Hudita Nura Mustafa
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Dr. Hudita Nura Mustafa ist eine südafrikanische Kulturwissenschaftlerin (Ph.D. in Social Anthropology) und gegenwärtig McMillan-Stuart Fellow am W.E.B. Du Bois Institute for African and African American Research an der Harvard-University unter dessen Direktor Henry Louis Gates, Jr. [1]. Gegenwärtig arbeitet sie vor allem an einer Studie unter der Überschrift “Practicing Beauty: Gender, Urbanism and Cultural Creativity in Contemporary Dakar” (W.E.B. Du Bois Institute).
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Biographisches
Nach ihrem Bachelor an der Yale Universität promovierte Hudita Nura Mustafa in Harvard (Social Anthropology) mit einer Dissertation über "Sartorial Modernities" (Mustafa 1998), die Zusammenhänge zwischen Mode und gesellschaftlichen Transformationen (vgl. Brown). [2] Ihre Forschungsinteressen betreffen Fragen der Globalisierung, gegenwärtige sozioökonomische und/oder politische Umwälzungen im westlichen subsaharischen Afrika, kulturelle Schöpfungen (cultural creativity) und westafrikanische postkoloniale Urbanität. Ihre Projekte beschäftigen sich mit der Entstehung von Räumen kultureller Produktivität in einem Feld, das oft als Sinnbild der 'westlichen' Moderne gilt, nämlich Mode und zeitgenössische Kunst. Mustafa untersucht diese Räume in Bezug auf die Dialektik von "Krise und Kreativität" (crisis and creativity), Tradition und Moderne und den Zusammenhang globaler und lokaler Prozesse im gegenwärtigen Afrika. Ihre ethnographische Arbeit umfasst dabei sowohl lokale als auch räumlich differenzierte Standorte/Ausgangspunkte. (W.E.B. Du Bois Institute)
Dr. Mustafa ist mit diversen Stipendien für ihre Forschungsarbeit ausgezeichnet worden (vgl. W.E.B. Du Bois Institute) und hatte Lehraufträge an der Emory Universität und am Sarah Lawrence College [3], deren thematische Schwerpunkte in den Bereichen Global Cities, African Studies (Anthropologie, Politik, Film), Social and Cultural Theory und feministische Ethnographie lagen. Sie war als Beraterin für den niederländischen Prinz Claus Fund tätig. Außerdem ist sie in leitender Funktion in der Association for Africanist Anthropology, einer Untersektion der American Anthropological Association. (W.E.B. Du Bois Institute). Sie publizierte verschiedene Aufsätze und Essays (vgl. auch 2.), unter anderem im Rahmen des Projekts Feminist Africa, dem Online-Journal des African Gender Institute an der University of Capetown in Südafrika.
Akademisch - politisches Forschungsgebiet
Im Augenblick arbeitet Mustafa an einem Manuskript über handwerkliche Schneider(Innen)kunst (artisanal tailoring), Mode und Gender in Dakar/Senegal (s.u.). Ein zweites Projekt, "'Culture' and the World City", untersucht auf transnationaler Ebene Vorgänge und Events, Netzwerkarbeit, kulturelle Einrichtungen und die Zusammenarbeit von Politik- und Kulturschaffenden in Metropolen (global cities) wie New York, Paris, London, Tokyo, Dakar und Johannesburg (ausführlicher dazu W.E.B. Du Bois Institute). In verschiedenen Aufsätzen hat sie sich mit städtischer Kultur in Senegal (angefangen von Fotografie, Kunst und kolonialer Urbanität bis hin zu Mode und der Praktik der Hautaufhellung (skin lightening)) befasst und ist darum bemüht, historische kulturelle Praxen vor dem Vergessen zu bewahren bzw. ihnen zu einem Wiederaufleben zu verhelfen; während ihrer Projekte [4] verbindet sie kanonisiertes Wissen mit neueren intellektuellen Ansätzen und bewegt sich transdisziplinär zwischen afrikanistischer Geschichte und Ethnographie, (afrikanischen) Geisteswissenschaften, Postcolonial-, Gender- und urbanen Cultural Studies; als eine von wenigen ForscherInnen beschäftigt sie sich mit Verbindungen zwischen afrikanischen und asiatischen Kontexten (Arbeiten u.a. in Tokyo und Mumbay, vgl. Fußnote 4).
Practicing Beauty: Gender, Urbanism and Cultural Creativity in Contemporary Dakar, das Buchprojekt, an dem Mustafa im Rahmen ihrer Du Bois-Fellowship gegenwärtig arbeitet, basiert auf über mehr als ein Jahrzehnt währender Feldforschung zu Volkswirschaft (popular economy), Mode und Gender in Dakar, Senegal. Die Arbeit analysiert die Verbreitung und Transformation der ‘Cutur’ (Wolof: Mode) in Dakar zwischen zwischen 1980 und 2007. Auf dieses Thema geht/ging Mustafa bereits in dem Aufsatz "Eros, beauty and crisis" (Mustafa 2006) näher ein; nachdem dieser Text in diesem Artikel genauer betrachtet wird, sei dazu [5] an dieser Stelle direkt aus der Projektbeschreibung des W.E.B. Du Bois Institute zitiert:
cutur is a field of both socioeconomic strategy and practical aesthetics in which beauty and value, issues of deep concern to the formation of Senegambian identities and collectivities, are redefined. This case demonstrates that African modernities are neither merely an instance of capitalist global modernity nor colonial derivations, but generate their own practices, images and critical reflections under conditions of extreme uncertainty. (W.E.B. Du Bois Institute)
Eros, beauty and crisis: Notes from Senegal
In ihrem Artikel „Eros, beauty and crisis: notes from Senegal“ in Feminist Africa (# 6-2006) untersucht Mustafa anhand des Konzepts der „sexual cultures“ u.a. die Beziehungen zwischen senegalesischen Frauen im öffentlichen, privaten und sozialen Leben. Das Konzept der „sexual cultures“ beinhaltet dabei „not only regulated and resistant sexual practice, but erotics, intimacy and intersubjectivity“ (Mustafa 2006a) zwischen (in diesem Fall) Schwarzen senegalesischen Frauen.
Aufgrund und in Folge politischer und ökonomischer Krisen und neo-liberaler Reformen in Senegal während der 1980er Jahre wurden nun Frauen (aus der Mittelschicht) die hauptsächlichen Geldverdiener(innen) innerhalb der Familien, indem sie sich durch Geschäftseröffnungen, z. B. als Schneiderinnen oder im Textilhandel, selbständig machten. “Such women strategically linked entrepreneurial, ceremonial and personal networks, possibly even negotiating crises through cosmopolitan personal style and aggressive commercial strategy.” (Mustafa 2006a) Damit zusammenhängend eroberten Frauen öffentliche Räume und destabilisierten traditionelle Normen, die etwa im Zusammenhang mit einer Einschränkung weiblicher Mobilität standen/stehen. In diesem Kontext geht Mustafa ausführlich auf das Konzept „dirriankhe“ ein.
Dirriankhe und die öffentliche Sphäre
The eroticised and commercialised femininity of the dirriankhe is a public expression of the sensual beauty of women previously restricted to the domestic sphere – the household and extended kin. This ideal guides the consumption and display of middle-class women, who perform their gendered identities through elaborate and skillful dress in public ceremonies, primarily for the approval and appreciation of other women – to gain friends and peer support among these women, to establish their status, and so on. (Mustafa 2006a)
Diese Frauen, so die Autorin, würden sich für die Öffentlichkeit bzw. für andere Frauen (z.B. bei Hochzeiten und anderen semi-öffentlichen Zeremonien) besonders hübsch machen und schmücken. Als Beispiel führt Mustafa an, dass sie sich etwa mittels Cremes ihre Haut aufhellen und zwar nur an den Körperstellen, welche für den (öffentlichen) Blick anderer Frauen auch sichtbar sind. Mustafa kommt daher zu dem Schluss, dass “[t]his reflects a shift in which women increasingly seek approbation from within public spaces rather than private domestic spaces, and from homosocial scrutiny rather than heterosexual intimacy.” (Mustafa 2006a)
Weibliche Homosozialität im häuslich-familiären Rahmen
Mustafa legt dar, dass weibliche Verwandte und Freundinnen eine bedeutsame soziale Bezugsgruppe für Frauen und Mädchen darstellen. Im familiären und häuslichen Rahmen spielen dabei „practices and cultures of beauty and beautification“(Mustafa 2006a) eine zentrale Rolle. Darunter ist zu verstehen, dass durch gegenseitige Körper- und Haarpflege, Kosmetik und den Umgang mit Kleidung (dressing) in diesen Gruppen und von Kindheit an komplexe Strukturen, welche Elemente wie Bindung, Solidarität, aber auch bestimmte Hierarchien beinhalten, entstehen. Emotionale und zärtliche Beziehungen unter erwachsenen Frauen werden durch die damit verbundene Aufmerksamkeit, Unterstützung und Zustimmung sowie außerdem ständige Berührungen gefestigt. Nach Mustafa bedeutet dies unter anderem, dass senegalesische Frauen der Mittelschicht (zumindest die Einwohnerinnen der Hauptstadt Dakar) die Befriedigung ihrer emotionalen Bedürfnisse nicht oder kaum von erwachsenen Männern erwarten, da heterosoziale und/oder -sexuelle Kontakte durch hierarchisch strukturierte patriarchale Verhältnisse bestimmt/vorgegeben sind.
Zusammenhänge: Compulsory Heterosexuality and Lesbian Existence (Adrienne Rich)
Dies erinnert an den Aufsatz „Compulsory heterosexuality and Lesbian existance“ (dt. „Zwangsheterosexualität und lesbische Existenz“) der Weißen jüdischen US-amerikanischen Schriftstellerin und Aktivistin Adrienne Rich, den die Autorin auch zitiert. Hierin entwickelte Rich das Konzept des „lesbischen Kontinuum(s)“. Da sie einerseits die Bezeichnung „lesbisch“ in ihrer patriarchalischen Definition mit einschränkenden, klinischen Assoziationen behaftet sah und andererseits bemerkte, dass u.a. Freundschaften zwischen Frauen immer auch vom Bereich der Erotik getrennt wahrgenommen wurden, erweiterte sie den Begriff der „lesbischen Existenz“ zum Konzept des „lesbischen Kontinuum“ um damit ein Gegengewicht/eine Gegenstrategie (?) zur Zwangsheterosexualität aufzuzeigen. Das „lesbische Kontinuum“ umfasst die unterschiedlichsten frauenbezogenen Erfahrungen, wie z. B. Frauenfreundschaften, Verbündung in ökonomischen Netzwerken, Mutter-Tochter-Beziehungen und überhaupt jegliche Intimität zwischen Frauen, die unabhängig von genitaler Sexualität organisiert sein kann.(Rich 1993)
Rich schreibt, dass das lesbische Kontinuum „Schwarzen Frauen sowohl in Afrika als auch in den Vereinigten Staaten Halt und Rettung geboten“ (Rich 1993: 165) hätte und zitiert hierfür die Schwarze lesbisch-feministische Kritikerin Lorraine Bethel:
Wir Schwarzen Frauen besitzen eine lange Bündnistradition […] in Schwarzen Frauengemeinschaften, die eine Quelle lebenswichtiger Informationen und psychischer wie emotionaler Unterstützung für uns sind. Wir besitzen eine Schwarze frauenidentifizierte Volkskultur, die sich auf unsere Erfahrungen als Schwarze Frauen in dieser Gesellschaft gründet: Symbole, eine Sprache und Ausdrucksweisen, die die besondere Realität unseres Lebens wiedergeben. […] (zitiert nach Rich 1993: 165)
Wie Mustafa bezieht sich auch Rich hierbei auf Audre Lorde und ihren Essay „The Uses of the Erotic. The Erotic as Power“ (dt. „Vom Nutzen der Erotik. Erotik als Macht“).
Lorde versteht Erotik
im Sinne einer Bestätigung der weiblichen Lebenskraft - dieser machtvollen schöpferischen Energie, die wir uns nun zu unserer Erkenntnis und zu unserem Nutzen in unserer Sprache, unserer Geschichte, unseren Tänzen, unserer Liebe, unserer Arbeit und in unserem Leben zurückgewinnen (Lorde 1993: 189)
und fordert damit, dass Sexualität nicht als der einzige Bereich gesehen wird, in dem erotische Bedürfnisse eine Rolle spielen oder befriedigt werden könnten.
Schönheit und Erotik als subversive Potentiale
Indem Mustafa unter anderem „practices and cultures of beauty and beautification“ (Mustafa 2006a) der senegalesischen Frauen mit homosozialer Intimität und Erotik verbindet und zugleich erotische Aspekte innerhalb von Mutterschaft oder überhaupt von weiblicher familiärer Pflegschaft aufzeigt, betont sie die (mögliche oder denkbare/aushandelbare) Durchlässigkeit der Grenzen normativer heterosexuell konnotierter Erotik. Die beschriebenen Praktiken haben also durchaus das Potential, diese (zwangs-)heterosexuellen Zusammenhänge zu subvertieren oder zu transformieren.
Fußnoten
- ↑ Zu Angaben über Gates vgl. etwa html (20.03.2008).
- ↑ Der Ausdruck "Mode" ist eine unzureichend verkürzte, zunächst jedoch ausreichende Übersetzung eines komplexeren Zusammenhangs.
- ↑ Die Website des traditionell feministischen SLC ist momentan (20.03.2008) leider nicht abrufbar, Informationen (und gegenenenfalls Links) finden sich allerdings auch auf Wikipedia.
- ↑ unter anderem Shimokitafrika, ein Teamprojekt während der Urban Typhoon 2006 in Tokyo unter der Leitung von Yehuda Safran
- ↑ Practicing Beauty: Gender, Urbanism and Cultural Creativity in Contemporary Dakar
Literatur
- Lorde, Audre: Vom Nutzen der Erotik: Erotik als Macht. in: Schultz, Dagmar (Hrsg.): Audre Lorde und Adrienne Rich. Macht und Sinnlichkeit. Ausgewählte Texte. 4. erw. Aufl., Berlin 1993. ISBN 978-3-922166-13-9, S.187-194. (im engl. Original 1978)
- Mustafa, Hudita Nura: Eros, beauty and crisis: Notes from Senegal. Feminist Africa 6/2006a html (20.03.2008)
- Rich, Adrienne: Zwangsheterosexualität und lesbische Existenz. in: Schultz, Dagmar (Hrsg.): Audre Lorde und Adrienne Rich. Macht und Sinnlichkeit. Ausgewählte Texte. 4. erw. Aufl., Berlin 1993. ISBN 978-3-922166-13-9, S.138-168. (im engl. Original 1980)
Quellen/Externe Links
(sofern nicht bereits im Text gesetzt)
- Brown, Jane Roy: Fabricating Feminism. High Fashion, Sub-Saharan Fabricating feminism. Harvard Magazine May-June 20002 html (20.03.2008)
- NKA Journal of Contemporary African Art html (27.03.2008)
- Urban Typhoon Workshop in Koliwada, Mumbai: March 16-22 2008. Participatory Urban Design & the Future of Alternative Communities (Transdisziplinärer Stadtplanungs-Kongress in Mumbay/Indien, unter Beteiligung Hudita Nura Mustafas) html (20.03.2008)
- W.E.B. Du Bois Institute: Fellows - Hudita Nura Mustafa html (20.03.2008)
Bibliographie (Auswahl)
- Mustafa, Hudita Nura: Artikel über die Geschichte der Kleidung in Senegal und Mauretanien, in: Joann B. Eicher (Hrsg.): Encyclopedia of World Dress and Fashion (erscheint 2010).
- Mustafa, Hudita Nura: Eros, beauty and crisis: Notes from Senegal. Feminist Africa 6/2006a html (20.03.2008)
- Mustafa, Hudita Nura: La Mode Dakaroise: Elegance, transnationalism and an African fashion capital. in: Breward, Christopher; Gilbert, David (Hrsg.): Fashion's World Cities. Oxford 2006b ISBN 9-7818-4520413-6, S. 177-199.
- Mustafa, Hudita Nura: Artikel (über die senegalesische Designerin Oumou Sy) in: Steele, Valerie: Encyclopedia of clothing and fashion. New York 2004. ISBN 978-0684313948.
- Mustafa, Hudita Nura: Portraits of Modernity: Fashioning Selves in Dakarois Popular Photography, in: Landau, Paul S.; Kaspin, Deborah D. (Hrsg.): Images and Empires. Visuality in Colonial and Postcolonial Africa. Berkeley und Los Angeles 2002. ISBN 978-0-520-22949-5, S.172-192.
- Mustafa, Hudita Nura: Dance the body politic: an interview with Jayesperi Moopen of South Africa's Tribhangi Dance Theater SAMAR, in: South Asian Magazine for Action and Reflection, no. 13 (Winter/Spring 2001), S. 49-52.
- Mustafa, Hudita Nura: Oumou Sy: The African Place, Dakar, Senegal, in: Nka: Journal of Contemporary African Art 15 (winter 2001), S. 44-46.
- Mustafa, Hudita Nura: Ruins and Spectacles: Fashion and City Life in Contemporary Senegal, in Nka: Journal of Contemporary African Art 15 (winter 2001), S. 47-53.
- Mustafa, Hudita Nura: De Afrikaanse plek. Oumou Sy, Dakar, Senegal, in: Archis. Tijdschrift voor architectuur, stad en beeldcultuur. Rotterdam 2000.
- Mustafa, Hudita Nura: Practicing Beauty: Crisis, Value and the Challenge of Self-mastery in Dakar, 1980–1998. Unpublished PhD dissertation, Harvard University 1998.
Kontakt
E-Mail: hmustafa@fas.harvard.edu


