Jacques Lacan
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Jacques-Marie Émile Lacan (genannt Jaques) (*13.4.1901 (Paris) - 9.9.1981 (Paris)) Psychoanalytiker und Theoretiker der Psychoanalyse
Lacan war einer der interessantesten französischen Psychoanalytiker, ist aber bis heute sehr umstritten. Sein Werk liegt nicht in einer durchgearbeiteten Form vor, was die Rezeption erschwert und immer wieder Anlass zu Missverständnissen gibt. Für die Geschlechterforschung ist Lacan vor allem deshalb interessant, weil er das Subjekt als immer schon geschlechtlich, besser: als "geschlechtet" (sexuiert) konzipiert, wobei "Mann" und "Frau" als Positionen innerhalb eines symbolischen Systems gedacht sind (ein Ansatz, der bei Lacan allerdings noch nicht stringent zu Ende gedacht ist). Die radikale Ablehnung der Parallelität von weiblich und männlich könnte für die Geschlechterforschung fruchtbar gemacht werden: Sie mildert die Fixierung darauf, stets und vorrangig die Frauen mit den Männern und ihren Positionen zu vergleichen.
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Biographische Angaben
Lacan studierte zunächst Medizin und begann 1927 die klinische Ausbildung zum Psychiater. 1932 schrieb er seine Dissertation über den "Fall Aimée" (eine "paranoische Psychose"), die große Beachtung fand. Nach Auseinandersetzungen in und zwischen verschiedenen französischen psychoanalytischen Vereinigungen gründete er 1964 eine eigene psychoanalytische Schule, die Ecole Freudienne de Paris EFP, die er 1980 wieder auflöste. Seit 1953 führt er eigenständig unabhängige Seminare durch, die sein Werk und seine Bekanntheit begründeten, zuerst im Hôpital Sainte-Anne, dann in der Ecole Normal Supérieure und zuletzt an der Universität Vincennes (Paris VIII). Lacan hatte verschiedene Beziehungen zu unterschiedlichen Frauen, eheliche (Marie-Louise Blondin, Sylvia Bataille) und nicht-eheliche, aus denen mehrere Kinder entstammen. Er war eine schillernde, sehr umstrittene Person, charismatisch und narzisstisch, kühn im Denken und zugleich sich verlierend in teilweise kryptischen selbstbezüglichen Reden.
Zum Werk
Lacans Anliegen war es, Freuds psychoanalytisches Konzept des Menschen weiterzutreiben, wobei er strikt antibiologistisch argumentiert – sein Fokus sind die Strukturen des Denkens und Begehrens, seine Verbündeten sind Linguistik und Poetik, auch die Mathematik. Sein Werk liegt nicht in einer systematischen Darstellung vor – im Gegenteil. Sein Medium war der sich in der Rede entwickelnde Diskurs, und er stand sowohl dessen Verschriftlichung wie auch jeder Übersetzung sehr kritisch gegenüber. Das berühmte "Seminar", das wegen seines eigenwilligen rhetorischen Stils und seiner hochanspruchsvollen Verbindung von Philosophie, Literatur und Psychoanalyse zeitweilig Kultstatus unter den Pariser Intellektuellen besaß und von zahlreichen Wissenschaftlern angrenzender Disziplinen besucht wurde, ist bis heute nur teilweise in Übersetzungen zugänglich – was sicherlich viel zu den verbreiteten Fehlinterpretationen in der Lacan-Rezeption beiträgt. Lacans Einsatz beim Weiterdenken der Freudschen Psychoanalyse bestand vor allem darin, dass er Begriffe und Figuren aus der strukturalen Linguistik in sein Theoriegebäude übertrug und dort dem neuen Zweck entsprechend umarbeitete (v.a. die Signifikanten-Theorie – d.h. ein Konzept, nach dem alles Konkrete nur hinsichtlich seiner Bedeutung für anderes betrachtet wird und alles (jeder Signifikant) seinen Sinn aus dem Bezug, der Position zu anderen (Signifikanten) bezieht). Dazu erfand er eine ganze Reihe neuer zentraler Begriffe und Strukturen. Die vielleicht produktivste Innovation ist die strenge systematische Unterscheidung zwischen drei "Registern", dem Realen, dem Imaginären (dem Bereich der Bilder und Vorstellungen) und der Ebene des Symbolischen, auf der die Bedeutung der Objekte ganz von ihrer konkreten Materialität gelöst ist. Aber trotzdem wurde Lacan nicht müde zu beteuern, dass er dabei stets dem Gedanken Freuds treu bleibe, auch wenn er ihn an einzelnen Stellen kritisierte und von ihm abwich.
"Die Bedeutung des Phallus"
Für einen psychoanalytischen Theoretiker, der eine biologistische Vorstellung des Menschen ablehnt, ist es von zentraler Notwendigkeit, zu verstehen, wie und warum einige menschliche Organe die Fähigkeit erworben haben, etwas "zu bedeuten" und sogar zu zentralen Organisatoren der symbolischen Welt zu werden – denn im Symbolischen gibt es keine physikalischen Gegenstände. In Lacans Logik der Signifikanten-Theorie ist also auch der Phallus ein Signifikant, aber ein ganz besonderer, da er "bestimmt ist, die Signifikatswirkungen in ihrer Gesamtheit zu bezeichnen, soweit der Signifikant diese konditioniert durch seine Gegenwart als Signifikant" (Die Bedeutung des Phallus, in: Sch II, 126), und dies nicht zuletzt, weil er "kraft seiner Turgeszenz das Bild des Lebensflusses ist, soweit dieser in die (in der) Zeugung eingeht" (ebd. 128). Phallus steht bei Lacan also als Signifikant für das Begehren und Genießen und zugleich für dessen Unerfüllbarkeit. Für dieses Konzept, ein Kernstück seiner Theorie, ist Lacan vielfach kritisiert worden – einerseits auf philosophischer Ebene, weil mit dem Ausnahmesignifikanten Ф ein metaphysisches Moment die Basis der Theorie bilde (so z.B. Derrida), und auch von feministischer und psychoanalytischer Seite, weil er damit Freuds phallozentrisches Denken festschreibe. Dagegen rücken die Lacanianer in letzter Zeit verstärkt ein anderes Moment der Konstruktion in den Blick, das insbesondere die weibliche Position beschreiben soll: die von Lacan relativ spät (Sem. XX Encore von 1972) ausgeführte "jouissance", das Genießen.
Zur Geschlechterperspektive
Interessant für die Theorie des Geschlechts und der Geschlechterverhältnisse ist Lacan von vorneherein deshalb, weil er das Subjekt immer als geschlechtlich, besser: als "geschlechtet" (sexuiert) denkt, wobei "Mann" und "Frau" als Positionen innerhalb eines symbolischen Systems gedacht sind. Diese seien nicht "aus der Geschlechtlichkeit selbst hergeleitet" (Se XI, 215), sondern "zwei Arten", das Geschlechtsverhältnis "zu verfehlen" (Se II, 62) – so dass z.B. eine Person mit einem männlichen Körper durchaus in einer 'weiblichen' Begehrensposition sein kann – allerdings ist dieser Ansatz nicht konsequent durchgearbeitet und es gibt bei Lacan viele Passagen, Formulierungen und Bilder, die eine sehr enge und unausweichliche Beziehung zwischen Anatomie und psychischer Struktur herstellen. Geschlecht ist bei Lacan einerseits als implizites Thema permanent mitgeführt, wurde aber erst sehr spät (im Sem. XX "Encore" von 1972) explizit zum Thema gemacht, einem merkwürdig verschrobenen und blassen Text, der mit seinen vielen Wortspielen und Paradoxien mehr verdunkelt als aufdeckt. Er entwickelte dort seine "Formel der Sexuierung" (Sem XX, 85), aus der ersichtlich wird, dass die weibliche und die männliche Position als fundamental verschieden gedacht sind. Von der Frau heißt es hier, dass sie nur "quoad matrem" in den Diskurs eintritt, der Mann aber "quoad castrationem" – damit sind die Begehrenspositionen als grundsätzlich verschiedene definiert. Malcolm Bowie kritisiert in seiner Einführung insbesondere, dass Lacan die Chance vertan habe, "dem weiblichen Körper Bedeutungsmacht zu verleihen" (Bowie, 139) und dass Lacan an der traditionellen Mythologisierung der Frau als Gegenstück zur vernunftmäßigen Rationalität des Mannes festhalte (ebd., 145). Dennoch bietet die Lacansche Psychoanalyse einige produktive Ansätze für die Geschlechterforschung. Da ist zum einen die produktive Unterscheidung der drei Register (RSI) – sie ermöglicht es, klarer zwischen den imaginären Bildern von weiblich und männlich und der Bedeutung der Geschlechterunterscheidung im Ganzen der symbolischen Ordnung zu differenzieren. Zweitens kann auch die radikale Ablehnung der Parallelität von weiblich und männlich fruchtbar sein: Sie mildert die Fixierung darauf, die Frauen immer mit den Männern und ihren Positionen zu vergleichen. Allerdings werden damit aber auch alle Konzepte der Angleichung, des vergleichenden Bemessens und der Gleichheit angezweifelt, was in der Konsequenz dazu zwingen würde, Entwürfe von Gleichberechtigung auf andere Konzepte aufzubauen als auf Gleichheit. Drittens bietet die von der Psychoanalyse im Kern (bei allen Verirrungen im Einzelnen) vertretene These der Nicht-Identität von realem Körper und (psychischer) Bedeutung die Möglichkeit einer "Rückeroberung des Körpers", indem sie anzeigt, dass die Verbindung des weiblichen Körpers mit Kreatürlichkeit und Vergänglichkeit (dem 'Sein zum Tode') nicht diesem Körper selber anhaftet, sondern Ergebnis einer kulturtypischen Spaltung ist, die im selben Zug der männlichen Seite das Phantasma zuordnet, die Endlichkeit, die Begrenzungen des Lebens, die Furcht und die Kränkung der Sterblichkeit überwinden zu können.
Wichtigste Werke (deutsch)
- Schriften I-III, Olten; Weinheim 1973 ff. (Écrits, 1966); Das Seminar, Buch I, II, III, VII, XI, XX, Olten; Weinheim 1978 ff. (Le Séminaire, 1973 ff.)
Quellen
- Evans, Dylan: Wörterbuch der Lacanschen Psychoanalyse. Wien, 2002, ISBN 3-85132-190-1.
- Fink, Bruce: Das Lacansche Subjekt. Wien, 2006, ISBN 3-85132-323-8.
- Gondek, Hans-Dieter; Hofmann, Roger; Lohmann, Hans-Martin: Jacques Lacan – Wege zu seinem Werk, Stuttgart, 2001, ISBN 3-608-94168-1.
- Lang, Hermann:Die Sprache und das Unbewusste, Frankfurt a.M., 1986, ISBN 3-518-28226-3.
- Roudinesco, Elisabeth: Jacques Lacan, Köln, 1996, ISBN 3-596-13843-4.
- Bowie, Malcom: Lacan, Göttingen, 1996, ISBN 3-88243-469-4.
Weber, Samuel: Rückkehr zu Freud. Jacques Lacans Ent-stellung der Psychoanalyse, Wien, 1996, ISBN 3-85165-424-2.
- Widmer, Peter: Subversion des Begehrens, Frankfurt a.M., 1990, ISBN 3-596-24188-X.
- Žižek, Slavoj: Psychoanalyse und die Philosophie des Idealismus, 2 Bde, Wien, 1991/1994, ISBN 3-596-14259-8.
Weblinks
- Lacan-Archiv: Psychoanalytische Bibliothek in Bregenz (12.02.2007; 09:29)
- Freud-Lacan-Gesellschaft in Berlin 12.02.2007; 09:32)
Bibliographie
- Evans, Dylan: Wörterbuch der Lacanschen Psychoanalyse. Wien, 2002, ISBN 3-85132-190-1.
- Fink, Bruce: Das Lacansche Subjekt. Wien, 2006, ISBN 3-85132-323-8.
- Gondek, Hans-Dieter; Hofmann, Roger; Lohmann, Hans-Martin: Jacques Lacan – Wege zu seinem Werk, Stuttgart, 2001, ISBN 3-608-94168-1.
- Lang, Hermann:Die Sprache und das Unbewusste, Frankfurt a.M., 1986, ISBN 3-518-28226-3.
- Roudinesco, Elisabeth: Jacques Lacan, Köln, 1996, ISBN 3-596-13843-4.
- Bowie, Malcom: Lacan, Göttingen, 1996, ISBN 3-88243-469-4.
- Weber, Samuel: Rückkehr zu Freud. Jacques Lacans Ent-stellung der Psychoanalyse, Wien, 1996, ISBN 3-85165-424-2.
- Widmer, Peter: Subversion des Begehrens, Frankfurt a.M., 1990, ISBN 3-596-24188-X.
- Žižek, Slavoj: Psychoanalyse und die Philosophie des Idealismus, 2 Bde, Wien, 1991/1994, ISBN 3-596-14259-8.

