masse. Irgendwer labert mich an. Ich bin verblüfft. Werfe noch einen kurzen Blick auf die Tanzfläche. Kein Tim. Ich beschließe, zu gehen. Sammle meine Freunde ein… und gehe.
Männer sind Männer. Ich will nicht darüber nachdenken, ob es eventuell am Testosteron liegt oder einfach daran, dass Tim ein süßer, verpeilter Chaot ist. Wenn man jemandem das Angebot macht, in seinen Schritt zu greifen, muss man sich nicht wundern, wenn es ihm egal ist, ob mich Meeresrauschen beruhigt, ob ich dahinschmelze, wenn Billie Holiday ihre Stimme erhebt, ob ich meine Haare rot färbe, weil ich denke, es macht mich geheimnisvoller….etc.
Ich hab Tim am Osterwochenende zufällig noch einmal getroffen. Wir haben uns nicht geküsst. Doch wenn ich wieder in Berlin bin …