Schönheitshandeln
Aus Gender@Wiki
Schönheitshandeln geht vom alltäglichen Sich schön machen aus. „Ich mach’ mich nicht für andere schön, sondern für mich. Und ich muss mir gefallen, und nicht den anderen. Das finde ich ganz wichtig.“ Diese typische Antwort ist falsch. Denn schön machen sich Menschen vor allem, weil sie auf soziale Anerkennung aus sind. Sich schön machen ist keine private Angelegenheit, keine Frauensache, nichts Oberflächliches, und mit Spaß und Lust hat es nur selten etwas zu tun. Beim Sich schön machen geht es nicht um Schönheit „an sich“ und schon gleich gar nicht um die Frage, was und wer schön (oder hässlich) sei, sondern um pures „Schönheitshandeln“: einem Medium der Kommunikation, das der Inszenierung der eigenen Außenwirkung zum Zweck der Erlangung von Aufmerksamkeit und Sicherung der eigenen Identität dient. Schönheitshandeln bedeutet, sich sozial zu positionieren.
Inhaltsverzeichnis |
Schönheitshandeln statt Schönheit
Der normativ verwendete Begriff Schönheit bezieht sich auf massenmedial produzierte und im Alltag gewichtige Auffassungen von dem, was Schönheit als Norm im medial-öffentlichen Diskurs in Abgrenzung zum Nicht-Schönen oder Hässlichen ist oder sein soll. Beim Schönheitshandeln dagegen interessiert nicht das ästhetische Urteil der RezipientInnen, sondern die gelingende oder misslingende Anerkennung. Schockiert die Punkfrau mit gelbem Irokesenlook, abgewetzter Lederjacke, Nasenring und sicherheitsbenadelten Jeansfetzen spießige Normalos auf der Straße, hat sie ihr Ziel erreicht: Sie weiß, zu wem sie gehört und von wem sie sich abzugrenzen hat. Schönheitshandeln ist ein sozialer Prozess, in dem Menschen versuchen, soziale (Anerkennungs-)Effekte zu erzielen. Dabei stehen Werte wie Individualität, Autonomie und Authentizität im Vordergrund. Das lässt sich als ein Erbe der Aufklärung interpretieren. Denn die Auffassung, dass es überhaupt so etwas wie eigenständige Individuen, dass es etwas „Unteilbares“, nämlich Individualität gebe, ist eine moderne Erfindung. Sie wurzelt in einem Kernglauben der Aufklärung, der Mensch sei für sein eigenes Leben selbst verantwortlich, er könne es selbst machen, in die eigenen Hände nehmen und gestalten. Diese Verlagerung von Verantwortung weg von Gott und Schicksal hin zum Individuum betrafen auch Seele und Körper, Befindlichkeit und den Eindruck, den man aufgrund seines/ihres Äußeren vermittelt.
Ideologie privaten Schönheitshandelns
Mit Ideologie des Schönheitshandelns als privater Angelegenheit ist etwa die Aussage gemeint, das Motiv des Schönheitshandelns sei das Wohlbefinden und eigentlich tue man „es“ doch für sich selbst. Der Begriff Ideologie meint dabei, dass es einen Bruch gibt zwischen den Darstellungen sozialer AkteurInnen und ihrer eigenen Praxis (Bourdieu/Wacquant 1996: 283). Man muss ihre Erklärungen also nicht für bare Münze nehmen, obwohl sie keinesfalls mit einer böswilligen Täuschungsabsicht gleichzusetzen sind. Denn im strengen Sinn ist der überwiegende Teil der Höflichkeitsarbeit eine Lüge – wann interessiert sich der flüchtige Bekannte auf der Straße mit der Frage „Hallo, wie geht’s?“ tatsächlich für das Befinden der Gegrüßten? Ideologisch ist die Aussage „ich mache mich für mich schön“, weil sie – wie es der Soziologie Erving Goffman (1973) ausdrückt – zum gesellschaftlich notwendigen impression management gehört, als autonom und selbstbewusst zu erscheinen. Schließlich steigert Schönheitshandeln vor allem das persönliche Wohlbefinden und Selbstvertrauen. Denn eine oftmals beschworene „innere Schönheit“ steht für Authentizität und Selbstbewusstsein, die äußere Schönheit verweist auf einen Mangel desselben, degradiert die Trägerin zur hirnlosen Barbiepuppe, die sich für andere schön macht, um charakterliche Mängel zu kompensieren. Dies liefe auf ein Eingeständnis mangelnden Selbstbewusstseins hinaus. Und damit möchte niemand assoziiert werden. Die Anerkennung von außen ist Motiv dafür, sich einem mitunter brutalen Schönheitskult zu unterwerfen, der die Beteiligten in ein enges Korsett von Schlankheit, Jugend, Attraktivität, Sportlichkeit, Gesundheit und Leistungsfähigkeit schnürt – um gesellschaftliche Anerkennung zu erfahren. Dabei wird der Körper gestylt, kontrolliert und geformt, bis er dem Ideal der erfolgreichen Schönen aus der Werbung genügt – was meist nicht gelingt. Schönheit ist ein entscheidender Teil des Eindrucks, den Menschen nach außen transportieren, Schönheit wird kommuniziert, und Schönheitshandeln ist die Grundlage dafür, dass genau dies geschehen kann.
Ideologie weiblichen Schönheitshandelns
Das heißt nicht, nur Frauen unterwürfen sich einem wie auch immer gearteten männlichen Schönheitsdiktat und machten sich schön. Das ist schon historisch falsch. Denn im klassischen Griechenland galt beispielsweise der Männerkörper als attraktiver, „adonisch“ heißt schön. Schönheit als Frauensache ist eine moderne Zuschreibung. Bis zum frühen 18. Jahrhundert etwa war die Geschlechterdifferenzierung in der Mode weniger wichtig als die Differenzierung nach Klasse. Schönheitshandeln ist zwar ein Mittel der Unterscheidung von Geschlechtern, keineswegs aber ausschließlich Frauensache. Nicht nur FeministInnen prangern seit Jahrzehnten einen geradezu brutalen Schönheitskult an, der vor allem Frauen in ein enges Korsett von Schlankheit, Jugend, Attraktivität, Sportlichkeit, Gesundheit und Leistungsfähigkeit schnürt. Heute ist die äußere Erscheinung pluraler geworden, Manipulationen des Körpers sind zum Akt der Freiheit geworden: auszuprobieren, was möglich ist. Nur gerecht, dass die Schönheits- und Wellnesswelle inzwischen auch Männer erfasst hat. Nicht nur hirnlose Muskelmasse, sondern ein wohlgeformter und durchtrainierter Körper ohne überflüssiges Fett wie etwa der eines James Bond-Darstellers Daniel Craig sind das, was Trendmagazine und Fitness-Päpste heute in Millionenauflagen predigen. Dabei sind es vor allem schwule Männer, die andere Männer als ein legitimes Ziel männlichen Schönheitshandelns verteidigen, für das es sich nicht zu schämen gilt. Sich für andere Männer schön zu machen gilt als ein Zeichen der Anerkennung wie auch als Balzverhalten. Damit muss man nicht an Selbstbewusstsein verlieren oder sich selbst zum Sklaven gesellschaftlicher, etwa schwuler Szenenormen machen. Schönheitshandeln ist ein Mittel der Kontaktanbahnung, und hier zeigt sich in der unterschiedlichen Bewertung von Schönheitshandeln bei heterosexuellen Frauen und Schwulen ein Stück unterschiedlicher Sozialisation: Kontaktanbahnung war lange Zeit ausschließliches Vorrecht der Männer, Frauen hatten abzuwarten, bis sie aufgefordert wurden (nicht nur auf dem Abschlussball des Tanzkurses). Schwule sind ebenso wie Heterosexuelle als Männer sozialisiert und empfinden es deshalb als normal, bei der Partnersuche aktiv zu sein – in diesem Fall unter Zuhilfenahme von Schönheit. Was zahlreiche heterosexuellen Frauen ablehnen, aber dennoch praktizieren, praktizieren viele Schwule und finden es gut. Denn was sie attraktiv finden, bringen sie auch selbst auf dem Markt der Partnerwahl mit ein.
Ideologie spaßigen Schönheitshandelns
Der Ideologie des „Spaßhandelns“ zufolge ist Schönheitshandeln mit Kreativität, Freude und Lust verbunden, es macht Spaß. Wie beim privaten Schönheitshandeln fällt aber auch hier der Schein des Lustvollen schnell in sich zusammen. „Wer schön sein will, muss leiden“, heißt es. Man wird nie fertig, gebräunte Haut gibt es nicht mehr ohne gesundheitliche Risiken, und das richtige Schminken erfordert Übung und Geschicklichkeit. Deshalb lassen einige lieber gleich die Finger davon. Dieser Zwang- beziehungsweise Arbeitsaspekt hat eine protestantische Note: ohne Arbeit keine Belohnung. Das sagen einige auch ganz freimütig: „Also ich kann Schönheit nur dann empfinden, wenn ich irgendwas getan habe oder dafür gemacht habe.“ So sind auch sportliche Körperprogramme mit Joggen, Bodybuilding, Gymnastik, gesunder Ernährung funktionale Äquivalente für das Schminken beziehungsweise die Fassadenpflege mit Make-up und Kajal: Schönheitshandeln ist Arbeit und kein hedonistischer Akt des Sich-gut-gehen-Lassens. Denn wer sich schön macht, steigert seine Erfolgsaussichten, und Schönheitshandeln erscheint als Versuch der Teilhabe um soziale Macht. Dies schlägt sich auch in der Bedeutung von Schönheit im beruflichen Leben nieder: Nicht eine Rolle lediglich spielen, sondern verkörpern ist die Maxime, wobei immer mehr Aspekte eines einstmals rein äußerlichen Verhaltenscodes in den Körper hineingenommen werden. Soziale und integrative Kompetenzen werden wichtiger, der sachliche Austausch wird zunehmend in einen sozialen Austausch transformiert, und zur Absicherung bedient man sich der Gefühle und Motivationsstrukturen der MitarbeiterInnen. Die ganze Person ist gefordert, ihr Können dokumentiert sich in inkorporierten Kompetenzen. Das hat inzwischen auch schon einen leisen Eingang in „große Gesellschaftstheorie“ gefunden. Der Soziologe Luc Boltanski und die Ökonomin Ève Chiapello (2006) etwa beschreiben einen neuen „Geist des Kapitalismus“, für den Mobilität, Selbstverantwortung und Aktivität zu zentralen Erfolgsfaktoren avanciert sind, die bis in die Körper smarter Manager und „Betriebsathleten“ (Frauen tauchen dabei nicht explizit auf) reichen. Attraktivität steigert die Motivationsmacht, und genau das entspricht auch dem neuen Führungsideal: Motivieren, Begeisterung ausstrahlen, mitreißen. Einen übergewichtigen und kurzatmigen Griesgram mag man sich darunter nicht vorstellen.
Ideologie oberflächlichen Schönheitshandelns
Mit der Ideologie des vermeintlichen Spaßhandelns eng verbunden schließlich ist die Ideologie des Schönheitshandelns als Oberflächenphänomen: Man manipuliert, stylt, formt, schminkt das Äußere, aber eigentlich komme es auf die inneren, tieferen Werte an, die davon unberührt blieben. So müsse Schönheit auch nicht mit Makellosigkeit zusammenfallen, sondern könne und solle auf Ausstrahlung und Charakter basieren. Dennoch operiert „Sich schminken“ als zentrale Komponente des Schönheitshandelns wie ein verinnerlichtes Alltagsritual vergleichbar dem Zähneputzen, das schon gar nicht mehr auffällt. Wird die Gewohnheit schließlich zum Zwang, („Ich weiß, ich habe die letzten fünf Euro in der Tasche; wenn ich mich entscheiden muss: was zu essen oder Schminkzeug, würde ich Schminkzeug kaufen.“) hat das mit dem Herausstellen innerer Werte nicht mehr viel zu tun. Andererseits kann die Ideologie des Schönheitshandelns als Oberflächenphänomen geradezu in einen Innerlichkeitskult umschlagen, wenn Menschen in schwarzem Lack, Gummi und Leder mit Striemen und Narben auf der Haut gängige Schönheitsnormen auf den Kopf stellen und neu bewerten. Die Devise „Zeige deine Wunden und finde dich trotzdem schön dabei“ macht solche Inszenierungen zu einer Form von Schönheitshandeln, die darauf hofft, zu einer tieferen Ebene jenseits oberflächlicher Inszenierungen vorzudringen. Schönheitshandeln ist danach ein identitätsstiftender Akt; es kommt zu sich selbst.
Quellen
- Entwistle, Joanne (2000) The Fashioned Body. Fashion, Dress and Modern Social Theory. Cambridge/UK: Polity Press
- Freedman, Rita (1989) Die Opfer der Venus. Vom Zwang, schön zu sein. Zürich: Kreuz
- Koppetsch, Cornelia (2000) Hg. Zur Soziologie der Attraktivität. Konstanz: UVK
- Posch, Waltraud (1999) Körper machen Leute. Der Kult um die Schönheit. Ffm: Campus
- Schlaffer, Hannelore (1996) Schönheit. Über Sitten und Unsitten unserer Zeit. München
- Tseelon, Efrat (1997) The Masque of Feminity. London: Sage
- Wilk, Nicole M. (2002) Körpercodes. Die vielen Gesichter der Weiblichkeit in der Werbung. Ffm: Campus
Weblinks
http://www.dict.cc/deutsch-englisch/sich+sch%F6n+machen.html
Bibliographie
- Boltanski, Luc; Chiapello, Eve: Der neue Geist des Kapitalismus. Konstanz, 2000, ISBN
- Bourdieu, Pierre; Wacquant, Loic J.D.: Reflexive Anthropologie. Franfurt am Main, 1996, ISBN
- Degele, Nina: Sich schön machen. Zur Soziologie von Geschlecht und Schönheitshandeln, Wiesbaden, 2004, ISBN
- Goffman, Erving: Wir alle spielen Theater. München, 1996, ISBN ; engl. The Presentation of Self in Everyday Life. Garden City, N.Y., 1959

