Transdisziplinarität

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Transdisziplinarität ist ein akademisches Konzept der Wissensproduktion, das versucht mit traditionell nicht-disziplinärem Wissen umzugehen.[1] Transdisziplinäres Arbeiten geht dabei über innerwissenschaftliche Grenzen hinaus und strebt nach einer problemorientierten, kritisch-produktiven Erweiterung disziplinärer Perspektiven bei der Wissensproduktion.

Transdisziplinarität gilt den einen als Beginn eines neuen Wissenstyps, den anderen als Korrektiv und Motor wissenschaftlicher Modernisierung.

Geschichte & Problemfeld

Ein Blick in die Wissenschaftsgeschichte zeigt, dass disziplinenübergreifende und kritisch-selbstreflektierende Wissenschaftkonzepte, wie Inter- und Transdisziplinarität[2], immer dann Konjunktur haben, wenn größere gesellschaftliche Umbrüche, Krisen und unübersichtliche Problemlagen zu meistern sind.

Im 20. Jahrhundert zeichnete sich innerhalb des Wissenschaftsbetriebs vor dem Hintergrund breiter gesellschaftlicher Umbrüche eine solche Krise ab[3]. Konstruktivistische und postrukturalistische Ansätze erlebten mit ihrer Idee von der Konstruiertheit bzw. der politische und sozialen Situiertheit von Wissen einen kräftigen Aufschwung. Entsprechend gerieten auch die Vorstellung von der Einheit des gesellschaftlichen Wissens und einem zusammenhängenden Wissenschaftssystem, sowie die Regeln der Wahrheitsfindung und die postulierte Objektivität, Neutralität und der universelle Geltungsanspruch wissenschaftlichen Wissens in eine Legitimationskrise. Es begann eine neue Suche nach neuen Qualitätsstandards für die akademische Wissensproduktion.

Auch rückten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die gesellschaftlichen Formationen Wissenschaft, Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Staat immer enger zusammen, so dass die erklärte wissenschaftliche Autonomie zusehens nicht mehr haltbar wurde. Wissen wurde zu einem umkämpften Gut und die Wissenschaften zunehmend in die Pflicht genommen, auch bezüglich ihrer Legitimität. Neues und mehr Wissen sollte helfen die wachsenden Anforderungen und Unsicherheiten der Wissensgesellschaft und die sich abzeichnenden Folgeerscheinung dieses wissenschaftlich-technischen Wissens zu bewältigen[4]. Sowohl innerwissenschaftliche Kritik, als auch Kritik von außerhalb des Wissenschaftsbetriebes an der Organisationsstruktur der Universitäten und Hochschulen wurden laut, beispielweise von der Student_innenbewegung und sozialen Bewegungen, wie der Umweltbewegung, der Friedensbewegung und innerhalb derer die Frauenbewegung.

Innerwissenschaftlich setzte sich vorallem auch die Einsicht durch, dass viele neuere und gesellschaftlich relevante Problemlagen und Fragen sich nicht mehr durch Zugriff mittels einer Disziplin lösen lassen, wie beispielsweise Fragen des Umweltschutzes und der Nachhaltigkeit oder solche zum Geschlechterverhältnis. Dazu kam eine fortschreitende Unübersichtlichkeit des Wissenschaftssystems durch die rasche Zunahme von Wissen und der disziplinären Spezialisierung und Partikularisierung und deren institutionelle Abgrenzungen (Mittelstraß 2005). Es mangelte in Folge dessen zusehens an der Fähigkeit und Möglichkeit miteinander zu kommunizieren oder gar zu kooperieren[5]. Daraus ergaben sich die erwähnten Probleme bestimmte außerwissenschaftlich relevante Fragen disziplinär zu fassen und zu bearbeiten. Ebenso stießen Wissenschaftler_innen ganz grundsätzlich an Grenzen der Erkenntnisfähigkeit.

Inter- und Transdisziplinarität war (und ist) in diesem Zusammenhang ein Versuch die Wissensbestände und das Wissenschaftssystem kritisch zu hinterfragen und drängende gesellschaftliche Probleme zu lösen, da sie fähig scheinen disziplinäre Verengungen durch ihren grenzüberschreitenden und kritischen Impetus aufzuheben und innovative Milieus zur Erneuerung des Wissen(schaft)ssystems zu gestalten.

Begriff

In der Literatur über Transdisziplinarität wird vielfach von einem nicht einheitlichen Verständnis von Transdisziplinarität gesprochen. Charakteristisch für transdisziplinäre Ansätze ist jedoch meist die Nichteinordbarkeit des vorhandenen und des produzierten Wissens in traditionelle wissenschaftliche Disziplinen und dessen disziplinenübergreifender Zusammenarbeit. Dies kann einerseits wissenschaftsimmanent durch das kritische und nachhaltige Infragestellen und Überschreiten bisheriger Disziplinengrenzen bedingt sein und andererseits durch das enge Zusammenspiel von wissenschaftlichen und ausserwissenschaftlichen Akteur_innen und deren Wissensbestände.

Der Fokus transdisziplinären Arbeitens liegt jedenfalls nicht auf dem disziplinären Zugriff, sondern auf einem speziellen Gegenstand, einer gemeinsamen Fragestellung oder einem zu lösenden Problem. Je nach Anwendungskontext kann es verschiedene, nicht festgelegte Aspekte, Zugänge, Theorien und Methoden beinhalten. Diese werden erst im Prozess der Wissensproduktion kooperativ ausgehandelt und generiert.

Transdisziplinäres Arbeiten findet mittlerweile in weiten Teilen der wissenschaftlichen Wissensproduktion Beachtung und Anwendung. Konstitutiv ist dieses Arbeitskonzept jedoch vorallem für die Nachhaltigkeitsforschung und die Frauen- und Geschlechterforschung, streckenweise auch für die Kunst[6].


Konzeptionen

Idealtypisch lassen sich zwei Konzepte unterscheiden, anwendungsorientiert-partizipative Transdisziplinarität und disziplinenorientiert-dekonstruktive Transdisziplinarität (vgl. Hark 2005, Maasen 2008). Beide Konzepte verbleiben im Wissenschaftsbetrieb.

anwendungsorientiert-partizipative Transdisziplinarität

Dieser Ansatz hat sich vorallem im Umfeld der Nachhaltigkeitsforschung entwickelt und sieht sich an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Die spezifischen Erwartungen an dieses Konzept sind einerseits angemessene und innovative Problemanalysen und andererseits die Akzeptanz seitens sozial relevanter Gruppen.

Im Zentrum stehen Fragen, Probleme und Problemlösungen der Anwendungen wissenschaftlichen Wissens. Die entstehenden Verschiebungen innerhalb der Wissensproduktion sind eher struktureller bzw. institutioneller Art. Dabei werden die Grenzen von Wissenschaft und Nicht-Wissenschaft (Privatwirtschaft, Produkt- & Technologieentwicklung, Interessenverbände) oder zwischen verschiedenen Wissensformen (institutionalisiertes und/oder wissenschaftliches Wissen, Erfahrungs- und Alltagswissen, lokales Wissen, Kunst) versucht zu überbrücken und potentielle Nutzer_innen und Akteure partizipativ in die Wissensgenerierung und Gestaltung von Lösungsvorschlägen eingebunden.

Das erzeugte Wissen entsteht und entwickelt sich im Kontext der Anwendungsbereiche und bleibt auf diese bezogen, es wird nicht wissenschaftlich disziplinär differenziert und definiert. Zu diesem Bereich gehört u.a. die sogenannte Mode2-Konzeption, welche als außer- bzw. postuniversitäre Wissensorganisation beschrieben wird (Hark 2005). Die Wissensproduktion selbst ist stark vernetzt (Forschungszentren, Regierungsbehörden, Industrielaboratorien, Think-Tanks, Beratungsbüros und Wissenschaftsbetrieben) und hat ihre eigenen (nicht diszplinären) theoretischen Strukturen und Forschungsmethoden[7]. Betont wird hierbei die gesellschaftliche Eingebundenheit und Verantwortlichkeit.

Zu den wissenschaftsimmanenten Qualitätskriterien treten damit weitere soziale, politische und ökonomische Kriterien hinzu, da sich verstärkt an sozialen und ökonomischen Werten, politischen Zielen und den Medien orientiert wird. Dieser Mode2 der Wissensproduktion wird von einigen Vertreter_innen auch als epistemologische Umwälzungen der Wissenschaft verstanden[8]. Diese These der grundlegenden Veränderung der traditionellen Disziplinenstruktur und der Organisationsstruktur des Wissenschaftsbetriebs ist allerdings umstitten (zur Kritik vgl. Weingart 1999).

disziplinenorientiert-dekonstruktive Transdisziplinarität

Dieser Ansatz hat sich vorallem innerhalb der Frauen- und Geschlechterforschung etabliert, wird aber auch in anderen Disziplinen (bspw. Wissenschaftsgeschichte) vorallem aus wissenschaftskritischen Positionen heraus diskutiert.

Das Konzept konzentriert sich nicht auf die Grenzüberschreitungen von wissenschaftlichem und nicht-wissenschaftlichem Wissen, sondern auf einen innerwissenschaftlichen wechselseitig reflexiven Austausch zwischen verschiedenen Disziplinen und streckenweise die Systematisierung von spezialisiertem Wissem. Auch hier geht es darum spezielle (meist erkenntnistheoretische) Problemlagen entlang von disziplinär bestimmten Gegenständen, Methoden, Definitionen, Technik(en) und Selbstverständnissen zu thematisieren, gemeinsam kritisch ins Gespräch zu bringen und bearbeitbar zu machen.

Fokussiert wird dabei die Historizität und erkenntnistheoretische Kontingenz der jeweiligen Wissenschaftskulturen zum Zweck der kritisch-innovativen Fortentwicklung disziplinärer Wissenschaft (→ Situiertes Wissen, Haraway 1995, → Methodische Transdisziplinarität, Mittelstraß 2005).

Die disziplinäre Organisation des Wissens soll dabei nicht aufgehoben werden, sondern es geht vielmehr um die Schaffung einer innovativen Umgebung in der Wissen überprüft, neu kontextualisiert und formuliert werden kann. Der rhetorisch implizite Gegensatz von Disziplinarität und Transdisziplinarität ist dabei ein eher funktionaler (vgl. Hark 2005). Zentral ist eher der auf Dominanzverhältnisse gerichtete reflexive und emanzipative Impetus, der die disziplinäre Situierung der Akteur_innen deutlich machen soll.

Vertreter_innen der deutschsprachigen Gender Studies verstehen Transdisziplinarität demnach vielfach als "machtsensible Transdisziplinarität (...) als ein Dialog mit sich selbst und dem eigenen Anderen (...) ein epistemologisches Projekt, das die hegemonialen Bedingungen von Wissenserzeugung kritisch reflektiert. "(Walgenbach/Dietze/Hornscheidt/Palm 2008, 20f)


Methodische Transdisziplinarität

Der Begriff und das Konzept der Methodische Transdisziplinarität stammt von Jürgen Mittelstraß und taucht immer wieder in den Debatten um Transdisziplinarität auf, daher soll er hier exemplarisch vorgestellt werden.

Mittelstraß gilt Transdisziplinarität als ein leitendes Forschungs- und Wissenschaftsprinzip (kein Theorieprinzip), das komplexe und disziplinär nicht einordbare Frage- und Problemstellungen, sowie Lösungsansätze und Handlungsstrategien fähig ist zu entwickeln.

Er versteht Transdisziplinarität als Versuch die disziplinär enger werdenden Grenzen des Wissenschaftssystems[9] zu übertreten und zu überwinden, die Asymmetrie zwischen wissenschaftlicher und außerwissenschaftlicher Problementwicklung und der disziplinären Entwicklung[10] zu überbrücken und die disziplinäre Engführung aufzuheben hin zu einem produktiven Forschungshandeln. Als wissenschaftliche Arbeits- und Organisationsform verstanden soll Transdisziplinarität also fachliche und disziplinäre Perspektivenverengungen als Resultat institutioneller Routinen aufheben helfen.

Transdisziplinarität basiert dabei auf einer andauernden Kooperation, welche die disziplinären Grundlagen und Kompetenzen benötigt und im Arbeitsprozeß soweit verändert, dass ein neues disziplinenübergreifendes Wissen und Forschungshandeln entsteht. Transdisziplinarität leitet die Problemwahrnehmung und deren Lösung, Aufgabenfelder und Forschungsgegenstände können damit abgesteckt und definiert werden, aber sie verfestigen sich nicht in einem Theorie- oder Methodengebäude. Vielmehr muß die konkrete transdisziplinäre Arbeitsweise je nach faktischer Problemlage in einem Prozeß von dialogischer Aushandlungen zu eigens dafür geeignten Arbeitsformen und letztlich zu einem gemeinsamen Text zusammengearbeitet werden.

Nach Mittelstraß sind dafür vier chronologisch geordnete und methodisch rekonstruierbare Stufen der Wissensproduktion notwendig:

  1. "Der uneingeschränkte Wille zu lernen und die Bereitschaft, die eigenen disziplinären Vorstellungen zur Disposition zu stellen. (...) disziplinärer Ansatz"
  2. "Die Erarbeitung eigener interdisziplinärer Kompetenz, und zwar in der produktiven Auseinandersetzung mit anderen disziplinären Ansätzen. (...) Einklammerung des Disziplinären"
  3. "Die Fähigkeit zur Reformulierung der eigenen Ansätze im Lichte der gewonnenen interdisziplinären Kompetenz. (...) Entdisziplinierung im Argumentativen"
  4. "Die Erstellung eines gemeinsamen Textes, in dem die Einheit der Argumentation (‘transdisziplinäre Einheit’) an die Stelle eines Aggregats disziplinärer Teile tritt. (...) Transdisziplinarität als argumentative Einheit"

Entscheidend für Mittelstraß ist vorallem die "argumentative Einheit" - die gesuchte Wissenseinheit als Antwort auf eine komplexe, transdisziplinär entwickelte Fragestellung. Sie liegt in der gemeinsamen argumentativen Erzeugung des gesamten Forschungs- und Wissenschaftsprozesses samt seiner Methoden und Arbeitsweisen über die beteiligten Disziplinen hinweg und durch diese hindurch. Das Methodische an der Mittelstraß'chen Transdisziplinarität sind die wohlunterscheidbaren und rekonstruierbaren Stufen dieses Prozesses. Die beteiligten Disziplinen sind jedoch nicht einfach nur Ressourcen einer Transdisziplinären Zugangsweise, sondern sie überwinden ihre eigenen methodischen Zugänge und theoretischen Grundlagen und gehen als Disziplinen ebenso verändert aus dem Arbeitsprozeß hervor - eine neue (Trans-)Disziplinarität entsteht. (Mittelstraß 2005)

Damit geht Mittelstraß über eine rein kompensierende und additive Funktion (vgl. multi- oder interdisziplinäre Ansätze) zur Disziplinarität hinaus.

Abgrenzung

In den verschiedene Versuchen Transdisziplinarität zu definieren, finden sich immer wieder sehr enge Bezüge zu den anderen Wissenschaftspraxen, wie Disziplinarität, Multi- oder Pluridisziplinarität, Interdisziplinarität, Postdisziplinarität und angewandeter Forschung. Die hier kurz vorgestellten Definitionen dieser Praxen sollen das Konzept Transdisziplinarität besser fassbar machen. Sie sind letztlich jedoch nur Annäherungen, die Übergänge zwischen den einzelnen Ansätzen sind fließend und befinden sich selbst in einem ständigen Prozess von Aushandlung und Veränderung.

Disziplinarität

Die zum jetzigen Zeitpunkt dominante Form der akademischen Wissensproduktion und -organisation ist die Disziplinarität. Disziplinen sind Strukturelemente der wissenschaftlichen Ordnung bzw. je spezifische Wissenschaftskulturen. Sie gelten als historisch gewachsene Einheiten, deren Grenzen das Ergebnis fortwährend komplexer sozialer Interaktionen sind, welche sich nicht eindeutig und abschließend definieren lassen. Disziplinen sind soziale Konstrukte, Effekt und Spiegel ihrer Zeit und entsprechend eingebunden in die herrschenden Machtstrukturen. Disziplinarität bedeutet also einen je spezifischen Blick auf ein wissenschaftliches Feld zu haben. So durchlaufen Wissenschaftler_innen während ihrer akademischen Ausbildung einen disziplinenspezifischen Formierungsprozeß und erlangen dabei ebendiese disziplinäre Sicht auf die Welt, methodische Kompetenzen und Begriffe und akzeptieren bestimmte Wissenschaftsstandard. So erschließen sich der_dem disziplinär arbeitenden Wissenschaftler_in bestimmte Sachverhalte besonders deutlich, andere hingegen gar nicht. Disziplinarität hat also vorallem "(...) die Funktion, die geistigen Kräfte zu disziplinieren und die wissenschaftliche Energie zu kanalisieren." (Wallstein u.a.1996: 101)

Disziplinen orientieren sich an und gruppieren sich zwar um spezielle Gegenstände, Theorien, Methoden und Zwecke, sind aber oft von disziplinären Überschneidungen geprägt.

Disziplinäre Identität konstituiert sich anhand:

  • einer historischen Identität, bspw. dem disziplinären Kanon und einer Geschichtsschreibung;
  • eines kognitiven Komplexes, der sich u.a. aus speziellen Gegenständen, Forschungszwecken, Methoden, Theorietraditionen und einer eigenen Fachsprache zusammen setzt;
  • eines sozialen Komplexes in Form einer Wissenschaftsgemeinde (scientific community)
  • eines spezifischen Kommunikationszusammenhangs, wie bspw. eigene Publikationsformen und -foren, Tagungen und Konferenzen.


Multi-/ Pluridisziplinarität

Bei dieser Wissenschaftspraxis wird der Gegenstand bzw. die Fragestellung durch die Vertreter_innen der beteiligten Disziplinen autonom mit ihren je fachspezifischen Perspektiven, Methoden und Terminologien bearbeitet, ohne dass ein disziplinenübergreifender Austausch stattfindet. Die Ergebnisse und Erkenntnisse dieser Form der wissenschaftlichen Kooperation werden schließlich additiv und ohne gegenseitigen Bezug zusammengebracht. Eine Veränderung disziplinärer oder theoretischer Strukturen wird dabei nicht angestrebt, es soll lediglich von der Expertise der Spezialist_innen und ihrer disziplinären Fokussierung profitiert werden.

Interdisziplinarität

Diese Form der Wissensproduktion ist eine zeitlich begrenzte Kooperation von mindestens zwei verschiedenen Disziplinen. Sie gilt als koordinierte wissenschaftliche Zusammenarbeit, die vom einfachen Ideenaustausch über situative Synthese von Methoden und Kompetenzen bis zur gegenseitigen Integration oder Fusion von Theorien und Methoden reichen kann. Dabei geht es im Allgemeinen um die Erweiterung wissenschaftlicher Wahrnehmungsfähigkeit, welche eingeengt durch disziplinäre Sichtweisen die Komplexität bestimmter Gegenstände und Problemfelder nicht mehr fassen und adäquat bearbeiten kann. Somit versteht sich der interdisziplinäre Ansatz als Reaktion auf die zunehmende disziplinäre Spezialisierung und spiegelt die Einsicht in die Vielschichtigkeit wissenschaftlich bearbeitbarer Phänomene.

Interdisziplinarität weist historische und erkenntnistheoretische Parallelen zum Konzept der Transdisziplinarität auf, teilweise werden beide Konzepte zusammengeführt (vgl. Mittelstraß 2005). Werden die beiden Konzepte jedoch unterschieden, dann verweist Interdisziplinarität explizit auf die integrative Zusammenführung verschiedenen disziplinäre Kompetenzen und Perspektiven. Im offenen Dialog zwischen den beteiligten Disziplinen wird versucht einen Einblick in die verschiedenen Ausrichtungen und Zugänge zu erlangen und Schnittstellen ausfindig zu machen, um einen produktiven Wissenstransfer im Disziplinenfeld der Wissenschaft zu fördern. Es fehlt jedoch meist der Anspruch die "Herkunftsdisziplinen" und deren theoretische und methodische Grundlagen grundlegend und nachhaltig zu hinterfragen und zu verändern.

Postdisziplinarität

Diese Form der Wissensproduktion löst sich von jeglicher disziplinärer Eingrenzung, d.h. sowohl der disziplinäre Ausgangspunkt, als auch die Ergebnisse sind nicht mehr bestimmbar.[11]

angewandte Forschung

Die angewandten Forschung ist ebenfalls eine wissengenerierende Kooperationsform zwischen verschiedenen Disziplinen und der Produkt- & Technologieentwicklung der freien Wirtschaft. Meist wird durch eine Forscher_innengruppe problembezogen ein wissenschaftlicher Beitrag zur Lösung lebensweltlicher Fragestellungen in Form von Praxisbegleitung oder Wissensbündelung erbracht. Die theoretischen und methodischen Grundlagen werden dabei nicht reflektiert, da die etablierten disziplinären Perspektiven und Methoden für die Forschungsarbeit ausreichen. Die erarbeiteten Fragestellungen können, müssen aber nicht wissenschaftlich anschlußfähig sein.


Transdisziplinäre Kompetenz

Unter dem Begriff transdisziplinärer Kompetenz wird die erkenntnisorientierte methodische Fähigkeit verstanden, sich als einzelne Wissenschaftler_in konstruktiv-dialogisch und handlungs- und anwendungsorientiert in den Arbeitsprozeß einzubringen. Dabei geht es vorallem um die Fähigkeit mit verschiedenen Wissensformationen, unsicherem Wissen und Nicht-Wissen umzugehen, dieses einschätzen, bewerten und disziplinenunabhängig systematisieren zu können.

Transdisziplinäre Kompetenz gilt als eine Schlüsselqualifikation[12] in der heutigen stark ausdiffenrenzierten Wissens- und Informationsgesellschaft, da sie spezielle analytische, kommunikative und soziale Kompetenzen erfordert. Dazu gehören die Fähigkeiten (vgl. Baer 2005):

  • den eigenen methodischen und theoretischen Zugangs selbst- und machtkritisch zu verorten,
  • disziplinäre Differenzen kritisch und produktiv wahrzunehmen,
  • die eigene disziplinäre Arbeit permanent wissenschaftskritisch zu reflektieren und auf Stärken und Schwächen hin zu relativieren,
  • fragwürdige und problematische Positionen aushalten und konstruktiv damit umgehen zu können,
  • gegenseitige disziplinäre/außerdisziplinäre Anerkennung und Respekt.


akademischer Feminismus & Transdisziplinarität

Der akademische Feminismus als wissenschaftlich institutionalisiertes Standbein[13] der queer-feministischen Bewegung versteht sich selbst grundsätzlich als (inter- und) transdisziplinär.

Geschichtlich kann die feministische Intervention in die Wissenschaft bereits auf das 19. Jahrhundert datiert werden, als der bürgerliche Flügel der damaligen Frauenbewegung für die Zulassung von Frauen zur akademischen Ausbildung kämpfte und sich erste Ansätze zur Frauenforschung entwickelten [14]. Jedoch erst mit wachsendem Bedeutungsgewinn sozialer Bewegungen in den 1960er und 1970er Jahren entwickelte sich aus der quantitaiven und qualitativen Kritik der Frauenbewegung eine stetige Etablierung der Frauen- und Geschlechterfrage und des akademischen Feminismus in den verschiedenen Institutionen der Wissenschaft [15]. Diese grundlegende feministische Wissenschaftskritik umfasst(e) fünf Aspekte [16]:

  • historisch: die personellen und inhaltlichen Ausschlüsse von Frauen bei der disziplinären Ausdifferenzierung der Wissenschaft;
  • wissenssoziologisch: die Disziplinengrenzen, deren Gegenstandsbereiche, sowie theoretische und methodische Zugänge sind Ergebnisse von etablierten Machtstrukturen und bestimmen damit (und werden bestimmt von) Handlungs- und Einflußbereiche gesellschaftlicher Werte- und Interessengruppen;
  • epistemologisch: Disziplinengrenzen erwiesen sich (auch) als Erkenntnisgrenzen und vernachlässigten Fragen und Probleme, die quer zu den Disziplinen lagen, beispielsweise solche nach der Kategorie Geschlecht;
  • inhaltlich: feministische Forschungsgegenstände seien zu komplex und nicht reduzierbar und können nur als Ganzes adäquat bearbeitet werden;
  • politisch: die gesellschaftsrelevante und -verändernde Wissensproduktion, die sich nicht an der Organisation des Wissenschaftsbetriebs, sondern an lebenswertlichen Fragestellungen explizit weiblicher Existenzweisen orientiert (Kahlert 2001).

Dieser Kritik folgend boten sich vorallem interdisziplinäre Ansätze an, um die feministischen Forderungen zur personellen, inhaltlichen wie institutionellen Partizipation von Frauen am akademischen Diskus und für lebensweltliche Veränderungen der Gesellschaft zu plausibilisieren und zu legitimieren. Seit den 1980/90er Jahren verbreitet sich zunehmend der Begriff und das Konzept Transdisziplinarität innerhalb der feministischen Wissenschaftsdebatten[17].

Diese fünf Aspekten umreißen bereits den Gegenstand feministischer Wissenschaft - die vergeschlechtlichte (disziplinäre) Ordnung des Wissens. Die Kategorie Geschlecht ist hierfür der wesentliche Fokus und wird in ihren verschiedenen Bedeutungen, Dimensionen und auf den unterschiedlichen Ebenen multiperspektivisch erforscht. Es existiert dabei kein festgelegter Begriff von Geschlecht, sondern es geht viel mehr um die Analyse und kritische Befragung der etablierten Begrifflichkeiten zur Kategorie Geschlecht und wie diese Einfluß haben auf soziale Strukturen, die Verteilung politischer Macht und die Produktion von Wissen. Es geht darum die (oft unsichtbar gewordenen) disziplinären Querverbindungen entlang der Kategorie Geschlecht, sowie weiterer verknüpfter Ungleichheitskategorien wie Rasse[18], Klasse, Sexualität, Beeinträchtigung, ...[19] wahrzunehmen und die jeweiligen und gegenseitigen Plausibilisierungs- und Legitimierungsstrategien zu begreifen. Es wird beispielsweise danach gefragt, inwiefern Geschlechtsstereotype und andere gesellschaftliche Rollen- und Statuszuschreibungen die verschiedenen disziplinären Denkformen strukturieren oder wie bestimmte vergeschlechtliche und/oder rassifizierte Metaphern zwischen den einzelnen Disziplinen hin- und herwechseln und so Erkenntnisse über Natur und diese wiederrum hierarchische Gesellschaftskonstellationen, Privilegierungen und Diskriminierungen naturalisieren und plausibilisieren.

Der Gegenstand feministischer Wissenschaft wird also als ein transdisziplinär zu erfassender betrachtet - hier fliessen die verschiedenen Auffassungen von Geschlecht in Form einer transdisziplinären Kategorie zusammen(vgl. Kahlert 2005). Dazu bedarf es einer dezidierten Methodenvielfalt und breiter theoretischer Grundlagen. Ebenso wie es dabei keinen fest definierten und einheitlichen Begriff von Geschlecht gibt, existiert auch keine genderspezifische Methodik. Es sind gerade transdisziplinäre Arbeitsweisen in Forschung und Lehre und die entsprechenden Handlungskompetenzen, welche feministische Wissenschaft quasi 'disziplinär' eint. Ebenso wird versucht Positionen zu berücksichtigen, die keinen wissenschaftlichen/disziplinären Status haben, jedoch ebenfalls systematisch am Gegenstand arbeiten.

Im deutschsprachigen Raum wird versucht mit Hilfe transdisziplinärer Arbeitsweisen die systematische Berücksichtigung von Frauen- und Geschlechterfragen in der Forschungspraxis zu verankern. Dies geschieht einerseits durch formale Regulierungen (Quoten, Sprachgebrauch, Genderperspektiven) und anderseits durch die konzeptionelle Integration der Geschlechterverhältnisse als transdisziplinäre Wissenskategorie (problemorientiert, partizipativ, geschlechterdifferenzierend).

So ergeben sich in der transdisziplinären Forschungspraxis mehrere mögliche Ebenen der Berücksichtigung von Geschlecht:

  • explizites Geschlechterthema
  • geschlechtsspezifische Forschungsschwerpunkte
  • Geschlecht als Querschnittsmaterie
  • Geschlecht als integrative Forschungsdimension
  • Geschlecht als dem Handlungsfeld immanent
  • Einbezug formaler Aspekte (Expertise, Sprachgebrauch, allgemeine Reflexion geschlechterrelevanter Aspkte innerhalb der Forschungskooperation)(vgl. Maasen 2008).


Transdisziplinäres Arbeiten ist dabei nicht nur ein wesentliches Element feministischer Forschung, sondern gehört neben den disziplinären Zugängen zur universitären Ausbildung der Frauen- und Geschlechterforschung. Dabei wird versucht gleichzeitig und einen sich wechselseitig ergänzenden und reflektierenden disziplinären und transdisziplinären Kompetenzerwerb umzusetzen.

Die curriculare Palette der Frauen- und Geschlechterforschung[20] soll das breite und vielfältige Spektrum feministischen Forschens repräsentieren. Die Studierenden erfahren eine Vielzahl verschiedener disziplinäre Zugänge, Besonderheiten und Unterschiede, die verschiedenen theoretischer Verortungen und lernen die unterschiedlichen fachspezifischen Ansätze in der Auseinandersetzung kennen[21]. So sind beispielsweise fast alle Lehrveranstaltungen für Studierende unterschiedlicher Disziplinen konzipiert, was spezielle (transdisziplinäre) Kompetenzen auf Seiten der Lehrenden und Studierenden (er)fordert. Oft werden auch sogenannte Teamteaching-Seminare mit mehreren Lehrenden aus unterschiedlichen Fächern angeboten, in den aus den verschiedenen fachspezifischen Perspektiven der Gegenstand der Frauen- und Geschlechterforschung erschlossen wird. Dabei wird in diesen Veranstaltungen viel Wert auf den wechselseitigen theoretischen, methodischen und praktischen Austausch zwischen den Teilnehmer_innen gelegt. Weiterhin gibt es Veranstaltungen die klar einer Disziplin zugeordnet sind, andere befassen sich ausschließlich mit der Frauen- und Geschlechterforschung ansich und sind entsprechend nicht disziplinär erfassbar.


Disziplinarität und Transdisziplinarität haben im deutschen Wissenschaftsbetrieb sowohl Vor- als auch Nachteile. Wie bereits erwähnt sieht der akademische Feminismus transdisziplinäres Arbeiten als für sich konstitutiv an und gewinnt gerade aus der transdisziplinären Perspektive und Arbeitsweise ihr kritisches Potential. Transdisziplinäres Arbeiten sieht sich aber auch vor institutionellen Hürden, birgt wissenschaftspolitische Risiken und verlangt individuelle Mehrbelastung, so dass es innerhalb des akademischen Feminismus von Beginn an eine grundlegende Debatte zum eigenen disziplinären Status[22] und dessen Notwendigkeit gab und noch gibt.

Ein Problem der Institutionalisierung der Frauen- und Geschlechterforschung als wissenschaftliche Disziplin ist u.a. die Wahrscheinlichkeit von zu starker disziplinärer Klarheit und zu festen kognitiver Wissensstrukturen und damit verbunden die Beförderung von Hierarchie- und Dominanzbildung, methodischen und erkenntnistheoretischen Ein- und Ausschlüssen bzw. perspektivischen Verengung.

Es spricht jedoch einiges dafür, dass die Frauen- und Geschlechterforschung bereits einen eigenen disziplinären Status hat. So gibt es beispielsweise heute fortgeschrittene Institutionalisierungen, eine Kanonbildung und eine Geschichtsschreibung des akademischen Feminismus. Die Frauen- und Geschlechterforschung bringt zudem eigenen wissenschaftlichen Nachwuchs hervor und verfügt über eigenen fachspezifischen Kommunikationszusammenhänge in Form von Publikationen, Tagungen und Konferenzen.

Kritische Stimmen bemerken, dass mit zunehmender Institutionalisierung und Disziplinierung bzw. dem starker Druck sich innerhalb der Disziplinenstruktur zu positionieren dem akademischen Feminismus das kritisches Potential und der explizit politische Anspruch verloren geht. Das Agieren im hierarchisch organisierten Wissenschaftsbetrieb führe zur Reproduktion der bisher kritisierten Positionen. Marginalisiertes und "unsichtbares" Wissen finde in der institutionalisierten Frauen- und Geschlechterforschung schwieriger Beachtung, beispielsweise durch dogmatische Kanonisierung oder veränderte Legitimationszwänge.

Einigen Vertreter_innen zufolge bewegt sich die Frauen- und Geschlechterforschung ständig und unabdingbar in einem Spannungsverhältnis zwischen traditioneller (Herkunfts-)Disziplin und dem Selbstverständnis als eigenständige (Trans)Disziplin (Kahlert 2005). Gerade dieses Spannungsverhältnis gilt dabei als produktiv, vorallem hinsichtlich selbstkritischer Reflexion. Transdisziplinarität ist eben gerade nicht nur ein wissenschaftspolitisches, sondern auch ein erkenntnistheoretisches Projekt, bei dem es darum geht die örtliche und zeitliche Abhängigkeit produzierten Wissens immer wieder (neu) zu verhandeln.

Frauen- und Geschlechterforschung kann als aktuelles Beispiel für die These der Neu- und Umordnung im Wissenschaftssystems gelten, da sich hier u.a. zeigt wie transdisziplinäres Arbeiten Disziplinengrenzen nicht nur überschreitet und neues Wissen produziert, sondern den Konstitutionsprozess der Disziplinen, die Herausbildung neuer Disziplinen und eventuell die Neustrukturierung des Wissenschaftssystems fördert (Kahlert 2005).

Kritik & offene Fragen

Das gerade beschriebene Ringen um eine (trans_disziplinäre) Position im Wissenschaftsbetrieb ist gezeichnet von den verschiedenen Ansprüchen, einerseits der (autorisierenden/finanzierenden) Instituionen und andererseits vom Selbstverständnis der jeweiligen Akteur_innen.

Im öffentlichen und wissenschaftspolitischen Diskurs wird Transdisziplinarität oft als Metaphern für Innovation und Modernisierung verwendet; auch in der Frauen- und Geschlechterforschung. Zudem gilt sie hier (durchaus zu Recht) als Strategie um feministisch-kritische Positionen zu institutionalisieren und Fragen der Geschlechtergerechtigkeit auch im akademischen Diskurs zu etablieren.

Dabei sollte aber nicht aus den Augen verloren werden, das auch diese Perspektive nicht per se eine kritische und innovative sein kann. Transdisziplinarität hat ihre Ambivalenzen und sie bleibt eingebunden in gesamtgesellschaftliche, zeitlich wie lokal spezifische Diskurse und kann die hegemoniale Wissensproduktion ebenso stützen wie in Frage stellen. Im Kontext der Umstrukturierung der Universitäten nach ökonomischen Standards wird beispielsweise deutlich, wie Transdisziplinarität sowohl von marktorientierten, wie auch marktkritische Positionen positiv adaptiert wird (Hark 2003).

In diesem Zusammenhang bemerkt Hark bezüglich der momentanen Umsetzung von Transdisziplinarität einen "Verlust von politischen Ansprüchen und theoretischer Radikalität" (Hark 2005). So wirf die stärkere privatwirtschaftliche Einbindung und Verwertung transdisziplinär gewonnenen Wissens zunehmend ethische Fragen auf, welche vormals unter staatlicher Kontrolle eher Beachtung fanden und zumindest unter deren regulierender Kontrolle stand. Im privatwirtschaftlichen Kontext spielen ethische Fragen jedoch oft eher nachgeordnete Rollen. Machbarkeitswahn, finanzielle Anreize und Wettbewerbsdruck dominieren das Feld und es gibt selten einen Bezug auf wissenschafts- und gesellschaftstheoretische Debatten zur Bedeutung und zum Wandel wissenschaftlich-technischen Wissens in Zeiten globaler Transformation (Kahlert 2005).

Konkretes reales transdisziplinäres Arbeiten ist vorallem auch abhängig von finanziellen Ressourcen (Hark 2003). Wissenschaft wird dabei zunehmend als (Quasi-)markt verstanden, in dem Dienstleistungen erbracht werden und Kund_innen und Produkte agieren. Gerade transdisziplinäres Arbeiten erweist sich in diesem marktorientierten Kontext als besonders anschlußfähig, da ja ein Teil transdisziplinärer Methodik die Orientierung an Anwendungen und Nutzer_innen darstellt. Entspechend wird transdisziplinäre Kompetenz von einer akademisch-intellektuellen Fähigkeit zu einer strategischen Komponente der Fertigung von marktgerechten und konkurenzfähigen Angeboten (Maasen 2008). Auch der versteckten Streichungspolitik ist Transdisziplinarität bereits verdächtig geworden (Hark 2005).

Desweiteren kann eine Projektifizierung vorallem transdisziplinärer Wissensarbeit beobachtet werden, was unter anderem Auswirkungen auf die Organisation von Wissensarbeit hat. Problematisch dabei ist vorallem die stärker werdende Tendenz zur Präkarisierung und Informalisierung von Arbeitsverhältnissen, die Ausweitung und Verdichtung von Aufgaben, ein andauernd geforderter Kompetenzerwerb und eine überzogene Verantwortungszuweisung an den_die Einzelne_n. Auch auf dieser Ebene kann zunehmend eine Deregulierung der Arbeitsverhältnisse und -beziehungen beobachtet werden, Maasen spricht von Feminisierung[23] der Wissenarbeit (Maasen 2008).

In der Forschungspraxis ist transdisziplinäres Arbeiten wie bereits erwähnt nicht so einfach, wie es sich theoretisch darstellt. Ein erstes konkretes Problem transdisziplinärer Arbeiten ist die zunehmende Komplexität, mit der in Forschung und Lehre umgegangen werden muß. Viele Projekte haben zwar den expliziten Anspruch transdisziplinär zu arbeiten, in der Nachbetrachtung zeigt sich jedoch, dass dieser nicht bzw. schleppend und wenigsagend umgesetzt werden konnte. Dabei ist das Hauptproblem die systematische Überforderung der am Forschungsprozeß Beteiligten (vgl. Maasen 2008 bzgl. Geschlecht). Beispielsweise wirft der Einigungsprozeß bezüglich Terminologie & Methodologie nicht selten heftige Probleme auf und bedarf vielfach zusätzlicher professioneller, externer Expertise. Auch Forschungsförderung transdisziplinärer Projekte muß oft zusätzlich begleitet werden, da deren Begutachtung eher multidisziplinär erfolgt und die jeweiligen Gutachter_innen entsprechend "disziplinär abgeholt" werden müssen (Kahlert 2005). Hier gilt es also Strategien zu entwickeln.

Ebenso wurden die bisherige Konzeption von Transdisziplinarität und deren organisatorische und politische Konsequenzen auf die wissenschaftliche Praxis zu wenig durchdacht bzw. problematisch in wissenschaftsferne Diskurse eingebunden. In der alltäglichen wissenschaftlichen Praxis ergeben sich vor dem Hintergrund bestehender akademischer Regelungen beispielsweise folgenden Fragen[24]:

  • Kann es transdisziplinäre Ein-Mensch-Projekte geben oder ist Transdisziplinarität immer nur im Sinne kollaborativer Zusammenarbeit denk- bzw. machbar?
  • Wenn Transdisziplinarität nur als gemeinschaftliches Arbeiten verstanden wird, wie können dann wissenschaftliche Qualifikationsarbeiten in sich genuin transdisziplinär verstehenden Projekten wie den Gender Studies anfertigt werden, da Qualifikationsarbeiten auf alleinige Autor_innenschaft und disziplinäre Verortung bestehen?
  • Ist Transdisziplinarität in der jetztigen Konzeption bereits zu eng und wird den bestehenden Ansprüchen und Potentialen transdisziplinärer Forschung & Lehre nicht mehr gerecht?


Fußnoten

  1. Der Artikel bezieht sich bisher nur auf den deutschsprachigen Raum, inwiefern dieses Wissenschaftskonzept auch ausserhalb dieses Kontextes verstanden und angewandt wird, bleibt vorerst unberücksichtigt.
  2. Zu Beginn dieser Entwicklung wurde meist von Interdisziplinarität gesprochen. Erst später in den 1980er & 1990er Jahren verbreitete sich das Konzept der Transdisziplinarität. In der Folge und wohl wegen deren historischer, politischer und epistemologischer Gemeinsamkeiten werden diese beiden Konzepte sehr oft in einem Atemzug genannt und gemeinsam besprochen.
  3. Hier soll nur kurz die Diagnose vom "Übergang von der Industrie- zur Wissensgesellschafts" genannt werden. (vgl. Kahlert 2001; Kahlert 2005)
  4. Wissenschaftliches und technisches Wissen selbst wird zum Gegenstand der Forschung gemacht, beispielsweise in der Technikfolgenabschätzung, der Umweltforschung oder Wissenschaftssoziologie
  5. Bspw. durch hochgradige Spezialisierung und deren immer komplexer werdende Detailprobleme, dem Verlust der Ausgangsfrage und eines rückbindenenden größeren Zusammenhangs, sowie der Allgemeinverständlichkeit. (Hartmann 2005)
  6. Auf Transdisziplinarität in der Kunst wird in diesem Artikel nicht eingegangen. Näheres hierzu findet sich im Artikel Transdisziplinarität der Wikipedia.
  7. vgl. Gibbons, Michael; Limoges, Camille; Nowotny, Helga; Schwartzmann, Simon; Scott, Peter; Trow, Martin: The New Produktion of Knowledge. The Dynamics of Science and Researchin Contemporary Society. London u.a.: Sage 1994.
  8. Beispielsweise vertritt Helga Nowotny die These, dass jede institutionelle Veränderung der Wissenschaft, immer auch eine epistemologische Veränderung nach sich zieht. (vgl. Weingart 1999)
  9. Unübersichtlichkeit des Wissenschaftssystems, siehe Geschichte & Problemfeld in diesem Artikel
  10. disziplinäre Zugriffsprobleme, siehe Geschichte & Problemfeld in diesem Artikel
  11. Einen kurzen Abriß zur Frage postdisziplinären Arbeitens findet sich im Magistraarbeitsbegleitenden Weblog "Familytrouble - Queer families in Deutschland".
  12. Schlüsselqualifikationen sind überfachliche Handlungskompetenzen, die keinen unmittelbaren fachlichen und faktischen Bezug zu berufspraktischen Tätigkeiten haben, sondern eher die individuellen Fähigkeiten zum selbstorganisierten, flexiblen und innovativen Umgang mit den sich stetig verändernden Anforderungen fördern.
  13. Hierzu gehören u.a. die Frauenforschung, die Frauen- und Geschlechterforschung, die Männerforschung, die Gender Studies und die Queer Studies. Zudem gab es bereits vorher und gibt es noch immer diverse Frauenforschungsprojekte, einzelne disziplinär getragene Lehrstühle, Arbeitsschwerpunkte, Graduiertenkollegs. Sie alle sind eng mit der Geschichte der Frauenbewegung verknüpft und lassen sich aus gesellschaftstheoretischer Perspektive als Verwissenschaftlichung des frauenbewegten & queer-feministischen Protest gegen die geschlechtshierarchische, hetereosexistische, rassistische Gesellschaftsordnung verstehen.
  14. vgl. nach Kahlert 2005: Nitsch, Wolfgang: Hochschulentwicklung und soziale Bewegungen. In: Neusel, Ayla; Teichler, Ulrich (Hg.): Hochschulentwicklung seit den sechziger Jahren. Konzinuität - Umbrüche - Dynamik? Weinheim, Basel: Beltz, 1986. S.360. Gerhardt, Ute: "Illegitime Töchter". Das komplizierte Verhältnis zwischen Feminismus und Soziologie. In: Friedrich, Jürgen; Lepsius, M. Rainer; Mayer, Karl-Ulrich (Hg.): Die Diagnosefähigkeit der Soziologie. Sonderheft 38 der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie. Opladen: Westdeutscher Verlag, 1998.
  15. Ausführlich zur Diskursgeschichte des akademischen Feminismus siehe Hark 2005.
  16. Zur Kritik an dieser Argumentation siehe Kahlert 2001: 7.
  17. So wurden beispielsweise das Zentrum für interdisziplinäre Frauenforschung (ZiF) und der Magisterstudiengang Geschlechterstudien/Gender Studies der Humboldt-Universität zu Berlin im Juli 2003 im Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien zusammengeführt
  18. Den Begriff Rasse verwende ich hier weder als Referenz auf natürliche oder biologisch begründete, noch visuelle Evidenzen, sondern er bezeichnet eine soziopolitische Position innerhalb unserer gesellschaftlichen Hierarchie. Die Verwendung des deutschen Begriff statt des englischen race, begründe ich einerseits mit der Verwendung bzw. dem "Ursprung" in einem anderen soziopolitischen Kontext, andererseits soll der deutsche Begriff explizit auf die gegebene spezifische Eingebundenheit in die deutsche Geschichte und Gegenwart verweisen. Der Begriff bezeichnet also keineswegs ein "Faktum" im natürlichen Sinne, sondern eine Analyse- und Ungleichheitskategorie um spezifisch rassistische Probleme sicht- und verhandelbar zu machen.
  19. "..." steht für die Unabgeschlossenheit der Aufzählung und will diese sichtbar machen. Es existieren noch eine Menge weiterer Ungleicheitskategorien, die hier jedoch nicht aufgezählt werden können. Es ist der Versuch eine situierte Beschreibung darzulegen, die jedoch nie vollständig sein kann (→ Supplement, vgl. Butler 1991:210)
  20. im deutschsprachigen Raum
  21. Beispielsweise gibt es an der Humboldt-Universität zu Berlin derzeit 22 Professor_innen, die in 17 verschiedenen Disziplinen verankert sind. Einen besonderen Stellenwert haben dabei die Professuren mit einer (Teil-)Denomination in den Gender Studies, die teilweise aus dem Stellenkontingent der Fächer, teilweise aus dem des ZtG und im Falle der Juniorprofessuren aus dem Berliner Nachwuchsförderungsprogramm finanziert werden. Fächerübersicht der Gender Studies an der Humboldt Universität zu Berlin
  22. So bringt teilweise die Institutionalisierung eine Disziplinierung mit sich, die je nach Perspektive und Position als beabsichtigt oder unbeabsichtigt erscheint.
  23. Für Maasen bedeutet Feminisierung: 1. steigende Zahl erwerbstätiger Frauen, 2. materielle Notwendigkeit von Frauenerwerbsarbeit, 3. Präkarisierung und Informalisierung von Arbeitsverhältnissen
  24. Die Fragen sind von Studierenden der Gender Studies der Humboldt Universität aufgeworfen worden. Link zur Quelle: http://familytrouble.wordpress.com/2008/02/06/disziplin-inter-oder-trans-oder-gar-postdisziplinar/

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Weblinks

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