Polyamorie

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Polyamorie (auch engl.: polyamory; Adjektiv: polyamor, kurz: poly) ist die Fähigkeit, der Zustand oder die Überzeugung, mehrere Personen gleichzeitig über längere Zeit mit Wissen und Zustimmung aller Beteiligten lieben zu können und sowohl emotionale und/oder auch sexuelle Beziehungen eingehen zu können.

Inhaltsverzeichnis

Charakteristika

Polyamorie versteht sich als Alternativmöglichkeit zur allgemein gängigen gesellschaftlichen Vorstellung, dass emotionale und sexuelle Beziehungen auf zwei Personen ungleichen Geschlechts beschränkt sind und nur nacheinander erfolgen können. So zieht Polyamorie einer sozialen Norm eine auf freier Entscheidung beruhende Lebensweise vor. Polyamorie beansprucht dabei nicht, die einzig "richtige" Lebensweise zu sein. Um gleichzeitige Beziehungen zu mehreren Menschen zu ermöglichen, gelten Offenheit, Ehrlichkeit, Vertrauen und Kommunikation unter polyamoren Menschen als grundlegende Umgangsformen. Alle Beteiligten wissen stets über alle Verflechtungen Bescheid und geben dazu ihr Einverständnis, weswegen per definitionem kein "Betrug" möglich, wie er in ausschließenden, monogamen Modellen existiert. In der Polyamorie wird angestrebt, das Besitzdenken von Menschen in Beziehungen aufzugeben. Polyamore Liebe ist nicht an die Bedingung geknüpft, eine andere Person nicht lieben zu können. Liebe wird für Polyamore sprichtwörtlich umso größer, je mehr sie geteilt wird und muss nicht aufhören, wenn die Liebe zu einem anderen Menschen anfängt. Polyamore Beziehungen definieren sich in erster Linie über emotionale Anziehung bzw. Liebe. Sexuelle Anziehung spielt zwar bei vielen polyamoren Beziehungen ebenfalls eine Rolle und ist für viele von Liebesgefühlen nicht zu trennen, würde aber alleine noch keine polyamore Beziehung ausmachen.

Hintergründe

Für Polyamorie gibt es verschiedenste praktische und philosophische Argumente. Die Analyse unserer Gesellschaft bietet Ansatzpunkte, indem auf die wachsende Anzahl zerfallender Ehen und die Unfähigkeit vieler offiziell monogam lebender Menschen hingewiesen wird, ihr "Versprechen" diesbezüglich zu halten. Weiters wird auf ethnologische Studien hingewiesen, nach denen gänzlich monogames Verhalten nur von einer kleinen Anzahl von Menschen praktiziert wird. Ebenfalls kann aus der Betrachtung des Tierreiches heraus argumentiert werden, in dem nur wenige Arten gänzlich monogam leben. Die philosophische Argumentationslinie stellt Liebe als auf eine Person beschränkt in Frage. Sie unterstützt dieses Argument mit dem Vergleich der Liebe zu Kindern, die pro Neugeburt nicht neu aufgeteilt und von früher Geborenen abgezogen werden muss. Weiters wird argumentiert, dass das emotionale Verhältnis zu einem Menschen nicht genau im Moment des Beendens einer Beziehung erlischt, sondern durchaus weiter existiert, wenn sich Gefühle zu einer neuen Person intensivieren.

Abgrenzungen

Polyamorie weist Überlappungen mit einigen anderen Feldern auf, die jedoch entscheidende Charakteristika aufweisen, die sie von Polyamorie abgrenzen:

  • Swinger: In der Swinger-Kultur stehen wie in vielen polyamoren Beziehungen mehrere Sexualpartner_innen zur Verfügung. Beim Swingen liegt der Fokus jedoch auf der rein sexuellen Interaktion mit anderen Personen und nicht bei emotionaler Anziehung.
  • Freie Liebe: Das Konzept der Freien Liebe als kurzfristige Reaktion der zerfallenden Moralvorstellungen Ende der 1960er Jahre hatte seinen Fokus ebenfalls auf sexueller Freizügigkeit, während emotionale Bindung weiterhin mit nur einer Person bestand oder gänzlich fehlte.
  • Polygamie/Polygynerie/Polyandrie: In verschiedenen Kulturen existieren institutionalisierte Beziehungsformen, die jeweils einer Person gestatten, sich durch Vetrag oder Ritual mit mehr als einer Person unterschiedlichen Geschlechts zu binden (Vielehe). Hierbeit steht jedoch eine Person an der hierarchischen Spitze. Sie kann über mehrere Personen verfügen, die ihrerseits jedoch nicht die Freiheit haben, Beziehungen zu anderen Menschen einzugehen.

Form Queerer Praxis

Queeres Gedankengut kritisiert u.A. Heteronormativität, Bipolarität, Eindeutigkeit, Fremdzuschreibung und Pluralismusfeindlichkeit. Diese Kritiken spiegeln sich in verschiedenen queeren Theorien wieder. Queer ist jedoch nicht nur ein Theoriegebäude. Praktiken und Lebensweisen, die - deduktiv oder induktiv - mit den queeren Theorien verbunden sind, bilden Formen queerer Praxis. Polyamorie kann als eine Form queerer Praxis gesehen werden, da sich einige ihrer Charakteristika queerem Gedankengut zuordnen lassen:

  • Da zu einer polyamoren Beziehungskonstellation mindestens drei Personen gehören, ist es allein auf Grund der Zahl drei schon unausweichlich, es als antiheteronormativ zu bezeichnen, da es das Paarmodell in Frage stellt. Darüber hinaus dekonstruiert die Beziehungskonstellation ebenfalls die ausbalancierte "Gegengechlechtlichkeit" einer Beziehung, da das Gleichgewicht nicht mehr vorhanden ist. Bipolarität und bipolare Paarbeziehungen zu dekonstruieren, ist ein Anliegen von queer, dem Polyamorie nachgeht.
  • Sowohl Einstieg in, als auch Ausstieg aus der Polyamorie können zu jedem möglichen Zeitpunkt passieren. Es ist verschieden interpretierbar, ob man nach einer polyamoren Erfahrung polyamor "ist", oder nicht. Außerdem kann ein nicht-polyamorer Mensch eine_r von mehreren Partner_innen eines polyamoren Menschen sein. Inwieweit welcher Grad an Partizipation in polyamoren Beziehungen eine Person polyamor "sein" lässt und dies überhaupt eine Lebensweise oder Orientierung ist, macht den uneindeutigen Charakter von Polyamorie aus. Eindeutigkeit zu hinterfragen bzw. sie nicht zuzulassen, verleiht Polyamorie queere Züge.
  • Die Zugehörigkeit zur polyamoren Gemeinde beruht auf freier, eigener Entscheidung und basiert nicht auf einer gesellschaftlichen Kategorisierung. Diese Selbstzuschreibung inklusive der persönlichen Hoheit über die Bedeutung von Polyamorie für sich selbst, ist ein wichtiges Element queerer Theorie.
  • Polyamore Menschen wählen ihre Lebensweise, weil sie ihnen als für sich am geeignetsten erscheint. Dabei beanspruchen sie aber nicht das Recht, Polyamorie kategorisch für alle Menschen als die geeignetste Lebensweise zu postulieren. Vielmehr verstehen sich polyamore Menschen in dieser Hinsicht als Mitglieder einer sexuellen Orientierung, die neben sich selbst Platz für andere hat und auch Verknüpfungen zulässt. Mit diesem Modell eines sexuellen Pluralismus verfolgt Polyamorie eine weitere queere Grundidee.

Externe Links & Quellen

http://www.cat-and-dragon.com/stef/poly.html

http://www.dmoz.org/Society/Relationships/Alternative_Lifestyles/Polyamory/

http://www.libchrist.com/

http://www.lovemore.com/

http://www.polyamory.at/

http://www.polyamory.org/

http://www.polyamorysociety.org/

http://www.worldpolyamoryassociation.org/

http://www.xeromag.com/fvpoly.html

Bibliographie

2007

  • Beelte, Annedore: Ich heirate die Familie. In: die tageszeitung vom 7. 07. 2007. html (2008-01-14; 08:03).
  • Engelhardt, Dirk: Ich liebe dich und sie, und du liebst mich und ihn. In: Tages-Anzeiger, Zürich, vom 23.01.2007. html (2008-01-14; 08:01).
  • Gelinsky, Katja: Ehe hoch zwei. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 13. 11. 2007. html (2008-01-14; 08:11)
  • Mattheis, Philipp: Du und ich und ich und er. Sie lieben nicht einen Partner, sondern führen mehrere Beziehungen gleichzeitig - mit Wissen und Einverständnis aller Beteiligten. Macht Polyamory glücklich? In: die tageszeitung vom 2. 11. 2007. [html (2008-01-14; 08:08).
  • Schott, Oliver: Dem Leben Schönes schenken. In: Jungle World, Nr. 35, 30.08.2007. [html (2008-01-14; 08:05).
  • Simon, Violetta: Er hat eine andere - wie schön! In: sueddeutsche.de vom 9. 11. 2007. html (2008-01-14; 08:09).
  • Stein, Hannes: Schöner leben mit mehreren Partnern. Das klingt zu schön, um wahr zu sein: In den USA gibt es eine neue Form von Polygamie – bei der „Polyamorie" geht es aber nicht nur um puren Sex, sondern um mehr Liebe. In: Die Welt vom 26. 10. 2007. html (2008-01-14; 08:06).

2006

  • Roth, Wolf Dieter: Die Rückkehr zur Großfamilie? „Polyamouröse Familien“. Eine Alternative zu „Swingen“, „Fremdgehen“ oder „LAGs“?. In: Telepolis 7. Juli 2006. html (2008-01-14; 07:58).
  • Schlender, Bärbel: Ein Frühstück zu Dritt. Leben und lieben in Mehrfachbeziehungen. Horitschon: Novum. 2006. ISBN 978-3-900693-88-6.

2005

  • Anderlini-D'Onofrio, Serena: Plural Loves. Designs for Bi and Poly Living. Harrington: Park Press. 2005. ISBN 1560232935.
  • Méritt, Laura; Bührmann, Traude; Schefzig, Nadja B.: Mehr als eine Liebe. Polyamouröse Beziehungen. Berlin: Orlanda Verlag. 2005. ISBN 3-936937-32-X.
  • Pieper, Marianne & Robin Bauer: Polyamory und Mono-Normativität. Ergebnisse einer empirischen Studie über nicht-monogame Lebensformen. In: Méritt, Laura; Bührmann, Traude; Schefzig, Najda Boris (Hg): Mehr als eine Liebe. Polyamouröse Beziehungen, Berlin: Orlanda Verlag. 2005. S. 59-69. ISBN 3-936937-32-X.
  • Rüther, Christian (2005): Freie Liebe, offene Ehe, Polyamory. Geschichte von Konzepten nicht-monogamer Beziehungen seit den 1960er Jahren in den USA und im deutschsprachigen Raum. Wien, Univ., Dipl., 2005. pdf (2008-01-14; 08:22); (Universitätsbibliothek Wien, II-1398979).

2003

2002

2001

  • Schneider, Regine: Die Liebe kommt, die Liebe geht. Warum lebenslange Zweisamkeit uns nicht glücklich macht. München: Marion von Schröder Verlag. 2001. ISBN 3-547-78033-0.

1999

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1994

  • Heinzelmann, Regula: Die neuen Paare. Anleitung zur Polygamie. München: Nymphenburgen, 1994. ISBN 3-485-00694-7.

Bibliographie

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