Männlichkeit
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Im deutschsprachigen Raum findet seit den 1990er eine verstärkte Auseinandersetzung mit Männlichkeit als sozialem Phänomen statt (vgl. Hirschauer 1994; Meuser 1998; Brandes 2002). Diese wurde durch die internationale Frauen- Schwulen und Geschlechterforschung, der Pädagogik und der Männerbewegung inspiriert. Männlichkeit ist kein singuläres Phänomen, sondern ein „Aspekt innerhalb eines Systems von Geschlechterverhältnissen” (Connell 1999:105, Herv. i. O.) und erhält seinen Bedeutungsgehalt immer unter Bezug auf Weiblichkeit. Dies bezieht sich sowohl auf die individuelle Dominanz einzelner Männer gegenüber Frauen, als auch auf die institutionell geronnene männliche Herrschaft, wie beispielsweise die gegenderte Verteilung von Erwerbs- und Reproduktionsarbeit.
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Das System hegemonialer Männlichkeit
Mitte der 1990er legte Raewyn Connell mit dem Konzept des „Systems hegemonialer Männlichkeit“ einen konsistenten Erklärungsansatz für Männlichkeiten vor, der Macht und soziale Konstruktion miteinander verbindet. Connell gebraucht den Begriff der Hegemonie in Anlehnung an Antonio Gramsci. Die Hauptthese ist, dass zur Aufrechterhaltung von Herrschaft Hegemonie als ein gemeinsames, gesellschaftlich akzeptiertes Arrangement entscheidend ist. „Die Aushandlung von Hegemonie ist keine Frage der Aushandlung zwischen bereits festgelegten Gruppierungen, sondern zum Teil eine Frage der Bildung dieser Gruppierungen” (Carrigan/Connell/Lee 1996:64, Herv. i. O.). Die geschlechtliche Herrschaft findet unter Zustimmung und Mitarbeit derjenigen statt, die beherrscht werden. Die ‚doppelte Herrschaft’ bezieht sich sowohl auf das hierarchische Verhältnis zu Weiblichkeit, als auch auf Dominanzen zwischen unterschiedlichen Männlichkeiten und beruht somit nicht nur auf direkter Unterdrückung sondern auch auf einer weitgehend geteilten Zustimmung von Frauen und untergeordneten Männern.
Bei Männlichkeiten handelt es sich nicht um die individuelle Geschlechtszugehörigkeit einzelner Männer, sondern um „Handlungsmuster“ (Connell 1999: 105), die Männer im Geschlechterverhältnis positionieren und die weiterreichende Effekte (auf Körper, Persönlichkeit, Kultur, etc.) haben. Das System hegemonialer Männlichkeit umfasst nach Connell vier verschiedene Formen: hegemoniale, komplizenhafte, untergeordnete und marginalisierte Männlichkeit.
- Hegemoniale Männlichkeit stützt sich normativ auf Heterosexualität, auf die Möglichkeit, Gewalt einzusetzen, den Besitz an Produktionsmitteln und verfügt über einen privilegierten Zugang zu vielen Bereichen gesellschaftlicher Macht. Peter Döge definiert hegemoniale Männlichkeit zusätzlich als weiß, körperlich nicht eingeschränkt und auf ökonomischen Erfolg hin orientiert (Döge 2003).
- Komplizenhafte Männlichkeit umfasst all jene Männer, die zwar von der Geschlechterordnung profitieren, aber nicht mit den gesamten Risiken und Auseinandersetzungen konfrontiert sind. Im alltäglichen Spannungsfeld agieren diese zwischen der Rolle als Familienernährer und der Teilung der Reproduktionsarbeit, zwischen Kompromissbildung mit Frauen und Antifeminismus und vereinen dabei widersprüchliche Elemente. Auch hier findet sich eine starke Orientierung auf Erwerbsarbeit als wesentliches Merkmal von Männlichkeit (vgl. Zulehner/Volz 1999; Brandes 2002; Döge 2003).
- Als auffälligste untergeordnete Form gilt schwule Männlichkeit. Dabei geht es nicht nur um die (gewaltförmige) Unterdrückung konkreter Homosexualität, sondern um die Ausgrenzung aus dem System hegemonialer Männlichkeiten durch symbolische Verweiblichung. Als schwul etikettiert wird alles, was die patriarchale Ideologie ausschließt. Dies reicht von körperlichen Merkmalen wie zu heller Stimme über ‚Schwäche zeigen’ bis zur Codierung unmännlicher Kleidung. Dem Homosexualitätstabu kommt deswegen ein besonderer Stellenwert zu, da Männlichkeit innerhalb der so genannten ‚heterosexuellen Matrix’ erst durch Heterosexualität abge¬sichert wird. Homosexualität markiert demnach eine Grenze zwischen als legitim und illegitim geltenden Formen von Männlichkeit (vgl. Connell 1999; Brandes 2002; Budde 2005). Auch nicht heterosexuelle Jungen und Männer können dementsprechend von Unterordnung betroffen sein.
- Der Begriff der marginalisierten Männlichkeit nimmt Bezug auf weitere Kategorien sozialer Ungleichheit. Connell führt beispielhaft ‚schwarze’ Männlichkeit an, die in Teilbereichen wie Kultur oder Sport durchaus dominant sein kann, aber gleichzeitig in der erlebten ethnischen Marginalisierung eigenständige Formen von Männlichkeit ausbildet. Für Deutschland kann dies mit der Konstruktion des ‚türkischen Mannes’ durch die Dominanzkultur verglichen werden (vgl. Bohnsack 2001), dem als eine moderne Variante des rassistischen Bildes vom ‚Edlen Wilden’ Maskulinität und Ursprünglichkeit zugleich zugeschrieben wird. Des Weiteren gilt die Zugehörigkeit zu unterprivilegierten Klassen oder zur Gruppe der Arbeitslosen als weitere Faktoren, die zur Entstehung marginalisierter Männlichkeiten führen können (vgl. Connell 1999).
Das Zusammenspiel von Inklusion und Exklusion ist ein wesentlicher Mechanismus der Abgrenzung von komplizenhafter bzw. hegemonialer Männlichkeit gegenüber untergeordneter bzw. marginalisierter Männlichkeit. Auf der einen Seite ist gerade der kollektive Männerbund der exklusive Ort der Inklusion und Solidarität legitimer Männlichkeiten, welcher der wechselseitigen Vergewisserung der eigenen Normalität und der Aufrechterhaltung eigener Privilegien dient (vgl. Budde 2005). Die homosoziale Gemeinschaft zeichnet sich durch Frauenexklusivität, Aggressivität sowie der Erhaltung und Verteidigung männlicher Machtpositionen aus. Männerbünde sind zumeist nicht nur Zusammenschlüsse von einzelnen Männern, sondern ebenso institutionalisierte Struktur, wie beispielsweise im Managementbereich oder in der Politik (vgl. Döge 2003; Blazek 1999). Auf der anderen Seite werden untergeordnete und marginalisierte Männlichkeiten ebenso ausgegrenzt und entwertet wie Frauen bzw. Weiblichkeit. Das Ausschließen ist konstitutiv für die Bildung von Gruppen komplizenhafter und hegemonialer Männlichkeiten (vgl. Meuser 2002). Dadurch wird die Mehrheit der Männer ‚auf Linie‘ gebracht und am normativen Modell ausgerichtet. Ein wesentliches Kennzeichen des Systems hegemonialer Männlichkeit ist, dass gerade nicht alle Männer dem hegemonialen Ideal entsprechen können oder wollen. Angesichts der Komplexität der Geschlechterverhältnisse gibt es keine einheitliche Strategie zur Herstellung von Hegemonie, sondern Kombinationen verschiedener, auch widersprüchlicher Strategien.
Der männliche Habitus
Zur Präzisierung der sozialen Positionierung arbeitet die soziologische Männerforschung mit dem Habitus-Konzept von Bourdieu. Dieses erklärt, wie – durch den Habitus - situationsangemessenes Verhalten möglicht ist, ohne dass dieses permanent bewusst ist. Der Habitus ist eine Vermittlungsinstanz zwischen gesellschaftlichen Strukturen und subjektiven Inszenierungen. Insbesondere im Zusammenspiel von Konkurrenz und Männersolidarität der hegemonialen und komplizenhaften Männlichkeit findet sich eine mächtige Bastion des männlichen Habitus.
Dem Körper kommt eine zentrale Stellung bei der Herstellung, Aufrechterhaltung und Repräsentation des männlichen Habitus zu, insbesondere weil sich die Legitimation von Männlichkeit auf körperliche Merkmale stützt. Dabei „behandelt die soziale Welt den Körper wie eine Gedächtnisstütze” (Bourdieu 1997:166), denn durch eine permanente Bildungsarbeit wird der Körper nicht als neutral, sondern als Speicher beispielsweise gegenderter Interpretationsmuster und als Stütze des männlichen Habitus konstruiert. Da der Habitus nicht in erster Linie im Bewusstsein angesiedelt ist, erfolgt der Rückgriff spontan und auf der körperlichen Ebene. Der Habitus kann somit als eine tief eingeschriebene Haltung - durchaus auch körperlich gemeint - verstanden werden. Die symbolische Ebene ist, nach Bourdieu, für die Ordnung der Geschlechter von zentraler Bedeutung. Mittlerweile findet das Habitus-Konzept auch in der deutschsprachigen Debatte zunehmend Verbreitung, indem der männliche Habitus als inkorporiertes Resultat der geschlechtsspezifischen Jungensozialisation verstanden wird (vgl. Meuser 1998; Brandes 2002).
Legitimierungsdruck und Transformation
Aktuell finden sich Veränderungen und Brüche auf der männlichen Seite der Geschlechterordnung. In diesem Zusammenhang nimmt die Diskussion um eine Krise von Männlichkeit zu. Die Veränderungen sind nicht als Krisen im Sinn von Zusammenbrüchen zu verstehen, sondern erzeugen als Passagen erhöhter Legitimierungsanforderung eine Art Transformationseffekt. „Diese ‚Veränderung’ (…) besteht also nicht darin, dass die Strukturen und Institutionen des Patriarchats in sich zusammenbrechen. Was in den Industrienationen zusammenbricht, ist die Legitimation des Patriarchats“ (Connell 1999:248, Herv. i. O.). Die tradierten Strukturen erfüllen weiterhin ihre Funktion, ihre Legitimation hingegen wird zunehmend hinterfragt beziehungsweise abgesprochen. Der Legitimationsdruck bringt eine Reihe von unterschiedlichen Reaktionen mit sich. Im Anschluss an Connell lassen sich vier verschiedene Positionen unterscheiden:
- Remaskulinisierungen von Männlichkeit.
- Verhaltesstarre
- Enthierarchisierungstendenzen
- Transformation im Sinne neoliberaler Flexibilität
Literatur
Blazek, Helmut 1999: Männerbünde. Eine Geschichte von Faszination und Macht. Berlin
Bohnsack, Ralf 2001: Der Habitus der ‚Ehre des Mannes’. Geschlechtsspezifische Erfahrungsräume bei jugendlichen türkischer Herkunft. In: Döge, Peter/Meuser, Michael (Hrsg): Männlichkeit und soziale Ordnung. Opladen, S. 49-72
Bourdieu, Pierre 1997: Die männliche Herrschaft. In: Dölling, Irene/Krais, Beate (Hrsg): Ein alltägliches Spiel. Frankfurt/Main, S. 153-216
Brandes, Holger 2002: Der männliche Habitus, Teil 2. Opladen
Budde, Jürgen 2005: Männlichkeit im gymnasialen Alltag. Bielefeld
Carrigan, Tim/Connell, Raewyn (Robert) W./Lee, John 1996: Ansätze zu einer neuen Soziologie der Männlichkeit. In: BauSteineMänner (Hrsg): Kritische Männerforschung. Berlin, Hamburg, S. 38-75
Connell, Raewyn (Robert) W. 1999: Der gemachte Mann. Konstruktion und Krise von Männlichkeit. Opladen
Döge, Peter 2003: Geschlechterdemokratie als Kritik hegemonialer Männlichkeit, in Heinrich-Böll-Stiftung (Hrsg.): Geschlechterdemokratie wagen. Königstein/Taunus.
Hirschauer, Stefan 1994: Die Soziale Fortpflanzung der Zweigeschlechtlichkeit. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 46(1994)4, S. 668-692
Meuser, Michael 1998: Geschlecht und Männlichkeit. Soziologische Theorie und kulturelle Deutungsmuster. Opladen
Zulehner, Paul/Volz, Rainer 1998: Männer im Aufbruch. Wie Deutschlands Männer sich selbst und wie Frauen sie sehen. Ein Forschungsbericht. Ostfildern

