Grrrl Zines

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Grrrl Zines sind selbstpublizierte, unabhängige Fanzines mit Frauen-spezifischen, feministischen, queeren und Transgender-Inhalten. Diese Magazine werden meist von Frauen und Mädchen in kleinen Stückzahlen und mit minimalsten Mitteln, in der Mehrzahl als selbsgeheftete Schwarz-Weiß-Kopien, hergestellt. Die Distribution erfolgt über alternative Vertriebswege wie Distros, Mailorder, Verkauf in Plattengeschäften oder Tausch. Der Stil der Publikationen ist durch einen explizit persönlichen Zugang zu im „Malestream" häufig vernachlässigten Themen und den an die DIY-Ästhetik des Punk angelehnten Cut-Up-Collagen-Look gekennzeichnet. Die absichtlich „falsche" Schreibweise von „Grrrl" stellt die Verbindung zu Tradition und Haltung der Riot Grrrl Bewegung her, in der die ursprünglich pejorative Zuschreibung von „Girl" reklamiert und mit positiven Inhalten aufgeladen wurde. Die „grollenden" drei R verweisen dabei auf die rebellische Stimme dieser jungen Frauen (Carlip: 9).


Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Obwohl unabhängige Publikationen von Frauen für Frauen schon eine lange Geschichte haben – Amy Spencer charakterisiert in ihrem Buch „DIY: The Rise of Lo-Fi Culture“ die Publikation "It ain't me babe", die im Rahmen der Zweiten Frauenbewegung 1970 in Berkeley veröffentlicht wurde, als erstes feministisches Fanzine (Spencer: 47) –, ist die Entstehung von Grrrl Zines untrennbar mit der Riot Grrrl-Bewegung, Third Wave Feminism und dem Konzept von Do-It-Yourself-Aktivismus verknüpft. Als erste Grrrl Zines können Hefte wie Jigsaw (von Tobi Vail, Bikini Kill), Girl Germs (von Allison Wolfe und Molly Neuman, Bratmobile), Bikini Kill (Kathleen Hanna und Tobi Vail, Bikini Kill) und Riot Grrrl (Molly Neuman) gelten, die von Protagonistinnen des Riot Grrrl Movement an der US-amerikanischen Nordwestküste ab 1989 (Jigsaw) produziert wurden. Die Riot-Grrrl-Bewegung wurde in der Folge als Ausdruck einer "Third Wave"-Feminismusbewegung oder als „DIY Feminism“ bezeichnet.

Ab Mitte der 1990er Jahre erfuhren Grrrl Zines eine ständig größere Verbreitung. Vor allem junge Frauen nützten diese als Möglichkeit, sich untereinander zu vernetzen und ihre marginalisierten Erfahrungen zu validieren (Schilt 2003-1 und Carlip: 34). Der Schwerpunkt der Aktivitäten lag und liegt in den USA, es entstanden aber auch international immer mehr Grrrl Zines (Zobl 2004-1). Die wachsende Verbreitung des Internet führte zur Enstehung von sogenanten e-zines oder gURL zines, die aber nicht, wie oft prognostiziert, die Existenz von Printheften verdrängten (ibd.). Im Gegenteil sind sich viele Grrrl-Zine-Produzentinnen der „digital divide" bewusst und legen daher Wert auf die barrierefreie Zugänglichkeit der Materialien (Zobl 2007). Die Möglichkeiten des Internet werden zum Zwecke einer besseren internationalen Vernetzung in Form von Ressourcen-Websites, Messageboards, Newsletters, Mailinglists und E-Groups genutzt, was den globalen Austausch weiter vereinfacht und fördert. Durch die Herausgabe und den Austausch von Zines können Mädchen und junge Frauen ihre eigenen Netzwerke und Räume schaffen, in denen sie die Möglichkeit haben, die kulturelle Marginalisierung und Abwertung von Frauen zu reflektieren und zu kritisieren (Schilt 2003-2).


Zugang und Themen

Grrrl Zines decken eine immense Bandbreite von Themen ab, da das Genre Fanzine aufgrund seines persönlichen (Fan-)Zugangs einen höchst individuellen Zugang privilegiert. Allen Grrrl Zines gemeinsam ist das Streben nach Selbstermächtigung und der Dissenz mit dem partiarchalen Status Quo, dem „ungefilterte", d.h. nicht massenmedial verzerrte Meinungen entgegengesetzt werden sollen (Zobl 2007). Die Thematik der früher Grrrl Zines bewegte sich häufig in Bereichen, die nach Ansicht der Riot Grrrls sowohl aus dem männerdominierten Mainstream wie auch aus der ebenfalls von Sexismen durchzogenen, weißen Punk-Subkultur absent waren: Sexueller Missbrauch, Selbstverteidigung, Körpernormen, Schönheitsterror, (fehlende) weibliche Role Models, Solidarität („girl love") und Rassismus – neben Beiträgen zu Musik und anderen Subkultur-affinen Aktivitäten. Heute gibt es neben diesen immer noch aktuellen Themen ein facettenreiches Spektrum an Grrrl Zines: u.a. zum Reisen als Band (Girls Guide To Touring), zu religiöser Unterdrückung (I Was A Teenage Mormon), zu Fragen von pluralen sexuellen und ethnischen Identitäten (Tim Tum – A Trans Jew Zine oder Bamboo Girl) und zu Mutterschaft (Hip Mama). Die geläufigsten Themen lassen sich grob in folgende Bereiche unterteilen: Popkultur, Körper(bilder), sexuelle Gewalt, Selbstverteidigung, sexuelle oder ethnische Identität, Elternschaft, Kunst-, Literatur- und Ego-Zines.


Ästhetik

Die Herausgeberinnen benutzen visuelle Mittel wie die Collage, um normative Bilder konventioneller Weiblichkeit und rigider Geschlechterrollen zu verzerren und zu rekontextualisieren. Durch den Einsatz der seit der Punk-Bewegung massiv im sub- und gegenkulturellen Underground genutzten Cut-up-Ästhetik wird nicht nur auf die Kommodifizierung und Zerstückelung weiblicher Körper in öffentlich-medialen Inszenierungen hingewiesen, sondern es werden zudem auch Klischees von Geschlechterrollen, Häuslichkeit und Konsumkultur ironisiert und im wahrsten Sinne des Wortes dekonstruiert. Der bewusst imperfekte, scheinbar provisorische Stil der häufig verwendeten Collagen und (Comic-)Zeichnungen kann als augenzwinkernde Kritik einer Oberflächen-versessenen Warengesellschaft gelesen werden – nicht umsonst rücken viele Zine-MacherInnen trotz immer leichter zugänglicher digitaler Bearbeitungsmittel den Inhalten immer noch mit Papier, Schere und Kleber zu Leibe. Grrrl Zines bedienen sich kontinuierlich popkultureller Stereotype, die durch die Ironisierung in ihrer visuellen Wirkungsmacht entwertet werden und so einen alternativen Raum für Empowerment schaffen. Sie können demnach als ein Werkzeug und ein Ausdrucksmittel feministischen Aktivismus' fungieren, der unter Verwendung der Methode des Do-It-Yourself einen Basis- und Aktivismus-nahen, innovativen Feminismus kommuniziert. Insofern haben sie Potenzial als neue feministische Praxis (Aapola, Gonick & Harris, 2005, S. 209).


Problematik

Nicht alle Grrrl Zinesters bezeichnen sich selbst als solche, denn der Begriff ist eine Sammelbezeichnung von außen, der eine sehr disparate Gruppe von MedienaktivistInnen zusammenfasst. Auch die Grundlage der biologischen Kategorie „Frau" als Definitionsmerkmal für die ProduzentInnen des Genres ist noch weitgehend unhinterfragt. Desweiteren ist unklar, ob Publikationen wie die US-amerikanischen Bust, Venus Zine und Bitch, die von relativ kleinen Zines zu farbigen Hochglanz-Magazinen mit fünfstelligen Auflagen und Werbeeinschaltungen angewachsen sind, aufgrund ihrer inhaltlichen Verbundenheit zur Grrrl-Zine-Szene weiterhin als solche typisiert werden sollten.


Verwendete Literatur



Aapola, Sinikka, Marina Gonick und Anita Harris (2005). Young Femininity: Girlhood, Power and Social Change. New York: Palgrave.

Carlip, Hillary (1995). Girlpower: Young Women Speak Out! New York: Warner Books.

Schilt, Kirsten. (2003-1) "A little too ironic": the appropriation and packaging of Riot Grrrl politics by mainstream female musicians. Popular Music and Society, Feb. 2003. Online: http://findarticles.com/p/articles/mi_m2822/is_1_26/ai_106473999/pg_1

Schilt, Kristen (2003-2). ’I'll Resist With Every Inch and Every Breath: Girls and Zine Making as a Form of Resistance.” Youth & Society. 35 (1) 2003. 71-97.

Spencer, Amy (2005). DIY. The Rise of Lo-Fi Culture. London: Marion Boyars.

Zobl, Elke (2004-1). Persephone is Pissed! Grrrl Zine Reading, Making, and Distributing across the Globe. In: Hecate: An Interdisciplinary Journal of Women's Liberation. Hecate Press: University of Queensland, Australia. 30.2 2004, 156-174.

Zobl, Elke (2004-2). The Power of Pen Publishing: International feminist zines and distros. In: Feminist Collections: A Quarterly of Women's Studies Resources. The University of Wisconsin, USA. Vol. 26, no.1, Fall 2004, 20-24. Online: http://www.library.wisc.edu/libraries/WomensStudies/fc/FCZinesZobl.pdf

Zobl, Elke (im Druck 2007). Grrrl Zines. In: Girl Culture: An Encyclopedia. Claudia A. Mitchell and Jacqueline Reid-Walsh (Hg.). Westport: Greenwood Publishing Group.

Weiterführende Literatur



Green, Karen und Tristan Taormino (1997) (Hg.). A Girl's Guide to Taking Over the World: Writings from the Girl Zine Revolution. New York: St. Martin’s Press.

Kearney, Mary Celeste (2006). Grrrl Zines: Exploring Identity, Transforming Girls’ Written Culture. In: Girls Make Media. New York: Routledge, S. 135-187.

Kennedy, Pagan (1995): Zine: How I Spent Six Years of My Life in the Underground and Finally ... Found Myself ... I Think. New York: St. Martin's Press.

Vale, V. (1997). ZINES! Volume One: Incendiary Interviews with Independent Publishers. San Francisco: Re/Search Publications.

Vale, V. (1999). ZINES! Volume Two. San Francisco: Re/Search Publications.


Weiterführende Links



Grrrl Zine Network

Annatitude Magazine, Germany

Bamboo Girl, USA

Bitch Magazine, USA

Bitchcakes Girlzine, Australia

Bunnies On Strike, The Netherland

Bust Magazine, USA

Clitrocket, Italy

Culture Slut, Canada

Cuntstunt, Austria

The Fence, Canada

Fiber, Austria

F-Word: Young UK feminism, UK

The World's First Cyberfeminist Hyperzine, Australia

Girlistic, USA

Girl On Girl Productions

hermana, Resist, USA

Hip Mama

It's not just boy's fun, Germany

Lola Press, International

Ovary Action, Norway

Pretty Ugly, Australia

Reassess Your Weapons, UK

Riot Grrrl Online

Scooter, Australia

Shebytches, Canada

Strength & Courage, Spain

Subtext Magazine, UK

Uplift!, UK

Venus Zine, USA

Women space, Canada

Yellohgirls, Philippines

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