Normative Partikularität
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Normative Partikularität
Dieser Artikel möchte Ansätze aus der Hegemonietheorie und der Stereotypenforschung verbinden, um zu verstehen, wie sich durch 'Konstruktionen des Allgemeinen' normative Partikularität artikuliert, die einen Raum teilt und fixiert, dadurch dessen Subjekte zu hierarchisieren oder bereits hierarchisierte Subjekte durch Unterwerfung zu fixieren. Als Beispiele dienen Platon und Kant.
Äquivalenz und Differenz
Universalität oder Allgemeinheit implizieren eine Äquivalenzkette mit einem die Äquivalenz herstellenden Signifikanten. Ein absolut universeller Signifikant ist nicht benennbar, weil er alles einschließt, daher kein Außen hat und in einfache Identität kollabiert (Laclau 1998: 269). Während sich andererseits absolute Partikularität ohne einen Äquivalenz herstellenden Signifikanten ebenso Identität annähert. Äquivalenz und Partikularität sind interdependent. Weder der eine noch der andere Pol ist vollständig erreichbar. Eine anders als absolute Äquivalenz (zum Beispiel menschliche) hat einen Signifikanten (Mensch), der zugleich die Äquivalenz von Partikularem etabliert und ein Außerhalb der Äquivalenz definiert, das was nicht mehr äquivalent ist. Die Äquivalenz ist auf einer anderen Ebene angesiedelt, als die Differenzen des Äquivalenten, die differenziellen Positionen etwa von (Diskriminierungs-)Erfahrungen und Lebensentwürfen. Der Punkt der Äquivalenz ist daher genau jener Punkt, an dem eine institutionelle Ordnung (durch die differenziellen Positionen) mit ihrer Kontingenz konfrontiert wird (Laclau/Mouffe 2000: 168). Die Äquivalenz führt ein Element der Unordnung, der Unbegründbarkeit oder des Dissenses ein, indem sie eine gleich-gültige Gleichheit zum einzigen Maß der Einigung macht. Deshalb ist es zur Aufrechterhaltung eines fixierten sozialen Raums notwendig, die menschliche Äquivalenz einzuschränken. Dies ist die unmittelbare Funktion von Rassismen, Sexismen, Bewertungssystemen ... Sie führen ein Maß ein, das die Begegnung in einer gemeinsamen Welt leugnet (vgl. etwa Ranciere 1994: 128).
Normative Partikularität - Eingeschränkte Äquivalenz
Äquivalenz wird eingeschränkt, wenn ein Partikulares (eine geringere Menge) vorgibt, nicht nur am Allgemeinen Teil zu haben, sondern in besonderer Weise oder ausschließlicher daran Teil zu haben bzw. es direkt zu repräsentieren. Ausschlüsse sind die Konsequenz. Für eine Einschränkung der Äquivalenz wird also das Allgemeine in partikularer Weise artikuliert werden. Solche Setzungen müssen unablässig erklärt, aktiv und gewaltsam erneuert und aufrecht erhalten werden. Das Partikulare, das vorgibt, eine privilegierte Beziehung zum Allgemeinen zu unterhalten oder es direkt zu repräsentieren, ist dabei permanent in seiner eigentlichen Partikularität 'bedroht'. Es erscheint sich selbst nicht als ein Partikulares, sondern als unmittelbar allgemein. Es gibt z.B. in der 'westlichen' Kultur in diesem Sinne eine hegemoniale Konstruktion des "Menschen" als zugleich männlich wie auch weiß, heterosexuell ... usw., also im eigentlichen Sinn partikular. Weil das normative Partikulare, als ein Partikulares selbst nicht messbar oder abschließend benennbar, dabei jedoch gleichzeitig vermeintlich unmittelbar universell ist, entfaltet das privilegierte Universalität beanspruchende Partikulare, nach Maße es hegemonial ist, eine normierendende Kraft. Es hierarchisiert so seinen Kontext gleichzeitig entlang aller Kategorien. Die differentiellen Positionen erscheinen anhand dieses Maßes, welches das normative Partikulare selbst ist, in allen Kategorien als entsprechend ähnlich oder unähnlich.
Grenzen der Anerkennung
Da es mit diesem Hierarchisierungseffekt nicht eigentlich um diese oder jene Eigenschaft geht, sondern um die absolute Nähe zum normativen Partikularen, also die anerkannte Teilhabe am Allgemeinen, kann ein Abstand in einer Kategorie durch eine Nähe in jeder anderen Kategorie kompensiert werden. Dies jedoch, ohne dass es dabei möglich sein wird, jemals die volle Universalität des normativen Partikularen zu erreichen. Es ist also, insoweit es hegemonial ist, ein machtvoller Operator, der Handeln durch die Verteilung von Anerkennung organisieren will. Unter solchen ungleichen Voraussetzungen eines vorgängigen Ausschlusses, greift das auf Hegel zurück gehende Modell sozialer Anerkennung nicht. Es wirkt sich im Gegenteil dahingehend aus, dass die nicht-hegemonialen Subjekte, auf der Vergleichungsgrundlage der normativen Partikularität, in ihrem vermeintlich geringeren Wert bestätigt werden. Alternativen sind etwa 'Concrete Universalism'/'Love' (Beatice Hanssen/Fanon, nach Chari 2003: 22) oder 'gleichgültige/leere Gleichheit' (Jacques Rancière). Vgl. auch Judith Butler in Undoing Gender bes. S. 148f.
Tiefenstruktur des Setereotyps
Die Interdependenz oder Wechselbeziehung zwischen den Kategorien ist möglich, weil sie alle auf eine nur doppelt binäre epistemische Struktur zurückgehen. Zu sagen, dass unsere Erkenntnisstruktur binär disponiert ist bedeutet: Es ist lediglich unsere Erkenntnisstruktur, die binär disponiert ist; eine Art transzendentales Apriori. Die Welt ist unabhängig davon. Dies ermöglicht eine Orientierung in der Welt durch die Differenzierung von Eindrücken und führt zu Stereotypisierungen wenn es mit ihr verwechselt wird. Letztere treten auf, wo ein unrealistisches Selbst-Bild gesichert werden muss. Hierzu bedarf es zudem einer Projektion der Innerlichkeit eines Gefühls, auf die Äußerlichkeit eines Objekts. Der Prozess dieser Disponierung, mit der eine paradiesische Totalität oder Weltverbundenheit als verloren gilt, ist auf verschiedene Weisen als Eintritt in die symbolische Ordnung gehandelt worden. Eine erste Spaltung in Nicht-Ich und Ich doppelt sich in einer zweiten Unterscheidung. Das Nicht-Ich ist entweder gut oder schlecht, versorgend oder eben nicht. Dem entsprechend auch das Ich, denn zur Kontrolle fähig oder unfähig. Differenzierungen kommen später. „Die Tiefenstruktur unseres Selbstverständnisses und unsere Wahrnehmung der Welt beruht auf der imaginären Teilung der Welt in zwei Lager, <wir> und <sie>. <Sie> sind entweder gut oder böse." (Gilman 1992: 10) Diese basalen Unterscheidungen liegen der Ähnlichkeit ihrer Konkretisierungen in Stereotypen zugrunde wie auch deren gegenseitiger Wirksamkeit. Viele Stereotype gehen daher zurück auf den Gegensatz von Heteronomie (Objekt/Materie) und Autonomie (Willen/Geist).
Ordnungen des besonderen Ganzen
Nunmehr ging es (in der okzidentalen Tradition) vielfach darum, individuell wie gesellschaftlich die Totalität zu realisieren, die die unterschiedenen Bereiche integriert. Eine Entgegensetzung in diesen Begriffen hat allerdings einen entscheidenden Fehler. 'Autonomie' wäre bereits das wechselseitig abhängige Zusammen von Geist und Materie. Wo Autonomie als die Autonomie eines Willens verstanden wird, der sich eine Materie unterwirft, das heißt, wo man(n) probiert hat Totalität nur zu 'denken', wird diese stets verfehlt. Totalität realisiert sich also, durch die Tradition der Platonischen Ideenlehre hindurch, stets als die Unterwerfung einer Materie unter einen formenden Verstand oder eine Idee. Dies aber setzt gesellschaftlich Konkretisierungen d.h. Stereotype voraussetzt, in welchen Heteronomie der Materie und Autonomie des Willens, als auf verschiedene (sexuierte, rassisierte, klassifizierte ... ) Menschheiten verteilt erscheinen. Es ist nicht anders möglich, eine notwendige Ordnung apriorisch zu begründen, als durch die Einschränkung menschlicher Äquivalenz. Paradigmatisch ist etwa die 'notwendige Täuschung' in Platons proto-rassistischer s.g. Erzelehre: "(...) als der Gott euch formte, hat er denen, die zum Regieren fähig sind, bei ihrer Erschaffung Gold beigemischt, und das macht sie besonders wertvoll, allen Gehilfen aber Silber, und den Bauern und sonstigen Handarbeitern Eisen und Erze." (Platon 2004: 414-415) Die Idee des Guten ist, wie ein blendendes Licht, nur für wenige Philosophen erkennbar. Sie ist letztlich die 'Einheit' selbst (Platon 2004: 423, Krämer 1997: 189, 198). Ihr ähnelt noch der Wille Gottes in der katholischen Kirche, der nicht erkennbar und außerhalb der Welt liegend, sich dennoch von den lobpreisenden Engeln, durch die weltliche Hierarchie, die er begründet, bis zum letzten Bauern vermittelt. Folgerichtig ist es die 'Gerechtigkeit' in Platons Verfassung, 'das seine zu tun' (Platon 2004: 433). Sie fixiert die Subjekte an ihrem Platz in der Geometrie der perfekten Ordnung. Die demokratische Option wird indes dadurch abgetan, sie mit dem Stigma des 'kindischen' und 'weibischen' zu belegen (Platon 2004: 557).
Allgemeinheit hat zugleich die Bedeutung einer geteilten Eigenschaft aller Subjekte einer 'Klasse' oder 'Gattung' und die einer Eigenschaft, die allen diesen Subjekten an-und-für-sich zukommt, was es erlaubt die Einzelnen durch ein System von Attributionen in eine ontologisch geordnete Totalität einzutragen, etwa in die Aristotelische Hierarchie des Seienden. Die Totalität der Welt untersteht für Kant (wie der Wille Gottes) nicht mehr dem Erkennen. Der Ort des/der Menschen geht als ein generischer solcher mit der Notwendigkeit einer Ordnung überhaupt verloren. Die sinnvolle Totalität bleibt jedoch als ein von Antagonismen befreites, nur mögliches, weder anschauliches, noch begrifflich zu denkendes 'Reich der Zwecke' bestehen. Die Stelle der Notwendigkeit nimmt nun, durch die Vernunft auf diese Möglichkeit verwiesen, die Unbedingtheit eines moralischen Imperativs ein. Dieser gibt jedoch keine Regel - dafür müsste dieses 'Reich der Zwecke' einsichtig sein - sondern untersteht der Freiheit des Willens (vgl. Monique David-Ménard 1999: 131). Erst die rigorose Unterwerfung der Sinnlichkeit (in der KpV), also die Absehung von der Partikularität der Fälle und Situationen, stellt die logisch nicht zu vollziehende Verbindung her, zwischen der Allgemeinheit eines unbedingten Imperativs und der Verallgemeinerbarkeit bzw. der einfachen Serialität der Handlungen und Subjekte, d.h. der Stiftung des Rechts. Sie sichert so eine bestimmte expansive Totalität. Der Widerstreit der Sinnlichkeit gilt Kant indes als das Ausführungsorgan des radikal bösen Willens (David-Ménard 1999: 25f). Wieder ist es eine besondere Artikulation des Allgemeinen, die eine normative Partikularität verbirgt.
Literatur
Anita Chari: The Limits of Recognition, Fanon and Hegel, Chicago 2003, (ptw.uchicago.edu/Chari03.pdf).
Monique David-Ménard: Konstruktionen des Allgemeinen. Psychoanalyse, Philosophie, Wien 1999.
Sander L. Gilman: Rasse, Sexualität und Seuche: Stereotype aus der Innenwelt der westlichen Kultur. Hamburg 1992.
Hans Krämer: Die Idee des Guten. Sonnen- und Liniengleichnis. In: Otfried Höffe (Hg.): Platon, Politeia, Berlin 1997.
Ernesto Laclau, Chantal Mouffe: Hegemonie und radikale Demokratie. Zur Dekonstruktion des Marxismus, Wien 2000.
Ernesto Laclau: Von den Namen Gottes. In: Oliver Marchart (Hg.): Das Undarstellbare der Politik. Zur Hegemonietheorie Ernesto Laclaus, Wien 1998.
Platon: Der Staat, Zürich/München 2004.
Jacques Rancière: Die Gemeinschaft der Gleichen. In: Joseph Vogl (Hg.): Gemeinschaften. Positionen zu einer Philosophie des Politischen, Frankfurt a. M. 1994, S. 101-132.
--Nowack3000 21:05, 28. Mär. 2008 (CET)

