Objektivitätskritik, feministische
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Feministische Objektivitätskritik
Im Mittelpunkt feministischer Wissenschaftskritik steht unter anderen eine Auseinandersetzung mit der wissenschaftlichen Norm der Objektivität und ihren soziopolitischen Hintergründen. Ein zentrales Element stellt dabei die Aufdeckung des ideologischen Gehalts des Begriffs Objektivität dar. Ziel ist es, die Strukturen des androzentrischen Wissens erkennbar zu machen. Darüber hinaus gibt es verschiedene Versuche Alternativen aufzuzeigen, die feministisches Wissen integrieren, um etwa Geschlechterhierarchien aufzubrechen. Daher rührt auch die Forderung nach einem feministischen Verständnis von Objektivität. Eine feministische Variante des Begriffs der Objektivität ist nicht nur denkbar, vielmehr erscheint es aus dieser Sicht eine Notwendigkeit. Die Begriffsbedeutung von Objektivität hat sich immer wieder verändert, sie ist keinesfalls stetig. Dennoch hat sie einen hohen Stellenwert in den Wissenschaften; laut Duden (1997) bedeutet es ein Ideal wissenschaftlicher Arbeit.
Historische Annäherung an den Objektivitätsbegriff
Obwohl der Objektivitätsbegriff in der Wissenschaftsgeschichte und verschiedenen Theorien größte Bedeutung hat, unterlag er, wie L. Daston untersucht, einem historischen Wandel der Bedeutung nach Epochen. Darüber hinaus scheint er auch auf individueller Ebene unterschiedlich beurteilt sowie benutzt zu werden. Trotz dieser starken Bedeutungsvariabilität hat er in den Wissenschaften ein hohes Gewicht. Über den Begriff soll die Sicherung der Verbindlichkeit des wissenschaftlichen Wissens befördert werden. Diese Verbindlichkeits-Vorstellung begann ihren Siegeszug in der Ästhetik und Moralphilosophie der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und bleibt in den Naturwissenschaften zunächst relativ bedeutungslos. Erst durch tief greifende Veränderungen im Feld der Wissenschaften wird die Durchsetzung der Objektivität erklärbar. Wurde Wissenschaft schon im 17. Jahrhundert kollektiv betrieben und verstärkte sich diese gemeinschaftliche Zusammenarbeit in den folgenden Jahrhunderten, so mussten die Ergebnisse austauschbar, kommunizierbar und allgemein verständlich sein. So gewann die Objektivität auch in den Naturwissenschaften an Bedeutung. Hatten diese sich also an der Naturphilosophie des 18. Jahrhunderts, bezüglich der Objektivität orientiert, so ist es bis heute so, dass die so genannten Geisteswissenschaften in den „exakten“ Naturwissenschaften ein Vorbild sehen. Es vollzog sich also ein Paradigmenwechsel, der bis in die Gegenwart starke Auswirkungen zeitigt. Dies mündet, um nur ein Beispiel zu nennen, in biologischen Erklärungsmustern für Geschlechterrollenzuweisungen in den Geisteswissenschaften.
Alternative Konzepte
Der heutige Objektivitätsbegriff in den Wissenschaften beinhaltet mehrere Bedeutungsdimensionen: Zum einen die Ontologische Objektivität, eine letztgültige Struktur der Realität. Zweitens die Mechanische Objektivität, also die verbale und bildliche Darstellung von wissenschaftlichen Ergebnissen, ohne jedwede Interpretation der Wissenschaftler_innen. Und Drittens die Aperspektivische Objektivität, die einen sachlichen und unpersönlichen Umgang, sowie eine emotionale Distanz und Urteilsenthaltung fordern und eine empirische Zuverlässigkeit beanspruchen soll. Wobei die Dritte, die Aperspektivische Objektivität, das heutige Verständnis in den Wissenschaften dominiert. Feministische Objektivitätskritik führt demgegenüber zu alternativen Objektivitätskonzepten und rückt dabei auch aktuelle Forschungsergebnisse in den Focus der Untersuchungen. Hier werden beispielsweise Forderungen nach der Einbeziehung der psychosozialen Haltung der Forschenden (bei Keller → „dynamische Objektivität“) laut; oder etwa die Überlegung, dass Forschung ein sozialer Prozess sei, der Rückwirkung auf die Gesellschaft hat und somit auch an der Konstruktion der sozialen Wirklichkeit maßgeblich beteiligt ist, welches wiederum untersucht werden sollte (bei Haraway → „verkörperte Objektivität“). Ein gedankliches Ausgehen von der Lebenssituation von Frauen - den gegebenen Makrostrukturen der Gesellschaft - das heißt die Herrschaftsverhältnisse von Männern über Frauen zu Tragen kommen lassen und diese einzubeziehen, würde die Objektivität erhöhen (bei Harding → „starke Objektivität“).
Generelle Kritik
Eine Kritische Untersuchung des Begriffs Objektivität zeigt also wie widersprüchlich die Nutzung im Gegensatz zu dem hohen Stellenwert in der Wissenschaft ist. Dies (allein) lässt eine generelle Kritik angebracht erscheinen. Eine feministische Kritik versteht sich als, wie oben beschrieben, aus der Notwendigkeit die männlich dominierte Wissenschaft in Frage zu stellen und dieser eine Alternative entgegenzusetzen. An dieser Stelle setzt die generelle Kritik von W. Ernst ein: Auch die feministischen Alternativen von Objektivitätsauffassungen greifen letztlich grundsätzliche Ansprüche von Objektivität auf und tradieren diese somit weiter. Ernst meint, dass alle diese Konzepte der Dynamik des Wissens und der damit einhergehenden gesellschaftlichen Veränderungen nicht gerecht werden. Mithin stellt sich die Frage nach anderen Kriterien zur Beurteilung und Sicherung der Verbindlichkeit von Wissen. Wird der Focus auf die Leistungsfähigkeit von Theorien und der Bewährtheit dieser in der Praxis gelegt, können Objektivitätsvorstellungen und ihre Probleme obsolet werden.
Quellen
Daston, Lorraine J. (2001): Die Kultur der wissenschaftlichen Objektivität. In: Hagner, Michael (Hg.) (2001): Ansichten der Wissenschaftsgeschichte. Frankfurt a.M.: Fischer, S. 137-158.
Daston, Lorraine J. (2001): Objektivität und die Flucht aus der Perspektive. In: Dies., Wunder, Beweise, Tatsachen. Fischer, S. 127-155.
Ernst, Waltraud (1999): Diskurspiratinnen: Wie feministische Erkenntnisprozesse die Wirklichkeit verändern. Wien: Milena, Kapitel 3 Objektivität, S. 96-150. write my paper

