Jasbir Puar

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Inhaltsverzeichnis

Jasbir K. Puar ist eine nordamerikanische Queer-Theoretikerin. Sie hat eine Professur für Women’s und Gender Studies an der Rutgers Universität, New Jersey, inne und ist außerdem Mitglied der Fakultät für Geografie.


Biographisches

Jasbir K. Puar studierte bis 1989 Ökonomie und Germanistik an der Rutgers University, New Jersey. Danach setzte sie ihre akademische Ausbildung mit einem Master in Women’s Studies an der University of York in England fort. Ihren Ph.D. machte sie 1999 an der University of California, Berkeley, im Department of Ethnic Studies mit dem Schwerpunkt Women, Gender, and Sexuality. Thema ihrer Dissertation war: "Transnational Sexualities and Trinidad: Modern Bodies, National Queers." Seit 2000 ist sie Professorin am Department für Women’s and Gender Studies an der Rutgers Universität. (vgl. Jasbir Puars Homepage bei Rutgers)

Mitwirkungen

Jasbir K. Puar ist seit 2003 Mitglied des Zeitschriften-Kollektivs Social Text und ist am Peer-Review-Prozess folgender Magazine beteiligt: Tourism Geographies; Feminist Studies; Meridians: Feminism, Race, Transnationalism; GLQ: A Journal of Lesbian and Gay Studies; Gender, Place and Culture: A Journal of Feminist Geography; Social and Cultural Geography.

Arbeitsschwerpunkte

Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören Gender Studies, Sexualität, Globalisierung, Postcolonial und Diaspora Studies, Transnationaler Feminismus, Queer Theory, South Asian Cultural Studies, Feministische Geografie und Tourism Studies.

Zentrale Thesen / wichtigste Werke

In ihrem Buch Terrorist Assemblages. Homonationalism in queer times untersucht Puar „das biopolitische Management queeren Lebens auf Kosten sexuell und „rassisch“ perversen Todes“ (vgl. Puar, 2007: xiii). Sie analysiert die komplexen Beziehungsgeflechte, die zwischen dem us-amerikanischen War on Terror, neoliberalen Sexualpolitik(en), zeitgenössischen Sicherheitsdispositiven, Orientalismus, Terrorismus, Folter und der Artikulation muslimischer, arabischer, Sikh und südasiatischer Sexualitäten bestehen und hinterfragt, warum und in welchen Diskursformationen an diesem historischen Kreuzungspunkt terroristische Körper produziert werden/können, die als Gegensatz von „properly queer subjects“ imaginiert werden (vgl. Puar, 2007: xiii).

Für Puar konnotiert „der Homosexuelle“ historisch Tod, Krankheit, Degeneration und Schädlichkeit. Er ist kein produktives Mitglied der Bevölkerung, sondern eine potentielle Gefahr für diese. Im Zuge des War on Terror allerdings wird die heteronormativ imaginierte Community, die Homosexuelle a priori aus dem Konstrukt der Nation ausschließt, temporär geöffnet (vgl. Puar, 2007: 3f.), so dass einige schwule, lesbische oder queere Subjekte in Bezug auf ihren Bürger-Status rehabilitiert werden können (vgl. Puar 2007: 38). Diese homonormativen Subjekte werden verknüpft mit Vorstellungen von Leben und Produktivität, Familie, „Ehe,“ Politik, reproduktiver Kapazität, Öffentlichkeit und Sichtbarkeit. Somit können sie über ihre Devianz normalisiert, überwacht, studiert und gemanagt werden, um dann diskursiv „ins Leben,“ in den Bereich der Bürgerrechte und des Marktes gefaltet zu werden (vgl.Puar, 2007: 3f.). Diese Einschließung/Einfaltung bestimmter queerer Subjekte ist für Puar abhängig von - bzw. geschieht parallel zu - einer diskursiven Produktion orientalisierter, terroristischer Körper (z.B. der Figur des als sexuell pervers klassifizierten und rassifizierten Terroristen oder des „homophoben Moslems“) (vgl. Puar, 2007: 20f). Diese Figuren werden mit Vorstellungen von Gefahr, Bedrohung, Störung, Homophobie etc. verbunden, um dann von der Bevölkerung abgegrenzt zu werden.


Homonationalism - Homonationalismus

In Anlehnung an Lisa Duggans Begriff der Homonormativität, einer neoliberalen Sexualpolitik, die von einer apolitischen, ins Private zurückgezogenen, von Häuslichkeit und Konsum bestimmten Gay Culture gestützt wird und dominante heteronormative Diskurse nicht mehr in Frage stellt, sondern sie aufrecht erhält (vgl. Puar, 2007: 38), führt Puar den Begriff des homonormativen Nationalismus oder kurz: des Homonationalismus ein. Darunter versteht sie homonormative Ideen, welche die Mainstream-Ideale von Race, Class, Gender und Nation reproduzieren, sich zu den heteronormativen Ideologien, die den US-Nationalstaat stützen, hinzugesellen und diese untermauern, anstatt sie kritisch in Frage zu stellen. Queerness wird hier also nicht als automatisch progressiv oder transgressiv gedacht, sondern als Gefüge, das ebensogut Mainstream-Diskurse reproduzieren oder begünstigen kann. Ein Beispiel für einen homonationales Diskursfeld ist die Unterstützung des War on Terror durch GLTBQ-Initiativen, die mit der vermeintlichen Notwendigkeit der „Befreiung irakischer Homosexueller“ begründet wird. Homonationalismus stellt also eine Art heimliches Einverständnis zwischen Homosexualität und amerikanischem Nationalismus dar. Mit Hilfe von homonationalistischen Ideologien, wie z.B. der orientalistischen Heraufbeschwörung der Figur des Terroristen (vgl. Puar, 2007: 39) wird diskursiv zwischen „aufrechten“ homo- und heterosexuellen US-Patrioten und "rassisch" wie sexuell als pervers klassifizierten Others unterschieden.

Intersektionalitätskritik

„There is no entity, no identity, no queer subject or subject to queer, rather queerness coming forth at us from all directions, screaming ist defiance, suggesting a move from intersectionality to assemblage, an affective conglomeration that recognizes other contingencies of belonging (melding, fusing, viscosity, bouncing) that might not fall so easily into what is sometimes denoted as reactive community formations – identity politics – by control theorists.“ (Puar, 2007: 211)

Puar schlägt – bezugnehmend auf Gilles Deleuzes und Félix Guattaris Begriff des Agencements – vor, Assemblages (also Anordnungen oder verstreute aber doch miteinander verbundene, ungeordnete Netze [1]) als temporäre Gefüge von Multiplizitäten an die Stelle von intersektionalen Identitätsmodellen zu setzen. Für sie sind intersektionale Identitätsmodelle geprägt von einzelnen, festehenden Komponenten, wie Race, Klasse, Gender, Sexualität, Alter, Religion oder Nation, die separat analysiert werden können. Eine auf Intersektionalität basierende Analyse von Identität stabilisiert also einzelne Identitätsaspekte unabhängig von Raum und Zeit und begünstigt die Analogiebildung zwischen verschiedenen Analysekategorien (zum Beispiel zwischen Race und Gender) (vgl. Puar, 2007: 212).

Desweiteren kritisiert sie, dass sich das Intersektionalitätsmodell wunderbar für staatliche Disziplinarapparate produktiv machen lässt, zum Beispiel im Rahmen von Statistik, Diversity Management, Demografie, Racial Profiling oder Überwachungsmaßnahmen, denn ein solches Modell liefert ein einfaches Raster, in dem Differenz formelhaft aufgeschlüsselt werden kann (vgl. Puar, 2007: 212).

Die Figur des Assemblages, des ungeordneten Gefüges, erlaubt es hingegen die Unordnung, die Unberechenbarkeit und Temporalität von Identitätskonstruktionen sichtbar und analysierbar zu machen, ohne fixe, feststehende Kategorien zu schaffen, die eine Illusion kohärenter, linearer, permanenter oder stabiler Identität implizieren.

Quellen

  • Puar, Jasbir K.: Terrorist Assemblages: Homonationalism in Queer Times. London und Durham, 2007.

Links

  • Interview: Oppressor and Oppressed: Rethinking the Binary - Jasbir Puar discusses Domestic Violence (21.03.2008; 13:00)

Bibliografie

2007

  • Puar, Jasbir K.: Terrorist Assemblages: Homonationalism in Queer Times. Durham, 2007. ISBN 978-0822341147.

2006

  • Puar, Jasbir K.: Mapping U.S. Homonormativities. In: Gender, Place, Culture: A Journal of Feminist Geography, Vol 13, No. 1, Februar 2006, ISSN 0966-369X, S. 67-88.

2005

  • Puar, Jasbir K.: Queer Times, Queer Assemblages. In: Social Text, Vol 23, No. 3-4, Fall 2005, ISSN 0164-2472, S. 121-140.
  • Puar, Jasbir K.: On Torture: Abu Ghraib. In: Radical History Review 93 (1) Fall 2005, ISSN 0163-6545, S. 13-38.
  • Puar, Jasbir K.: Transnationale Sexualitäten. Südasiatische (Trans)Nation(alism)en und queere Diasporas. In: Haase, Matthias; Siegel, Marc; Wünsch, Michaela (Hg.): Outside. Die Politik queerer Räume. Berlin 2005, ISBN 3-933557-25-9

2004

  • Puar, Jasbir K.; Rai, Amit: Remaking a Model Minority: Perverse Projectiles under the Spectre of Counter-Terrorism. In: Social Text 80, 22(3), Fall 2004, ISSN 0164-2472, S.75-104.
  • Puar, Jasbir K.: Abu Ghraib: Arguing Against Exceptionalism. In: Feminist Studies 30, No.2 (Summer 2004), ISSN 0046-3663, S.1-14.
  • Puar, Jasbir K.: Transversal Circuits: Transnational Sexualities and Trinidad. In: Nelson, Lise; Seager, Joni (Hg.): A Companion to Feminist Geography. London, 2004. ISBN 1-405-10186-5.

2003

  • Puar, Jasbir K.; Schein, Louisa; Rushbrook, Dereka (Hg.): Sexuality and space: queering geographies of globalization. In: Environment and Planning D: Society and Space, vol. 21 no. 4, 2003. ISSN 0263-7758, S.383-387

2002

  • Puar, Jasbir K.; Barker, Isabelle: Feminist Problematization of Rights Language and Universal Conceptualizations of Human Rights. In: Concilium: International Journal for Theology 2002/5, ISSN 0588-9804, S. 64-76.
  • Puar, Jasbir K.: A Transnational Feminist Critique of Queer Tourism. In: Antipode: A Radical Journal of Geography, vol 34 no 5, ISSN 0066-4812, S.935-946.
  • Puar, Jasbir K.; Rai, Amit: “Monster, Terrorist, Fag: The War on Terrorism and the Production of Docile Patriots. In: Social Text 72 20(3), Fall 2002, ISSN 0164-2472, S.117-148.
  • Puar, Jasbir K.: Introduction: Queer Tourism: Geographies of Globalization. In: GLQ: A Journal of Lesbian and Gay Studies, 8(1-2) Winter 2002, ISBN 0-8223-6516-2, S.1-6.
  • Puar, Jasbir K.: Circuits of Queer Mobility: Tourism, Travel, and Globalization. In: GLQ: A Journal of Lesbian and Gay Studies, 8(1-2) Winter 2002, ISBN 0-8223-6516-2, S.103-139.

2001

  • Puar, Jasbir K.: Global Circuits: Transnational Sexualities and Trinidad. In: SIGNS: Journal of Women in Culture and Society, 26(4) Summer 2001, ISSN 00979740, S.1039-1066.
  • Puar, Jasbir K.: Transnational Configurations of Desire: The Nation and its White Closets. In Wray, Matt et. al. (Hg.): The Making and Unmaking of Whiteness. Durham:, 2001, ISBN 9780822327301, S.167-183.

1998

  • Puar, Jasbir K.: Transnational Sexualities: South Asian Trans/Nationalisms and Queer Diasporas. In: Eng, David; Hom, Alice (Hg.): Q & A: Queer in Asian America, Philadelphia, 1998, ISBN 1566396409, S.405-422.

1996

  • Puar, Jasbir K.: Nicaraguan Women, Resistance, and the Politics of Aid. In: Haleh Afshar (Hg.): Women and Politics in the Third World. London, 1996, ISBN 0415138612, S. 73-92.

1994

  • Puar, Jasbir K.: Writing My Way 'Home': Traveling South Asian Bodies and Diasporic Journeys. In: Socialist Review 94/4, ISSN 0161-1801, S.75-108.
  • Puar, Jasbir K.: Resituating Discourses of ‘Whiteness’ and ‘Asianness’ in Northern England: Second Generation Sikh Women and Constructions of Identity. In: Socialist Review 94/1+2, ISSN 0161-1801, S.21-54.
  • Puar, Jasbir K.: Rethinking Identity: Racism, ‘Whiteness,’ and the South Asian Other. In: diatribe 94/3, S.39-58.

Fußnoten

  1. Zur Kritik der Übersetzung des französischen Begriffes Agencement mit Assemblage, siehe: Phillips, John: Agencement: On the translation of Agencement by Assemblage, 2006
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