Von der sonntäglichen Demonstration konservativer Gegner_innen der Gleichberechtigung von Lesben und Schwulen werden nur die teils gewalttätigen Exzesse in Erinnerung bleiben. So ist zumindest der Eindruck, wenn man die Pressemeldungen von gestern und heute revue passieren lässt.
Demonstration: Paris beschuldigt Rechtsextreme wegen Krawallen lautet der Titel einer APA-Meldung in dieStandard.at.
Ebenfalls eine Agenturmeldung (APA/AFP) in der Presse: Demo gegen Homo-Ehe: Rechtsextreme Krawallmacher. Der Kurier hatte bereits Sonntag Abend Eskalation bei Demo gegen Homo-Ehe gemeldet und ein Video von den Zusammenstößen mit der Polizei verlinkt. Krawalle und Verletzte bei Demos gegen Homo-Ehe heißt es im Neuen Volksblatt und die Krone titelt dramatisch Demo gegen Home- Ehe 'aus dem Ruder gelaufen' Thema spaltet Nation.
Kathweb schreibt Paris: 1,4 Millionen Demonstranten gegen Homo-Ehe und übernimmt damit die (zweifelhaften, mehr dazu unten) Angaben der Organisator_innen der Demonstration. Auch die Angabe, dass manche Teilnehmer_innen in die für die Demonstration gesperrte Champs-Elysées eingebogen waren, "weil die ... Avenue de la Grande Armée überfüllt war" dürfte von "Manif pour tous" stammen.
Die französischen Medien beschäftigen sich gestern und heute genauer mit den Ursachen der Ausschreitungen, damit, ob sie vorhersehbar waren und mit den Reaktionen einzelner Personen. Der Pariser Polizeipräfekt Bernard Boucault und Innenminister Manuel Valls stellten sich (nicht unwartet) hinter die Polizeikräfte und lobten deren maßvolles Vorgehen angesichts der Gewalt kleiner "Grüppchen" unter den Demonstrant_innen. Die Manif pour tous-Organisator_innen und einzelne Abgeordnete der rechten Opposition beschuldigten die Polizei, sie sei gewaltsam "gegen Familien, schwangere Frauen und Kinder" vorgegangen. Außerdem trage die Polizei Schuld daran, dass die Demonstrant_innen in die Champs-Elysées ausweichen "mussten", da sie nur Platz für 150.000 bis 200.000 Teilnehmer_innen eingeplant habe.
Der Mythos von den "1,4 Millionen", die am Sonntag gegen die im französischen Nationalrat bereits beschlossene Öffnung der Ehe demonstriert haben sollen, wird freilich durch Luftaufnahmen widerlegt. Diese zeigen klar, dass die Demonstrant_innen in der Nähe der Place de l'Etoile konzentriert waren, aber auf der Strecke zwischen La Défense und Place de l'Etoile viel "Luft" zwischen den marschierenden oder stehenden Personen vorhanden war. Da klingen die von der Polizei geschätzten 300.000 Teilnehmer_innen schon glaubwürdiger. Auch durch einfaches Nachrechnen werden 1,4 Millionen unwahrscheinlich: bei einer Streckenlänge von 5 Kilomentern wären das 280 Personen pro Meter, also dicht gedrängte Reihen von 70 bis 90 Personen. Dass dem nicht einmal in der Nähe des Podiums so war, lässt sich anhand der zahlreichen Fotos leicht überprüfen.
Der Nouvel Observateur geht der Frage nach, welche rechten und rechtsextremen Gruppen sich an der Demonstration beteiligt haben und zum Teil auch für die Zusammenstöße mit der Polizei verantwortlich waren. Diese reichten von Front National über l'action francaise, die rechtsextreme Groupe union defense (GUD), die stolz von "Revolte" twitterte und davon, dass sie sich trotz Tränengas und Schlagstöcken auf die Champs-Elysées durchkämpfen würden bis zum bloc identitaire, einer Gruppe, die vor einer durch die Gesetzesänderung drohenden "anthropologischen Revolution" warnte. Für einen Teil der rechten Demonstrant_innen ging es nicht unbedingt um die Ehe für Schwule und Lesben, sondern einfach gegen die linke Regierung. Durch Abwesenheit glänzte (zumindest offiziell) die konservative katholische Gruppe Civitas, der Frigide Barjot zu homo-freundlich ist. Civitas plant eine eigene Demonstration am 4. April, dem Tag, an dem im Senat die Debatte über das geplante Gesetz beginnt.
Samuel Laurent weist in Le Monde anhand von Blog- und Facebook-Meldungen und E-Mails nach, dass kleine Gruppen innerhalb der "Manif pour tous" Bewegung schon kurz nach der letzten Demonstration im Jänner damit begonnen haben, eine Massendemonstration auf der Champs-Elysées zu planen und davon auch nicht abließen, nachdem die Polizei dies bereits im Februar aus Sicherheitsgründen untersagte. Ein Sprecher der Pariser Polizei erwähnte in einem Radio- oder TV-Interview, dass noch am Vorabend der Demonstration "Manif pour tous"-Aufkleber in Paris verteilt wurden, auf aufgefordert wurde, zu den Champs-Elysées zu kommen.
L'Express fragt, wieviel die Demonstration am Sonntag die Veranstalter gekostet hat - geschätzte 700.000 Euro, wovon rund die Hälfte allein für Videowände und Soundanlage ausgegeben wurden. Finanziert wurde sie durch Spenden, aber auch durch den Verkauf von T-Shirts, Regenschirme und Fahnen. Nicht enthalten sind darin die Anreisekosten, die die Teilnehmer_innen selbst aufbringen mussten und die Kosten der öffentlichen Hand.
Le Point und TF1 beschreiben, wie man sich im Web auf Kosten der konservativen Abgeordneten Christine Boutin lustig machte. Die 69-jährige Vorsitzende der französischen Christdemokraten war vorne mit dabei, als einige Demonstrant_innen die Polizeisperren in Richtung Champs-Elysees durchbrechen wollten und bekam einen Schwall Tränengas ab, der sie kurzfristig außer Gefecht setzte. Ein Amateurfoto, das zeigte, wie sie am Straßenrand lag und versorgt wurde, verbreitete sich in Windeseile im Netz und inspirierte zu einer Fotoserie unter dem Titel "Joue la comme Boutin" (spiel es wie Boutin). Sie trug es es mit Humor und sagte, dass ihr die nachgestellten Fotos Spaß machten, wies aber darauf hin, dass ihre Ohnmacht nicht gespielt war. Unmittelbar nach der Demonstration hatte sie noch den Rücktritt von Innenminister Valls gefordert.
Die Ausschreitungen am Rande der Demonstration von Sonntag haben zu Veränderungen in der Führungsriege von "Manif pour tous" geführt, wie Rue89 berichtet: Béatrice Bourges, die Vorsitzendes des "Kollektivs für das Kind", einer Verbindung von 79 Familienverbänden, hat sich von Manif pour tous getrennt, weil sie darüber enttäuscht war, wie Frigide Barjot sich von jenen Personen desolidarisierte, die in den Tränengasnebel der Polizei geraten waren. Barjot hatte am Sonntagabend auf Journalistenfragen entnervt geantwortet, dass jene Familien, welche die polizeilichen Absperrungen missachteten, auf eigene Gefahr handelten. Bereits im Vorfeld hatte es Spannungen zwischen den beiden Frauen gegeben, da Bourges es auf eine Kraftprobe mit der Polizei ankommen lassen wollte und auf der ursprünglich geplanten Router bestand. Barjot wollte hingegen das friedliche Image der Bewegung wahren. Der konservative Figaro berichtet übrigens, dass Frigide Barjot und ihre Mitstreiter_innen schon von einer weiteren, noch größeren Demonstration träumen.
Links: [www.zeit.de]
http://www.sueddeutsche.de/politik/demonstrationen-in-paris-polizei-setzt-traenengas-gegen-homo-ehe-gegner-ein-1.1632619
[www.ggg.at]
http://telly.com/AD3IUF (Luftaufnahmen von der Demonstration)
[joemygod.blogspot.com]
http://tempsreel.nouvelobs.com/mariage-gay-lesbienne/20130325.OBS2976/manif-pour-tous-qui-de-l-extreme-droite-etait-present.html
http://www.lepoint.fr/politique/le-malaise-de-boutin-inspire-les-internautes-25-03-2013-1645572_20.php
http://www.lemonde.fr/politique/article/2013/03/25/patrice-gelard-nous-ne-ferons-pas-de-flibusterie-sur-le-mariage-des-homosexuels_3147697_823448.html#ens_id=1727482&xtor=RSS-3208
http://www.rue89.com/zapnet/2013/03/25/manif-pour-tous-les-enfants-devant-tout-contre-les-gazs-lacrymo-240832
http://lci.tf1.fr/france/societe/boutin-gazee-en-pleine-manif-anti-mariage-gay-le-web-l-imite-7894402.html
[www.liberation.fr]
http://www.lemonde.fr/societe/article/2013/03/25/quand-une-partie-de-la-manif-pour-tous-voulait-occuper-les-champs-elysees_1853601_3224.html
[www.lamanifpourtous.fr]
http://www.rue89.com/2013/03/26/divorce-manif-tous-barjot-trop-bisounours-bourges-barre-240872
[www.la-croix.com]
http://tempsreel.nouvelobs.com/mariage-gay-lesbienne/20130325.OBS2927/video-manif-pour-tous-frigide-barjot-perd-ses-nerfs.html
[www.lefigaro.fr]
[news.google.fr]
[news.google.fr]
[news.google.fr]