Internet
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Das Internet ist gleichzeitig Technik und gesellschaftliches Phänomen. Die technischen Möglichkeiten, die durch schnelle Datenleitungen, leistungsfähige Computer und die Verbindung durch das Internet bereitstellt werden, sind nicht als neutral zu betrachten, sondern beeinflussen die Handlungen seiner Nutzer_innen auf eine bestimmte Weise. Wie das Internet genutzt wird, ist eher davon abhängig, was als gesellschaftlich "Normal" betrachtet wird, als von den technischen Möglichkeiten an sich.
Die wechselseitige Beziehung zwischen Technik und Geschlecht ist historisch gewachsen und beinhaltet somit ebenfalls ein geschlechtsspezifisches Erbe. Mit der technischen und gesellschaftlichen Weiterentwicklung ist die Frage nach der quantitativen Internetnutzung und Geschlecht hinfällig geworden. Der Unterschied zwischen den Geschlechtern hat sich in den jüngeren Generationen bereits angeglichen.
Mit dem Schließen dieser quantitativen Lücke muss die Wahrnehmung des Internets und die damit verbundenen Konsequenzen für das Geschlechterverhältnis in den Mittelpunkt der Analysen gerückt werden. Welche Angebote werden im Internet genutzt? Was wird geschrieben? Von wem werden Inhalte konsumiert? Wie wird entschieden, was relevant ist?
Internet als Technik
Das Internet kann technisch als ein weltweites Netzwerk von Computern beschrieben werden. Ein Computer mit Internetzugang kann über entsprechende Datenleitungen theoretisch mit jedem anderen Computer unabhängig des Standortes verbunden werden. Mit Hilfe von normierten Internetprotokollen können unterschiedliche Dienste realisiert werden. Das „World Wide Web“ (WWW), dass häufig als Synonym für das Internet gebraucht wird, ist hierbei der bekannteste Internetdienst.
Die Technik „Internet“ lässt sich ohne entsprechende Endgeräte und Software aber nicht nutzen. Es wird ein Internetzugang und ein internetfähiges Endgerät (z.B. Computer, Handy) mit der entsprechenden Software benötigt. Die prinzipielle Möglichkeit der Vernetzung mit anderen Computern setzt darüber hinaus einen Internetzugang voraus, der nicht reguliert oder zensiert wird.
Internet als Konstrukt
Die technikdeterministischen Vorstellungen des Internets wurden mit Hilfe von sozialkonstruktivistischen und alltagssoziologischen Studien und Konzeptionen laufend erweitert. Das Internet ist somit nicht als ein abgeschlossenes System mit spezifischer Funktionsweise zu verstehen, das einseitig auf die Gesellschaft einwirkt. Die Technik „Internet“ ist vielmehr das Produkt gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse, Konflikte und Kontroversen.[1]
„Internet“ ist demnach im sozialkonstruktivistischen Verständnis das, was in verschiedenen Diskursen ausgehandelt wurde. Es dient hierbei als Stellvertreter für die bestehende Verteilung von Deutungsmacht und ist somit einem ständigen Wandel unterzogen.[2] Es wird zu einem „Effekt des Sozialen“, da Vorstellungen, Weltbilder und Visionen seiner Konstrukteur_innen in den Herstellungsprozess mit einfließen. Bestimmte Entwicklungspfade werden von ihnen weiterverfolgt, andere hingegen werden vernachlässigt. Die fertige Technik ist also nicht als ein neutrales Produkt zu verstehen, sondern als eine soziale Konstruktion von Technik.[3] Ein weißer, männlicher, gutbezahlter, kinderloser Angestellter einer Softwarefirma kann sich in seiner Arbeit nur unzureichende Vorstellungen über die Selbstverständlichkeiten, Erwartungen, individuelle Absichten, Wertkriterien oder Handlungskontexte machen, die beispielsweise eine nicht-weiße, arbeitslose Mutter von zwei Kindern an das Internet anlegt.[4]
Die zahlenmäßige Dominanz von Männern im Bereich der Informatik, weist auf das geschlechtshierarchische Erbe der Informations- und Kommunikationstechnologien hin. Es besteht eine historische Verknüpfung zwischen Männlichkeit und Technik, die sich unter anderem dadurch äußert, dass die Beziehung zu Technologie immer noch zu weiten Teilen von weißen Männern definiert und vermittelt wird.[5]
Dabei wird die Wahrnehmung des Internets aber nicht nur durch die Konstrukteur_innen bestimmt: Nutzer_innen, Verbände, Parteien, soziale Bewegungen, Medien und viele mehr sind direkt an der interpretativen Herstellung des Internets beteiligt. Geprägt wird es dabei durch die Nutzungsweise der einzelnen Akteure, die ihre jeweiligen Interessenlagen im Internet und durch das Internet vertreten.[6] Diese Konkurrenz bei der Durchsetzung der eigenen Interessen im Internet, lässt es gleichzeitig zum Gegenstand der öffentlichen Diskussionen werden und ist somit für alle sichtbar. In der Verortung der eigenen Position, mit Hilfe der gegebenen technischen Möglichkeiten, lässt sich die Politisierung des Internets erkennen. [7] Alle Akteur_innen teilen hierbei die eine subjektive Wahrnehmung eines Gestaltungs- und Positionierungszwangs.[8]
Wenn wir Technik als eine gesellschaftliche Inszenierung eines bestimmten Selbst- und Weltverständnisses verstehen, treffen alle, die über Technik sprechen, immer auch Aussagen über sich selbst und ihre eigene Wahrnehmung der Welt.[9] Die symbolische Dimension von Technik entsteht also durch die Interpretation und Zuschreibung innerhalb eines gesellschaftlichen Deutungsrahmens, durch unterschiedliche Akteur_innen.[10]
Neben der symbolischen Dimension der Technik Internet, spielen auch die technische und materielle Dimension eine wichtige Rolle. Beide lassen sich nur schwer voneinander trennen.[11] Handlungen werden durch Technik strukturiert und verändert und steuern somit eine spezifische Handlungskompetenz.[12] Diese Handlungen wirken ihrerseits zurück auf weitere technische Entwicklungen. Wer zum Beispiel die eigene Position im Internet bekannt geben möchte, kann dies mittels einer Blogsoftware tun. Je mehr Menschen sich auf diese Weise äußern, desto intensiver wird die Entwicklung dieser Software vorangetrieben.
Um das Potenzial des Internets einschätzen zu können, müssen weniger die technischen Möglichkeiten der Technik als die aktiven Akteur_innen im Internet in den Blick genommen werden. Diese sind die Protagonist_innen bei der Bewertung und Mitgestaltung des Internets.[13]
Geschlechtsspezifische Nutzung von Computern
Erklärungsansätze
Ein Blick auf die aktiven Akteur_innen des Internets bedarf einer Untersuchung des Mediums, das eine Verbindung zwischen Menschen und Internet herstellt: dem Computer. Der Zusammenhang zwischen Geschlecht und der Einstellung gegenüber dem Computer wurde bereits häufig untersucht. Ein möglicher Grund dafür ist, dass „das Geschlecht“ zu den Variablen gehört, die scheinbar ohne großen Aufwand mit untersucht werden können. Mit Hilfe von verschiedenen Ansätzen wurde das Thema "Geschlecht und Computer" und dessen Problematik versucht zu erklären.[14]
In Schründer-Lenzens Buch „Weibliches Selbstkonzept und Computerkultur“ finden sich drei Erklärungsansätze, die genutzt wurden und werden, um das Verhältnis und einer scheinbar unterscheidbaren Umgangsweise von Mädchen und Jungen mit dem Computer zu erläutern. Die Ansätze unterscheiden sich durch verschiedene Gegenstandskonstituierungen des Computers.[15]
- Defizitorientierter Ansatz – Der Computer als technisches Objekt
- Differenzorientierter Ansatz – Der Computer als kulturelles Phänomen
- Distanzorientierter Ansatz – Der Computer als Interaktionsmedium
Durch die geleisteten Forschungsarbeiten wird ein Bild gezeichnet, das ein vielschichtiges Verhältnis von Mädchen und Frauen zu Computern vermittelt. Dabei erlangt dieser Forschungsgegenstand seine Komplexität eher durch die Addition verschiedener Erklärungsansätze und nicht durch die Einordnung in bestehende Theorien wie etwa der Sozialisations-, Kongnitions- oder Lerntheorie.[16] Darüber hinaus legen die aktuellen Zahlen der Internetnutzung nahe (Alter zählt! - (N)Online-Atlas), dass die Nutzungshäufigkeit keine Frage des Geschlechts ist, sondern eine des Alters.
Defizitorientierter Ansatz
Der Computer als technisches Objekt
Das Verhältnis von Mädchen zum Computer wird als defizitär betrachtet, wobei die männliche Form der Computernutzung in diesem Erklärungsansatz als Norm gesetzt wird. Der Computer wird hierbei als technisches Objekt und Phänomen wahrgenommen, das für eine männliche definierte Fortschrittsidee steht.
Hintergrund für die Erklärung defizitorientierter Ansätze bilden biologische Erklärungen eines geschlechtsspezifischen Verhältnisses von Mädchen und Jungen zu Naturwissenschaften und Technik.
Es gibt keine tragfähigen biologischen Erklärungsansätze, die genetisch bedingte Unterschiede zwischen den Geschlechtern belegen. Im Bereich des räumlichen Vorstellungsvermögens halten sich die Annahmen allerdings hartnäckig, dass es geschlechtsspezifische Unterschiede gibt. Die Tests zur Messung des räumlichen Denkens sind dabei nicht einheitlich, und der vermeintliche Erklärungszusammenhang zur Mathematikleistung ist nicht unumstritten.
Für die Einschätzung des Verhältnisses zwischen Mädchen und Computern wird der defizitorientierte Ansatz wichtig, wenn der Computer als ein visuelles Medium wahrgenommen wird, das räumliche Orientierungskompetenzen anspricht.
Die Suche nach den Ursachen geschlechtspezifischer Unterschiede hinsichtlich der Computernutzung haben das Feld der biologischen Erklärungsansätze weitestgehend verlassen. Es gibt keine ausreichenden Erklärungen, dass Fähigkeitenunterschiede die Ursache für die geschlechtsspezifischen Nutzungsweisen des Computers sind.
Differenzorientierter Ansatz
Computer als kulturelles Phänomen
Das Verhältnis zwischen Mädchen und Computern wird als "different" gegenüber dem männlichen Zugang markiert. Der Computer wird als ein kulturelles Phänomen betrachtet, das besonders für einen männlichen Zugang angemessen ist.
Hintergrund für diese Erklärung ist, dass der Zugang von Mädchen und Frauen zu Technik durch die geschlechtsspezifische Sozialisation ein "anderer" ist und sich somit vom männlichen Zugang unterscheidet.
Erklärungsansätze, die den "anderen" Zugang von Mädchen zu Computern erklären wollen, sind vielfältig, komplex und heterogen: Der Zugang von Mädchen zu Computern sei ganzheitlich und plural. Die Reduktion auf einen Interessenschwerpunkt ist eher bei Jungen anzutreffen. Der Computer als Symbol männlicher Kultur bedroht die weibliche Geschlechtsrollenidentifikation und wird deswegen gemieden. Der Zusammenhang zwischen Computern und Naturwissenschaft erzeugt einen ambivalenten Zugang zur Computerkultur. Soziale Herkunft und die familiären Umstände beeinflussen den Zugang zur Computerkultur.
Distanzorientierter Ansatz
Computer als Interaktionsmedium
Das Verhältnis zwischen Mädchen und Computern wird weniger durch individuelle Fähigkeiten als durch strukturelle Gegebenheiten geprägt. Der Computer wird als Interaktionsmedium wahrgenommen. Die spezifischen Kontexte, wie Schule oder Studium, in denen Computer eine zentrale Stellung einnehmen können, sind von "sexistitischen Interaktionstrukturen" geprägt und produzieren somit eine Computerdistanz.
Ansätze für eine mögliche Verkleinerung der Computerdistanz werden in der Schule und ihrer Organisation gesehen. Im Mittelpunkt dieser Überlegungen stehen häufig die Koeduktion mit ihren Vor- und Nachteilen sowie Unterrichtsformen, die Leistungsunterschiede zwischen einzelnen Schüler_innen berücksichtigen können.
Alter zählt! - (N)Online-Atlas
Internetnutzung und Alter
Schründer-Lenzen schrieb bereits, dass die genannten Erklärungsansätze daraufhin zu prüfen seien, inwieweit sie geeignet sind die Geschlechtsspezifik des Verhältnisses von Mädchen und Computern verstehbar zu machen.[17]
In seinem Buch „Computernutzung und Geschlecht“ kommt Oliver Dickhäuser zu dem Schluss, dass die bisherigen Arbeiten die Entstehung geschlechtsspezifischer Unterschiedlichkeiten mit dem Computer nicht zufriedenstellend klären konnten.[18]
Mit dem fortschreitenden Ausbau von Internetzugängen und günstigen Endgeräten lässt sich die aktuelle Computernutzung an der Nutzung des Internets ablesen. Im (N)Onliner-Atlas 2010 findet sich eine Aufschlüsselung nach „Internetnutzung und Geschlecht“.[19]
Demnach gibt es unter den 48,3 Millionen Internetnutzer_innen (72%) keine gleichmäßige geschlechtliche Verteilung. Es sind 79,5 Prozent der Männer gegenüber 64,8 Prozent der Frauen online .
Die Schere bei der Internetnutzung zwischen den Geschlechtern ist umso größer, je älter die Befragten sind. Liegt der Abstand bei den jungen Frauen und Männern in der Altersgruppe der 14- bis 19-Jährigen bei unter einem Prozentpunkt, so ist er in der Altersgruppe der über 60-Jährigen am größten: Hier beträgt der Abstand zwischen den Geschlechtern 22,7 Prozentpunkte. [20]
Der Geschlechterunterschied ist bei Menschen unter dreißig Jahren also marginal. Sowohl bei den 14- bis 19-jährigen, als auch bei den 20- bis 29-jährigen beträgt er weniger als zwei Prozentpunkte.
Die Internetnutzung bei Frauen über 50 liegt mit 39,1 Prozent deutlich unter der Teilnahme der männlichen Nutzer mit 62 Prozent.
Eine unterschiedliche Nutzungshäufigkeit lässt sich bei Menschen bis dreißig Jahren derzeitig also nicht mehr nachweisen. Unberücksichtigt bleibt bei dieser Auswertung allerdings, ob oder wie sich das spezifische Nutzungsverhalten unterscheidet.
Web 2.0
Der Begriff „Web 2.0“ beschreibt die stetige inhaltliche und technische Weiterentwicklung des Internets. Im Mittelpunkt dieser Entwicklung stehen der Austausch von Informationen sowie eine direkte und indirekte Kommunikation zwischen Internetnutzer_innen über spezielle Internetanwendungen - sogenannte Online-Communities.
Auf der technischen Seite werden bereits vorhandene Kommunikationsmöglichkeiten immer wieder neu miteinander kombiniert. Hauptaugenmerk liegt hierbei auf der Nutzungsfreundlichkeit der entsprechenden Angebote. Die Zahl „2.0“ ist als Versionsnummer zu verstehen, wie sie in der Softwareentwicklung gebraucht wird. Da es sich aber bei „dem Internet“ um kein einzelnes Softwareprogramm mit Versionsnummern handelt, steht auch die Nummer „2.0“ nur im übertragenen Sinn für eine verbesserte Version.[16]
Das Web 2.0 bewegt sich in der Wahrnehmung zwischen den Polen der Skepsis und Euphorie. Grund für diese gegensätzlichen Sichtweisen ist, dass neben der instrumentellen eine symbolische Dimension des Internets wahrgenommen wird.[21]
Die materiellen Eigenschaften des Internets und der Endgeräte bieten potenzielle Hilfestellungen beim Selbstmanagement in allen Lebensbereichen.[22] So kann beispielsweise die Vernetzung der Computer einzelner Nutzer_innen in unterschiedlichen virtuellen Umgebungen einen Informationsaustausch unabhängig von Ort und Zeit ermöglichen. Informationen können auf Webseiten nachgelesen oder in Chaträumen auf direktem Weg von erfahrenen Nutzer_innen bezogen werden. Eigene Informationen können auf verschiedene Weisen, z.B. Bloggen, (z.B. Wordpress), Microblogging (z.B. Twitter) oder über soziale Netzwerke (z.B. Facebook) verbreitet werden.
Geprägt wird der Umgang mit dem Internet aber vielmehr durch die sozio-ökonomischen Ressourcen, die alltägliche Handlungsanforderung, das zur Verfügung stehende Zeitregime und die individuellen Kompetenzen der einzelnen Nutzer_innen.[23]
Die Fragen hierzu könnten lauten: Gibt es einen Computer mit Internetanschluss im Haushalt? Kann dieser frei von Kontrolle genutzt werden? Wie lässt sich die Informationsarbeit in den Tagesablauf integrieren?
Bestimmte Eigenschaften des Internets werden dabei intensiver wahrgenommen als andere und innerhalb eines gesellschaftlichen Deutungsrahmens interpretiert und zugeordnet. Ein wichtiges Merkmal für die Nutzung des Web 2.0 ist beispielsweise Humor und ein spielerischer Umgang mit dem Internet. Die neuen Möglichkeiten des WWW werden somit in erster Linie als Entertainment verstanden.[24]
Seine dominante und gültig anerkannte Bedeutung erhält das Internet also durch kollektive interpretative Aushandlungsprozesse sowie alltägliche Gewohnheiten und nicht über seine materiellen Eigenschaften.[25] Dabei ist der öffentliche Diskurs, der die Durchsetzung von Technik begleitet, beladen mit Hoffnungen, Ängsten, Erwartungen, Weltbildern, Zukunftsvisionen, Metaphern und Symbolen.[26] Es ist häufig unerheblich, ob die formulierten Erwartungen und Befürchtungen im Zusammenhang mit dem aktuellen Stand der Technik stehen.
Skeptische Einschätzung
In den 80iger Jahren, als sich der Personal Computer in den privaten Haushalten durchsetzte, sprachen kritische Stimmen von „Automatisierung, Entsinnlichung und Vereinsamung“[27]. Links-alternative Gruppen und gewerkschaftliche Kreise entwarfen düstere Zukunftsszenarien, die die totale Kontrolle und Überwachung zum Thema hatten.
Das Internet verschärfe die gesellschaftliche Spaltung entlang der Faktoren wie Bildung, Alter, Geschlecht oder Ethnie. Der Zugang zum Internet und somit ein gleichberechtigter Informationsaustausch sei aufgrund technischer und sozio-ökonomischer Rahmenbedingungen innerhalb der westlichen Welt und in globaler Hinsicht nicht gewährleistet.
Das Internet sei mit seinen Nutzungsweisen, Kommunikationsstilen und Inhalten sowie der technischen Ausrichtung eine Männerdomäne, die Ungleichheiten und Machtverhältnisse weiter fortschreibt.
Im Jahre 2010 haben sich viele Befürchtungen nicht bestätigen können, andere hingegen sind immer noch zentrale Themengebiete. So organisiert der AK Vorrat beispielsweise als Arbeitskreis bundesweite Demonstrationen gegen die staatliche Protokollierung von Telefon, Handy, E-Mail und Internetdaten, die sogenannte Vorratsdatenspeicherung.
Euphorische Einschätzung[28]
Mit fortschreitender technischer Entwicklung des Internets (ISDN und DSL) und der Verbreitung internetfähiger Endgeräte (Laptops, Netbooks, Smartphones uvm.) verstummt die Kritik an den neuen Informations- und Kommunikationstechniken. Es entstanden und entstehen weiterhin euphorische Diskurse, die „Gesellschaftliche Umbrüche“, „Revolution“ und „elektronische Demokratie“ herbeireden.
Das Internet als neues Medium wäre dieser Einschätzung zufolge ein geeignetes Informations-, Kommunikations- und Partizipationspotential, um demokratische Prozesse zu unterstützen. Zentral seien, neben den Interaktionen, die ständig zur Verfügung stehenden Informationen.
Das gemeinsame Handeln und das Beratschlagen untereinander würden durch die kommunikativen und diskursiven Strukturen des Internets unterstützt. Soziale Bewegungen würden unabhängig von ihrer Größe durch Vernetzung und Suchmaschinen besser gefunden und seien so ebenfalls in der Lage politische Aktionen wirksam in die Öffentlichkeit zu tragen.
Die Frauenbewegung würde durch Vernetzung und Communities so gestärkt, dass sie eine wirksame Gegenöffentlichkeit artikulieren könne. Durch die körperlose und computervermittelte Kommunikation würde das Internet zu einer Projektionsfläche, in der Geschlechtergrenzen aufgelöst und somit dekonstruiert werden können.
Eine Frage der Wahrnehmung
Am Beispiel von Weblogs
Eine ComScore Studie belegt das, was der (N)Online-Altas ebenfalls bestätigt. Die Frage nach dem Geschlecht hinsichtlich der quantitativen Internetnutzung ist nach neusten Erkenntnissen nicht mehr relevant. Der Unterschied zwischen den Geschlechtern hat sich in den jüngeren Generationen soweit angenähert, dass der vermeintliche Gender Gap geschlossen ist.[29]. Besonders hinsichtlich von Web 2.0 Angeboten, besteht sogar ein zahlenmäßiges Übergewicht von weiblichen Nutzer_innen.[30].
Am Beispiel der Nutzung von Weblogs zeigt sich, dass die Auswertung von Zahlen in sogenannten Blogcharts und die damit verbundene Einordnung in Erfolg und Präsenz von Geschlecht im Internet ein gesellschaftliches Bild innerhalb einer etablierten symbolischen Ordnung kreiert. Erfolgreicher wären in diesem Bereich des Internets demnach Männer, da Erfolg bereits das ist, was Männer machen.[31]. Gemessen wird in solchen Charts nicht die thematische Auswahl oder inhaltliche Aufbereitung, sondern die Verlinkungshäufigkeit einzelner Artikel. „Solange nicht also 100 Blogs auf das Rezept der Woche aufspringen und einen 'me too'-Artikel mit gesetztem Backlink bloggen, wird es wohl nichts mit den Ruhmeshallen für weibliche Foodbloggerinnen und Bastelmamis.“[32]
Die Frage nach der thematischen Relevanz bleibt bei dieser „Blog-Währung“, den Verlinkungen untereinander, ungeklärt. Wer bestimmt in diesem Zusammenhang, was interessant, relevant und wichtig ist? Politische oder technische Weblogs treffen auf ein breiteres Interesse, da viele Internetnutzer_innen sich hierfür auf irgendeine Art und Weise interessieren können. Feministische Weblogs, die in solchen Blogcharts nicht auftauchen, sind aber deswegen nicht weniger relevant, weil sich weniger Menschen von den behandelten Themen angesprochen fühlen.[33]
Antje Schrupp begegnet der Thematik Präsenz, Geschlecht und Weblogs mit der Aussage, dass sie sich generell nicht für das interessiert, was Frauen nicht tun, sondern mehr dafür, was sie tun. Sie spricht sich für eine Bewusstseinsarbeit aus, die uns erkennen lässt, dass die Statussymbole von Männlichkeit (z.B. Blogranking) weniger zum Wohlergehen beitragen, als üblicherweise angenommen.[34]
Fazit
Die extremen Ansichten hinsichtlich der Chancen oder Risiken können die reale Entwicklung des Internets nicht adäquat beschreiben. Mit dem Einzug des Internets in viele Bereiche des Lebens, sind die Veränderungen vielschichtiger und differenzierter zu betrachten, als sie noch Ende der 90er Jahre vermutet wurden.[35]
Mit der technischen und inhaltlichen Weiterentwicklung des Internets zum Web 2.0 können verschiedenartige Formen der Kommunikation und die Präsenz auf transnationaler Ebene einen noch besseren Informationsaustausch ermöglichen, bei dem verschiedene Informationsquellen sichtbar untereinander verbunden werden.[36]
Das Internet wird somit zu einem sozialen Raum, der zum einen über sein Wesen als Technologie charakterisiert wird und zum anderen durch die Art und Weise, in der es tatsächliche und potenzielle Interaktion zwischen Menschen ermöglicht.[37]
Dabei gilt es zu bedenken, dass Netzwerke, wie sie derzeitig durch Online-Communities ergänzt werden, bereits lange vor den Informations- und Kommunikationstechnologien existiert und menschliches Leben möglich gemacht haben.[38] Mit Hilfe des Internets werden Vielfalt und Integration also weiter gefördert, nicht neu erfunden. Aktivitäten können orts- und zeitungebunden organisiert sowie differenzierte Themengebiete behandelt werden. Welche Themen dabei in den Fokus rücken, entscheiden aber letztlich die Nutzer_innen mit ihren verschiedenartigen Identitäten und ihren sozialen Lebensbedingungen.[39]
Technologie ist eng mit sozio-historischen Prozessen verbunden, so dass eine genauere Betrachtung die Möglichkeit gibt, historische Muster von Kontrolle, Privilegien, Ungleichheit, Macht und Machtlosigkeit kritisch zu hinterfragen. Einerseits übt sie unentwegt Einfluss auf diese Prozesse aus, andererseits geht sie beständig aus ihnen hervor. Sie ist integraler Bestandteil gesellschaftlicher Realitäten und kann in dieser Form dabei helfen geschlechtsspezifische Machtbeziehungen zu verstehen.[40] Das Internet ist in diesem Fall in einem ganzheitlichen und konkreten Sinne zu verstehen und nicht als abstraktes oder virtuelles Medium.[41]
Hinsichtlich der Frauen- und Geschlechterforschung ist es wichtig, das Internet als ein machtvolles aber veränderbares Medium zu verstehen. Je mehr Menschen aktiv an dem virtuellen Austausch teilnehmen, desto mehr werden spezifische Kommunikationsformen als selbstverständlich etabliert.[42] Positiv betrachtet führt die aktive Teilnahme gleichzeitig zu einer Mitgestaltung dieser neuen sozialen Räume.[43]
Im Zentrum der Mitgestaltung kann beispielsweise die Schaffung einer subalternen Öffentlichkeit mit Hilfe einer Community oder eines Weblogs stehen, bei der sich gesellschaftlich marginalisierte Gruppen Zugangs- und Partizipationsmöglichkeiten verschaffen. Zum Gegenstand der Auseinandersetzung können Themen werden, die sonst außerhalb und im Privaten der herrschenden Institutionen unsichtbar sind. Vielfältige öffentliche Themengebiete erweitern darüber hinaus die diskursiv-politischen Themen und können somit die partizipatorische Gleichstellung fördern. Die Grenzlinie von Privat und Öffentlich kann nach den Forderungen der zweiten Frauenbewegung somit erneut und sichtbar in Frage gestellt werden.[44]
Verantwortlich für den Erfolg solcher Ermächtigungsstrategien ist aber nicht die Qualität und Form der Technologie, sondern die Güte der jeweiligen politischen Institution und der Einstellung der Netzbewohner_innen.[45]
Fußnoten
- ↑ Vgl. Carstensen, Tanja: Verkabelung oder Vernetzung? Vom Wandel der Technikinszenierungen gesellschaftspolitischer Akteure, in: Epp, Astrid; Taubert, Nils und Westermann, Andrea (Hrsg.): Technik und Identität: Paper zur Tagung vom 07.06. -08.06.2001 an der Universität Bielefeld, Bielefeld 2002, S. 100-122, hier S. 104, http://bieson.ub.uni-bielefeld.de/volltexte/2002/89/html/Gesamt.pdf (zugegriffen am 12.8.2010).
- ↑ Vgl. Carstensen, Tanja: "Das Internet" als Effekt diskursiver Bedeutungskämpfe, kommunikation@gesellschaft 7 2006, S. 1, http://www.soz.uni-frankfurt.de/K.G/B5_2006_Carstensen.pdf.
- ↑ Vgl. Carstensen: “Verkabelung oder Vernetzung?,” S. 104.
- ↑ Vgl. Jelden, Eva: Frauen am Computer: Männlich programmiert?, in: Ritter, Martina (Hrsg.): Bits und Bytes vom Apfel der Erkenntnis : Frauen - Technik - Männer, 1. Aufl., Westfälisches Dampfboot, Münster 1999, S. 156-170, hier S. 159.
- ↑ Vgl. Youngs, Gillian: Globalisierung und neue Kommunikationstechnologien: Geschlechtsspezifische Perspektive, in: Harcourt, Wendy und Heinrich-Böll-Stiftung. (Hrsg.): Feminist spaces : Frauen im Netz : Diskurse - Communities - Visionen, Helmer, Königstein/Taunus 2002, S. 11-25, hier S. 21.
- ↑ Vgl. Carstensen: “"Das Internet" als Effekt diskursiver Bedeutungskämpfe,” S. 2.
- ↑ Vgl. Carstensen: “Verkabelung oder Vernetzung?,” S. 100.
- ↑ Vgl. Ebd., S. 109.
- ↑ Vgl. Carstensen: “"Das Internet" als Effekt diskursiver Bedeutungskämpfe,” S. 3.
- ↑ Vgl. Carstensen: “Verkabelung oder Vernetzung?,” S. 105.
- ↑ Vgl. Ebd.
- ↑ Vgl. Jelden: “Frauen am Computer: Männlich programmiert?,” S. 157.
- ↑ Vgl. Carstensen: “Verkabelung oder Vernetzung?,” S. 118.
- ↑ Vgl. Dickhäuser, Oliver: Computernutzung und Geschlecht : ein Erwartung-Wert-Modell, Waxmann, Münster 2001.
- ↑ Vgl. Schründer-Lenzen, Agi: Weibliches Selbstkonzept und Computerkultur, Deutscher Studien-Verlag, Weinheim 1995, S. 20-48.
- ↑ 16,0 16,1 Vgl. Schründer-Lenzen, Agi: Weibliches Selbstkonzept und Computerkultur, Weinheim: Deutscher Studien-Verlag 1995, S. 44.
- ↑ Vgl. Ebd., S. 23.
- ↑ Vgl. Dickhäuser: Computernutzung und Geschlecht : ein Erwartung-Wert-Modell, S. 31.
- ↑ Vgl. (N)Onliner-Atlas 2010 2010, S. 42, http://www.initiatived21.de/wp-content/uploads/2010/06/NONLINER2010.pdf (zugegriffen am 4.9.2010).
- ↑ Vgl. Ebd.
- ↑ Vgl. Drüeke, Ricarda und Winker, Gabriele: Neue Öffentlichkeiten durch frauenpolitische Internetauftritte, in: Schachtner, Christina und Winker, Gabriele (Hrsg.): Virtuelle Räume, neue Öffentlichkeiten: Frauennetze im Internet, Campus Verlag 2005, S. 31-50.
- ↑ Vgl. Carstensen, Tanja: Das Internet im frauenpolitischen Alltag, in: Schachtner, Christina und Winker, Gabriele (Hrsg.): Virtuelle Räume, neue Öffentlichkeiten: Frauennetze im Internet, Campus Verlag 2005, S. 71-90, hier S. 73.
- ↑ Vgl. Ebd., S. 71.
- ↑ Vgl. Ebersbach, Anja, Glaser, Markus und Heigl, Richard: Social Web, UTB 2008, S. 203.
- ↑ Vgl. Carstensen: “"Das Internet" als Effekt diskursiver Bedeutungskämpfe,” S. 1.
- ↑ Vgl. Jelden: “Frauen am Computer: Männlich programmiert?,” S. 158.
- ↑ Vgl. Drüeke/Winker: “Neue Öffentlichkeiten durch frauenpolitische Internetauftritte,” S. 32f.
- ↑ Vgl. Ebd., S. 33f.
- ↑ Vgl.Mädchenmannschaft » Blog Archive » Der kleine Unterschied ganz groß: Frauen im Netz, zotero://attachment/609/ (zugegriffen am 20.8.2010).
- ↑ Vgl.Women Rule the Social Web, http://mashable.com/2009/10/03/women-rule-the-social-web/ (zugegriffen am 10.9.2010).
- ↑ Vgl.Schrupp, Antje: Ich bin dann mal woanders « Aus Liebe zur Freiheit, http://antjeschrupp.com/2010/04/13/ich-bin-dann-mal-woanders/ (zugegriffen am 10.9.2010).
- ↑ Vgl.Eckenfels, Mela: Bloggende Frauen oder warum Feder & Herd nicht so populär ist wie Spreeblick - Feder & Herd, zotero://attachment/823/ (zugegriffen am 16.9.2010).
- ↑ Vgl.Debus, Gudrun: Mit piratigen Grüßen | Bloggende Frauen? Gibt´s nicht!, http://www.piratenweib.de/bloggende-frauen-gibt%c2%b4s-nicht (zugegriffen am 10.9.2010).
- ↑ Vgl.Schrupp: “Ich bin dann mal woanders « Aus Liebe zur Freiheit.”
- ↑ Vgl. Ebd., S. 31.
- ↑ Vgl. Youngs: “Globalisierung und neue Kommunikationstechnologien: Geschlechtsspezifische Perspektive,” S. 12.
- ↑ Vgl. Ebd.
- ↑ Vgl. Ebd., S. 20.
- ↑ Vgl. Winker, Gabriele: E-Empowerment - Vielfalt und Integration frauenpolitischer Aktivitäten im Internet, in: Schachtner, Christina und Winker, Gabriele (Hrsg.): Virtuelle Räume, neue Öffentlichkeiten: Frauennetze im Internet, Campus Verlag 2005, S. 21-30, hier S. 24.
- ↑ Vgl. Youngs: “Globalisierung und neue Kommunikationstechnologien: Geschlechtsspezifische Perspektive,” S. 15f.
- ↑ Vgl. Ebd., S. 20.
- ↑ Vgl. Ebd., S. 13.
- ↑ Vgl. Carstensen: “Verkabelung oder Vernetzung?,” S. 118.
- ↑ Vgl. Drüeke/Winker: “Neue Öffentlichkeiten durch frauenpolitische Internetauftritte,” S. 40ff.
- ↑ Vgl. Ebd., S. 35.
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