Disability Studies
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Disability Studies sind ein politischer, interdisziplinärer und ein behinderungsübergreifender Wissenschaftsansatz, dessen zentrale These ist, dass Behinderung[1] in Diskursen, in politischen und bürokratischen Verfahren und in subjektiven Sichtweisen produziert und konstruiert wird (Waldschmidt 2003, 13). Wichtige Themen der Disability Studies sind gesellschaftliche Teilhabe, Gleichstellung, Selbstbestimmung, Barrierefreiheit und Bürgerrechte.
Disability Studies weisen Parallelen zu den Gender Studies auf, z. B. bezüglich der soziologischen und biologischen Trennung von Geschlecht bzw. Körper, bezogen auf das aktive Vorgehen und der bildlich-sprachlichen Repräsentation sowohl des Körpers als auch der Identität (Renggli 2004, 19). Disability Studies stehen in der Tradition der Gender Studies, Race Studies und Critical Culture Studies, die alle politische, interdisziplinäre Studiengänge zu den jeweiligen sozialen Phänomenen sind (Köbsell 2005, 16).
Begriff
Disability Studies könnte übersetzt werden mit „Studien über oder zu Behinderung“ (Waldschmidt 2003, 12).
Grundprinzipien
Behinderung wird nicht als individuelles Merkmal, sondern als ein gesellschaftliches Konstrukt verstanden. Objekt der Disability Studies ist das Phänomen Behinderung und nicht das Individuum. Menschen mit Beeinträchtigung sind nicht Objekte, sondern in erster Linie Subjekte der Forschung. Ihre Erfahrungen und Sichtweisen sind die Basis der Forschung. Disability Studies betrachten Menschen mit Beeinträchtigung als eine gesellschaftlich unterdrückte Minderheit.
Ziele der Disability Studies
Das Ziel ist, durch die Analyse der gesellschaftlichen Bedingungen und Prozesse, Auswege aus Diskriminierung und Segregation zu entwickeln und aufzuzeigen. Das Thema Behinderung soll zum einen aus seiner Randlage herausgeholt werden und zum anderen soll ein Gegengewicht zum immer noch vorherrschenden medizinischen Modell geschaffen werden.
Behinderung soll neu gedacht werden, u.a. als ein System, das separiert, segregiert und unterdrückt, teilweise vergleichbar mit den Kategorien Rasse und Geschlecht. Zentral ist der Gedanke, dass jede Form von Körperlichkeit durch Verstrickungen sprachlicher, schriftlicher, medizinischer, politischer, sozialer, wirtschaftlicher Strukturen herstellt werden (Renggli 2004, 18). Die Kategorie Normalität wird demnach ebenso untersucht, wie die Kategorie Behinderung.
Die Disability Studies als eine kritische Perspektive, die den Körper als Ort gelebter Erfahrung konzeptioniert, theoretisieren auch nicht behinderte Körper als historisch spezifische kulturelle und soziale Verkörperung. Behinderung organisiert und reguliert wie Race, Geschlecht, Klasse und Sexualität Körper auf bestimmte Weise. Ähnlich wie es unmöglich ist, nur kolonisierte Subjektivitäten zu theoretisieren, um Kolonialismus zu verstehen, und so wie Geschlecht nicht durch das Studium von Frauen erklärt ist, kann Behinderung nicht ohne als nicht-behindert markierte Körper – gedacht werden. Rosemarie Garland-Thomson formuliert eine Möglichkeit,Behinderung anders als ein individuelles und natürliches Stadium körperlicher Minderwertigkeit zu konzeptionalisieren:
„[Disability, c.p.] is a culturally fabricated narrative of the body, similar to what we understand as the fictions of race and gender. Disability, then, is a system that produces subjects by differentiating and marking bodies. Furthermore, this comparison of bodies legitimates the distribution of resources, status, and power in a biased social and architectural environment. As such, disability has four aspects: first, it is a system for interpreting bodily variations; second, it is a relation between bodies and their environments; third, it is a set of practices that produce both the able-bodied and the disabled; fourth, it is a way of describing the inherent instability of the embodied self” (Garland-Thomson 2002 , 74).
Im kritischen Rückgriff auf Phänomenologie und Poststrukturalismus sowie nach und nach verstärkt im Austausch mit postkolonialer Theoriebildung versuchen zahlreiche Ansätze in den Disability Studies den Körper als Ort gelebter Erfahrung zu konzeptionalisieren. Behinderung wird als komplexer und umstrittener Ort von Repräsentationen begriffen, an dem Wissensproduktion, Machtverhältnisse und Identitätskategorien untersucht, hinterfragt und möglicherweise transformiert werden können. Behinderung wird reflektiert als gelebte Erfahrung, Eingriffspunkt von Regierungstechnologien und spezifische Repräsentation von Körperlichkeit.
Ursprung
Disability Studies haben sich aus dem sozialen Modell von Behinderung entwickelt. Das soziale Modell hat seine theoretische Grundlage in den Bürgerrechtsbewegungen von Menschen mit Beeinträchtigung seit den 60er Jahren im Kampf für Autonomie, Unabhängigkeit und gleiche Rechte (Renngli 2004, 15), z. B. die Krüppelbewegung (Deutschland) oder die Bewegungen für Selbstbestimmtes Leben (USA). Erkenntnis der Bürgerrechtsbewegungen war, dass Menschen mit Beeinträchtigungen, ebenso wie andere Minderheiten, aufgrund ihrer Abweichung von gesellschaftlichen Normen unterdrückt und ausgesondert werden (Hermes 2006, 15).
Die Diskriminierung und Unterdrückung von Menschen mit Beeinträchtigung sind die wesentlichen Faktoren, die das Phänomen Behinderung bestimmen. Wichtige Gedankenspender für Disability Studies waren u.a. Studien von Michel Foucault und Erving Goffman (Renggli 2004, 16).
Medizinisches Modell
Das medizinische Modell, auch das individuelle Modell genannt, ist bis heute die vorherrschende Betrachtungsweise. Beeinträchtigung wird hier als eine körperliche, psychische oder kognitive Abweichung von einem Normalzustand verstanden, die als individuelles Problem gilt und medizinisch/therapeutisch behandelt werden soll, um vorhandene Defizite zu beheben.
Kritik am medizinischen Modell
Behinderung wird in der medizinischen Sichtweise auf die gesamte Person generalisiert und wird zum Hauptmerkmal des Individuums erhoben. Der Mensch mit Beeinträchtigung wird zum Mangelwesen und zum Objekt von Fürsorge und Bevormundung. Es erfolgt eine stereotype Zuschreibung von Leid. Soziale Benachteiligung wird als Folge von persönlichen Defiziten betrachtet (Hermes 2006, 16f).
Soziales Modell
Das soziale Modell wendet sich bewusst vom medizinischen Modell ab. Nachdem Behinderung lange im medizinischen Kontext als individueller Mangel konzeptioniert wurde, entstand als Kritik an diesem Modell in den 70er Jahren vor allem im britischen Kontext das soziale Modell (social model) of disability. Im Gegensatz zum medizinischen Modell betonten Vertreter_innen des sozialen Modells die soziale Bedingtheit von Behinderung. Individuelle Körper sind demnach immer nur im Zusammenhang mit ihrer sozialen und materiellen Umwelt zu verstehen und nur in diesem Zusammenhang stellen sich einzelne Körper als problematisch dar. Beeinträchtigung wird als ein gesellschaftlicher verliehener Status, als Ergebnis von Diskriminierung und Unterdrückung betrachtet. Relativ unhinterfragt ist im sozialen Modells der Staat als Adressat einer Politik, die hauptsächlich materiellen Wandel anstrebt. So geht es z.B. viel darum Gebäude und Veranstaltungen möglichst barrierefrei zu gestalten.
Kritik am sozialen Modell
Kritiker_innen dieses Modells heben nun hervor, dass auch im sozialen Modell Körper als unveränderliche biologische Einheiten vorkommen und körperliche ‚Fakten’ die Grundlage für Erfahrung und Selbstwahrnehmung darzustellen scheinen. Die theoretische Bewegung ist hier also ähnlich wie die der Kritik am sex/gender-Modell: Den „biologischen Körper“ unhinterfragt als Ausgangspunkt von Erfahrung zu setzen macht die Reflektion von Bedeutungssystemen unmöglich, die diesen Körper und Körpererfahrungen in bestimmter Art und Weise erst herstellen und organisieren. Es sind soziale und materielle Strukturen sowie Repräsentationen von Normalität und Abweichung, die Erfahrung, Wahrnehmung und Körper konstituieren. Welche Körper als behindert und welche als nicht behindert begriffen und erfahren werden sowie das Verhältnis zwischen diesen Körpern ist jeweils historisch und kulturell spezifisch organisiert. Gleiches gilt für ein Verständnis von der Bedeutung von Behinderung. Außerdem erscheint eine Erweiterung des sozialen Modells auf andere Merkmale (Geschlecht, Klasse, Herkunft, etc.) notwendig.
Kulturelles Modell
Das kulturelle Modell, vor allem in den USA entwickelt, wird von einigen Verfechter_innen der Disability Studies für notwendig erachtet, um die Komplexität des Gegenstandes fassen zu können. Hier wird nicht das Individuum, sondern die Mehrheitsgesellschaft aus Sicht der Behinderung erforscht. Diese Sichtweise macht die Relativität und Geschichtlichkeit von Kategorisierungs- und Stigmatisierungsprozessen deutlich (Waldschmidt 2006, 90ff). Anders als im sozialen Model von Behinderung wird nicht nur die soziale Behinderung (disability), sondern die körperliche Schädigung (impairment) als gesellschaftlich konstruiert verstanden (Bruner 2000, S. 67).
Schon ein unterschiedlicher Umgang mit Beeinträchtigung in verschiedenen Kulturen zeigt, dass Behinderung erst konstruiert wird. Kennzeichnend für dieses Modell ist es, bipolare Sichtweisen zu überwinden, sich dem Poststrukturalismus mithilfe der Theorie der Dekonstruktion und der Phämenologie zu bedienen. In diesem Modell spielen die Aspekte Identität, Normalität und Repräsentation eine bedeutende Rolle (vgl. Renngli 2004, 17f). Das kulturelle Modell treiben in Deutschland vor allem Claudia Bruner und Anne Waldschmidt voran.
Disability Studies und Gender Studies
Es gibt einige Parallelen der Disability Studies zu den Gender Studies. Ausgrenzung und Abwertung des von der Norm Abweichenden findet sich in beiden "Feldern" und ebenso wie die Existenz vor nur zwei Geschlechtern zu hinterfragen ist, ist auch die dichotome Einteilung in geschädigte und nichtgeschädigte Körper zweifelhaft.
Genauso wie die Trennung sex-gender dazu beitragen sollte, das biologische Geschlecht (sex) vom sozialen Geschlecht (gender) abzugrenzen, um das Geschlecht als sozial hergestellte Kategorie zu enthüllen, ermöglichte das soziale Modell von Behinderung mit der Trennung von biologischer, körperlicher Schädigung (impairment) und sozialer Behinderung (disability), die gesellschaftliche Konstruktion und Produktion von Behinderung hervorzuheben.
Die in feministischen Diskursen entstandenen Vorarbeiten zur Dekonstruktion von Geschlecht, die u. a. eine Dichotomisierung und Hierarchisierung deutlich machen, lassen sich gleichsam für Behinderung zu nutzen. Wie Judith Butler die Trennung von sex und gender in Frage stellt, also gender eben gerade nicht als einen Ausdruck eines biologischen Geschlechts sieht, sondern als eine performative Inszenierung, könnte Behinderung (disability) nicht nur Effekt des biologischen Körpers, also der Schädigung (impairment) zu verstehen sein. Schädigung (impairment) und die Wahrnehmung von Schädigung kann demnach als Effekt von Behinderung (disability) als sozialer Beeinträchtigung verstanden werden (vgl. Bruner 2005, Waldschmidt 2006).
Trotz dieser Parallelen ist Behinderung als theoretische Perspektive in den Gender Studies in Deutschland bisher selten zu finden. Auch wenn Körper als historisch spezifisch konstruiert und gelebt analysiert werden, taucht disability neben race, class, sexuality und gender als Gegenstand analytischen Interesses kaum auf. Auf diese Weise über Behinderung zu schweigen birgt die Gefahr, Körper unterschwellig als ‚normal’ zu konzeptionalisieren und im eigenen Theoretisieren die hierarchische Organisation von Körpern entlang einer scheinbar klaren Trennlinie von behindert und nicht behindert mit zu produzieren. Wird zum Beispiel über Geschlecht gesprochen, ohne dass Behinderung thematisiert wird, bedeutet das nicht, dass Behinderung als ein System, das Körper (und Verkörperung) organisiert, nicht wirkmächtig wäre. Lennard Davis argumentiert:
“(...) disability is not an area that can be simply included into the issues of race, class, and gender – it is already there in complex and invisible ways. There is no race, class, or gender without hierarchical and operative theories of what is normal and what is abnormal” (Davis 1995, 162).
Behinderung als Analysekategorie zu reflektieren ermöglicht eine komplexere Perspektive auf das Geflecht ineinander greifender Strukturen, die Körper, Identitäten und Subjektivität organisieren.
Hauptvertreter_innen der Disability Studies
Erste wichtige Vertreter_innen der Disability Studies sind Irving Kenneth Zola in den USA und Michael Oliver in Großbritannien. Zum Zusammenhang von Disability Studies, Gender Studies und Queer Theory arbeiten unter anderem Eli Clare und Robert McRuer. Rosemarie Garland-Thomson ist eine weitere prominente Vertreterin der Disability Studies. Sie arbeitet ausführlich zur Repräsentation von Behinderung. Disability Studies sind allerdings nicht ohne ihren Bezug auf soziale Bewegungen zu verstehen, darüber sollte auch die Nennung von einer Reihe Akademiker_innen nicht hinwegtäuschen. Im deutschsprachigen Raum zählen Gisela Hermes, Eckhard Rohrmann, Anne Waldschmidt, Theresia Degener, Swantje Köbsell, Anja Tervooren, Claudia Franziska Bruner und Jan Weisser zu wichtigen Vertreter_innen der Disability Studies.
Disability Studies in Deutschland
Seit Ende der 90er Jahre wird Behinderung auch in Deutschland zunehmend außerhalb klassisch rehabilitationswissenschaftlicher und medizinischer Perspektive theoretisiert. Anne Waldschmidt und Werner Schneider weisen in einer der ersten deutschsprachigen Textsammlungen im Bereich der Disability Studies und Körpersoziologie auf Institutionalisierungstendenzen hin (vgl. Waldschmidt & Schneider 2007). Erste Tagungen und Arbeitsgemeinschaften entstanden um das Jahr 2000. Die Ausstellung Der (im)perfekte Mensch des Dresdener Hygiene-Museums 2001 hat u.a. zur Verbreitung beigetragen. 2002 gründete sich ein Arbeitskreis Disability Studies in Deutschland. Dieser regte die Organisation einer öffentlichkeitswirksamen Sommeruniversität zum Thema „Disability Studies in Deutschland – Behinderung neu denken“ an, die dann 2003, dem europäischen Jahr der Menschen mit Behinderung, in Bremen stattfand.
Es werden vermehrt Seminare und Ringvorlesungen angeboten. Mit der Gründung der Internationalen Forschungsstelle Disability Studies in Köln wurden die Disability Studies institutionell an eine deutsche Universität angebunden. Ein Zentrum für Disability Studies (ZeDiS) ist seit 2005 als Projekt in der Universität Hamburg angesiedelt.
Auch in Deutschland ist die universitäre Debatte verknüpft mit politischen Bewegungen um Behinderung. Vor allem Diskussionen an der Schnittstelle von Krüppel- und Frauenbewegung um das Recht auf Abtreibung und die Einschätzung eugenischer Tendenzen hatten eine prominente Position in der politischen Auseinandersetzung mit Behinderung in Deutschland (vgl. Waldschmidt 2006).
Disability Studies in anderen Ländern
Disability Studies sind als wissenschaftliche Disziplin erst in wenigen Ländern vorhanden. In den USA und in Großbritannien werden Disability Studies seit Anfang der 80er Jahre an einigen Universitäten gelehrt.Heute gibt es in den USA und in Großbritannien Lehrstühle für Disability Studies, an einigen Universitäten gibt es eigene Disability Studies Fakultäten. Auch in Ländern wie z.B. Kanada, Australien, Norwegen, Frankreich, Irland und Deutschland werden Disability Studies gelehrt. Ein wichtiges Institut befindet sich in Leeds, das Centre for Disability Studies der University of Leeds.
Fußnoten
- ↑ Der Begriff Behinderung kann als äußerst diskriminierend und abwertend begriffen werden und ist negativ konnotiert. Der Verein Mensch Zuerst - Netzwerk People First e. V. fordert z. B. dass Menschen mit einer geistigen Beeinträchtigung als Menschen mit Lernschwierigkeiten bezeichnet werden sollen. Die Bezeichnung Beeinträchtigung soll den Begriff der Behinderung dort ersetzen, wo nicht von der beschriebenen Kategorie Behinderung gesprochen wird. Dieser Begriff scheint weniger belastet und soll anzeigen, dass Menschen, bei denen eine Schädigung diagnostiziert worden ist, zwar in gewisser Art beeinträchtigt sein können, z. B. in ihren Bewegungen, aber nicht zwangsläufig aufgrunddessen gesellschaftlich behindert sind.
Quellen
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Weblinks
- Centre for Disability Studies der University of Leeds
- Disability Studies in Deutschland, ein Projekt des Bildungs- und Forschungsinstituts zum selbstbestimmten Leben Behinderter (bifos e.V.)
- Dokumentation der Ausstellung der (im-)perfekte Mensch
- Forum für transdisziplinäre Projekte Disability Studies, Schweiz
- Internationale Forschungsstelle Disability Studies der Universität zu Köln (iDiS)
- Judith Butler, eine kurze Einführung
- Zentrum für Disability Studies der Universität Hamburg (ZeDiS)
Siehe auch
Behindertenbewegung Normalisierung Konstruktion von Behinderung
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