Gestern habe ich beschlossen, dass ich dieses Blog vorerst offline nehmen möchte. Das war das Ergebnis jahrelanger Grübelei, denn so richtig zufrieden war ich leider selten.
Im März 2009 habe ich side-glance gestartet, ursprünglich bei WordPress gehostet und anonym. Mein Ziel war es, für mich herauszufinden warum es so wenig Frauen in der IT/Informatik gibt. Außerdem wollte ich möglichst alles was es zum Thema gibt finden, auch die wenigen Frauen die es gibt. Finden und sichtbar machen. Bereits einige Jahre zuvor hatte ich “beschlossen”, dass ich Feministin bin und feministische Blogs und Bücher von Frauen* meines Alters wurden nach und nach immer mehr. Das gab mir das Gefühl, mich irgendwie mit etwas identifizieren zu können und mit meinen Sorgen, meinen Erfahrungen, Hoffnungen, Träumen, Wünschen nicht allein zu sein. Nachdem ich bei Twitter aktiv wurde, hatte ich recht schnell einige Follower und meine Texte wurden gelesen, kommentiert und weiterempfohlen. Ein Interview mit der Mädchenmannschaft brachte mir schlagartig viele neue Leser_innen. Andere Blogs begannen mich zu verlinken. Damals haben mich auch noch Leute verlinkt und weiter empfohlen, die heute über feministische Bloggerinnen spotten. Ich beschloss nach einiger Zeit das Blog auf gemietetem Webspace zu hosten, um mehr Freiheiten zu haben, was das Design und den Umfang des Blogs anging. Die Anonymität habe ich damit über Bord geworfen und das war nicht immer ein gutes Gefühl.
Nach einiger Zeit und einigen Diskussionen auf Blogs, Twitter und persönlich über andere Medien, hatte ich tatsächlich das Gefühl etwas bewegen zu können. Ich hatte das Gefühl, dass meine Erlebnisse (mit Diskriminierung und als Frau in einem IT-Beruf und später Informatikstudium) Leute zum Nachdenken brachten. “So habe ich das noch nie betrachtet”, “ja, eigentlich hast du recht” und ähnliche Sätze haben mich gepusht. Menschen haben mir (teils anonyme) Mails geschrieben, dass sie mir dankbar sind und mein Blog sehr gerne lesen. Menschen haben mir auch von ihren Situationen berichtet und ich saß das ein oder andere mal wütend und mit Tränen in den Augen da und habe mich gefragt, wie ich eine Hilfe sein kann, wie wir diese Situation für uns verbessern können. Das hat mich alles unglaublich berührt, gefreut und motiviert. Ich begann über meinen Tellerrand hinaus zu schauen und wenn ich heute Kommentare und Artikel von mir lese, die ich früher geschrieben habe, dann schäme ich mich manchmal für meine Naivität und Blödheit. Nach und nach habe ich begonnen, auch mehr zur Zuhörerin zu werden. Zur Leserin zahlreicher Blogs. Ich habe mir theoretisches Wissen und Vokabular angeeignet, mich mit Lebenssituationen von Menschen auseinandergesetzt und über Mehrfachdiskriminierung nachgedacht.
Oftmals habe ich darüber nachgegrübelt, ob die Informationen die nun über mich im Netz stehen, zusammen mit diesen Erfahrungsberichten (die mir teilweise sehr nahe gingen) nicht too much sind. Ich war vor Beginn meines Blogs die Aluhütin schlechthin. Mein Name war überhaupt gar nicht googlebar, meine Emails habe ich grundsätzlich nur mit Zähneknirschen unverschlüsselt verschickt und soziale Netzwerke habe ich aus Technikinteresse zwar verfolgt, jedoch hatte ich als ewige Kritikerin immer nur (relativ) anonyme Accounts. Meinem Teenager-Ich war ich dankbar, dass es weitestgehend auf peinliche Veröffentlichungen unter Klarnamen verzichtete. Natürlich hätte ich von Anfang an mein Blog auf eine andere Person registrieren können, aber im Zusammenhang mit der positiven Aufmerksamkeit die mir die Bloggerei brachte, genoss ich meine Öffentlichkeit auch ein Stück weit. Ich hatte das Gefühl, dass mich Menschen ernst nehmen, wenn ich echt bin. Zudem bin ich noch immer der Ansicht, dass ich zu den Dingen die ich mache auch stehen möchte. Eine Diskussion die ich mit engen Freunden sehr oft geführt habe und das Ergebnis war jedes mal “wenn du zu dem stehst was du tust, was könnte dann schiefgehen?”.
Eine Antwort darauf sollte folgen. Letztes Jahr habe ich meine Komfortzone hinter dem Bildschirm verlassen und habe eine Männerrechtler-Veranstaltung besucht und kritische Fragen gestellt. Über das Ereignis habe ich einen langen Blogeintrag geschrieben der sehr viele Menschen interessiert hat. Im Anschluss darauf bekam ich Mord- und Vergewaltigungsdrohungen per Mail und es wurden in diversen Maskulisten-Foren Dinge unter meinem Namen veröffentlicht. Ich bin schon sehr lange im Internet unterwegs und hatte davon auch schon von anderen Bloggerinnen gehört, aber bis dahin hatte ich sowas in der Form noch nicht erlebt. Ich beschloss weiter zu machen, denn es bringt ja nichts, sich Sorgen zu machen und einzuschränken. Später bekam ich noch merkwürdige (“anonyme”) Kommentare und Nachrichten (Beleidigungen, Sticheleien, Anspielungen…), auch von Menschen aus meinem damaligen Wohnort und meiner damaligen Hochschule. Dabei hatte ich ein komisches Gefühl (wohl das Ziel dieser Nachrichten), vor allem da ich nicht wusste um wen es sich handelt, aber ich habe weiter gemacht. Ich stand zu dem was ich schrieb. Was unter anderem dazu führte, dass ein Stalker mit dem ich in Vergangenheit zu tun hatte, meine Social Media Accounts aufspürte und mich über jeden einzelnen zu kontaktieren versuchte. Tolle Welt so als post-privacy Bloggerin, die ich nie sein wollte. Blocken, löschen, ignorieren.
Ich wurde im Leben ausserhalb dieses Internets in den Fakultätsrat gewählt und hatte nach und nach immer mehr Ämter an meiner Fakultät, für die ich mir vorgenommen hatte die Interessen von Studierenden zu vertreten. Auch hier habe ich vielen Menschen zugehört, die mir über Probleme und Vorfälle berichteten. Diese habe ich angesprochen und habe an Lösungen mitgearbeitet. Dafür wurde ich am Ende sogar mit einem Preis ausgezeichnet.
In dieser Zeit habe ich ein Gemeinschaftsblog (Femgeeks) gegründet um eine breitere “Community” für weibliche* Geeks zu schaffen und neben Problemen auch über kreatives, schönes, geekiges zu schreiben. Eine gewisse Erschöpfung überkam mich langsam aber sicher im Bezug auf feministisches Bloggen. Längst war es nicht mehr so, dass mein Blog nur herumgereicht und “gefeiert” wurde. Diskussionen mit anderen feministinnen und das Lesen feministischer Blogs machten mich mehr und mehr traurig, kraftlos, einsam und ratlos. Das Gefühl von Solidarität das ich zwischendurch glaubte zu spüren, zerplatzte wie eine Seifenblase. Aufmerksamkeit hatte ich zwar, positiv und negativ, und nun? Wohin jetzt? Mein eigener Ton gegenüber anderen wurde zeitweise rau und wütend. Auch wenn ich inhaltlich dazu stehe, tut mir das im Nachhinein irgendwie leid.
Nachdem ich ja bei Femgeeks meine ursprünglichen Themen behandeln konnte, begann ich mein Blog für Berichte über mein Auslandsjahr zu verwenden. Das war ganz nett als kleines Tagebuch, Freunde, Bekannte und Familie zeigten sich dankbar und interessiert für Lebenszeichen dieser Art. Doch irgendwie machte mir dieses irgendwie noch mehr post-privacy (wenn auch langweilige) Blog auch keine Freude. Es gibt so viele Themen die mich interessieren und über die ich bloggen wollen würde. Beispielsweise habe ich ein Modul in meinem Studium über Informatik und Gesellschaft belegt. Netzpolitik finde ich spannend, Feminismus muss dabei nicht unbedingt in der Schublade verschwinden. Ich würde auch ab und zu gerne über technische Dinge bloggen. Die mich faszinieren, die ich dadurch besser verstehen kann, über die ich mich austauschen könnte. Aber ich habe es bisher nicht ernsthaft getan. Denn wann immer ich es versuchte, kamen zum Beispiel Mansplainer an und haben meine Motivation irgendwie zerstört und ich habe nicht immer die Kraft, mich aufzurappeln und gegen alles anzuschreiben.
Diese Entwicklungen und Erlebnisse haben dazu geführt, dass ich mein Blog nun vorerst ruhen lasse, bis ich wieder einen Hauch einer Ahnung habe wie es hiermit weiter gehen könnte. Ich möchte trotzdem noch danke sagen: danke <3


