Heteronormativität
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Heteronormativität
Heteronormativität ist ein Schlüsselbegriff der Queer Theory. Er bezeichnet in diesem Kontext die gesellschaftliche Norm der Heterosexualität, die sich nach Michel Foucault (1976) über ein System normalisierender Diskurse reproduziert. Als hierarchisches Ordnungsmuster strukturiert Heteronormativität gesellschaftliche Institutionen und soziales Handeln. „Hetero“ meint ein binäres Geschlechtersystem, das zwei – und nur zwei – Geschlechter (ein männliches und ein weibliches) polar, komplementär und hierarchisch aufeinander bezieht. „Normativität“ verweist auf die soziale Konstruktion dieser Ordnung durch eine gesellschaftliche Norm, die Heterosexualität als einzig vorstellbare soziale Wirklichkeit institutionalisiert, indem sie andere sexuelle Lebensweisen – insbesondere die Homosexualität, aber auch Trans-, Bi-, A- oder Intersexualität – durch Kriminalisierung, Pathologisierung, statistische Marginalisierung oder Dethematisierung aus der Wahrnehmung des gesellschaftlich „Normalen“ ausschließt.
Heterosexuelle Matrix und Naturalisierung
Nach Judith Butler (1990) entfaltet Heteronormativität ihren Zwangscharakter vor allem dadurch, dass körperliche Geschlechtsmerkmale, Geschlechtsidentität und sexuelles Begehren in einer heterosexuellen Matrix in spezifischer Weise aufeinander bezogen werden: Zu einem männlich (bzw. weiblich) kategorisierten Körper gehört nach diesem Schema stets eine männliche (bzw. weibliche) Geschlechtsidentität und ein heterosexuelles, auf Frauen (bzw. Männer) gerichtetes Begehren. Als Deutungsmuster beruht Heteronormativität auf den zwei zentrale Annahmen einer „natürlichen“, biologisch verankerten Basis von Zweigeschlechtlichkeit und von Heterosexualität. Diese gehören zum Kernbestand des Alltagswissens in modernen Gesellschaften. In Verbindung mit der heterosexuellen Matrix als unbewusste, stillschweigende Vorannahme über die geschlechtliche und heterosexuelle Eindeutigkeit des Gegenübers strukturieren sie soziale Interaktionen (Doing Gender) und reduzieren die Komplexität der realen Vielfalt.
Heteronormativität und Zwangsheterosexualität
Butler gebraucht daher auch den Begriff Zwangsheterosexualität synonym, indem sie sich auf Monique Wittigs (1992) Begriff des heterosexuellen Vertrags bezieht. Der Begriff Zwangsheterosexualität entstand allerdings in einem anderen politischen und wissenschaftlichen Kontext. Während sich das Konzept Heteronormativität in der Queer Theory aus der Rezeption der strukturalistischen Sprachtheorie von Jacques Lacan entwickelte, tauchte der Begriff Zwangsheterosexualität schon relativ früh im Rahmen der psychoanalytischen Terminologie auf – zuerst 1914 bei dem Freud-Schüler Sándor Ferenczi. Nachdem er bald wieder in Vergessenheit geriet, wurde er ab Mitte der 1970er Jahre als politischer Kampfbegriff des lesbischen Feminismus wieder aufgenommen (Alice Schwarzer 1975; Adrienne Rich 1980). In diesem neuen Zusammenhang bezeichnet er Heterosexualität als ein strategisches Instrument männlicher Herrschaft, mit dessen Hilfe sich Männer ihre Verfügungsgewalt über Frauen sichern (Cornelia Ott 2000: 186). Im Gegensatz zum Heteronormativitätsbegriff wird hierbei jedoch von einer natürlichen Geschlechterdifferenz zwischen Männern und Frauen ausgegangen. Darüber hinaus ist Zwangsheterosexualität das Konzept einer geschlechtertheoretischen Perspektive, die Sexualität nur als eine Subkategorie zur Analyse der Geschlechterhierarchie heranzieht. Das Konzept von Heteronormativität lehnt sich demgegenüber jedoch mehr an Gayle Rubins (1993) Verständnis von Sexualität und Geschlecht als zwei zu unterscheidende, aber durcheinander vermittelte Felder sozialer Praxis an (vgl. Cornelia Ott 2000). Die Begriffe Heteronormativität und Zwangsheterosexualität sind also nicht identisch, obwohl sie oft synonym verwendet werden (vgl. Gudrun Hauer/Petra Paul 2006: 13).
Analysekategorie
Zur Untersuchung von Heteronormativität konzentrieren sich die Queer Studies in Anlehnung an Foucault und Butler im wesentlichen auf die Analyse diskursiver Praxen. Bisher wurde Heteronormativität vor allem in literatur- und kulturwissenschaftlicher Perspektive für Analysen auf der Ebene von Repräsentationen fruchtbar gemacht (vgl. z.B. kea – Zeitschrift für Kulturwissenschaften. Ausgabe 14/2001: Heteronormativität). In den Sozialwissenschaften beginnt erst allmählich eine theoretische und methodologische Anbindung des Konzepts für eine kritische Analyse von Heterosexualität als gesellschaftlicher Struktur- und Handlungskategorie (vgl. z.B. Degele 2004).
Literatur
- Butler, Judith: Gender Trouble. Feminism and the Subversion of Identity. New York: Routledge (dt. 1991: Das Unbehagen der Geschlechter. Frankfurt a.M., 1990, ISBN 3-518-11722-X.
- Butler, Judith: Bodies that matter. On Discoursive Limits of „Sex“. New York: Routledge (dt. 1995: Körper von Gewicht. Die diskursiven Grenzen des Geschlechts. Berlin, 1993, ISBN 3-518-11737-8.
- Bührmann, Andrea: Das authentische Geschlecht. Die Sexualitätsdebatte der neuen Frauenbewegung und die Foucaultsche Machtanalyse. Münster, 1995, ISBN 3-929586-54-1.
- Degele, Nina (2004): Sich schön machen. Zur Soziologie von Geschlecht und Schönheitshandeln. Wiesbaden, 2004, ISBN 3-531-14246-1.
- Foucault, Michel: Histoire de la sexualité 1: La volonté de savoir. Paris: Gallimard (dt. 1983: Sexualität und Wahrheit 1: Der Wille zum Wissen. Frankfurt a.M., 1976, ISBN 3-518-28048-1.
- Hark, Sabine: Queer Interventionen. In: Feministische Studien. (1993)11, S. 103-109, ISSN 1433-6359.
- Hauer, Gudrun/Paul, Petra M.: Begriffsverwirrung. Zwangsheterosexualität versus Heteronormativität: Annäherung an eine Begriffsgeschichte und Definitionsversuch. In: GiGi – Zeitschrift für sexuelle Emanzipation. Nr. (2006)44, S. 8-13. ISSN 1437-3076
- Ott, Cornelia: Zum Verhältnis von Geschlecht und Sexualität unter machttheoretischen Gesichtspunkten. In: Schmerl, Christiane; Soine, Stefanie; Stein-Hilbers, Marlene; Wrede, Birgitta (Hg.): Sexuelle Szenen. Inszenierung von Geschlecht und Sexualität in modernen Gesellschaften, Opladen, 2000, S. 183-193, ISBN 3-8100-2893-2.
- Rich, Adrienne: Compulsory Heterosexuality and Lesbian Existence. In: Signs: Journal of Women in Culture and Society, V/4 (dt. 1983: Zwangsheterosexualität und lesbische Existenz. In: Schultz, Dagmar (Hg.): Ausgewählte Texte von Adrienne Rich und Audre Lorde. Berlin, 1980, S. 138-168, ISBN 3-922166-13-X.
- Rubin, Gayle: Thinking sex: Notes for a radical theory of the politics of sexuality. In: Carol S. Vance (Ed.): Pleasure and danger. Boston, S. 267-319 (dt. 2003: Sex denken: Anmerkungen zu einer radikalen Theorie der sexuellen Politik. In: Andreas Kraß (Hg.): Queer denken. Frankfurt a.M., 2003, S. 31-79, ISBN 3-518-12248-7.
- Schwarzer, Alice: Der „kleine Unterschied“ und seine großen Folgen. Frauen über sich – Beginn einer Befreiung. Frankfurt a.M., 1975, ISBN 3-10-076301-7.
- Wittig, Monique: The straight Mind and other Essays. Boston, 1992, ISBN 9780745012773.

