Nicht erst seit gestern versuche ich, in den Weiten des Internets auf diversen Dating-Portalen mein Glück zu finden. Bisher vergeblich! Es wurde Zeit, einen neuen Schritt zu wagen! Ich habe mich auf Plattformen angemeldet, auf denen sich vorzugsweise Heteros herumtreiben. Gar nicht so einfach! Wie präsentiert man sich als Transfrau im heteronormativen virtuellen Raum? In meinem ersten Profil habe ich meine geschlechtliche Identität erst verschwiegen, um dann jede zweite Mail an den geneigten Interessenten mit den Worten „Ich muss dir da noch ein Geheimnis verraten“ zu beginnen. Das ging mir ziemlich schnell auf die Nerven.
Deshalb habe ich mich dazu entschieden, in meinem neuen Profil ganz deutlich zu machen, wer und was ich bin. Der Nickname TransLadyHH sollte ebenfalls Uneindeutigkeiten vorbeugen. Die Resonanz hielt sich jedoch in Grenzen. Also habe ich mir eine Taktik ausgedacht: ich klicke auf die Profile, die mir gefallen und wenn der jeweilige User auch Interesse an mir hat, kann er die Möglichkeit nutzen und sich bei mir melden. Nur in ganz seltenen Fällen habe ich einen ersten Schritt gewagt.
Irgendwann beim Stöbern durch das Männerangebot bin ich an einem Profilbild hängen geblieben. Ja auch ich bin da oberflächlich. Ein junger Mann um die 30 mit Justin-Bieber-Gedächtnisfrisur und Vollbart. Auf Vollbart bin ich momentan total fixiert! Ob es an den Hormonen liegt? Doch am Auffälligsten waren seine unglaublich blauen Augen. Eigentlich stehe ich auf braune Augen. Aber was soll’s!
Ich konnte mich dem reizvollen Anblick nicht entziehen: „Manchmal muss ich Menschen ein Kompliment machen, ohne etwas zu erwarten. Deine Augen sind der Wahnsinn!!!“ Total abgedroschen?! Doch eine ernstgemeinte Schmeichelei verfehlt nie ihre Wirkung, wie seine Antwort bestätigt: „Und ich muss dir ein Kompliment machen für dein mutiges und offenes Profil. Dass du dazu noch sehr hübsch bist, brauche ich wohl nicht zu erwähnen, oder?“ Ich liebe Photoshop!
„Darf ich fragen, seit wann du deine Identität auslebst?“ Diese Frage lese und höre ich nicht zum ersten Mal. Wenn man trans* ist, bemerkt man sehr schnell, dass die wenigsten Menschen auch nur einen blassen Schimmer haben. Die Medien zeigen verzerrte Bilder vereinzelter Lebensentwürfe und die meisten Menschen wurden noch nie mit einer Transpersönlichkeit konfrontiert. In solchen Momenten habe ich die Möglichkeit, mit einer schnippischen Antwort das Gespräch zu beenden oder einfach Aufklärung zu leisten: “Eigentlich schon immer. Mit 15 hatte ich lange Haare. Mit 17 hab ich angefangen, mich zu schminken. Mein inneres Empfinden ist eigentlich dasselbe, doch ich glaube, jetzt benutze ich andere Begrifflichkeiten. Zum Anfang dachte ich, ich bin ein sehr femininer, schwuler Mann. Jetzt ist Transe das Wort, welches ich für mich nutze.“
Der junge Mann wird neugierig: „Ok, das macht alles Sinn für mich. Darf ich auch noch fragen, ob du mit deinem aktuellen Status zwischen den Geschlechtern zufrieden bist oder möchtest du irgendwann auch biologisch komplett Frau sein?“ Auch diese Frage beantworte ich ihm nett verpackt, lenke das Gespräch dann aber in eine andere Richtung, da ich keine Lust habe, wieder einmal als exotisches Sexobjekt stigmatisiert zu werden.
Ich finde heraus, dass er als Fotograf in Rostock arbeitet und Hochzeiten, Konzerte und ähnliche Events ablichtet. Es entwickelt sich ein nettes, unkompliziertes Gespräch, in dem ich mein Interesse an ihm bekunde und er von meiner vielfältigen Persönlichkeit beeindruckt scheint. Natürlich flirte ich weiter: „Schauen dir denn viele Frauen in die Augen?“ Er spielt mit: „Das ist jetzt eine gemeine Fangfrage. Wenn ich sage nie oder selten denkst du, der verkauft sich unter Wert. Wo ist denn sein Selbstbewusstsein? Wenn ich sage viele, klingt es abgehoben. Deshalb lautet die Antwort anders: von dir würde ich mich gerne anschauen lassen.“ Na, wer hätte es gedacht! Nachdem ich den Eindruck habe, er ist kein Player und denkt nicht nur mit dem Schwanz, beende ich das Gespräch. Einfach so. Mittendrin. Kommentarlos.
Meine Flirtlehrerin sagt, ich soll die Jungs verwirren. Immer nach dem Motto: „Mach dich rar, sei der Star!“ Doch irgendwie scheint das bei ihm nicht zu funktionieren. Anstatt sich nach mir zu verzehren und meine Aufmerksamkeit zu suchen, meldet er sich zwei Wochen nicht. Ich versuch’s noch einmal und sende ihm Ostergrüße. Keine Reaktion. Doch plötzlich, eine Woche später, antwortet er.
Wir kommen ins Plaudern, bis die Situation plötzlich eine seltsame Wende nimmt: “Ich würde dir ja gerne mal in den Schritt fassen, um zu schauen, ob sich was regt, wenn wir uns gegenüber stehen. Ich lasse mich gerne von dir umpolen.“ Ähm. Wie soll eine Lady denn auf diese Anmache reagieren?! Ich versuche, sexuelle Anspielungen zu umgehen. Doch er lässt sich nicht abbringen und versucht seinen schlüpfrigen Absichten mit der Aussage „Ich suche hier nur was Festes und keine Abenteuer!“ noch einen ernsthaften Hintergrund zu geben. Seine Direktheit verwundert mich sehr, denn bisher hat er noch keinerlei Erfahrungen mit einer Transfrau und geht gleich in die Vollen.
Nachdem ich meine Zweifel geäußert habe, legt er mit seiner letzten Mail noch eins drauf: „Ma chére. Ich komme zu dir, knie nieder, streife deine Nylons herunter und lege deinen Zauberstab frei. Dann kommt der Auftritt meines Riemens und ich schiebe meinen …. in deinen …und nun darfst du mich - natürlich auch safe – ficken. Na, hast du jetzt immer noch Zweifel, ich könnte dich nicht artgerecht verwöhnen?“. Zauberstab?! Riemen?! Artgerecht?! Ich bin einerseits völlig überfordert von dieser detaillierten Sexphantasie und gleichzeitig positiv überrascht von dieser Offenheit. Zu früh gefreut! Als ich irgendeine irritierte Antwort formulieren will, fällt mir auf, dass er mein Profil geblockt hat. Kommunikationsverweigerung.
Ich war lange nicht mehr so sprachlos, wie in diesem Moment und versuche, nachzuvollziehen, was da eigentlich passiert ist. Das Ergebnis meiner Analyse ist keine wirkliche Überraschung: Männern fehlt es einfach an Rückgrat. Im virtuellen Raum fällt es generell leichter, Hemmungen fallen zu lassen und man kommt in die Versuchung, sich auf Spielereien einzulassen, die einen in der Realität doch ziemlich überfordern würden. Auch wenn der Flirt mit Mister-Blaue-Augen harmlos begann, hat er sich letztendlich selbst zu sehr aus dem Fenster gelehnt. Und um den Absturz in seinen eigenen, ihm unbekannten Abgrund zu vermeiden, hat er lieber seinen Schwanz eingezogen.