Queere Rassifizierungspolitiken - Beispielanalyse taz

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Theoretische Explikationen

Siehe Artikel Queere Rassifizierung

Queer-Schwule Identitätspolitik und das Ticket in den Mainstream

Beispielanalyse taz

Bei der taz handelt es sich um die auflagenstärkste überregionale deutsche Tageszeitung, die sich selbst dem links-alternativen Spektrum zuordnet. Obgleich ihre Ursprünge in den politischen Bewegungszusammenhängen von Frauenbewegung und Grünen um 1980 liegen mit starkem Fokus auf verschiedenste Bürgerrechtsbewegungen (u.a. Schwulenbewegung), lässt sie sich heute wohl in einem linken Spektrum mit stark individual-liberaldemokratischem Standpunkt verorten, wobei der Blick für strukturelle Diskriminierungen aktuell eher als blinder Fleck charakterisiert werden könnte. Zu diskutieren wäre auch hier analog zum Phänomen der Queeren Rassifizierung, ob auch hier das Ticket in den Mainstream über das Muster der "Selbstvergessenheit" eigener soziopolitischer Positionierungen verläuft und dementsprechend einer allzu affirmativen Wahrnehmung aktueller individueller biographischer Gestaltungsfreiheiten mit einem Gedanken von Kien Nghi Ha (Ha 2005) zu begegnen wäre:

"Ob hybride Identitäten eher in ihren zwanghaften und/oder befreienden Momenten erlebt werden, hängt wesentlich von der Subjektposition in den Gesellschaftsstrukturen ab, deren Zugänge und Ausschließungen durch die Überschneidungen von Gender, Ethnizität und Klasse permanent neu konstituiert werden." (Ha 2005: 97)

Ohne Zweifel ist die taz als das Medium zu bezeichnen, das bezogen auf die gesamtdeutsche Situation der Schwulenbewegung dennoch einen großen und selbstverständlichen Artikulationsraum zu bieten vermochte. Auch hier läßt sich das Phänomen Queere Rassifizierung beobachten (vgl. auch Heidenreich 2005). Wenn im folgenden auf personelle Überschneidungen eingegangen wird, so geschieht dies nicht in denunziatorischer Absicht, sondern um dem Gedanken der Lokalität (Dietze et al: 2007) und der Situiertheit des Wissens von Donna Haraway Rechnung zu tragen: Die Parallelität der Diskurse in verschiedenen Medienorganen erscheint weniger hermetisch, wenn sich dahinter auch personelle Überschneidungen verbergen - ohne dass hierdurch deren breite Rezeption erklärt wäre.

Im Sommer 2007 veröffentlichte Martin Reichert, Autor bei taz und siegessäule sowie Online-Redakteur von queer nations eine Reisereportage über Israel mit dem Titel "Gelobtes schwules Land" (taz 28.7.2007).

Der Text ist strukturiert durch eine schwule Begehrensökonomie, die sich als komplett kompatibel mit weißen-okzidentalen Blickregimen erweist - offensichtlich über eine Totalisierung der queeren Analysekategorie Sexualität-Begehren. Dies scheint eine diskursive Verdichtung 'schwul-queer-Mainstream' zu ermöglichen und vermag damit wohl aktuell einen breiten AdressatInnenkreis anzusprechen:

"Ein absolutes Muss nicht nur für den schwulen Israel-Touristen ist ein Ausflug zum Toten Meer. Mit dem Auto fährt man ab Jerusalem immer abwärts bis zum tiefsten Punkt der Erde. (...) Tatsächlich reißt es einem bei Eintritt die Beine nach oben, und man schwimmt wie von alleine auf der Wasseroberfläche. Ertrinken geht nicht. Eine Reisegruppe mit amerikanischen Juden aus Wisconsin kann es nicht glauben und singt aufgekratzt 'Hava Nagila'. Israel ist ein total verrücktes Land. Doch die Schwulen können sich hier so sicher fühlen wie in Abrahams Schoß." (Reichert 2007: taz)

Die androgyne Mutterleibsphantasie, die hier aufgerufen wird, verschmilzt in einer harmonischen Aufhebung topographischer Grenzen, Körpern und Elementen der Materie. Dies ist sicher eine legitime Urlaubsphantasie, doch ebenso deutlich macht der Text die diskursiven Bedingungen eines solchen Genusses sichtbar (vgl. auch zur Genealogie des Diskurse: Schnurbein 2001/Sombart 1991).

Wie eine Hintergrundmusik durchziehen den Text Emanationen pentrierend-aggressiver männlicher Körperlichkeit. Doch treten hier gerade auffällige Differenzen und Grenzziehungen zwischen männlichen Körperlichkeiten zu Tage, die sich zu einer regelrechten Körpertopographie verdichten. Auf der einen Seite konstituiert sich eine weiße zivilisatorisch-kontrollierte Körperlichkeit:

"Nun sind die Passagiere auf die Zuverlässigkeit des Skymarshalls angewiesen, der auffällig unauffällig in der Business Class sitzt. Klein und drahtig, damit er notfalls in der Kabine ungehindert agieren kann. Er sieht so aus, als brauchte man sich um seine Kompetenz keine Sorgen zu machen. Und auch so, als ob er gerade einem Hochglanzmagazin für gleichgeschlechtliche Lebensweisen entsprungen sei. (...) Der 'Travelguide' vor Ort in Israel ist Modell-Athlet und Offizier der israelischen Armee. Er heißt Karl und ist selbstverständlich schwul." (Reichert 2007: taz)

Diesem Körperbild steht zunächst eine gefährliche aggressiv-religöse Körperlichkeit als fundamental anders gegenüber:

"Die orthodoxen Gläubigen des Planeten eint nicht die Liebe zu Gott, sondern der Hass auf Homosexuelle." (Reichert 2007: taz)

Doch während sich ein - nun implizit weißer - Schwuler inkognito noch unter die Gläubigen in Jerusalem mischen könne, droht von woanders permant Lebensgefahr:

"Mitten durchs Westjordanland, vorbei an Militär-Checkpoints, vorbei an Mauern und Stacheldrahtzäunen, hinter denen sich jene Gebiete befinden, die man als Schwuler nur inkognito besuchen sollte: Lebensgefahr. Doch auch schwule Palästinenser, die diesen Zaun in Richtung Israel überwinden, um sich vor den (Ehren-)Mord-Gelüsten ihrer Familie in Sicherheit zu bringen, sitzen weiterhin in der Patsche: Sie werden von den israelischen Sicherheitskräften mit Argusaugen beobachtet, weil man befürchtet, dass sie von Gaza oder Hebron 'ferngezündet' werden könnten. Nur mit einem umgeschnallten Bombengürtel können sie die Ehre ihrer Familie wiederherstellen und doch ins Paradies gelangen." (Reichert 2007: taz)

Der entpolisierte Blick des Textes geht mit einer Erotisierung von allem und jedem einher. Gefahr und Bedrohung geht lediglich von den Palästinensern, religiösen Fundamentalismen und den iranisch-irakischen Raketen aus. Doch selbst dies wird gleichsam wie ein Kitzel zur Steigerung des Genusses inszeniert - nach dem Motiv 'Tanz auf dem Vulkan':

"In der Evita-Bar, einer Mixtur aus Restaurant und Club, erzählt ein Israeli, während im Hintergrund 'Dschingis Khan' läuft - heute ist Grand-Prix-Party -, wie sie damals auf der Dachterrasse mit Freunden zusammengesessen hatten, um bei Cocktails die Ankunft der irakischen Scud-Raketen zu beobachten. Nun ist es Ahmadinedschad, der von Iran aus Israel dem Erdboden gleichmachen will, die Nachbarn ringsum sind darauf erpicht, die Bewohner von Tel Aviv ins angrenzende Meer zu treiben." (Reichert 2007: taz)

Im Zentrum etabliert sich eine gerade in ihrem Dynamisierungspotential stabile Körperlichkeit, die Kontur erhält in Abgrenzung von aggressiv-penetrierend-sprengender, primitiver Körperlichkeit, die mit orthodoxer Religion, traditionellen Ehrbegriffen in einen symbolisch-imaginären Verweiszusammenhang gebunden wird und über Palästinenser, Irak und Iran in einer konkrete Körpertopographie verankert wird. Es ist in dieser Verflechtung eines Orientalismus-Diskurses mit einem Primitivitätsdiskurs, an der die Schnittstelle zwischen ethnifizierenden und rassifizierenden Diskursen erfolgt. Im Kern dieses Wahrnehmungsdispositivs steht eine androgyn-flexible Zivilisationssphäre mit einem unkontrolliert aggressiven und fundamental gestrig-zeitlosen primitiven Außen.

Über diese Körperbilder und -topographien gelingt scheinbar eine mühelose Reaktualisierung und Adjustierung des kolonialrassistischen Wahrnehmungsdispositivs (vgl. auch Ferreira 2003 und Kilomba 2005). Als Effekt bleibt eine komplette Entpolitisierung der wahrgenommenen Realität zu konstatieren (vgl. hingegen hierzu eine differenzierte politische Analyse: Tsafrir Cohen).

Es ist frappierend, wie sich die beschriebene Diskursformation offensichtlich problemlos sowohl auf "Israel" als auch auf die "bundesdeutsche" Situation übertragen lässt. Ebenso wäre es fruchtbar, die Verschmelzung der verschiedenen Diskurse mit dem Assemblage-Konzept von Puar zusammenzudenken.

Literatur

vgl. ausführlich auch die Bibliographie unter Queere Rassifizierung

  • Boyarin, Jonathan; Boyarin, Daniel: "Self-Exposure as Theory: The Double Mark of the Male Jew", in: Battaglia, Deborah (Hrsg.): Rhetorics of Self-Making. Berkeley 1995. ISBN 0-520-08798-4, S. 16-42.
  • Boyarin, Daniel; Itzkovitz, Daniel; Pellegrini, Ann (Hrsg.): Queer Theory and the Jewish Question. New York 2003. ISBN 0-231-11375-7.
  • Dietze, Gabriele; Hashemi Yekani, Elahe; Michaelis, Beatrice: "'Checks and Balances.' Zum Verhältnis von Intersektionalität und Queer Theory", in: Walgenbach, Katharina; Dietze, Gabriele; Hornscheidt, Antje; Palm, Kerstin: Gender als interdependente Kategorie. Neue Perspektiven auf Intersektionalität, Diversität und Heterogenität. Opladen & Farmington Hills 2007. ISBN 978-3-86649-1311, S. 107-139.
  • Ferreira (Kilomba), Grada: "Die Kolonisierung des Selbst - der Platz des Schwarzen", in: Steyerl, Hito; Gutièrrez Rodríguez, Encarnación (Hrsg.): Spricht die Subalterne deutsch? Migration und postkoloniale Kritik. Münster 2003. ISBN 3-89771-425-6, S. 146-165.
  • Fink, Amir Sumakai; Press, Jacob (Hrsg.): Independence Park. The Lives of Gay Men in Israel. Stanford 1999. ISBN 0-8047-3854-8.
  • Ha, Kien Nghi: Hype um Hybridität. Kultureller Differenzkonsum und postmoderne Verwertungstechniken im Spätkapitalismus. Bielefeldt 2005. ISBN 3-89942-309-7.
  • Heidenreich, Nanna: „‚Der Kampf der Subkulturen’ Homophobie vs. Rassismus?“, in: Haschemi Yekani, Elahe; Michaelis, Beatrice (Hrsg.): Quer durch die Geisteswissenschaften. Perspektiven der Queer Theory. Berlin 2005. ISBN 978-3-89656-118-3, S. 203-215.
  • Kilomba, Grada: "No Mask", in: Eggers, Maureen Maisha; Kilomba, Grada; Piesche, Peggy; Arndt, Susan (Hrsg.): Mythen, Masken und Subjekte. Kritische Weißseinsforschung in Deutschland. Münster 2005. ISBN 978-3897714403, S. 80-89.
  • Schnurbein, Stefanie von: Krisen der Männlichkeit. Schreiben und Geschlechterdiskurs in skandinavischen Romanen seit 1890. Göttingen 2001. ISBN 3-89244-441-2.
  • Sombart, Nicolaus: Die deutschen Männer und ihre Feinde. Carl Schmitt - ein deutsches Schicksal zwischen Männerbund und Matriarchatsmythos. München 1991. ISBN 3-446-15881-2.

Quelle

  • Reichert, Martin: „Gelobtes schwules Land“, in: die tageszeitung, 28.07.2007, S. 14. html (19.03.2008)
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