Queer Theory

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Begriffsklärung:

Das englische Wort queer meint wörtlich „schräg“ oder „seltsam“ und hatte und hat im englischsprachigen Raum noch immer breite Verwendung als Schimpfwort für Homosexuelle.

„The root of the word queer means ‘across’, probably coming from the Indo-European twerkw, from which also derives the Latin torquere (to twist), the German quer (transverse), and the English word ‘athwart’.” (Lorey und Plews Queering the Canon, xiii)

In Aktivismus und Theorie erfolgt seit Anfang der 1990er Jahre eine Resignifikation dieses negativ konnotierten Begriffs. Die Bezeichnung queer ist nicht ausschließlich als Kurzform für „schwul/lesbisch“ zu verstehen, vielmehr interveniert der Begriff in klare Dichotomien und verweist auch auf andere marginalisierte Positionen von Sexualität und Geschlecht darunter Transgender, Transsexualität oder Intersexualität. Die Verwendung im deutschen Sprachraum ist aufgrund der fehlenden negativen Konnotation durchaus umstritten und deutsche Alternativen wie „pervers“ o.ä. wurden und werden diskutiert.

Innerhalb der Queer Theory werden Gender und Sexualität nicht als „natürlich“, sondern als Produkte von intersektionalen Konstruktionsprozessen verstanden. Queer Theory distanziert sich somit von dem Konzept, unter dem Label einer Identität einen „Platz in der Mitte der Gesellschaft“ einzufordern. Eher geht es darum, Identitätskategorien wie ‚schwul’ und ‚lesbisch’ (und damit auch Heterosexualität als Identität) in ihrer (vermeintlichen) Kohärenz infrage zu stellen und Normalisierungsvorgänge sowie spezifische Herrschaftsformationen wie Heteronormativität zu analysieren. Morland und Willox stellen fest: „It was a strategy, not an identity. Put differently, the message of queer activism was that politics could be queer, but folk could not.“ (Morland und Willox Queer Theory, 2) Queer sollte also eher als ein Verb im Sinne eines „queeren/queerings“ von etwas verstanden werden, weniger als ein Identitätslabel analog zu heterosexuell oder homosexuell. Queere Interventionen stehen somit für die Aufdeckung multipler Begehrenskonstellationen jenseits der Binarismen homo/hetero und Mann/Frau.


Entstehungsgeschichte(n):

Im akademischen Kontext hat sich Queer Theory vor allem in den USA Anfang der 1990er im Anschluss an poststrukturalistische und konstruktivistische Konzepte innerhalb der Gay and Lesbian Studies etabliert, wo es inzwischen zu einer vereinzelten Institutionalisierung gekommen ist.


Vor allem die Arbeiten von Judith Butler (z.B. Gender Trouble, Bodies That Matter) haben die Analyse von Heteronormativität als jenem machtvollen System, das unter anderem Heterosexualität als natürlich erscheinen lässt, vorangetrieben. Aber auch Michel Foucaults Arbeit Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit hat ein poststrukturalistisches Verständnis von Sexualität beeinflusst. Dieser identitätskritische Ansatz hat aber auch immer wieder zu Kritik und Diskussionen geführt, die auf der Dringlichkeit beharren, im Namen von Transgendern, Lesben und Schwulen oder Intersexuellen Rechte einzufordern. Da queer nie durch eine Definition ausreichend abgedeckt sein wird, verweist aber auch Butler auf die Notwendigkeit, identitätspolitische Begrifflichkeiten wie „Frau“, „schwul“ etc. zu verwenden, um wichtige Rechte für sich zu reklamieren. Dies sollte jedoch unter der bewussten Problematisierung dieser Begriffe und ihrer gegenseitigen Bedingtheit (Interdependenz, Intersektionalität) geschehen. (Vgl. Butler „Critically Queer“ in Bodies That Matter: 223-242)

Insgesamt lassen sich verschiedene Entstehungsgeschichten der Queer Theory nachzeichnen. Der US-amerikanischen AIDS-Aktivismus der frühen Neunziger Jahre, insbesondere die ACT UP-Bewegung, die den Slogan „Silence = Death“ prägte, thematisierte und bekämpfte die fatale Unsichtbarmachung der als nichtbetrauerbar Empfundenen (zu Beginn vor allem schwule Opfer) der sogenannten AIDS-Epidemie. Es lassen sich aber auch im lesbischen Feminismus von Monique Wittig (The Straight Mind) oder Adrienne Rich („Compulsory Heterosexuality and Lesbian Existence“) wichtige Impulse für die Kritik an Heteronormativität identifizieren, die für die Queer Theory zentral wurden. Aus der Rassismus-Kritik von Women/Lesbians of Color wie Audre Lorde (Sister Outsider), Gloria Anzaldúa (Borderlands/La Frontera) oder dem Combahee River Collective („A Black Feminist Statement“) kamen Impulse, die immer wieder auf die Verwobenheit von Sexualität mit anderen Kategorien wie Geschlecht, race, Klasse oder Alter hinwiesen und an die die jüngsten Arbeiten der Queer of Color Critique wieder anknüpfen. Hier werden vor allem die Interdependenzen zwischen Geschlecht und Sexualität aber auch anderen diskursiv strukturierten Feldern wie „Rasse“, Klasse, Kultur, Ethnizität in den Blick genommen. Insbesondere neuere Arbeiten der Queer of Color Critique sowie Queer Diaspora Critique entwickeln Strategien entlang dem anti-identitären Ansatz der Queer Theory (Vgl. die Arbeiten von José Esteban Muñoz, Gayatri Gopinath, Roderick Ferguson, Martin Manalansan oder Jasbir Puar).

Festzuhalten ist, dass sich im deutschsprachigen Raum bisher keine eigenständige akademische Disziplin Queer Theory herausgebildet hat. Es gibt jedoch eine stetig wachsende Zahl von Publikationen, die explizit den deutschsprachigen Kontext fokussieren (Vgl. Polymorph, Quaestio, das Nachwort in der deutschen Jagose-Ausgabe, Hark, Kraß, Haschemi Yekani und Michaelis, Engel sowie die femina politica 2005-Ausgabe “Queere Politik: Analysen, Kritik, Perspektiven”). Außerdem gibt es inzwischen das von Antke Engel gegründete unabhängige Institut für Queer Theory.

Queer Theory ist als eine Forschungsperspektive zu verstehen, die in den unterschiedlichsten Disziplinen und Ansätzen angewendet wird. In den Literaturwissenschaften beispielsweise wird über Queer Readings (z.B. Sedgwick Between Men, Kraß Queer Denken) als einem Zugang gesprochen, aber auch in der kritischen Naturwissenschaftsforschung (Vgl. Donna Haraway Simians, Cyborgs and Women.), Theologie oder der Soziologie (Vgl. Seidman, Hines, Engel) und Musikwissenschaft gibt es queere Anknüpfungspunkte. Darüber hinaus entstehen wichtige Arbeiten in den Queer Jewish Studies (z.B. Boyarin), Queer Disability Studies/Crip Theory (z.B. McRuer und Sherry) und queerer Kapitalismuskritik (z.B. Fraser, Duggan oder Engel) etc.


--Haschemi Michaelis 13:54, 2. Mai. 2007 (CEST)

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Weblinks:

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