Straight with a twist

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Straight with a Twist: Identitätskonzept

Ausgehend von Calvin Thomas' Sammelband „Straight with a Twist. Queer Theory and the Subject of Heterosexuality“ hat sich in den USA neben "queer" als Selbstbezeichnung von Lesben, Schwulen und Transgender ein neues Verständnis dieses Begriffes durchgesetzt. Er sieht es als Tatsache an, dass einige “straights”, also Heterosexuelle, begonnen haben, über Queer Theory zu schreiben oder neuerdings sogar selbst Theorien zu entwickeln, die sich als queer definieren lassen. Andrew Parker bezeichnet diesen Vorgang als „a non-gender-specific rubric that defines itself diacritically not against heterosexuality but against the normative”. (Parker 1994:80, zit. n. Thomas 2000:1) Bei den Theorien, die einen queeren Anspruch erheben, aber von scheinbar im System einer zwangsheterosexuellen Gesellschaft eingegliederten Personen verfasst worden sind, handle es sich also nicht um Theorien, die gegen Heterosexualität argumentieren bzw. Heterosexualität in Frage stellen (wie dies in den Gay and Lesbian Studies der Fall ist), sondern um Theorien, die die Normativität der Heterosexualität in Frage stellen.

Calvin Thomas schreibt, Ziel der AutorInnen in seinem Sammelband sei nicht gewesen, sich innerhalb Queer Theory zu integrieren, Queer Theory innerhalb des leitenden heterosexuellen Diskurs zu stellen oder sich in eine „bequeme“ Position gegenüber Queer Theory zu begeben, um nicht länger durch queere Provokationen in Frage gestellt zu werden (Thomas 2000:3). Vielmehr würden die AutorInnen und auch Calvin Thomas selbst Queer Theory wollen, aber nichts von ihr wollen.

Wenn Judith Butler das letzte Kapitel von „Bodies That Matter: On the Discursive Limits of „Sex““ mit „Critically Queer“ betitelt, legt dies nahe, dass es viel mehr, wenn nicht sogar unbegrenzt viele Arten gibt, wie jemand oder etwas queer sein kann. (vgl. Thomas 2000:11) Einerseits eben eine kritische Form der Queerness, andererseits aber auch viele andere Wege, die Judith Butler hier nicht explizit nennt. Zu hinterfragen wäre auch, ob eine Bezeichnung der Kategorien immer vonnöten ist oder anders gefragt: Welche Vor- und Nachteile ergeben sich durch eine Unterteilung und Bezeichnung einer Kategorie?

In welchem Ausmaß ist eine kritische Queerness von spezifischen Identifikationen mit den Begriffen „homosexuell“, „bisexuell“, „lesbisch“ oder „schwul“, also von einer außerhalb der „heterosexuellen Matrix“ stehenden Sexualität abhängig, fragt nun Calvin Thomas. (vgl. Thomas 2000:11) Zu Beginn der Einführung von „queer“ als Selbstbezeichnung von früher mit eben diesem Begriff beschimpften Personen implizierte queer immer auch das Zugeständnis einer Abweichung von heterosexuellen und vor allem heteronormativen Standards, während gerade die Heteronormativität durch das Konzept der Queerness in Frage gestellt werden wollte. Somit liegt „queer“ immer auch die historische Entstehung aus verschiedenen Lesbian and Gay Movements heraus zugrunde.

In welchem Maße ist aber queer heute noch an bestimmte Begehrensformen gebunden? Wenn queer nicht mehr nur bestimmte sexuelle Praktiken bezeichnet, sondern vielmehr bestehende Herrschaftsstrukturen und vor allem die der Heteronormativität in Frage stellt, könne dann nicht auch, so Calvin Thomas (vgl. Thomas 2000:11), ein eigentlich „heterosexuell“ lebendes Subjekt einen queeren Kritizismus entwickeln? Aber wozu? Was kann Queer Theory dem/der heterosexuellen Leser/in darüber erzählen, queer zu sein, heterosexuell zu sein, überhaupt zu sein, zu werden?

Beispiele

Sexualität ohne Fortpflanzungsziel

Ähnlich wie in den Identitätskonzepten Polyamorie oder der Ablehnung einer monogamen Beziehung queere Aspekte zu finden seien, könne auch die Sexualität ohne Fortpflanzungsziel in heterosexuellen Beziehungen als queer bezeichnet werden. Obwohl in einer nicht-monogamen heterosexuellen Beziehung zwar eventuell gesellschaftlich privilegierte Werte wie das Zusammenleben von Mann und Frau erfüllt sind, bricht dieses Konzept einer Partnerschaft dennoch mit traditionellen Normen wie zum Beispiel den Forderungen der Ehe. Auch der Gedanke, mehrere Personen begehren zu können, erscheint in einer auf Sicherheit und Stabilität ausgerichteten Gesellschaft als „verqueer“. Häufig wechselnde SexualpartnerInnen und daraus resultierend ein besonders hohes Risiko für Geschlechtskrankheiten wie HIV-Infektionen werden historisch gesehen problematischerweise zudem meist im Bereich der Schwulen-Szene angenommen.

Positioniert sich nun also ein heterosexuelles Paar freiwillig außerhalb der heterosexuellen Norm, indem es offen und freizügig mit Sexualität ohne Fortpflanzungsziel mit wechselnden Sexualpartnern umgeht, riskiert es in gewisser Weise eine Marginalisierung oder Verbannung aus den gesellschaftlich heteronormativen Privilegien. Hier soll nicht behauptet werden, dass traditionelle heterosexuelle (Ehe-)Paare einander immer treu sind – der Unterschied liegt im Umgang mit Sexualität. Während heimliche Affären von EhepartnerInnen von der Gesellschaft stillschweigend oder vielleicht lächelnd hingenommen werden, könnte ein offener Umgang mit ebendieser Untreue möglicherweise einen Umbruch des traditionellen Familiensystems bewirken.

Vanilla Sexuality - kein ausnahmslos heterosexuelles Phänomen

Das englische Wort „Vanilla“ bezeichnet nicht nur den Geschmack Vanille, sondern bedeutet in der Übersetzung auch soviel wie „einfach“. Unter „vanilla sexuality“ ist also die einfache, traditionelle Form von Sexualität gemeint, die in einer Gesellschaft besonders anerkannt ist. (vgl. Smith 2000:64) Vanilla sexuality oder normative Sexualität sei aber kein ausschließlich heterosexuelles Phänomen, sondern könne durchaus auch von queeren Personen praktiziert werden, obwohl gesellschaftlich gesehen das Verständnis von Sex zwischen Schwulen oder Lesben von unzähligen Klischees geprägt ist. Diese Vorstellungen von außergewöhnlichen Sexualpraktiken würden in der Realität natürlich nicht immer erfüllt, macht Clyde Smith deutlich.

Andererseits könne auch ein auf den ersten Blick sehr anhängliches und unscheinbares hetersexuelles Paar, das er kennen gelernt hatte, gern in Swinger-Clubs anzutreffen sein. Clyde Smith schließt daraus folgendes:

1. Dinge sind nicht immer so wie sie scheinen 2. Menschliche Sexualität ist so komplex, dass sie nicht nur in Homo- und Heterosexualität eingeteilt werden kann

Lisa, der lesbische Mann aus "The L-Word"

In der ersten Staffel der amerikanischen Fernsehserie „The L-Word“ kommt neben diversen homo-, hetero- und bisexuellen Identifikationen in vier Folgen auch ein „biologischer“ Mann vor, der sich selbst als „lesbian-identified man“ bezeichnet. Die bisexuelle Alice ist wieder einmal von einer Frau enttäuscht worden und will es nun mit einem Mann versuchen. Als sie in der vierten Folge „Lies, Lies, Lies“ Lisa kennen lernt, wie sie sagt, der süßeste Typ, den sie je gesehen hätte, ist sie sofort von ihm begeistert, während ihre Freundinnen seiner Selbst-Identifikation eher skeptisch gegenüberstehen.

Die Kategorisierung „Lesbe“ würde an sich bedeuten, dass sich eine Frau für eine Frau interessiert. Lisa, als biologischer Mann, wäre aus dieser Kategorie eigentlich ausgeschlossen. Genauer betrachtet, definiert sich Lisa aber nicht als Lesbe im eigentlich Sinn, sondern als „lesbisch-identifizierter Mann“, macht also klar, dass ihm/ihr die Unmöglichkeit einer völlig Eingliederung in diese Kategorie bewusst ist.

In einigen Szenen wird Lisas Selbstverständnis von seiner/ihrer Identifizierung deutlich. Lisa weiß zwar, dass er/sie biologisch gesehen männlich ist, kann sich aber völlig in Frauen hineinversetzen („I totally understand what you mean.“ L-Word, 1. Staffel, Losing It). Auch beim Sex will Lisa nicht dem Bild eines heterosexuellen Mannes entsprechen, sondern lieber einen Dildo benutzen. Zu Lisas Identität als „lesbisch identifizierter Mann“ gehört also auch die Ablehnung von traditionell heterosexuellem Geschlechtsverkehr in Form von einer Konzentration auf den Penis. Die Thematisierung des Einsatzes eines Dildos beim lesbischen Sex soll weniger als Angleichungsversuch sexueller Beziehungen zwischen Frauen an heterosexuelle Normen (Dildo als Penisersatz) verstanden werden, sondern eher als Gegenüberstellung von Phallus und „künstlichem Hilfsmittel“. Da dem männlichen Geschlechtsorgan immer auch Macht zugeschrieben worden ist, bedeutet Lisas anfängliche Verweigerung, den Penis beim Geschlechtsverkehr einzusetzen in gewisser Weise auch eine Abwendung von männlicher Hegemonie. Nachdem Lisa von Alice doch dazu überredet worden ist, „wie ein echter Mann“ Sex zu haben, beweist ihm/ihr das nicht ihre/seine Stärke und Macht, sondern lässt ihn/sie beschämt flüchten.

Lisas Selbstidentifikation kann mit traditionellen Kategorisierungen nicht verstanden werden. Erst eine queere Perspektive, die schon die Natürlichkeit einer „männlichen Biologie“ in Frage stellt, macht ein Verständnis möglich. Lisa positioniert sich durch seine/ihre Selbstidentifizierung außerhalb von jeglicher Norm. Den gesellschaftlichen Machtanspruch durch eine weiße, männliche, heterosexuelle Identität lehnt Lisa ab. Aber auch in der homosexuellen Norm, die in „The L-Word“ produziert wird, ist scheinbar kein Platz für einen „lesbisch identifizierten Mann“. Von den meisten Frauen in der Serie wird Lisa belächelt und nicht ernst genommen. Auch Alice, die eigentlich bisexuell ist, kann mit Lisas Selbstidentifikation letztendlich nichts anfangen, da sie sich einen „richtigen Mann“ wünscht und stattdessen „die komplizierteste Gender-Identität“ (vgl. Alice, The L-Word, 1. Staffel) kennen gelernt hat, die man sich nur vorstellen kann.

Literatur

Berlant, Lauren / Freeman, Elizabeth: „Queer Nationality.” In: Michael Warner (Hrsg.): „Fear of a Queer Planet: Queer Politics and Social Theory.” University of Minnesota Press, Minneapolis, 1993, ISBN 978-0816623334.

Foertsch, Jacqueline: „In Theory If Not in Practice: Straight Feminism’s Lesbian Experience.“ In: Thomas, Calvin (Hrsg.): „Straight with a Twist. Queer Theory and the Subject of Heterosexuality.” University of Illinois Press, Urbana / Chicago, 2000, 45-59, ISBN 978-0252068133.

Parker, Andrew: „Foucault’s Tongues.” In: „Mediations 18:2.” Herbst 1994.

Smith, Clyde: „How I Became a Queer Heterosexual.” In: Thomas, Calvin (Hrsg.): „Straight with a Twist. Queer Theory and the Subject of Heterosexuality.” University of Illinois Press, Urbana / Chicago, 2000, 60-67, ISBN 978-0252068133.

Thomas, Calvin: „Straight with a Twist: Queer Theory and the Subject of Heterosexuality.” In: Thomas, Calvin (Hrsg.): „Straight with a Twist. Queer Theory and the Subject of Heterosexuality.” University of Illinois Press, Urbana / Chicago, 2000, 1-44, ISBN 978-0252068133.

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