Ladyfest
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Allgemein
Das erste Fest, das den Namen Ladyfest trug, fand im Jahre 2000 in Olympia (USA) statt. Für die Zielgruppe ist dies ein historischer Ort, denn es handelt sich hierbei um die Geburtstadt der Riot Grrrl - Szene aus der die Ladyfeste hervorgegangen sind. Die riot grrrls sind ein zentraler gemeinsamer Bezugspunkt der Ladies. In den 1990er Jahren waren einige Bands aus der US-amerikanischen Punkrockszene bekannt geworden, die sich als riot grrrls bezeichneten und ein Netzwerk aufbauten, das sich lautstark und aggressiv gegen Misogynie, Androzentrismus und Heterosexismus in der Rock- und Punkkultur richtete (Gottlieb/ Wald 1995; Baldauf/Weingarten 1998). Die bekanntesten Bands wie Sleater Kinney, Bratmobile, Babes in Toyland, Team Dresch, Tribe 8 und Bikini Kill erlangten Kultstatus. Ihre Themen waren (sexualisierte) Gewalt gegen Frauen und Mädchen, Sexualität, Marginalisierung in der Musik-Subkultur, Do-it-yourself Kultur und feministische Politik. In diese Tradition stellen sich die Ladyfeste und führen das Projekt der riot grrrls fort.
Seit 2003 die ersten Ladyfeste Deutschlands in Hamburg, Berlin und Leipzig stattfanden, erleben wir einen regelrechten Boom der Ladyfeste: In Stuttgart, Trier, Frankfurt a.M., Nürnberg, Düsseldorf, Bochum, Bielefeld, Mannheim, Hannover, Dresden und einige andere Städte wurde in den letzten zwei Jahren mindestens ein Ladyfest veranstaltet. Aber auch in anderen Ländern boomen die Ladyfeste: Wien, Rotterdam, Warschau, Newcastle, Madrid, Stockholm, New York, Denver, Hawaii, Ottawa und Singapur – um nur einige wenige Städte zu nennen, in denen ebenfalls ein Ladyfest stattgefunden hat. In der Geburtstadt des Ladyfestes in Olympia (USA) findet 2005 zum fünfjährigen Geburtstag bereits ein zweites Fest statt. Die Ladyfeste haben sich weitgehend ohne die Unterstützung von Mainstream Medien wie durch ein Lauffeuer verbreitet. Trotz des hohen ehrenamtlichen Aufwands von Seiten der Organisierenden, fand z.B. in Berlin, Leipzig und Wien in kurzen Abständen bereits das zweite Ladyfest statt. Mit den vielen Ladyfesten entsteht zeitgleich auch eine starke Präsenz dieser Community im Internet.
Mit den eingesetzten politischen Strategien wird im Kontext der Ladyfeste versucht – wie zuvor auch bereits durch die riot grrrls, Grenzen zu überschreiten, Sehgewohnheiten zu irritieren und gleichzeitig geschlechtshierarchische Strukturen anzugreifen. Das Ergebnis dieser Allianz politischer Strategien ist eine facettenreiche, schillernde und lautstarke Bewegung, die nachhaltigen Eindruck in der feministischen Subkultur hinterlassen hat und über deren politische Strategien im Folgenden ein kurzer Überblick gegeben wird.
Politische Strategien der Ladyfeste
Bei Ladyfesten geht es zum einen darum, das männlich codierte kulturelle Feld der Musik, zu besetzen, und zum anderen, die Kategorie Frau in Frage zu stellen und sich dafür der Mittel der Musik und Popkultur zu bedienen. Die Inhalte werden dabei nicht nur durch Flugblätter oder Songtexte sprachlich vermittelt, sondern sie werden auch mit symbolischen Methoden, also beispielsweise durch Bilder transportiert. Die Strategie der Skandalisierung und Thematisierung heterosexistischer Strukturen innerhalb der Musikkultur wird kombiniert mit Strategien der Wiederaneignung und Verschiebung, der Vervielfältigung von Geschlecht sowie der Selbstrepräsentation.
Ladyfeste gegen (Hetero-)Sexismus in der Musikkultur
Im Zentrum der Ladyfeste stehen non-profit Veranstaltungen wie Konzerte und do-it-yourself Workshops sowie Vorträge und Diskussionsrunden. Sie werden als politisch motiviert angekündigt und zumeist von jungen Frauen, Lesben, Transgender und Queers organisiert. Dabei ist ein wiederkehrendes Motiv der Bezug auf die riot grrrl Bewegung der 1990er Jahre und die explizite Stärkung von Personen, die jenseits des typischen männlichen Rockstars (Musik)Kultur aktiv gestalten wollen. Mit Solidaritätsaktionen unterstützen auch Gruppen in Städten, die kein eigenes Ladyfest veranstalten, die Festivals. Sie veranstalten beispielsweise Partys oder Konzerte, um das eingenommene Geld an die Organisierenden zu spenden. Es entwickelt sich über die konkreten Feste hinaus ein Netzwerk von HelferInnen und UnterstützerInnen, das sich explizit positiv auf die Ladyfeste bezieht. Die meist mehrtägigen Feste, die in alternativen und autonomen (Jugend-)Kulturzentren stattfinden, widmen sich Themen wie Geschlechternormierungen, (Hetero-)Sexismus und Gewalt, Sexualitätsnormen, alternative und antikapitalistische Kultur, Ausbeutungsverhältnissen, Weißsein und Rassismus. Neben Punk-, Hardcore- und Elektro-Konzerten können BesucherInnen z.B. Drag Workshops und Selbstverteidigungskurse besuchen, Vorträge über queere Politik und Feminismus diskutieren, selbstgemachte Underground Filme zeigen, selbst geschriebene Texte vortragen oder eine open stage Bühne nutzen, um eigene Musik zu spielen.
Von girl zu grrrl zu lady – Wiederaneignung und Verschiebung
Eine Strategie der grrrls und Ladies ist der Einsatz sprachlicher Verschiebungen, die Irritationen bei den Lesenden erzeugen und die Bedeutung des Bezeichneten verschieben sollen. Diese Verschiebungen sind besonders offensichtlich bei der Namensgebung: Als Lady wird im Allgemeinen eine Frau bezeichnet, die einen bürgerlich-konservativ angesehenen Status erlangt hat, sich durch vornehmes und geschlechtstypisches weibliches Verhalten auszeichnet, die gesellschaftlich geachtet wird und als sexuell unverdächtig gilt. Durch die progressive Verwendung des Labels Lady, gelingt den Ladies noch einmal eine Wiederaneignung und Verschiebung eines patriarchalischen Begriffes wie es den riot grrrls zuvor mit dem des girls zumindest für ein paar Jahre gelungen war, bevor die Kulturindustrie ihn sich zurück erobert hatte. Damals war eine Intention, den verniedlichenden und abwertenden girl-Begriff neu zu besetzen. Er wurde mit drei ‚r’ versehen, die ein Grollen in das Wort grrrl brachten und der Bezeichnung mehrere neue Bedeutungen verleihen konnte. In der Rückeroberung und Wiederaneignung von Bezeichnungen liegt auch eine Verschiebung dessen, was mit dem Begriff zuvor bezeichnet wurde. Mit der Aneignung des Begriffs grrrl wurde zugleich Mädchenkultur aufgewertet und versucht, diese mit neuem Selbstbewusstsein zu stärken:
„Grrrl bringt das Knurren zurück in unsere Miezekatzekehlen. Grrrl zielt darauf, die ungezogenen, selbstsicheren und neugierigen Zehnjährigen in uns wieder aufzuwecken, die wir waren, bevor uns die Gesellschaft klar machte, daß es an der Zeit sei, nicht mehr laut zu sein und Jungs zu spielen, sondern sich darauf zu konzentrieren, ein ‚girl’ zu werden, das heißt eine anständige Lady, die die Jungs später mögen würden“ (Gilbert/Kile 1997: 22).
Durch die gleichzeitige Annahme und Zurückweisung stigmatisierender oder eingrenzender Begriffe wie Tunte, Lady, queer, grrrl, Lesbe usw. wird versucht, sie ihrer diffamierenden Kraft zu berauben.
Eine weitere Art der Verschiebung wird auf der visuellen Ebene eingesetzt. Durch die oft künstlerisch-gestalterische Aufbereitung von Websites, Partyräumen, Fanzines und Flyer werden Bilder klassischer Geschlechterstereotype aufgegriffen und verändert. Durch solche absichtsvollen Fehlzitationen wird versucht, auf visueller Ebene zu irritieren und Bedeutungen zu verschieben.
Ladyfeste und gendertrouble – Vervielfältigung von Geschlecht
Gruppen, die sich heute des Labels Lady, Ladyzzz oder Ladiez bedienen, persiflieren die Figur der Lady als Symbol und Sinnbild der hegemonialen Geschlechterordnung und greifen – inzwischen vermehrt und expliziter als noch zu Beginn der Ladyfeste – das System der heterosexuellen Zweigeschlechtlichkeit an:
„DAS LADYFEST IST EINE PLATTFORM FÜR FEMINISTISCHE, QUEERE UND TRANSGENDER-KULTUR, DIE SICH AUS DER DO-IT-YOURSELF-KULTUR DER RIOTGRRRL-BEWEGUNG ENTWICKELTE“ (Ladyfest Wien 2005 http://www.ladyfestwien.org/txts05.html, Hervorhebungen im Original).
Entsprechend der Betonung der queer-feministischen und transgender Inhalte richten sich die Ladyfeste an Personen jeden Geschlechts. Der Existenz vielfältiger Lebensformen jenseits heteronormativer Zweigeschlechtlichkeit wird Raum gegeben und dies im Zusammenhang mit geschlechtshierarchischen Differenzen innerhalb der Musikkultur thematisiert.
Ladiez gehen allerdings nicht davon aus, dass Frauen per se auf die gleiche Weise benachteiligt seien, sondern sie verweisen hingegen auf das komplexe Ineinandergreifen von Differenzkategorien wie Geschlecht, Klasse, Nationalität, Ethnizität, Sexualität und/oder Alter, das je nach dem Kontext von Personen unterschiedliche Subjektpositionierungen hervorbringt.
Entsprechend betonen die Ladyfeste die heterogenen gesellschaftlichen Positionierungen der Organisierenden und der Zielgruppen. So formulieren die Organisierenden des Wiener Ladyfestes im Jahre 2005 auf ihrer Website:
„WIR WOLLEN EIN ORGANISATORISCHES BÜNDNIS SCHAFFEN, DAS AUS HETEROGENEN POSITIONEN, ZUGÄNGEN UND KONTEXTEN BESTEHEN SOLL. DESHALB WENDEN WIR UNS AN FRAUEN, LESBEN, TRANSGENDER, ARBEITSLOSE, MIGRANTINNEN, ARBEITERINNEN, STUDENTINNEN, MUSIKERINNEN, DIENSTLEISTERINNEN, TECHNIKERINNEN, KÜNSTLERINNEN... UM GEMEINSAM DAS KNIE BZW. DIE FAUST GEGEN SEXISMUS, RASSISMUS, HOMOPHOBIE UND DIE KAPITALISTISCHE VERWERTUNGSLOGIK ZU HEBEN!!!“ (Ladyfest Wien 2005 http://www.ladyfestwien.org/txts05.html, Hervorhebungen im Original).
Die Organisierenden des Ladyfestes Frankfurt 2005, formulieren zu ihrem Anliegen:
„Klar, dieses Fest will alles sein: feministisch, queer und unkommerziell, sich gegen Kapitalismus, Rassismus und Antisemitismus wenden, will öffentliche Freiräume schaffen und gegen Zweigeschlechtlichkeit, Zwangsheterosexualität, Konkurrenzdenken, Schönheitsideale und Alltagszwänge einen Raum bieten“ (Ladyfest Frankfurt 2006 http://www.copyriot.com/ladyfest/docs/ladyfest.htm).
(re)presentin’ – Netzwerke und Selbstrepräsentation
Mit den Ladyfesten und deren Präsenz im Internet gelingt es ein internationales Netzwerk herzustellen. Dabei sind die Websites der Ladyfeste nicht nur als Werbematerial zu verstehen, sondern als eigene kulturelle und politische Strategien. Sie nehmen sich einen vernetzten Raum für die eigene diskursive und visuelle Herstellung von Mehrgeschlechtlichkeit und für die Thematisierung von gesellschaftlichen Diskriminierungsverhältnissen insbesondere in Bezug auf Geschlecht und Sexualität, auch über die Grenzen der Musikkultur hinaus (Groß 2006).
Die Selbstrepräsentation durch die Websites fungiert als Möglichkeit sich auch gegen hegemoniale Zweigeschlechtlichkeit zu positionieren. Außerdem wahren sie die Möglichkeit, trotz Differenzen zwischen den unterschiedlichen Festen mit den jeweiligen lokalen Schwerpunkten, als ein gemeinsamer politischer Kontext und eine Szene wahrgenommen zu werden.
Semiotische Guerilla und Strukturkritik
Ladyfeste können als ein Versuch verstanden werden in verschiedene Machtmechanismen gleichzeitig zu intervenieren. Die in der Theoriedebatte mit Judith Butler (1991) verbundene Strategie der Verschiebung und Wiederaneignung wird von den Ladiez in einer Art semiotischer Guerilla eingesetzt. Sie intervenieren in den realitätsproduzierenden Gehalt von Sprache und Diskursen und versuchen so, Bedeutungen zu verschieben. Gleichzeitig diversifizieren sie das Modell der Zweigeschlechtlichkeit, indem sie Raum für Mehrgeschlechtlichkeit bieten und sich ausdrücklich an mehr als zwei Geschlechter richten. Daneben versuchen sie die Definitionsmacht über sich selbst zu wahren, indem sie eine Fülle an Material auf Websites im Internet veröffentlichen, die Ladyfeste mit Filmdokumentationen begleiten und mit Flugblättern, Fanzines und Readern bestücken.
Diese eher im symbolisch-kulturellen Feld angesiedelten politischen Strategien werden zugleich mit permanenter Kritik an hierarchischen Strukturen über die Grenzen der Musikkultur hinaus eingesetzt.
Verwendete Literatur
- Baldauf, Anette; Weingartner, Katharina (1998): Lips. Tits. Hits. Power? Popkultur und Feminismus. Wien, Bozen.
- Butler, Judith (1991): Das Unbehagen der Geschlechter. Frankfurt a.M.
- Gilbert, Laurel; Kile, Crystal (1997): SurferGrrrls. In: SPoKK (Hg): Kursbuch JugendKultur. Stile, Szenen und Identitäten vor der Jahrtausendwende. Mannheim, 220-226.
- Gottlieb, Joanne; Wald, Gayle (1995): Smells Like Teen Spirit. Riot Grrrls, Revolution und Frauen im Independent Rock. In: Eichhorn, Cornelia; Grimm, Sabine (Hg.): Gender Killer. Texte zu Feminismus und Politik. Berlin; Amsterdam, 167-189.
- Groß, Melanie (2006): Internet als Plattform politischer Interventionen: Ladyfeste im Netz. In: kommunikation@gesellschaft, Jg. 7, Beitrag 4. Online-Publikation: http://www.soz.uni-frankfurt.de/K.G/B4_2006_gross.pdf
Weiterführende Links
Bibliographie
2009
- Ommert, Alek: "Feminists we're calling you. Plaese report to the front desk ...". Ladyfeste als queer-feministische Praxis. In: Feministische Studien 26(2008)2; S. 230-238.
2007
- Groß, Melanie: Ladyfeste - Angriffe auf die heterosexuelle Matrix. In: Rohmann, Gabriele (Hg.): Krasse Mädchen. Mädchen in Jugendkulturen. Berlin, 2007, S.71-81.
2006
- Groß, Melanie: „All genders welcome“ – Ladyfeste im Netz. In: Tillmann, Angela; Vollbrecht, Ralf (Hg.): Abenteuer Cyberspace. Jugendliche in virtuellen Welten. Frankfurt, 2006, S. 77-87.
- Erharter, Christian; Zobl, Elke: Mehr als die Summe der einzelnen Teile. Über Feministische Fanzines, Musiknetzwerke und Ladyfeste. In: Reitsamer, Rosa; Weinzierl, Rupert (Hg.): Female Consequences. Feminismus, Antirassismus, Popmusik. Wien, 2006, S. 17-30, ISBN 3-85409-429-9.
2005
- Amann, Marc: radical cheerleading. Akrobatik und subversives Reimen. In: Amann, Marc (Hg): go.stop.act! Die Kunst des kreativen Straßenprotests. Geschichten – Aktionen – Ideen. Grafenau; Frankfurt a.M., 2005 , S. 137-140.
- autonome a.f.r.i.k.a gruppe; Blissett, Luther; Brünzels, Sonja (2001): Handbuch der Kommunikationsguerilla. Berlin.
- Derrida, Jacques (2003 [1967]): Grammatologie. Frankfurt a.M.
- Gilbert, Laurel; Kile, Crystal (1997): SurferGrrrls. In: SPoKK (Hg): Kursbuch JugendKultur. Stile, Szenen und Identitäten vor der Jahrtausendwende. Mannheim, 220-226.
- Groß, Melanie (2003): Von riot grrrls, Cyberfeminismus und Kommunikationsguerilla – Postfeministische Strategien. In: Widersprüche. Zeitschrift für sozialistische Politik im Bildungs-, Gesundheits- und Sozialbereich. Heft 87, 81-91.
- Kailer, Katja; Bierbaum, Anja (2002): Girlism. Feminismus zwischen Subversion und Ausverkauf. Berlin.
- Tietjen, Sabine (1996): Girlies - eine lachende Revolte? In: Czurda, Elfriede (Hg): Mädchen Muster. Mustermädchen. Tübingen, 120-134.
- Weber, Jutta (2001): Ironie, Erotik und Techno-Politik: Cyberfeminismus als Virus in der neuen Weltunordnung? Eine Einführung. In: Die Philosophin. Forum für feministische Theorie und Philosophie, Heft 24, 81-97.

