Nicht-Direktive Beratung
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Beschreibung
Die Begriffe Beratung und Therapie sind hier austauschbar. Der Begriff Beratung wird aber eher im pädagogischen Kontext gebraucht. Interviews mit dem Ziel der Heilung und Wiederherstellung können als Psychotherapie bezeichnet werden. Kernpunkt sind die Techniken und Methoden, die zur konstruktiveren Begegnung mit der Realität verhelfen. Der Klientenzentrierte Ansatz wird hier auch als die nicht-direktive Beratung beschrieben. Wenn der Berater/die Beraterin auf die vom Individuum ausgedrückten Einstellungen eingeht und dessen Gefühle erkennt und klärt, ist das Interview Klienten-bezogen (client-centered) und das vorgebrachte Material ist das, was für das Problem des Klienten emotionell relevant ist. Diese Form der Beratung soll ein erlernbarer, überschaubarer und begreifbarer Prozess sein. Er kann daher vermittelt, überprüft, verfeinert und verbessert werden kann. Diesem Verständnis liegt ein Menschenbild zugrunde, in dem die Prozesse der Erkenntnis und des Wachstums des Menschen normalerweise nach Regelmäßigkeiten verlaufen. Dies gibt Vertrauen und Sicherheit im Umgang mit Individuen und deren Gefühlen. Prinzipiell ist unter bestimmten Voraussetzungen eine Verbesserung für jeden Menschen möglich, der sie möchte und Verantwortung dafür übernimmt. Moralische Wertung geht in diese Therapieform nicht ein. Negative Gefühle werden nicht verachtet, positive Gefühle nicht gelobt. Der Berater/die Beraterin beschränkt sich darauf, jegliche Gefühle als existente Teile des Individuums anzuerkennen. Gefühle werden ins Bild gerückt, ohne Partei zu ergreifen. Hier ist es besonders wichtig, dass der/die Beratende seine/ihre Funktion als die eines Spiegels begreift, der dem Individuum sein wirkliches Ich zeigt und es durch diese neue Wahrnehmung befähigt, sich selbst zu reorganisieren.
Begründer
Carl Ransom Rogers (1902-1987) war von 1940-1963 als Professor für Psychologie und Psychiatrie an der Universität von Wisconsin tätig. Er gründete anschließend das Center of Study of the Person in Kalifornien und ist der Begründer der nicht-direktiven Gesprächpsychotherapie. Rogers fertigte als erster Gesprächsprotokolle von therapeutischen Gesprächen an und versuchte herauszufinden, wann und wozu diese in der therapeutischen Situation hilfreich sein konnten. Der von ihm geschaffene klientenzentrierte Ansatz ist heute sowohl fester Bestandteil der Gesprächsführung im Rahmen von Therapiegesprächen, als auch in der generellen Gesprächsführung der alltäglichen pädagogischen Arbeit mit Klienten und Klientinnen.
Anwendungsbereiche
Diese Beratung kann überall dort Anwendung finden, wo das Individuum vor einem ernsthaften „Anpassungsproblem“ steht. Die Frage aus welcher Sichtweise „Anpassungsprobleme“ zu beurteilen sind, sollte aber vor Beginn der Beratung ausreichend reflektiert und geklärt werden, da dieser Begriff auch eine Form der Schuldhaftigkeit impliziert, welche bei der Problemlösung der/des Hilfesuchenden im Wege stehen kann. Die Anwendungsbereiche sind entsprechend in Kliniken für Kindertherapie (z.B. bei Eltern-Kind-Beziehung), in Beratung von Studentinnen und Studenten (z.B. bei Problemen der Berufswahl oder problematischem Verhalten), in psychohygienischen Einrichtungen für Erwachsene (z.B. Ehe- und Familienberatung), und in der Wohlfahrtspflege (z.B. Sozialberatung und im militärischen Bereich).
Charakteristische Schritte im Prozess
1. Das Individuum sucht Hilfe
Häufig hat der/die Beratende beim ersten Kontakt mit einem Klienten/einer Klientin Entscheidungen zu treffen, die über den Verlauf des weiteren Vorgehens entscheiden. Wenn ein Individuum (fortlaufende Bezeichnung für Klient_in) Hilfe sucht stellt sich zunächst die Frage, welche Beratung angezeigt ist. Dazu ist es wichtig zu beachten, welche Einstellung zur Beratung und zum/zur Beratenden vorhanden ist, z.B. kann die Beratung als eine Pflichtveranstaltung gesehen werden (z.B. der Schule, der Universität, des Gerichts, vom Krankenhaus, von Eltern oder Partnern veranlasst) und so wird diese als feindlich erlebt und das Individuum wird sich verwehren. Andererseits kann auch die volle Hoffnung in den/die Beratende gelegt werden und es wird ihm deshalb alles recht gemacht. Diese möglichen Einstellungen, wie auch die Kapazitäten und Qualitäten, sind Teile des individuellen Gesamtbildes seines Anliegens, das es in seiner Einmaligkeit zu verstehen gilt. Um zu entscheiden, welche Behandlung angezeigt ist, nutzt der/die Beratende einige grundlegende Fragen als Orientierungspunkte für seine/ihre Einschätzungen: Steht das Individuum unter Druck? Ist das Individuum seiner Situation gewachsen? Kann das Individuum Hilfe annehmen?
2. Die Situation ist definiert
Die therapeutische Beziehung ist klar definiert und ist wesentlicher Bestandteil der Beratungssituation. Der/die Beratende nimmt das Individuum als Person ernst und zeigt Interesse an ihm. Das zweite Merkmal der beratenden Beziehung ist das Gestatten des völlig freien Ausdrucks von Gefühlen. Drittens ist eine klare Struktur der Beratungssituation kennzeichnend, die mit gewissen Grenzen einhergeht. Viertes Merkmal ist das Fehlen von Druck oder Zwang. Die beratende Beziehung ist also eine eigene Art der sozialen Bindung, die dem Individuum völlig neu sein kann. Der/die Beratende muss sich darüber bewusst sein, dass damit Unsicherheiten verbunden sein können. Dem Individuum werden von Anfang an die Grenzen und Möglichkeiten aufgezeigt. Dazu gehören auch Grenzen der Verantwortlichkeit.
3. Ermutigung zum freien Ausdruck
Eines der zentralen Merkmale jeder Therapie ist das der Freisetzung von Gefühl. Ziel ist es, dem Individuum einen ungehinderten Ausdruck zu ermöglichen, indem insbesondere die kritischen und negativen Gefühle nicht aufgehalten werden. Es werden von Seiten der Beratung her keine Ratschläge gegeben, keine Überzeugungsversuche angestellt und keine Reaktionen ausgedrückt. Es wird lediglich der Struktur des Individuums gefolgt. In dieser Phase spricht das Individuum eindeutig mehr als der/die Beratende.
4. Akzeptanz und Klärung
Der/die Beratende muss in der Lage sein, nicht auf den intellektuellen Inhalt dessen, was das Individuum sagt, sondern auf das unterschwellige Gefühl, in Bezug auf das Problem, zu reagieren. Dieses sollte der Fall sein, damit das Individuum erkennen kann, dass es diese Gefühle hat. Zu beachten ist dabei, dass der/die Beratende nicht über das hinausgeht, was das Individuum bereits ausgedrückt hat. Würde zu schnell vorangegangen werden und Einstellungen, die von selbst noch nicht ausgedrückt worden sind und die ihm noch nicht bewusst sind, verbalisiert, dann würde der Prozess ins Stocken geraten.
5. Der stufenweise fortschreitende Ausdruck positiver Gefühle
Wenn die negativen Gefühle des Individuums genügend ausgedrückt worden sind, folgt zögernd der Ausdruck der positiven Impulse, die den Fortschritt der Beratung fördern. Es müssen also die negativen wie die positiven Gefühle gleich gründlich gesehen und geklärt werden, um die ambivalenten Gefühle zu lösen. Solange ein Aspekt verdrängt bleibt, ist die Gesamtsituation nicht klar und es ist kein Fortschritt möglich.
6. Das Erkennen positiver Impulse
Der/die Beratende muss die positiven Gefühle, die ausgedrückt werden, auf die gleiche neutrale Art akzeptieren und anerkennen, in der er die negativen Gefühle akzeptiert und anerkannt hat. Somit hat das Individuum nicht mehr das Bedürfnis, seine negativen Gefühle zu verteidigen. Es hat auch keine Gelegenheit, seine positiven Gefühle über zu bewerten. Und in dieser Situation treten Einsicht und Selbstverstehen spontan zutage.
7. Die Entwicklung von Einsicht
Die wichtigste Technik, die zur Einsicht des Individuums führt, ist die Technik, die vom Beratenden das Äußerste an Zurückhaltung fordert. Sie stärkt die Ermutigung zum Ausdruck von Einstellungen und Gefühlen, bis sich das einsichtige Verstehen beim Individuum spontan und von selbst einstellt. Wenn in der Beratung aller Ausdruck erlaubt ist, gesehen und gespiegelt wird, dann entsteht somit auch Raum für Verknüpfungen, um diese Einsicht, dieses Verstehen des Ich zu akzeptieren. Damit wird die Basis geschaffen, von der aus das Individuum alte Tatsachen in neuem Licht betrachten kann, um sie in neue Beziehungen zu setzen und nun zu neuen Ebenen der Integration fortschreiten kann. Es sollte beachtet werden, dass Einsicht sich erst allmählich einstellt, wenn das Individuum genügend psychische Kraft entwickelt hat, um neue Wahrnehmungen seiner selbst ertragen zu können. Nach erlangter Einsicht ermöglicht die veränderte Wahrnehmung des Individuums das Erkennen unterdrückter und verleugneter Impulse, was es ermöglicht kompensatorisches Verhalten und verteidigende Verhaltensweisen in den Hintergrund rücken zu lassen. Einsicht kann demzufolge das Erkennen von Zusammenhängen sein, aber auch die Akzeptanz bislang unterdrückter Einstellungen und Impulse bedeuten, oder die Bereitschaft sein, die Rolle zu erkennen, die man bisher gespielt hat.
8. Klärung der zur Wahl stehenden Möglichkeiten
Echte Einsicht scheint die positive Entscheidung für befriedigende Ziele einzuschließen. Dieser Prozess ist häufig mit einer etwas hoffnungslosen Einstellung verbunden, denn das Individuum sieht nun, wie es fühlt und ist, aber weiß nicht recht, wie es sich oder die Situation verändern kann. Die Funktion des/der Beratenden besteht hier darin, dass er/sie hilft, die verschiedenen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten zu klären und die Angst und die Mutlosigkeit, die das Individuum fühlt, anzuerkennen. Die Tatsache, dass die therapeutische Beziehung eine befreiende, nicht bedrohliche Beziehung ist, macht es dem Individuum möglich, seine Wahl der Möglichkeiten mit größerer Objektivität zu treffen. Der Prozess, Möglichkeiten für Lösungswege zu finden, kann neben dem Prozess der Einsicht stattfinden, denn die Reihenfolge der Schritte ist keine starre Abfolge sondern ein sich gegenseitig bedingender Entwicklungsprozess.
9. Positive Handlungen
Der erlangten Einsicht und somit möglich gewordenen Klärung der zur Wahl stehenden Möglichkeiten, um zu einem bestimmten Ziel zu gelangen, sollten nun Handlungen folgen. Dieses Handeln oder Umsetzen der positiven Schritte, umfasst die Bestätigung der „wirklich“ neu gewonnenen Einsicht und zeigt dem Beratenden, dass das Individuum die richtige Richtung einschlägt, um sein Ziel zu erreichen. Diese positiven Schritte, auch wenn diese noch so klein sind und von einem objektiven Gesichtspunkt aus betrachtet unwichtig sein können, zeigen dem/der Beratenden den Fortschritt und wachsenden Mut des Individuums auf, und somit die Fähigkeit seine Probleme auch eigenständig lösen zu wollen und zu können. Nach erfolgter Einsicht, sind die unternommenen positiven Handlungen in den meisten Fällen der neu gewonnenen Einsicht bemerkenswert angemessen.
10. Wachsende Einsicht
Umfassenderes und genaueres Selbstverstehen und zunehmender Einblick in die eigenen Handlungen, lassen wiederum die Einsicht wachsen, die anschließend für weitere positive Handlungen wichtig ist. Dieser Prozess zeigt wie sich die Schritte von Einsicht, Erlangung von Handlungsmöglichkeiten und deren Umsetzung miteinander verwoben sind, und sich gegenseitig zu einem stärkenden Element für die weitere wachsende Einsicht, und damit folgende gesteigerte Unabhängigkeit des Individuums, beeinflussen.
11. Gesteigerte Unabhängigkeit
Das Individuum hat mit fortschreiten seiner eigenständigen positiven Handlungen weniger Angst vor eigenen Entscheidungen und mehr Vertrauen in seine eigenen Handlungsweisen. Auch wenn das Individuum manchmal etwas sieht, was weiterhin schwierig ist, ist es für ihn nun emotionell akzeptabel und handhabbar. Mit der gesteigerten Unabhängigkeit des Individuums nimmt auch der/die Beratende eine veränderte Position ein.
12. Das nachlassende Hilfebedürfnis
Wenn der/die Beratende den Schritt der Unabhängigkeit zuerst erkennt und anspricht, dann zeigt sich das Individuum oftmals verunsichert und bekommt Angst. Der Wunsch der Eigenverantwortlichkeit und Unabhängigkeit muss durch die eigene Einsicht geweckt werden. In diesem Prozess lässt das Bedürfnis nach Hilfe nach und das Individuum erkennt, dass die Beziehung zu Ende gehen muss. Es kommt in der abschließenden Phase auch darauf an, dass genug Selbstvertrauen in seine Fähigkeiten aufgebaut wird, um ohne Hilfe weitermachen zu können.
Gendersensibilität der Methode
Dieser Ansatz ist in den 1940 er Jahren entstanden und lässt keine spezielle Behandlung der Genderaspekte erkennen. Da die Methode jedoch klienten/klientinnenzentriert ist, können viele Probleme damit umfassend bearbeitet werden. Darunter können auch Konflikte zwischen individuellen Wünschen und Bedürfnissen und der allgemeinen Vorstellung von der Rolle als Frau, Mann oder Individuum in der Gesellschaft, im Beruf oder in der Familie fallen. Die emotionale Herangehensweise wird in erster Linie dem weiblichen Prinzip zugeordnet, das intellektuelle Lösen von Problemen gilt dagegen als der männliche Weg. Es geht hier aber nicht um die entweder-oder Frage: emotional vs. rational. Die „Emotionale Ebene“ bedeutet hier, dass auf die Gefühle in Bezug auf das Problem eingegangen wird, indem sie als zusätzliche Ebene bewusst gemacht und anerkannt werden, damit beide Ebenen ein größeres Bild der Verhaltenslogik geben und zusammen zum Fortschritt beitragen können. Dabei ist die Methode weder unintellektuell noch ausschließlich auf der emotionalen Ebene angesiedelt, sondern soll diese verknüpfen. Die Beratungssituation bleibt so nicht abgekapselt neben dem alltäglichen Leben stehen, sondern schlägt eine Brücke zu ganz realen Situationen. Sie wird zur Schnittstelle zwischen Individuum und Gesellschaft und kann somit auch für das Aufbrechen von geschlechtsspezifischen Problematiken gut eingesetzt werden. Für die beratende Person sind gute, auch historische, Kenntnisse zum Thema Geschlechterkonsruktion unabdingbar, damit in der Beratung bestimmte Ambivalenzen und auch Ressourcen des Individuums erkannt und in der Beratung berücksichtigt werden können. Eine vorhandene Genderkompetenz des/der Beratenden ist somit eine wichtige Voraussetzung für den erfolgreichen Beratungsprozess.
Literatur
Rogers, Carl R.: Die nicht-direktive Beratung. Frankfurt am Main, Fischer Verlag, 1997. Rosenberg, Dr. Marshall: Gewaltfreie Kommunikation - Eine Sprache des Lebens. Paderborn 2001.
Straumann, Ursula E.: Klientenzentrierte Beratung. In: Nestmann et al. (Hrsg.), Band 2, 2004, S.641-654.
Weblinks
http://de.wikipedia.org/wiki/Carl_Rogers
http://www.sggt-spcp.ch/de/personzentrierteransatz_einfuehrung.html

