Queere Rassifizierung
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Bei queerer Rassifizierung handelt es sich weniger um ein abgeschlossenes, klar umrissenes Konzept als um den Versuch, ein begriffliches Instrumentarium zu entwickeln, das zur Analyse und Kritik gegenwärtiger weißer homonationalistischer (vgl. Puar 2007) Politik(en) angewandt werden kann. In Anlehnung an Arbeiten von Maureen Maisha Eggers, Nanna Heidenreich, Jasbir Puar und anderen sollen darunter Diskurse und Praktiken gefasst werden, die sich in einem von Heidenreich (2005) (halb-)ironisch so genannten "Krieg der Subkulturen" an aktuelle orientalisierende und islamophobe Mainstreamdebatten/ -politik anhängen und mittels deren ein normatives weißes schwullesbisches Subjekt konstituiert wird, das nahezu problemlos in diesen Mainstream integrierbar ist oder wenigstens zu sein scheint.
Inhaltsverzeichnis |
Theoretische Explikationen
Homophobie vs. Rassismus?
Nanna Heidenreich [1] konstatierte bereits 2005, dass man in Deutschland von einem "Krieg der Subkulturen" sprechen könne. Dieser basiere auf der Behauptung, dass ,muslimische’ oder ‚türkische/arabische’ Männer die Haupttäter so genannter Hate Crimes gegen schwule (deutsche) Männer seien. Gleichermaßen, so Heidenreich, werde behauptet, muslimische Queers hätten im Verborgenen zu leben, ‚in the closet’, und ihre Sexualität – ihre Identität – vor ihrer Familie und ihrer (ethnischen) Community zu verbergen. Die Debatten, in denen der Islam mit Homophobie zusammen gedacht wird, wurden und werden andererseits mit Vorwürfen konfrontiert, die sich um Rassismus (etwa rassifizierte Profile in Statistiken über schwule Opfer von Gewalt), Identitätspolitik (und die Auffassung einer weißen schwulen deutschen queeren Subkultur im Gegensatz zu einer ethnisch markierten ‚Kultur’ der Homophobie und ‚Rückständigkeit’) und andere Aspekte drehen (Heidenreich 2005: Abstract, 203).
Unter der Überschrift „Eine Welt der Parallelen“ führt Heidenreich aus, dass türkische Schwule und Lesben im dominanten weißen (schwullesbischen) Diskurs ‚obskur und unsichtbar’ erscheinen; erst indem ihr angeblich vormodernes Umfeld ‚zivilisiert’ werde, könnten sie in eine, wie die Autorin betont, immer auch visuell gemeinte Offenheit überführt werden [2]. Diese beziehe sich dabei auf die Figur des Coming-Out,
„das nicht so sehr das Realisieren und Ausleben von Begehren meint, sondern die Behauptung einer Identität, untrennbar verbunden mit deren Sichtbarmachung. Die in vielen islamisch geprägten Ländern üblichen homoerotischen Praktiken, die aber gerade nicht mit der Behauptung einer Identität oder sozialen Struktur (Subkultur) verknüpft sind, werden so als ‚unvollständig’ oder ‚unterdrückt’ wahrgenommen (…).“ (Heidenreich 2005: 206)
Indem Homophobie mit einem bestimmten, rassifizierten/ethnisierten Namen und einem bestimmten, rassifizierten/ethnisierten Gesicht versehen wird (vgl. Heidenreich 2005: 211), wird dadurch auch ein komplementäres Bild einer modernen, implizit weißen (und heterosexuellen) Mehrheitsgesellschaft in Deutschland entworfen, innerhalb deren offen gelebte Homosexualität eine liberale und gefahrlose Selbstverständlichkeit darstelle.
Unter anderem mit Bezug auf Georg Klauda kritisiert Nanna Heidenreich das in diesen weißen Mainstreamdebatten entworfene ahistorische, kulturalistische Bild ‚des’ Islams und betont mit Diedrich Diederichsen die Kontinuität(en) solcher Politik:
„Dass das durchaus reale Problem der homophoben Gewalt in der BRD zu einer Sache der Migrationspolitik erklärt wird, stellt die Diskussion in den Kontext des ja gerade nicht unaussprechlichen deutschen rassistischen Mainstreams, in dem Einwanderung nur als Einwanderungsvorbehalt und Vorbe(ent)haltung von Rechten entworfen wird (…).“ (Heidenreich 2005: 209)
Rassifizierte Machtdifferenz
Mit dem analytischen Konzept der rassifizierten Machtdifferenz, das Maureen Maisha Eggers im Rahmen ihrer Dissertation entwickelt hat, lässt sich die (mögliche) Anschlussfähigkeit rassifizierter Diskurse oder Diskursformationen auch aus einer auf den ersten Blick subkulturellen und/oder gesamtgesellschaftlich marginalisierten Position (wie z.B. aus schwullesbischer/queerer Perspektive) an einen rassistischen Mainstreamdiskurs nachvollziehen bzw. analytisch erfassen (vgl. Eggers 2005c: 64).
Die Autorin unterscheidet "vier Ebenen als konstituitiv für die Genese rassifizierter Ordnungen (...):
- die erste Ebene setzt eine rassifizierte Markierungspraxis voraus: Subalterne Kategorien, Personen und Gruppen werden mit Eigenschaften belegt. Es wird ein ‚Wissen’ über ihr Wesen erzeugt. In diesem Wissen besteht die Hauptaussage in der Artikulation ihrer ‚Differenz’ in Relation zu der hegemonialen weißen Gruppe. In einer dichotomischen Anordnung werden ihnen Eigenschaften zugeschrieben, die in Opposition zu den (vermeintlichen) Eigenschaften der weißen Gruppe stehen.
- die zweite Ebene ist durch eine rassifizierte Naturalisierungspraxis/rassifizierte Differenzierungspraxis gekennzeichnet: Die erfundenen/konstruierten Differenzmerkmale werden naturalisiert, als unüberwindbarer Teil der ‚Natur’ von rassistisch markierten ‚Anderen’ gesetzt. Differenz wird festgelegt und verabsolutiert. Mit Autorität ausgestattete SprecherInnen verbreiten ‚rassistisches Wissen’ (über rassistisch markierte ‚Andere’) als Allgemeinwissen und erzeugen somit institutionell abgesicherte Wissenskomplexe.
- die dritte Ebene besteht aus einer rassifizierten hierarchischen und zugleich komplementären Positionierungspraxis: Rassistisch markierte Subjekte werden keineswegs ‚sich selbst überlassen’. Sie werden an die hegemoniale weiße Gruppe in engen komplementären ‚Beziehungen’ eingebunden. In Relation zu der weißen Gruppe werden sie untergeordnet positioniert und in die weiße hegemoniale Struktur eingeschlossen.
- auf der vierten Ebene entstehen als Resultat der Markierungs-, Naturalisierungs-, und hierarchischen Positionierungspraxen rassifizierte Ausgrenzungspraxen. Tatsächliche Ausschlussrealitäten können jetzt ‚logisch’ mit einem Hinweis auf die ‚Natur’ der subalternen Positionen und auf der Grundlage einer natürlich erscheinenden hierarchischen Ordnung erklärt werden. Das hegemoniale weiße Zentrum kann somit unbenannt und unmarkiert bleiben und funktioniert dann sogar als neutrale Instanz."
(Eggers 2005c: 57) [3]
Unter Bezug auf Mark Terkessidis' Arbeit zum Konzept des "Rassistischen Wissens" [4] und einen Aufsatz von Daniela Marx [5] legt Eggers dar, wie diskursive Inhalte, die diese Praxen aufweisen, an den Komplex "rassistisches (Macht-)Wissen" anschlussfähig - und für weiße Personen integrativ - sind (vgl. Eggers 2005c: 64ff.): "Weiße Sprecherinnen (erkaufen) sich durch die Zustimmung zu und die Beteiligung an der Produktion rassistischen Wissens ein 'Ticket in den Mainstream'". (Marx/Eggers 2005c: 64)
Disidentifikation und das Problem der Selbsttransparenz
Die Dekonstruktion von Identitätskategorien und Identitätspolitiken steht im Zentrum von queerer Theorie und Praxis (vgl. Dietze et al: 2007 109). Für eine solche komplexe politische und epistemologische Strategie ist die Frage nach der eigenen Positionierung ein zentraler Knackpunkt: Die Unsichtbarmachung eigener Privilegien dürfte wohl umso leichter fallen, je stärker die Subjektposition mit dem aktuellen hegemonialen Dispositiv kompatibel ist.
Die Berücksichtigung der Konstitution von Weißsein als unmarkierte Kategorie - im Sinne einer Selbstwahrnehmung als 'universalmenschlich' - kann auch hier die Fallschlingen einer eindimensionalen Disidentifikationsstrategie deutlich machen (vgl. Eggers et al 2005). Dietze et al (2007: 107-139) versuchen, der Selbstvergessenheit hinsichtlich Positionierungsprivilegien mit einer Kombination queerer Theorie und Intersektionalitätsmethodologien zu begegnen:
"...wenn also queer intersektional gelesen wird, erreichen wir eine Erleichterung, Ko-Präsenz oder Simultanität von Positionierungen in einem Individuum zu denken. Die Strukturähnlichkeit von Diskriminierung gegenüber nicht-normativen Körpern (Queer, Anders-Fähig, Transgender) kann produktiv gemacht werden. Und eine Intersektionalisierung von Queer Theory hält dazu an, überindividuelle systemische Ungleichheiten durch Klasse, Lokalität, Arbeitsvermögen in Rechnung zu stellen, also Macht nicht nur in den Sphären der Repräsentation, sondern auch in den materiellen Verhältnissen anzusiedeln, aber sie gleichzeitig als dynamisch zu begreifen." (Dietze et al 2007: 139)
Wenn eine "queere" Strategie der Dekonstruktion von Identitätskategorien mit einer Selbstwahrnehmung als "frei von Positionierungen" einhergeht, also der Blick für eigene Privilegierungen fehlt, so ist dies offenbar kompatibel mit einem aktuellen ("neoliberalen"?) hegemonialen Diskurs der ökonomischen Flexibilität und grenzenlosen Gestaltbarkeit individueller Biographien in einer sich als aufgeklärt, offen und grenzenlos selbsttransparent imaginierenden okzidentalen Menschlichkeit. Die Partikularität und Blindheit einer solchen Position für ökonomisch-materielle Begrenzungen und diskursive Ein- und Ausschlusspraktiken liegt auf der Hand. Eine Kombination von queerer Theorie mit Intersektionalität kann den Blick öffnen für die durchaus unterschiedlichen Dynamiken und Stabilitäten verschiedener Diskursformationen.
Hier kann auch die Kritik von Spivak (vgl. Spivak 2008) an Foucault/ Deleuze hilfreich sein, politische Re-präsentation (als Sprechen-Für) nicht mit subjektiver, sprachlicher, philosophischer und künstlerischer Re-präsentation (als Vorstellung, Benennung, Darstellung) allzu leichtfertig gleichzusetzen:
"Diese zwei Bedeutungen von Repräsentation - im Rahmen der Ausgestaltung von Staatlichkeit und im Recht einerseits sowie im Zusammenhang von Subjekt und Prädikation andererseits - sind aufeinander bezogen, aber es gibt einen irreduziblen Bruch zwischen ihnen." (Spivak 2008: 29)
Obgleich sprachliche Kategorisierungen von Subjektpositionen, sozialen Klassen, Kulturen, "Rassen" aufgrund ihrer Einbettung in hegemoniale Diskurse und Konstitution durch eine herrschende Episteme immer auch Grenzziehungen reproduzieren und so keinesfalls die Welt einfach wiederspiegeln, so dienen sie dennoch auch der Sichtbarmachung von durch diskursive Praktiken konstituierten Erfahrungssituationen und - positionen (vgl. Eggers 2008). Aus dieser Spannung zwischen sprachlich-diskursiver Benennung und wahrnehmungspraktischer Performanz zieht ja andererseits auch die Disidentifaktionsstrategie (vgl. Dietze et al 2007: 118) in der Sichtbarmachung performativer Widersprüche ihr kritisches Potential:
"Sowohl die Ontologien des liberalen Individualismus als auch die Vorstellungen einer Gemeinsprache werden eingebüßt zugunsten einer Kollektivität, die ihre Freiheit in einer Sprache oder einem Set von Sprachen ausübt, für die Differenz und Übersetzung irreduzibel sind. (...) Das würde auch einschließen, dass wir bestimmte Vorstellungen von sinnlich erfassbarer Demokratie, von ästhetischer Artikulation innerhalb der politischen Sphäre ... überdenken müssten." (Butler in Butler/Spivak 2007: 43f.)
Ein solcher Blick auf die nicht-identischen Eigen-Dynamiken kollektiv-diskursiver, sprachlicher und sinnlicher Repräsentationen von körperlich-materieller Welt, kann Positionen der Selbstvergessenheit und impliziten Selbsttransparenz Einhalt gebieten. Erst auf dieser Ebene kann ein "Verhalten dazu" wohl erst versucht werden.
Hier bieten sich - neben und zusammen mit dem Hinweis auf die Notwendigkeit hegemonialer Selbstreflexion des okzidentalen Subjekts (vgl. Dietze 2006) - Anknüpfungen zu feministischen Naturwissenschaften (vgl. Donna Haraway oder Palm 2007: 141-165) an; außerdem an die Leibphänomenologie (vgl. Waldenfels 2000), die Psychoanalyse Lacans und die Kritischen Theorie (vgl. Horkheimer/Adorno 1988) - daneben auch Ansätze aus etwa den Kunstwissenschaften (vgl. Panofsky 1984) oder der ethnologischen Anthropologie (vgl. Taussig 1997), die alle zu einer Reflexion auf die dem eigenen Denken und Sprechen zugrundeligenden Körper- und Weltwahrnehmungen auffordern, um dem dominanten funktionalistisch-instrumentalistischen wie esoterischen Körper- und Weltkonzepten zumindest Modifikationen und Widerständigkeiten entgegensetzen zu können:
"Agential realism's relational ontology enables the further reworking of the notion of materialization that ackknowledges the existence of important linkages between discursive practices and material phenomena without the anthropocentric liminations of Judith Butler's theory." (Karen Barad zitiert aus Palm 2007: 158)
Queer-Schwule Identitätspolitik und das Ticket in den Mainstream
Das Beispiel siegessäule
Bei der siegessäule - Untertitel queer in Berlin - handelt es sich um ein auflagenstarkes schwullesbisches Stadtmagazin, dessen redaktioneller Teil allerdings durchaus bundesweite Relevanz beansprucht.
Spätestens nachdem das Magazin im November 2003 eine Titelstory über das sog. "Coming Out in zwei Kulturen" unter der Überschrift "Türken raus!" publizierte, sahen sich die RedakteurInnen mit dem Vorwurf des Rassismus konfrontiert (vgl. etwa Heidenreich 2005: 203f.; Klauda 2008). Eine qualitative Verschiebung der Debatte um Homosexualität und sog. "Menschen mit Migrationshintergrund" ist seit dem Jahr 2007 zu beobachten: Eine Umfrage des schwulen Anti-Gewalt-Projekts Maneo zu Erfahrungen mit homophober Gewalt wurde wiederholt [6] zum Anlass, eine angebliche "Haupttätergruppe" zu identifizieren: (heterosexuelle, junge männliche) "Migranten".[7]
Das schwule Anti-Gewalt-Projekt "Maneo" versuchte mehrfach Menschen mit Migrationshintergrund als vermeintlich wichtige Haupttätergruppe aufzubauen, obwohl diese Aussage selbst durch ihre eigenen Zahlen nicht bestätigt wird.[8]
Durch die Ethnisierung gewalttätiger Übergriffe soll, so eine These dieses Artikels, das von Eggers/Marx beschriebene "Ticket in den Mainstream" gelöst werden. Die Anschlussfähigkeit an gegenwärtiges rassistisches, hier insb. islamophobes weißes Allgemein- und Alltagswissen wird über die angenommene Logik re/produziert,
"dass erstens Sexismus und Homophobie eine Sache der kulturellen Zugehörigkeit seien, dass zweitens Kultur ein genau benennbares, abgeschlossenes, unabänderliches (also quasi naturalisiertes, Agnesb) Faktum darstellt, das mit Religion, sprich dem Islam deckungsgleich ist. Drittens wird damit (implizit und in komplementärer Weise, Agnesb) deutlich, was unter dem Signum 'deutsch' verstanden wird: deutsch ist eine christliche Person ohne Migrationshintergrund (...)." (Heidenreich 2005: 209f.)
Über die so auch hergestellten Opferrivalitäten zwischen auf der einen Seite von homophober Gewalt Betroffenen (insb. schwulen weißen Männern) und auf der anderen Seite durch und in eine(r) strukturell rassistische(n) Gesellschaft marginalisierte Personen (insb. junge 'türkische' Männer) werden reale rassistische Ausgrenzungspraxen reproduziert und bekräftigt [9]. Dies äußert sich unter anderem auch in der Nicht/Bennenungspraxis der siegessäule in Bezug auf die letztere Gruppe: berücksichtigt man, dass ein Täterprofil, wie in der zitierten Studie, über äußere Merkmale erstellt worden ist, dann hieße es, entsprechende Begriffe zu wählen, beispielsweise nicht-weiße/orientalisierte (Jung)Männer. Diese Bennenung (im Gegensatz zu Formulierungen wie 'Türken'/'Araber', 'Migrationshintergrund', auf einer leicht anderen Ebene: 'patriarchale Kultur') macht im Ansatz klar(er), dass es sich bei den Beschriebenen um eine Gruppe handelt, die von Alltags- und institutionalisiertem Rassismus in einer Gesellschaft, die sich als weiß und 'westlich' definiert und sich eben auch körperpolitisch abgrenzt, betroffen ist.
Noch einmal Nanna Heidenreich: "Dass gerade die 'Homo-Community' sich ihrer eigenen Verwicklung in Normalisierungen nicht bewusst ist oder sein will, ist eine der Aporien einer Identitätspolitik, die auf Marginalität und Opferstatus rekurriert, als unabänderliche Tatsache und subkultureller 'Bonus', unabhängig von anderen Stratifizierungen und Differenzen, wie Schichtzugehörigkeit und den Auswirkungen ethnischer Zuschreibungen - und von 'Rasse'." (Heidenreich 2005: 213)
Das Beispiel taz
Siehe Artikel Queere Rassifizierungspolitiken - Beispielanalyse taz
Das Beispiel Bündnis90/Grüne
Siehe Artikel Neo - Individualliberalismus
Empirische Realität und Wahrnehmungsmuster: Problemfeld "Statistik"
Die schwule Anti-Gewalt-Initiative Maneo veröffentlichte im vergangenen Jahr (2007) die auch unter 2.1. erwähnte Statistik über homophobe Gewalt 2006, die aus Umfrageergebnissen erstellt wurde. Die extrem wichtige Arbeit, die hiermit geleistet wurde, schmälerte allerdings die mediale Inszenierung der Ergebnisse. Obgleich die Täterprofile nicht im Hauptfokus der Untersuchung standen, findet sich schon in der über Internet abrufbaren Auswertung Maneo Ergebnisse ein auffälliger Fokus auf "Migranten" als 'Haupttäter'. Motiviert ist diese Aussage über die nicht explizit abgefragte, aber in einem Freifeld notierte (vgl hier 2.1.), Stellungnahme der Befragten zu den Tätern, die offensichtlich auf Augenschein beruhte und die Täter als migrantich, türkisch oder arabisch beschrieben. Dies läßt sich als ein orientalisiertes Körperbild beschreiben, nicht mehr und nicht weniger. Dass allerdings aus diesen Beschreibungen die Forderung abgelesen wurde, 'aggressive islamische' Männlichkeit zum Hauptproblem für schwules Leben in Deutschland zu erklären, ist aus der Dominanz des oben beschriebenen Wahrnehmungsmusters zu erklären (vgl. auch Heidenreich 2006), ebenso wie die breite Rezeption in den Medien.
So bleibt die aktuelle Verflechtung von ethnisierend-kulturalistischem Islam- und Orientdiskurs mit dem rassifizierenden 'Primitivitäts'diskurs 'unkontrolliert-aggressiver' Männlichkeit charakteristisch für die aktuelle Konstitution einer weißen, zivilisiert-aufgeklärten, deutschen Selbstwahrnehmung, in der sich rassifizierte Körperkonzepte mit symbolischen Diskursformationen über einen 'religiös-fundamentalistisch-zurückgebliebenen' Orient verknüpfen.
Bedauerlich ist, dass gerade in der sozialwissenschaftlichen und sozialpsychologischen Forschung offensichtlich Stereotyp- und empirische Forschung ungenügend zusammengedacht worden sind, so dass bisher keine der Untersuchungsergebnisse über "migrantische" Gewalt einer kritischen Überprüfung standzuhalten scheinen - ganz im Gegensatz zu ihrer medialen Präsenz. Hier bleibt eine Vernetzung von Sozialwissenschaften, Sozialpsychologie mit Kritischer Weißseinsforschung, Gender Studies, Queer- und Interdependenzforschung dringliches Desiderat (vgl. z. B. Bourdieu 1987 / Neckel, Sutterlüty 2005 / Hornscheidt 2007 / Eggers et al 2005).
Fußnoten
- ↑ Im folgenden (1.1 und 1.2) wird auf Arbeiten von ihr sowie das Konzept der "rassifizierten Machtdifferenz" Maureen Maisha Eggers rekurriert; zu Jasbir Puar vgl. den entsprechenden Artikel im Genderwiki.
- ↑ Die Markierung 'türkisch' bzw. 'islamisch' hat dabei weniger mit Staatsangehörigkeit und/oder Religion zu tun als mit "Oberflächenlektüre(n)", die sich auf die Hautfarbe der betreffenden Personen beziehen. Das, was hier mit dem Ausdruck "queere Rassifizierung" zu fassen versucht wird, ist also unter anderem auf einer (partialen) Ebene dessen angesiedelt, was Heidenreich in einem anderen Aufsatz als "Aspekte der V/Erkennungsdienste des deutschen Ausländerdiskurses" beschrieben hatte (vgl. Heidenreich 2006).
- ↑ Das Heranziehen der Analysekategorie rassifizierte Machtdifferenz soll nicht andeuten, dass Rassismus und Islamophobie zwangsläufig dasselbe wären oder automatisch ineins fielen. Allerdings erscheint es augenfällig, dass die (diskursive) Herstellung des/r 'Türken(s)'/'Araber(s)' in den hier untersuchten Fällen zunächst auf ähnliche Weise, also über die Markierung eines bestimmten Phänotyps - 'türkisch'/'arabisch' - vonstatten geht. 'Islamisch' - 'migrantisch' - 'ausländisch' bedeutet hier, aufgrund äußerer Merkmale (etwa der Hautfarbe) und zwar ganz unabhängig von faktischer Staats- und/oder Religionsangehörigkeit wahrgenommen, was heißt, klassifiziert und bewertet zu werden (vgl. a. Heidenreich 2005: 212). Der Anschluss queerer Rassifizierung an das Konzept rassifizierter Machtdifferenz liegt darin begründet, dass, wie Eggers es ausdrückt, es um "die Wahrnehmung sozialer Bewertungen von Unterschieden und auf die damit zusammenhängende Herausbildung evaluativer Unterschiede über rassifizierte Konstruktionen" (Eggers 2005c: 56) geht.
- ↑ "Mit dem Konzept des rassistischen Wissens soll die Frage beantwortet werden, wie Machtsysteme mit Wissenssystemen verschränkt werden, um legitimierte, abgesicherte Wissenskomplexe zu erzeugen und einen rassifizierten gesellschaftlichen, einen weißen Konsens zu etablieren." (Eggers 2005c: 64)
- ↑ Zum Zeitpunkt der Publikation von Eggers 2005c noch unveröffentlicht; inzwischen Marx 2006.
- ↑ siegessäule 06/07; siegessäule 08/07; siegessäule 11/07.
- ↑ Dabei erhebt wenigstens Martin Reichert, Autor der Juni-Titelstory mit dem Titel "Augen zu und durch", die von einer unter Polizeischutz durchgeführten Kiss in-Aktion anlässlich des Tages gegen Homophobie am 17.05.2007 handelt, den Anspruch, möglichen Rassismusvorwürfen begegnen zu wollen; bei ihm liest sich das dann allerdings so: "Die Maneo-Studie liefert den üblichen politischen Eiertanz: Die Gewaltopfer wurden zwar explizit gefragt, ob die Täter 'rechtsradikale Deutsche' (7%), 'Fußballhooligans' (2%) oder 'nicht weiter auffällig' (49%) waren, nicht jedoch, ob es sich womöglich um 'Migranten' gehandelt hat. Für diesen Fall gab es lediglich ein 'offenes Feld', in dem schließlich auch ohne konkrete Ermutigung 16 Prozent 'Migranten' genannt wurden. Bastian Finke (Maneo, Agnesb) windet sich bei diesem Thema: 'Hätten wir gezielt danach gefragt, hätten wir noch mehr Nennungen bekommen, aber das Thema 'Migranten als Täter' ist angstbesetzt. (...)' Übersetzt bedeutet dies, dass er und Michael Bochow - der verantwortliche Soziologe der Maneo-Studie - nicht das Risiko des Rassismus-Vorwurfs eingehen wollten. (...) (Der) Liste 'Menschen mit Migrationshintergrund' hinzuzufügen, ist tatsächlich nicht unproblematisch. Doch diese Merkmal einer Haupttätergruppe einfach wegzulassen, ist auch keine Lösung." (Reichert, siegessäule 06/2007: 18) Ergebnisse der Maneo-Umfrage als pdfs
- ↑ Ralf Buchterkirchen: Maneo: Opfertelefon auf Feindbildsuche aus Rosige Zeiten, Oktober/November 2007
- ↑ Ersichtlich wird das außerdem auch dadurch, an wen sich die genannten Artikel offenbar adressieren. Orientalisierte junge Männer ausschließlich oder primär als (potentielle) Täter homophober Gewalt zu thematisieren und nicht oder kaum auch als (potentielle) Opfer/falls als Opfer dann durch Täter, die ebenfalls als orientalische Männer markiert sind - macht auch deutlich, dass die siegessäule ihre LeserInnen anscheinend primär für weiße Personen hält. Diese scheinen gemeint zu sein, wenn Schwule und Lesben als "so frei wie nie zuvor" bezeichnet werden (Wicht, siegessäule 08/2007: 15); deren Leben scheint es zu sein, das als "Homo-Leben" apostrophiert wird (ebd.). (Zu einer ausführlichen Analyse von Adressierung als politischer Strategie s. Yildiz 1999)
Literatur
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- Bourdieu, Pierre: Die feinen Unterschiede. Zur Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurt am Main 1987. ISBN 3-518-28258-1.
- Butler, Judith; Spivak, Gayatri Chakravorty: Sprache, Politik, Zugehörigkeit. Zürich-Berlin 2007. ISBN 978-3-03734-013-4.
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- Miyake, Esperanza und Kuntsman, Aki (Hrsg.): Out of Place: Silences in Queerness/Raciality. York 2008. (s. Beiträge von Jasbir Puar, Jin Haritaworn/Tamsila Taqir/Esra Erdem, Adi Kuntsman und Umut Erel/Encarnacion Gutierrez Rodriguez/Jin Haritaworn/Christian Klesse).
- Neckel, Sighard; Sutterlüty, Ferdinand: "Negative Klassifikationen. Konflikte um die symbolische Ordnung sozialer Ungleichheit", in: Heitmeyer, Wilhelm; Imbusch, Peter: Integrationspotentiale einer modernen Gesellschaft. Wiesbaden 2005. ISBN 3-531-14107-4, S. 409-428.
- Palm, Kerstin: "Multiple Subjekte im Labor? Objektivismuskritik als Ausgangsbasis für interdependenztheoretische Theorie und Praxis der Naturwissenschaften", in: Walgenbach, Katharina; Dietze, Gabriele; Hornscheidt, Antje; Palm, Kerstin: Gender als interdependente Kategorie. Neue Perspektiven auf Intersektionalität, Diversität und Heterogenität. Opladen & Farmington Hills 2007. ISBN 978-3-86649-1311, S. 141-165.
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- Yilmaz-Günay, Koray Ali: "Weiß, aufgeklärt und zivilisiert", in: Gigi 29 (2004), S.22-23.
- Yilmaz-Günay, Koray (Hg.): Karriere eines konstruierten Gegensatzes. Zehn Jahre Muslime versus Schwule (2011), 210 S., Selbstverlag - Bestellung: [1].
Quellen
- Reichert, Martin: „Augen zu und durch“, in: siegessäule. queer in Berlin. Heft 06/2007, S. 15-19.
- Reichert, Martin: „Gelobtes schwules Land“, in: die tageszeitung, 28.07.2007, S. 14.
- Wicht, Holger: „Es reicht!“, in: siegessäule. queer in Berlin. Heft 08/2007, S. 15-16.
- Wicht, Holger: „Voll krass“, in: siegessäule. queer in Berlin. Heft 11/2007, S. 22-25.
Weiters:
- Finke, Bastian: "Ängste müssen Antworten kriegen", Interview von Böger, Frauke mit dem Mitbegründer und Leiter von Maneo, in: die tageszeitung, 03.08.2010, S.13.
Externe Links
(sofern nicht im Text gesetzt)
- Autonomes Schwulenreferat im AStA der FU: "AStA FU boykottiert die aktuelle 'Siegessäule' wegen ihres Rassimus", Presseerklärung vom 11.11.2003 html (18.03.2008)
- Bernhardt, Markus: "Von Kebabgehege bis Türkenghetto" (Interview mit Manuela Kay und Peter Polzer von der Siegessäule nach dem "Türken raus!"-Cover, November 2003) html (18.03.2008)
- DarkMatter, Nr. 3: Sonderausgabe (2008) zu Postkolonialer Sexualität (Einleitung von Henri Günkel und Ben Pitcher, Beiträge von Jin Haritaworn und Adi Kuntsman, Interview mit Jasbir Puar) [2] (25.10.2008)
- GLADT (Gays & Lesbians aus der Türkei) - Homepage html (18.03.2008)
- Klauda, Georg: "It's not religion, stupid!" Freundschaft, 'Homosexualität' und Islam. Das Beispiel Iran." html (17.03.2008)
- Klauda, Georg: "Globalizing Homophobia" html (17.03.2008)
- Tholl, Gregor: "Islam-Homophobie. Soziologe beschuldigt Westen" www.welt.de (16.05.2010)
- LSVD Berlin/Brandenburg e.V.: "Dokumentation des ersten Bundeskongresses türkeistämmiger Lesben, Schwuler, Bisexueller, Transsexueller und Transgender" pdf (18.03.2008)
19.06.2010: Judith Butler verweigert Zivilcourage-Preis des Berliner CSD wegen homonationalen Rassifizierungspolitiken
- Statement von Judith Butler und Reaktionen/Links siehe:Genderwiki.Neo-Individualliberalismus.Juni2010

