Kategorien, Geschlechter-Binarität & -Hierarchie

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System der Zweigeschlechtlichkeit

Das binäre Geschlechtermodell "Frau und Mann" basierend auf vorgeblich biologischen Merkmalen, ist die vorherrschende Sichtweise auf Geschlecht in unserer Gesellschaft und entspricht dem Alltagsverständnis der meisten Menschen. Für gewöhnlich nehmen wir unsere Mitmenschen erst einmal als Frau oder Mann wahr.

Der französische Psychoanalytiker Jaques Lacan beschreibt in seinen Werken wie die symbolische Ordnung der Sprache den Menschen als „Sprachwesen“ prägt. “Die Ordnung der Zeichen bildet ein System gegenseitiger Oppositionen; jedes Zeichen bedeutet das, was die andern nicht bedeuten. Es ist demzufolge unmöglich, ohne kontextuellen Bezug etwas zu definieren, da sich jedes Zeichen nur in Unterscheidung von den anderen bestimmen läßt.“ (Widmer 1997) Die Sprache ordnet in Symbolsystemen beispielsweise Merkmalsausprägungen, einer binären Kategorie „Geschlecht“ zu. Judith Butler erklärt: „Die Geschlechterdifferenz ist […] so etwas wie ein notwendiger Hintergrund für die Möglichkeit des Denkens, der Sprache und der Existenz als Körper in der Welt.“ (Butler 1997)


Dichotomie-Kritik

Das Grundproblem von Dichotomien ist, dass Gegensatzpaare wie bspw. „Mann“ und „Frau“ jeweils die Endpole auf einem Kontinuum darstellen und somit Übergänge und Verflechtungen unsichtbar machen.(Becker-Schmidt 1998). Theodor Adorno’s Kritik an Dichotomien richtet sich an deren erkenntnistheoretische Konsequenzen. Denn Begriffe/Kategorien die aus Einsichten und Wahrnehmungen geformt werden können nichts erfassen, wenn es nichts Dazwischenlegendes gibt (z.B. zwischen Innen und Außen). Erkenntnismaterial ohne historische Verweise und Bewusstheit von Entwicklung und Veränderlichkeit reduzieren Komplexität und Wechselseitigkeit. Mehrdeutiges wird zu Antipoden. (Becker-Schmidt 1998)


Kategorien und Macht

Die duale Geschlechterdifferenzierung führt zur Verschleierung sozialer Ungleichheiten und Machtgefüge. Die Unterschiede zwischen den binären Kategorien „Mann und Frau“ dienen der Ordnung sowie Über- und Unterstellung. Mittels des „Mechanismus der Universalisierung“ werden zur besseren Übersichtlichkeit und sozialen Kontrolle Einheiten konstruiert. Bestimmte Normen subsumieren Menschen als „Frauen“ oder „Männer“. Zwischen diesen Kategorien werden Grenzen aufgezogen und zusätzlich geschlechterspezifische Zuschreibungen bestimmter Bereiche und Aufgaben vollzogen. Darüber hinaus erfolgt die Schaffung sozialer Rangordnungen mittels derer Privilegienstrukturen Rechtfertigung verlangen z.B. zwischen Ethnien. Durch die Polarisierung und Isolierung von Personengruppen wird die Kritik am Grenz-System geschmälert. Die Stabilität der Hierarchie erfährt zunehmende Begünstigung durch die Verschleierung der wechselseitigen Abhängigkeiten zwischen den Polen. (Becker-Schmidt 1998)

Diese Verschleierungssystematik führt unter anderem dazu, dass es vielen Menschen sinnlos erscheint die Geschlechterdifferenz als solche in Frage zu stellen oder hinwegzuwünschen. (Butler 1997)

„Mir schien, daß Macht weit mehr ist als ein Austausch zwischen Subjekten oder ein ständiges Umkehrverhältnis zwischen dem Subjekt und dem/r Anderen; tatsächlich zeigte sich, daß die Macht in der Produktion des binären Rahmens, der das Denken über die Geschlechtsidentität bestimmt, am Werk ist.“ (Butler 1991, S.8)

Butler hinterfragt, wie durch Machtverhältnisse das „Subjekt“ und das „Andere“ wie bspw. die binäre Beziehung von „Mann“ und „Frau“ geschaffen werden. Dabei bezieht sie sich unter anderem auf Durkheims und Foucaults Theorien zur Subjektivierung und subjektivierenden Unterwerfung.


Die Prozeduren der Subjektivierung haben ihre Grundlage nicht im Individuum sondern in der Gesellschaft zumal „die Mehrzahl unserer Gedanken und Bestrebungen nicht unser eigenes Werk sind, sondern uns von außen zuströmen. Sie können nur in uns eindringen, indem sie sich uns aufdrängen.“ (Durkheim zitiert in: Michalitsch 2006)

Der Prozess der Subjektivierung erfolgt demzufolge durch Unterordnung unter ein Bündel von Reglements innerhalb dieser das „Subjekt-sein“ funktioniert. Gesellschaftliche Identität wird laut Foucault über Zwangsprozesse und Ausschließungsoperationen bestimmt. Foucault etablierte in den 70er Jahren die Genealogie als eine historisch-philosophische Analysemethode die „den Boden, aus dem wir stammen, die Sprache, die wir sprechen, und die Gesetze, die uns beherrschen [erforscht], um die heterogenen Systeme ans Licht zu bringen, welche uns unter der Maske des Ich jede Identität untersagen“. (Foucault 1991)


Kategorien & Ausschlüsse

Zentral in Butlers Ausführungen ist des Weiteren die Aufdeckung des Widerspruchs der Kategorie bzw. des Subjekts „Frau(en)“ in feministischen Theorien. Denn das feministische Subjekt „Frau“ ist als Subjekt nur innerhalb des Systems anerkennbar, welches der Feminismus kritisiert: „Die feministische Kritik muß auch begreifen, wie die Kategorie ,Frau(en)’, das Subjekt des Feminismus, gerade durch jene Machtstrukturen hervorgebracht und eingeschränkt wird, mittels derer das Ziel der Emanzipation erreicht werden soll.“ (Butler 1991; Butler 1997)

Die vermeintlich universale Kategorie „Frau(en)“, die eine spezifische Weiblichkeit voraussetzt produziert selbst neue Ausschlüsse: „[...Die] Binarität männlich/weiblich [stellt] nicht nur den ausschließlichen Rahmen dar, in dem die Besonderheit des Weiblichen erkennbar ist, sondern zudem ist diese ‚Besonderheit’ erneut aus allen Zusammenhängen herausgelöst und analytisch wie politisch von jener Konstruktion der Klasse, Rasse, Ethnie oder anderen Achsen der Machtbeziehungen getrennt, welche ‚Identität’ konstruieren und zugleich den einfachen Identitätsbegriff im Singular zu einer Fehlbenennung machen.“ (Butler 1991)



Quellen

Becker-Schmidt Regina: Trennung, Verknüpfung, Vermittlung: zum feministischen Umgang mit Dichotomien; In: Axeli-Knapp, Gudrun (Hg.): Kurskorrekturen. Feminismus zwischen Kritischer Theorie und Postmoderne. Frankfurt/Main und New York 1998

Butler, Judith: „Das Ende der Geschlechterdifferenz“; In: Huber, Jörg / Heller, Martin (Hg.): Interventionen 6, Konturen des Untentschiedenen; Basel, Frankfurt/Main 1997

Butler, Judith: Das Unbehagen der Geschlechter. Frankfurt/M: Suhrkamp 1991, Neuauflage 2003, (edition suhrkamp; 2433)

Foucault, Michel: Nietzsche, die Genealogie, die Historie; In: Seitter, Walter (Hg.): Von der Subversion des Wissens; Frankfurt/Main, S.69-90

Michalitsch, Gabriele: „Die neoliberale Domestizierung des Subjekts. Von den Leidenschaften zum Kalkül“; Campus Verlag, Frankfurt am Main 2006

Widmer, Peter: Subversion des Begehrens: Eine Einführung in Jacques Lacans Werk. Wien, Turia und Kant 1997. paper writing service

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