Passing
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Unter dem Begriff „passing“ (aus dem englischen „to pass for“ oder „to pass as“ als etwas/jemand durchgehen) verstehen wir in den Transgender Studies und den entsprechenden Communitys den erfolgreichen Prozess, als ein Mensch aus dem, dem eigenen biologischen Geschlecht entgegengesetzten Geschlecht erkannt und behandelt zu werden. Wer also „passt“ wird trotz anderem biologischem Geschlecht als Mitglied des Zielgeschlechtes behandelt. Dies geschieht mit der Übernahme der als typisch erkannten Verhaltensweisen des Zielgeschlechtes, des Habitus und seiner Kleidung. Das „passen“ wird durch eine dem Zielgeschlecht angepasste Körperform erleichtert, die operativ oder auch durch Methoden wie bspw. das Abbinden der Brüste oder das Tragen eines Ersatzpenis erfolgen kann.
„Erfolgreiche Geschlechtsangleichung hieß und heißt immer noch Identitätszwang; heißt, Widersprüche aus und insgesamt die eigene Geschichte zu streichen, heißt passing, d.h. unsichtbar werden“ (Genschel, 1998)
Dazu kommt die Erstellung einer neuen Persönlichkeit, bei der die Vergangenheit, die im „falschen“ Geschlecht gelebt wurde, zumeist verleugnet und durch eine erfundene Biografie mit „richtigem“ Geschlecht ersetzt wird. Dieser Satz ist zweideutig zu verstehen, denn als geschlechtsangleichende Operationen ab den 1960er Jahren eine weitere Verbreitung fanden, war die Durchführung einer solchen erst nach dem Bestehen eines Tests möglich, der entsprechend dem damaligen Forschungsstand beantwortet werden musste, um nicht als Soziopath, sondern behandlungswürdig zu gelten. Dieser Test basierte auf dem einzigen Buch, welches sich Transsexualität widmete: Harry Benjamin’s The Transsexual Phenomenon (1966). Den Inhalt dieses Buches und damit die „richtigen“ Antworten auf die Fragen der Ärzte lernten die Transsexuellen auswendig, was zu einer sehr hohen Korrelation zwischen Buch und Testergebnissen führte, die erst Jahre später als das was sie war erkannt wurde: dem Anpassen der Menschen, die ihr Geschlecht wechseln wollten an die Erfordernisse, die daran geknüpft waren.
„I could not ask a transsexual for anything more inconceivable than to forgo passing, to be consciously „read“, to read ourself aloud – and by this troubling and productive reading, to begin to write oneself into the discourses by which one has been written – in effect then, to become a (...) posttranssexual” (Stone 1991: S. 232)
Dieses „Verschwinden“ im anderen Geschlecht, welches sowohl durch die am binären Geschlechtermodell ausgerichteten Gesetze gefordert wird, aber auch das Ziel vieler transgendered people ist, wird von transgender-Aktivist_innen wie Sandy Stone kritisiert, da diese sich wieder in die binären Geschlechtsverhältnisse einbinden und darin untergehen, das System der Zweigeschlechtlichkeit und dessen deutliche Lücken damit also nicht gefährden. Wer „passt“ erfährt zwar gesellschaftliche Vorteile sowohl in der zweigeschlechtlichen sozialen Umwelt, als auch in der Trans-Community, wirkt aber nicht als Riss im System, von dem die Kritik an ihm oder ein Einfluss in den binär gedachten sexuellen Diskurs erfolgen kann. Die Wahl zu passen haben aber nicht alle Akteure. Verschiedenste Kriterien spielen hierbei eine Rolle, vom Wohnort, dem sozialen Umfeld oder den simplen materiellen Möglichkeiten bis zu der inneren Stärke oder auch der persönlichen Leidensfähigkeit.
Literatur:
Quelle dieses Textes: passing-Definition als Arbeit in einem Seminar von Robin Bauer
Garfinkel, H: “Passing and the managed achievment of sex status in an intersexed Person”, in: Garfinkel, H.: Studies in Ethnomethodology, Englewood Cliffs, New Jersey, 1967,S. 116- 185
Stone, Sandy: “The Empire Strikes Back: A Posttranssexual Manifesto.” in: Epstein, Julia und Kristina Straub (Hgg.), Body Guards: The Cultural Politics of Gender Ambiguity. New York / London: Routledge, 1991, S. 280-304
Genschel, Corinna: Die Formierung in der Transgender Bewegung in den USA. Von medizinischen Objekten zu politischen Subjekten. In: Ferdinand, Ursula, Pretzel, Andreas und Seek, Andreas (Hrsg.): Verqueere Wissenschaft? Zum Verhältnis von Sexualwissenschaft und Sexualreformbewegung in Geschichte und Gegenwart, Münster 1998

