Männlichkeitsforschung, kritische
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Kritische Männlichkeitsforschung - Einordnung
Der Begriff der kritischen Männlichkeitsforschung beschreibt für den deutschsprachigen Raum die geschlechtskritische Perspektive in der Erforschung von Männern und Männlichkeiten. Die kritische Haltung bezieht sich dabei sowohl auf die Betrachtung von Geschlecht als Herrschaftsstruktur, inklusive dem Anspruch der Veränderung, als auch auf Selbstreflexivität der theoretischen und methodischen Herangehensweise (vgl. Höyng/ Jungnitz 2000). Angeregt durch die Frauenforschung seit den 1960ern begreift sich kritische Männlichkeitsforschung als Teil der inzwischen entstandenen Geschlechterforschung. Theoretischer Ausgangspunkt stellt das Konzept hegemonialer Männlichkeit da, sodass meist von Männlichkeiten im Plural gesprochen wird. Kritischer Männlichkeitsforschung geht es weniger um die Beschreibung individueller männlicher Identitäten, als vielmehr um die Analyse einer sozial hergestellten hierarchischen und dichotomen Gesellschaftsstruktur. Es existieren mittlerweile eine Reihe von Studien beispielsweise zu Zeitbudget (vgl. Döge/Volz 2000), Arbeitsmarkt (vgl. Döge 2000), Bildung (vgl. Budde 2005), männlichem Habitus (vgl. Meuser 1998; Brandes 2002) u.v.m. Ebenso finden sich einige Institutionen wie der Berliner Verein Dissens e.V. (www.dissens.de) oder das Forschungsnetzwerk AIM (www.ruendal.de/aim/gender.html).
Bezüglich der Perspektivbestimmung kritischer Männlichkeitsforschung ist umstritten, ob ‚alternative Männlichkeit’, eine grundlegende Herrschaftskritik oder die Dekonstruktion von Männlichkeit das Ziel sein sollen. Als Ausweg wird des öfteren zwischen der Dimension der bewussten Einstellungen und dem männlichen Habitus sowie zwischen ‚Mann-Sein’ und Männlichkeit unterschieden. Seit einiger Zeit wird in der kritischen Männlichkeitsforschung ebenfalls darüber nachgedacht, inwieweit und unter welchen Bedingungen Männlichkeit im Sinne von ‚undoing gender’ in den Hintergrund treten kann. Kaum diskutiert ist bislang, ob das Geschlecht der WissenschaftlerInnen eine Rolle spielt.
Methodologische Herausforderungen
Männlichkeitsforschung steht vor mehreren methodologischen Herausforderungen. Denn zum einen wird nur die eine – die männliche – Seite einer relationalen Ordnung der Geschlechter thematisiert. Dadurch können Differenzen überbetont werden.
Des Weiteren wird diskutiert, wie Männlichkeiten empirisch gefasst werden können. Als zentral wird dabei „die Bezogenheit auf die Herrschaftsstruktur der Geschlechterordnung” (Behnke/Meuser 1998: 15), sowie die Herstellung von Differenz zu Weiblichkeit angesehen (vgl. Meuser 1998). Hier stellt sich das methodische Problem der Reifizierung, da die Erforschung von Männlichkeit zum einen Männlichkeit als Klassifizierungskriterium zugrunde legt und zum anderen Männlichkeiten immer wieder (re-)produziert. Daraus resultiert oft eine schematische Vorstellung von Männlichkeit, die sich auf Stereotype stützt. Nicht zuletzt deswegen blickt kritische Männlichkeitsforschung häufig auf die ‚spektakulären Randbereiche’ von Männlichkeit: Neue Männer, gewalttätige Jungen, Rechtsradikale usw. Vernachlässigt wird darüber bisweilen, dass sich hegemoniale Männlichkeit auch in der Mitte der Gesellschaft bildet.
Literatur
Budde, Jürgen (2005): Männlichkeit und gymnasialer Alltag. Doing Gender im heutigen Bildungssystem Bielefeld.
Döge, Peter (2000): Geschlechterdemokratie als Männlichkeitskritik. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. B 31-32.
Döge, Peter/Volz, Rainer (2004): Weder Pascha noch Nestflüchter. In: Männerzeitung, 4. Jg. H. 4, S. 22-27.
Behnke, Cornelia/Meuser, Michael 1999: Geschlechterforschung und quantitative Methoden. Opladen
Brandes, Holger (2002): Der männliche Habitus, Teil 2. Opladen
Meuser, Michael (1998): Geschlecht und Männlichkeit. Opladen
Höyng, Stefan/ Jungnitz, Ludger (2000): Mehr als nur ein Blickwinkel. Männerforschung als Teil der Gender-Forschung. In: Zeitschrift für Erwachsenenbildung, 7. Jg. H. 4, S. 19-21

