Geschlecht

Aus Gender@Wiki

(Weitergeleitet von Gender)
Wechseln zu: Navigation, Suche

Prinzipiell ist zu sagen, dass Geschlecht eine soziale Ordnungskategorie ist, die Menschen in einer bestimmten Weise kenntlich machen soll. Die Zuordnung in die weibliche oder männliche Geschlechterkategorie erfolgt in westlichen Gesellschaften aufgrund der Ausformung primärer und sekundärer Geschlechtsmerkmale, wobei hierbei die Reproduktionsfähigkeit oder –unfähigkeit ausschlaggebend ist.

Gender

The centrality of gender socialization also reflects the fact that our societies, and all societies known to social scientists, are gendered. People throughout the world recognize that there are different sex groups and they assign different roles and responsibilities to members of these groups, as well as different rewards and values. (STOCKARD 1999: 215)

Lorber ist der Meinung, dass „(…) gender ständig in der menschlichen Interaktion, aus dem sozialen Leben heraus geschaffen und wiedergeschaffen wird und der Stoff und die Ordnung des sozialen Lebens ist (…).“ (LORBER 2003: 55) Die Geschlechtszugehörigkeit wird im sozialen Handeln ein Leben lang symbolisch dargestellt, wobei „(…) auf ein Repertoire historisch entstandener, aber auch im stetem Wandel befindlicher männlicher und weiblicher Verhaltensweisen (…)“ zurückgegriffen wird. (STEIN-HILBERS 2000: 35)

Die gender-Konstruktion beginnt bereits mit der Geburt, da ein jedes Individuum je nach Ausformung des Genitals einer bestimmten sex-Kategorie (nämlich weiblich oder männlich) zugeordnet wird. „Aus einer sex-Kategorie wird durch Namensgebung, Kleidung und weiterer gender-Marker ein gender-Status.“ (LORBER 2003: 56) Das heißt, Individuen werden zwar sexed, nicht aber gendered geboren und müssen sich erst in einem Lernprozess „männliche“ und „weibliche“ Attribute aneignen. (vgl. ebd.: 66) Stockard ist ähnlicher Meinung wenn sie schreibt: „As children grow up they form a general sense of self and the ability to relate to others and play a part in society. In this process they also develop beliefs about the roles and expectations that are associated with each sex group (gender roles) and a self-identity as a member of one sex group or the other (gender identity).” (STOCKARD 1999: 215)

Das bedeutet, dass auch kulturelle Objekte wie Kleidungsstücke, Frisuren, Gesten, Körperhaltung, Charaktereigenschaften, Namen, Berufe etc. „sexuiert“, sprich mit einer Geschlechtsbedeutung ausgestattet sind. (vgl. STEIN-HILBERS 2000: 35) Die gender-Entwicklung ist also immer als komplex und multidimensional zu verstehen (vgl. STOCKARD 1999: 223).

Der Körper nimmt sowohl in der individuellen als auch in der sozialen Konstitution von Geschlechtszugehörigkeit eine zentrale Rolle ein. Anhand Bourdieus Formulierungen lässt sich sehr gut die Vergeschlechtlichung des Köpers erläutern: Bourdieu beschreibt die fundamentale Bedeutung des Leibes als Ort der Inkorporierung (bzw. in seinen Worten „Somatisierung“) sozialer Strukturen. Dadurch kann der Körper zu einem bevorzugten Distinktionsmittel werden, der soziale Ungleichheit (re)produziert. (VILLA 1996: 149f) Bourdieu geht in seinem Verständnis der Inkorporierung gar so weit, dass er schreibt: „Was der Leib gelernt hat, das besitzt man nicht wie ein wiederbetrachtbares Wissen, sondern das ist man.“ (Bourdieu 1987 in ebd.) Soziale Strukturen wie Geschlechterdifferenzierungen und Geschlechterordnungen werden in den Körper eingeschrieben, da die soziale Vermittlung von Wahrnehmungs- und Bewertungsmustern zu körperlichen Dispositionen und folglich naturalisiert werden. Der Körper wird zwar als Natur vermittelt, ist allerdings „Träger kultureller Inskriptionen“. (STEIN-HILBERS 2000: 52) Der Prozess der Bestätigung und Anerkennung der Geschlechtsdarstellung kann als Prozess einer „lebenslangen geschlechtsspezifischen Sozialisation“ verstanden werden. (ebd.)

Laut Helga Bilden findet Sozialisation immer dann statt, wenn „(…) das sich bildende Subjekt zunehmend aktiv teilhat an den sozialen Praktiken, in denen die Gesellschaft sich selbst produziert und verändert“. (Bilden 1991 in STEIN-HILBERS 2000: 36) In diesem Sinne sind Individuen nicht nur Produkte ihrer jeweiligen Lebensverhältnisse, in denen sie leben, sondern durch die (Re)Produktion von Geschlechtsdarstellungen aktive MitgestalterInnen. (ebd.)

Ein Ansatzpunkt für ein besseres Verständnis darüber, warum Menschen sind, wie sie sind, bzw. wie sie zu dem werden, was sie sind, bietet auch Bourdieus Habitus-Begriff. Über den Habitus, das heißt den Lebensstil in all seinen Fasetten wie Essensgeschmack, Ästhetik, Kleidungswahl, Möbel und Wohnungseinrichtung, Musikvorlieben, Freizeitaktivitäten und so weiter, drücken die Menschen ihren soziostrukturellen „Standpunkt“ aus. Im Habitus ist also ein „praktischer Sinn“ enthalten, der den eigenen „sense of one’s place“ zum Ausdruck bringt: „Der Habitus stellt sich als zugleich hervorgebrachtes wie hervorbringendes Moment menschlichen Handelns dar.“ (VILLA 1996: 148)

Trotz eingesetzten Veränderungen innerhalb tradierter Rollenerwartungen an Frauen und Männern bleibt das Bedürfnis nach einer von Geburt an betriebenen Vergeschlechtlichung bestehen. Lorber sieht den Grund darin, dass gender nicht nur individuell erlebt wird, sondern als „soziale Institution“ gesehen werden muss: nämlich als eine der wichtigsten Ordnungsprinzipien für die Lebensgestaltung der Menschen. So erfolgt die Auswahl der Menschen für bestimmte gesellschaftliche Tätigkeitsbereiche nicht nur Aufgrund ihrer Talente und Motivation, sondern auch aufgrund von gender oder ethnischer Herkunft. (vgl. LORBER 2003: 57)

Männlichkeit und Weiblichkeit

In unserem Kulturkreis wird lediglich zwischen zwei Geschlechtern unterschieden - das männliche und das weibliche – weshalb man von einer binären Geschlechterkategorisierung spricht. Seit den 70er Jahren sieht sich auch die internationale feministische Forschung dazu veranlasst, die Geschlechterbinarität sowie dessen Konstruktionsgehalt kritisch zu hinterfragen und neu zu formulieren. Der soziokulturelle Ausdifferenzierungsprozess von Männlichkeit und Weiblichkeit wurde hierbei umfassend beschrieben und analysiert. (vgl. STEIN-HILBERS 2000: 56)

Quellen

LORBER, Judith (2003): Gender-Paradoxien, Opladen: Leske+Budrich

STEIN-HILBERS, Marlene (2000): Sexuell werden. Sexuelle Sozialisation und Geschlechterverhältnisse, Leske+Budrich, Opladen

STOCKARD, Jean (1999): Gender Socialization. In: Handbook of the Sociology of Gender, Saltzmann Chafetz, Janet (Hrsg.), Kluwer Academic/Plenum Publishers, New York, Boston, et.al., S. 215-227.

VILLA, Paula-Irene (1996): Spürbare Zugehörigkeiten. Klasse und Geschlecht als zweifache Positionierung des Leibes. In: Kategorie: Geschlecht? Empirische Analysen und feministische Theorien, Fischer, Ute L. / Kampshoff, Marita / Keil, Susanne / Schmitt, Mathilde (Hrsg.), Leske+Budrich, Opladen, S. 141-162. write my essay

Persönliche Werkzeuge
Anmelden