Donna Haraway
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Donna Jeanne Haraway ist eine us-amerikanische Wissenschafts- und Gesellschaftstheoretikerin [1] (Aktivistin), die immer wieder Grenzziehungen – wie die zwischen Natur und Kultur – untersucht, um sie zu destabilisieren, ohne dabei die Verantwortlichkeit für die Welt, in der wir leben (wollen) zu verwischen. Haraway ist Biologin, Naturwissenschaftshistorikerin und Professorin für feministische Theorie und Technosciene.
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Biographie
Geboren 1944 in Denver (im US-amerikanischen Bundesstaat Colorado) wurde sie streng katholisch erzogen und besuchte verschiedene katholische Schulen.
Durch die Boettcher Foundation wurde 1966 ihr Abschluss in Zoologie und Philosophie am Colorado College gefördert. Ausserdem studierte sie Literaturwissenschaft. Danach ging sie ein Jahr nach Paris, um evolutionäre Philosophie mit einem Fulbright Stipendium zu studieren. Den Titel Ph. D. erlangte sie 1972 durch das Biologie Department in Yale für eine interdisziplinäre Dissertation über die Funktionen von Metaphern in der Forschungsdefinition der Evolutionären Biologie des Zwanzigsten Jahrhunderts. Seit der Zeit in Yale war sie Mitglied der Organisation Science for the People, einer Initiative kritischer Wissenschaftler_innen. Im General Science Department an der Universität von Hawaii organisierte sie zusammen mit Dorothy Stein das erste dortige Women’s Studies Seminar. An der John Hopkins University in Baltimore unterrichtete Haraway Doktorand_innen am Institut für Wissenschaftsgeschichte und war in dieser Zeit Mitglied der Socialist-feminist Women’s Union. 1980 wechselte sie an den Lehrstuhl für feministische Theorie der Universität von Californien, Santa Cruz (USA). Dort erlangte sie ihren Professorinnentitel, war Dekanin und leitete das Programm „influential History of Consciousness“. Im September 2000 erhielt sie den J. D. Bernal Award für ihren lebenslangen Beitrag zum Feld der Social Studies. Momentan arbeitet sie als Professorin für feministische Theorie und Technoscience an der European Graduate School in Saas-Fee (Schweiz).
Bedeutung für die Frauen- und Geschlechterforschung
Donna Haraway arbeitet mit verschiedenen wissenschaftskritischen bzw. feministischen Methoden und Ansätzen. Die Bandbreite der von ihr nutzbar gemachten wissenschaftlichen Instrumente und Denkschulen ist sehr umfangreich. Zentral sind vor allem wissenschaftsgeschichtliche und -soziologische Ansätze (Strong Program), marxistische und feministische Standpunktheorie, dekonstruktive und semiologische Ansätze, radikal-sozialkonstruktivistische, ökofeministische und sozialistische Perspektiven. Entsprechend schwer läßt sich Donna Haraway in ein konkretes Wissenschaftsfeld einordnen. Eine wahrlich inter- und transdisziplinäre arbeitende Feministin, welche die Interdependenz sozialer Kategorien (race, class, gender) immer im Blick hat.
Zu den zentralen Fragestellungen, die Haraway in ihren Texten behandelt, gehören die Frage nach der Möglichkeit von Objektivität bzw. dem Verhältnis von Feminismus und Objektivität und die Frage nach Handlungsfähigkeit und Verantwortung im wissenschaftlichen und politischen Feld. In ihrer Auseinandersetzung mit wissenschaftlicher Objektivität führt sie vor allem die willkürlichen wissenschaftlichen und alltäglichen Grenzziehungen, wie bspw. die zwischen Mensch & Maschine und Mensch & Tier an und stellt diese in ihrer Sinnhaftigkeit und Produktivität für die Suche nach wissenschaftlicher Erkenntnis und einem guten Leben radikal in Frage. Ebenso stellt sie immer wieder die Frage nach Verantwortlichkeit und Handlungsfähigkeit in einer postmodernen Gesellschaft. Insbesondere richtet sie diese Frage an die Wissenschaftler_innen von gestern und heute, um deren Verstrickungen in das und ihre Deutungsmacht im Feld sozialer und politischer Kämpfe kenntlich zu machen.
Sehr bezeichnend für ihre Werke, in denen sie die herrschende Vorstellung von Objektivität als Technik der Selbstunsichtbarkeit kennzeichnet, ist dabei die immer wiederkehrende Koppelung ihrer eigenen Lebensgeschichte an gesellschaftliche Verhältnisse als Versuch der Selbstpositionierung. Dabei benennt und betont sie sehr konkret ihre politische Position. Der Zugang zu ihren Texten ist dabei nicht immer einfach, vor allem wegen ihrer ungewöhnlich engagierten, äusserst komplexen und unbequemen Schreibpraktik, welche sehr voraussetzungsreich ist. Konkrete Konzepte und Anweisungen für politisches Handeln kann mensch in ihren Werken nur schwer ausfindig machen, dabei liegen diese gerade in der Harawayschen Schreibweise begründet - "(...) der Inhalt ist die Form." (Neuerfindung, 75).
Als feministische Theoretikerin gewann Donna Haraway im deutschsprachigen Raum Bedeutung vor allem durch ihr Konzept des Situierten Wissens, ihre Analyse der Primatenforschung (Primate Visions) ihr Cyborgmanifest (A Manifesto for Cyborgs) und die ihre Werke durchziehende Eurozentrismus- und Rassismuskritik.
Primate Visions: Gender, Race, and Nature in the World of Modern Science
In ihrem Werk "Primate Visions" untersucht Haraway mittels Narrationsanalyse die Primatenforschung und demontiert dabei deren ideologische und patriarchale Prägung. Sie nimmt auch wissenschaftsgeschichtliche Aspekte zur Hilfe um zu zeigen, dass die ideologische Basis dieses Forschungsfeldes sich aus nicht hinterfragten Prämissen der verwendeten Forschungsansätze, wie bspw. der willkürlich gezogene Grenze zwischen Mensch und Tier, ergibt. Jeder Versuch der Primatologie, Affen und Menschenaffen zu beschreiben und zu deuten, ist untrennbar damit verbunden, wie Menschen gedacht werden. Da nichtmenschliche Primaten als an der Grenze zwischen Mensch und Tier stehend verstanden werden, dient das Wissen über sie auch dazu, das Wissen über den "Ursprung", die Herkunft oder auch die Natur der Menschen zu (re-)generieren. Der professionelle Einstieg von vor allem europäischen und euroamerikanischen Frauen in die Primatologie änderte die Geschichten, die in diesem Feld erzählt wurden und brachten dadurch ältere, androzentristische Geschichten in Erklärungsnot. Haraway verweist in ihren Ausführungen vielfach auf die klassisch ausser Acht gelassenen diskursiven Verflechtungen der Forschung mit ökonomischen und politisch-ideologischen Interessen.
Die Primatologie und deren Erklärungen haben sich mit der Beteiligung von Frauen nachhaltig verändert, was als methodische Destabilisierung bestehender patriarchaler Denkweisen und Diskurse gelesen werden kann. Werden nun also andere, bessere - d.h. angemessenere und komplexere - Geschichten erzählt, so ändert dies jedoch nichts daran, dass "Primatologie auf Affen bezogener Orientalismus" (Primatologie, 141) ist, da der vermehrte Einstieg dieser Frauen in das Wissenschaftsgebiet nicht viel an der "westlichen Suche nach dem Selbst im Spiegel eines untergeordneten Anderen" (Primatologie 140f.) geändert hat. In ihrer Untersuchung lässt sie also auch den Zusammenhang zwischen feministischer Theoriebildung und Primatenforschung nicht ausser Acht und hinterfragt weiße feministische Positionen kritisch.
Dieser Vorstoß ist trotz des hegemonial Weißen Gestus der Forscher_innen immens wichtig für die feministische Forschung, da nun andere Geschichten davon erzählt werden, wie Menschen miteinander leben können und sich die Bedeutung dessen, was es heisst ein weibliches Tier zu sein - und damit auch, was es heisst "Mann" oder "Frau" in Gesellschaften zu sein - änderte. Ausserdem machte Haraways Beitrag die Interdepenz sozialer Kategorien und die immer vorhandenen diversen Verstrickungen in die Machtkonstellationen, auch von Feminist_innen, deutlich.
Situiertes Wissen. Die Wissenschaftsfrage im Feminismus und das Privileg einer partialen Perspektive
Im Text "Situiertes Wissen" (In: Die Neuerfindung der Natur) lotet Haraway die Möglichkeiten von objektiver Wissenschaft aus. Einerseits kritisiert sie die klassischen Geistes-, Sozial- und Naturwissenschaften in ihrem Anspruch auf die alleinige Wahrheit, deren Verständnis von Objektivität und die daraus resultierende Verantwortungslosigkeit der Welt gegenüber. Andererseits verwirft sie Wissenschaft, ihre Motive und Methoden nicht pauschal, sondern betont ihre Bedeutung vor allem auch für das feministische Projekt.
Für sie bedeutet Wissenschaft zu betreiben, (fach-)spezifischen Schreib- und Codierpraktiken zu folgen, Geschichten zu erzählen, wie Welt gedeutet und organisiert werden kann und Erklärungen für die Frage nach den Herstellungsprozessen von Bedeutungen und Körper zu suchen, um in diesen Bedeutungen und Körpern zu leben, statt sie zu leugnen. Dabei knüpft sie ihre Kritik an die klassischen Lehrbuchmethoden der Herstellung wissenschaftlicher Objektivität und die Geltendmachung universaler Erkenntnisansprüche.
Ihre Hauptkritikpunkte an der klassischen Vorstellung von Objektivität und Erkenntnis umfasst die Punkte:
- Wahrheit/ Wissen: Wahrheit, Wissen und Wissenschaft sind keineswegs neutral und wertfrei, sondern sie sind geprägt von den Ansichten eines spezifischen Denkkollektives und durchzogen von sozialen und biografischen Dimensionen. Wahrheit ist nach Haraway rein rhetorischer Natur. "Geschichte ist eine Erzählung, die sich die Fans westlicher Kultur gegenseitig erzählen, Wissenschaft ist ein anfechtbarer Text und ein Machtfeld, der Inhalt ist die Form. (...) Die Form der Wissenschaft ist die artefaktisch-soziale Rhetorik, die die Welt in nutzbare Objekte zerlegt." (Neuerfindung, 75). Wahrheit und Erkenntnis über die "Natur der Dinge" liegen nach Haraway eben gerade nicht im Ding an sich begründet, so dass die Wissenschaftler_innen diese nur (mit oder ohne Technologien) abzulesen brauchen, sondern sie sind das Ergebnis gesellschaftlicher Diskurse und sozialer Konstruktionsprozesse. Es gibt nicht die eine feststehende Wahrheit - Wahrheit wird gesellschaftlich ausgehandelt und ist Teil bestehender sozialer Beziehungen und Ordnungen. Das was als richtig oder falsch gilt, was als Erkenntnis in den Kanon aufgenommen wird und was verworfen wird, ist von jeweils sehr unterschiedlichen politischen, ökonomischen und auch persönlichen Interessen abhängig.
- wissenschaftliche Methode: Die heutigen herkömmlichen Methoden der Wissenschaften, insbesondere der Natur- und Technikwissenschaften, basieren auf dem Versuch im 16./17.Jahrhundert eine wohldefinierte wissenschaftliche Kommunikation der sich gerade etablierenden Naturwissenschaft/Naturphilosophie aufzubauen. Eine besondere Rolle hierbei nahm das Experiment ein, welches sich vor allem durch Nachvollziehbarkeit und Reproduzierbarkeit durch jedermann auszeichnete. Auf diese Weise war es weitaus mehr Wissenschaflern möglich, Zugang zu experimentell gewonnenen Erkenntnissen zu erhalten. Den hierbei verwendeten Technologien wurde dabei eine Neutralität unterstellt, so dass sich trotz zunehmender instrumenteller Vermittlung durch bspw. Visualisierungstechnologien die Annahme durchsetzte, von der Natur wertneutral (weil der Wissenschaftler somit scheinbar in der Repräsentation des natürlichen Objekts nicht mehr enthalten war) das reine Wesen des Untersuchungsobjekts ablesen zu können. Diese Annahme nimmt Haraway in ihrem Werk auf und kann überzeugend zeigen, wie u.a. diese Visualisierungstechniken die Trennung von Wissenssubjekt und Wissensobjekt vorangetrieben haben und infolgedessen die Verantwortungsfähigkeit und -möglichkeit von Wissenschaftler_innen stark vernachlässigt wurde und wird. Der so entstandene "Blick von nirgendwo" entspricht jedoch nicht einer neutralen Position, sondern der unmarkierten (normalen) Position des Weißen und des Mannes, der sich aufgrund seiner Unsichtbarkeit im Erkenntnisprozess auch nicht für mögliche Folgen und Unannehmlichkeiten verantworten muß. Desweiteren kritisiert Haraway die Annahme, es würde sich bei diesen instrumentellen Visualisierungstechniken um unvermittelte, weil nicht menschlich verzerrte, Sichtweisen auf die Dingen handelt und verweist auf den Fakt, dass es kein voraussetzungsloses Beobachten geben kann.
- Subjekt-Objekt-Trennung: Das klassische Wissensobjekt ist völlig verschieden von dem klassischen Wissenssubjekt. Das Wissensobjekt wird als passive, träge Materie konzeptualisiert, welche im Grunde nur darauf wartet, als Ressource vom erkennenden Wissenssubjekt entdeckt und nutzbargemacht zu werden. Jeglicher Akteurs- oder Agentenstatus am Erkenntnisprozeß wird aberkannt. Die Natur erscheint lediglich als Rohmaterial für kulturelle Aneignungspraktiken. Diese strenge Trennung in Wissenssubjekte und Wissensobjekte führt Haraway einerseits auf die (selbstverständlich gewordene) technologische Vermittlung des Sichtbaren zurück und zeigt andererseits die enge Verbindung mit der klassisch aristotelischen Konzeption des Subjekts. Für Haraway ist Wissenschaft eben kein Entdecken und Erfinden, sondern eine machtgeladene Beziehung der Konversation (Neuerfindung, 94) zwischen Wissenssubjekten und Wissensobjekten.
Im Verschieben und Wechseln der Metaphern sieht Haraway den springenden Punkt, um einen Umgang mit den bestehenden hierarchisch strukturierten Wissenschaften zu finden. Nicht die totale Ablehnung und Separation vom patriarchal und rassistisch geprägten Wissenschaftsberieb soll das Ziel sein, sondern eine Politik der Einmischung. Eine Einmischung, die dort ansetzt, wo unkritische Wissenschaften nicht hinsehen - an den Prämissen und verwendeten Metaphern. Neue Metaphern erfinden, neue Geschichten erzählen, sich einschreiben und so die Vorstellungen von Welt und Mensch nachhaltig verändern. Haraway forderte bereits in den 1980er Jahren die feministischen Bewegungen auf, sich an den Natur- und Technikwissenschaften zu beteiligen, denn die Erkenntnisse der Wissenschaften sind zwar Geschichten, aber sehr machtvolle, d. h. sie strukturieren die Welt, in der wir leben. Feminst_innen müssen sich dieser Verantwortung bewusst sein und das Feld dieser Wissenschaften daher für sich beanspruchen. Verantwortlichkeit und Handlungsfähigkeit sind hier aber nicht im Sinne eines moralisch handelnden Subjekts zu verstehen. „Verantwortlichkeit hat für mich dann etwas damit zu tun, wie wir unter uns Verbindungen aufbauen, wie wir uns selbst zusammenfügen, und wie wir zusammengefügt sind.“
Haraways Idee von einer feministischen Objektivität (= Situiertes Wissen) baut vor allem auf partiale Perspektiven und meint: Objektiv sind wir, wenn wir anerkennen, das wir keine einheitlichen Subjekte sind, und unser Wissen daher immer Ausdruck unserer körperlichen, orts-, und zeitgebundenen Praxen ist. Davon ausgehend sind die Verbindungen, die wir zu anderen suchen (unser Wissen über etwas), niemals unschuldig, wir haben Verantwortung für dass, was wir als rationales Wissen ansehen.
Haraway verwendet die ethische Kategorie Verantwortlichkeit um sich gegen „verantwortungsloses Freispiel“ und die „Lust an Überschreitung“ (Neuerfindung, 110) abzugrenzen. „Verspieltheit, Beweglichkeit, mehr zu sein, als wir zu sein glauben, diskursive Konstitution, die Unerwartetheit von Sprache und Körper“ (Neuerfindung, 110), daran ist ihr statt dessen gelegen. Sie sieht Feminist_innen als „Antropolog_innen möglicher Formen des Selbst […] zugleich TechnikerInnen für den Entwurf von Wirklichkeiten, die eine Zukunft haben“ (Neuerfindung, 199).
Haraway geht davon aus, dass Sex und Natur von Gender und Kultur unterscheidbare Kategorien sind, betont aber gleichzeitig, dass Subjekte und Objekte immer nur ein Ergebnis diskursiver Konstruktionen sind, also niemals dem Diskurs vorgängig (Neuerfindung, 109). Wie diese Unterscheidung zu verstehen ist, lässt sich an einem Beispiel, dass die Beziehungen zwischen Aktuer_innen und Aktant_innen beleuchtet, zeigen: „Die Zelle wartet nicht einfach auf ihre angemessene Beschreibung. Sie ist extrem kontingent und auf besondere Weise eingelassen in die spezifischen Beziehungen zwischen Instrumenten, sozialen, materiellen und literarischen Technologien. Und das ist sehr real. Die ‚Zelle’ hat eine unbestreitbare Wirksamkeit. Das ist kein Relativismus. Es heißt nur, dass die Dinge anders hätten sein können, aber sie sind es nicht.“ (Hervorhebungen im Original, Neuerfindung, 109)
Cyberfeminismus, Cyborgmanifest und Technoscience
Mit der berühmt gewordenen Behauptung, wir seien alle bereits Cyborgs, verwehrt sie sich gegen die Idee, wir könnten zurück zu einem Leben in Unschuld. Sie meint, wir sind bereits mittendrin (in gesellschaftlichen Verhältnissen verstrickt, auch wenn wir sie kritisieren), die Natur zu der wir zurückwollen, ist gesellschaftlich konstruiert, daher können wir eigentlich nur anfangen Verantwortung zu übernehmen, wenn wir mit gesellschaftlichen Zuständen nicht einverstanden sind. Wir können uns der Verantwortung aber niemals dadurch entziehen, dass wir behaupten, wir wären von Natur aus unschuldig - oder besser: unbeteiligt, nicht in die komplexen Systeme von Macht und Herrschaft verwoben - und müssten nur zu dieser Natur zurückfinden. Ganz im Gegenteil, die zunehmende Verbreitung von Computersystemen in den meisten Bereichen des Lebens führt dazu, dass Menschen bereits in symbiotischer Beziehung mit der Computertechnik leben und damit die Grenzen zwischen Organismus und Maschine verwischen. Gleichzeitig entwirft sie die Cyborg als Figur der feministischen Reflexion, die nach der Verantwortung an der Konstruktion von Stereotypen und Normen im Cyborgzeitalter fragt. Haraway verschaffte der Idee Geltung, dass die Erfindung von Geschichten das interessanteste Ergebnis von wissenschaftlicher Forschung ist und Verantwortungsbewusstsein sich daher durch aktive Anteilnahme an wissenschaftlichen Diskursen und Schaffung eigener Geschichten zeigen lässt.
Mit diesen Thesen interveniert sie gegen technophobe ökofeministische Positionen, kann aber auch gegen heute vielfach anzutreffende Technikeuphorie Stellung beziehen.
Antispezizismus
Haraways Überzeugung, dass es niemals feste Grenzen gibt, sondern die Schaffung von Abgrenzungen immer bestimmte, zeitlich begrenzte Funktionen erfüllt, wird auch in antispeziesistischen feministischen Diskursen verwendet. Besonderes Gehör findet hier die Tatsache, dass sie durch das Aufzeigen der Willkürlichkeit von Grenzziehungen nicht nur Menschen Handlungsfähigkeit zuschreibt, sondern auch nichtmenschliche Akteur_innen bzw. Aktant_innen als kulturell bedingt ansieht. Sind diese also auch an sozialen Konstuktionsprozessen beteiligt, so stellt sich die Frage nach den Möglichkeiten speziesübergreifender Kommunikation. Schon in ihrem Werk zur Primatologie zeigte sie, dass die Beschreibungen und Deutungen des Verhaltens von nichtmenschlichen Primat_innen nicht von menschen-gesellschaftlichen Prozessen trennbar sind (Bauer). Haraway fordert eine speziesübergreifende Kommunikation, die statt der Repräsentation der nicht-menschlichen Tiere durch Menschen dadurch gekennzeichnet ist, dass mit diesen Tieren kommuniziert wird.
Fußnoten
- ↑ D. J. Haraway bezeichnet sich in "Die Neuerfindung der Natur" selbst als Frau.
Werke
- Haraway, Donna: Anspruchsloser Zeuge@Zweites Jahrtausend. FrauMann trifft Onco MouseTM. In: Scheich, Elvira (Hrsg.): Vermittelte Weiblichkeit. Feministische Wissenschafts- und Gesellschaftstheorie. Hoffmann & Hoyer, Kirchlichteln, 2002 ISBN 3929120151, ISBN 978-3929120158
- Haraway, Donna. The Companion Species Manifesto: Dogs, People, and Significant Otherness. Prickly Paradigm, Chicago, 2003, ISBN 0971757585
- Haraway, Donna J. Crystals, Fabrics, and Fields: Metaphors of Organicism in 20th Century Developmental Biology. Yale University Press. New Haven, Conn., 1976
- Haraway, Donna Jeanne: A Game of Cat's Cradle. Science Studies, Feminist Theory, Cultural Studies. In: Configurations - Volume 2, Number 1, Winter 1994, S. 59-71
- Haraway, Donna Jeanne: The Haraway Reader. Routledge, New York [u. a.], 2004, ISBN 0415966892, ISBN 0415966884
- Haraway, Donna J.: Monströse Versprechen: Coyote-Geschichten zu Feminismus und Technowissenschaft. Argument Verlag, Berlin, 1995, ISBN 3886192342
- Haraway, Donna J. Die Neuerfindung der Natur. Primaten, Cyborgs und Frauen. Campus Verlag, Frankfurt a. M., 1995, ISBN 3593352419
- Haraway, Donna J. Primate Visions: Gender, Race, and Nature in the World of Modern Science. Routledge, New York, London, 1990, ISBN 0415902940
- Haraway, Donna: Teddy Bear Patriarchy. Taxidermy in the Garden of Eden; New York City, 1908-1936. In: Social Text, No. 11 (Winter, 1984-1985), S. 20-64
Weiterführende Dokumente
- Wer spricht für den Jaguar? von Birgit Bauer
- Deuber-Mankowsky, Astrid: Praktiken der Illusion. Immanuel Kant bis Donna Haraway. Vorwerk 8, Berlin, 1. Aufl., 2005, ISBN 3-930916-71-1
- Die Homepage als "home of the cyborgs" von Jutta Franzen
- Freudenmann, Gabriele: Der Körper im Informationszeitalter. Überlegungen zu den Philosophien von Jean Baudrillard, Donna Haraway, Marshall McLuhan und Richard Shusterman. Berlin, Freie Univ., John-F.-Kennedy-Inst., Diss., 2000
- Frey Steffen, Terese: Gender. Leipzig, Reclam, 2006, ISBN 3-379-20307-6
- Literaturhinweise zu Kritik und Alternativen zum Manifest für Cyborgs
- Mansfield, Nick: Subjectivity. theories of the self from Freud to Haraway. New York Univ. Press, New York, 2000, ISBN 0-8147-5650-6, ISBN 0-8147-5651-4
- Riescher, Gisela (Hg.):Politische Theorie der Gegenwart in Einzeldarstellungen von Adorno bis Young. Stuttgart, Kröner, 2004, ISBN 3-520-34301-0
- Snyder-Körber, Mary Ann: Perilous navigations in the postmodern. Donna Haraway, Bell Hooks, and feminist rethinking of identity. Berlin, Freie Univ., John-F.-Kennedy-Inst., Working paper, 1997
Interviews
- D'Amato, Brian: The Practice/Effect Gap. Catalogue for Virtual Reality Art Show, New York City. 1992
- Darnovsky, Marcy: Overhauling the Meaning Machines: An Interview with Donna Haraway. Socialist Review 21/2. 1991, S. 65-84
- Doing What Comes Naturally. California Times Public Affairs Radio Program. Aired week of April 17, 1983
- Goodeve, Thyrza: How Like a Leaf. In: Gerfried Stockers, Christine Schöpf (Hrsg). FleshFactor: Informationsmachine Mensch. Ars Electronica Festival. Vienna, 1997, S. 46-69.
- Haraway, Donna J.; Schaffer, Simon; Latour,Bruno; Law; John: Culture Clash--Experiments with Truth. BBC-2. 1993, 60 min. (TV)
- Heller, Nicole: Donna Haraway : Blurring the Line between Science and Fiction. Speak. Summer 1999, S. 30-34.
- Jamison, P. K.: No Eden under Glass: A Discussion with Donna Haraway. Feminist Teacher 6/2. Winter 1992, S. 10-15
- Kunzru, Hari. The Unlikely Cyborg.Wired (London). December 1996, S. 82-87. You Are Cyborg: For Donna Haraway, we are already assimilated
- Madsen, Virginia: Interview for The Listening Room. Australian Broadcasting Corporation, Sydney. September 1990. DeeDee Halick, Nathalie Magnon, Sarah Williams, Eli Hollander (Production). Donna Haraway Reads The National Geographic on Primates. Paper Tiger Television. Tape Nummer 126. 1987
- More Than You Think, Less Than There Should Be. Praxis 3, 1992, S. 1-21
- Nature, Politics, and Possibilities: a Debate and Discussion with David Harvey and Donna Haraway. From the Association of American Geographers, Chicago, March 17, for Environment and Planning D: Society and Space 13/5. 1995, S. 507-27
- Penley, Constance; Ross, Andrew: Cyborg at Large. In: Penley, C.; Ross, A. (Hrsg) : Technoculture. University of Minnesota Press. Minneapolis, June 1991, Hardcover, ISBN: 0816619301
- The Quest for Primate Nature. Lecture presented on KPFA. San Francisco, California, 12.12.1981
- Tatsumi, Takayuki: The Literature of Cyborg Feminism: An Interview with Donna Haraway. Hermes 31. Iwanami-Shoten Publishers. Tokyo, May 1991, S. 152-65
- „Wir sind immer mittendrin“ : Ein Interview mit Donna Haraway - In: Haraway, Donna: Die Neuerfindung der Natur: Hier verknüpft sie explizit ihre persönliche Lebensgeschichte und ihr Werk mit den jeweiligen gesellschaftlichen Bedingungen.
- Young, Robert (Produktion): Human Nature. British ITV Channel 4 series Crucible. 1982

