Geschlechtspezifische Rollenmuster und Klimaschutz

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In diesem Beitrag wird die praktische, geschlechtsspezifische Dimension des Klimaschutzes angesprochen. Dabei ist es nicht das Ziel, traditionelle Rollenmuster zu reproduzieren, sondern diese vielmehr für einen effizienteren Klimaschutz zu nutzen.

Inhaltsverzeichnis

Historischer Rückblick

Mit dem Beginn der Industrialisierung setzte nicht nur eine Veränderung der Geschlechterverhältnisse ein, nein, mit der Expansion des Technikglaubens begann auch eine Phase der hemmungslosen Umweltzerstörung. Fossile Energieträger wie Kohle wurden, nachdem im Mittelalter fast alle Wälder Europas abgeholzt worden waren, aus der Erde gerissen, hinterließen riesige Krater in der Landschaft und zerstörten Lebensräume für Tiere und Menschen. Ruß und Schwefelemissionen ließen das Leben in den Städten unerträglich werden. London versank in einem giftigen Nebel, der vielen Menschen das Leben kostete. Niemand machte sich bis zum Ende des 19. Jahrhunderts [1] Gedanken darüber, wohin die vielen Tonnen CO2 entweichen, sie verschwanden im unendlich erscheinenden “Himmel”. Nachdem jedoch die Emissionen der Industrialisierung als (Umwelt-)Problem erkannt worden sind, wurde zunächst versucht, das Geschehen zu theoretisieren, was eine recht männliche Reaktion auf Problemstellungen ist. Analysieren und nicht pragmatisch Lösungsansätze fokussieren, was eher dem weiblichen Rollenbild entsprechen würde.

Lebensstiländerungen sind unabdingbar - z.B private Haushalte

Welche geschlechtsspezifischen Bedingungen für den Klimaschutz ergeben sich jenseits der großen internationalen Umweltabkommen [2] in den nationalen Klimaschutzprogrammen? Hier ist der Bereich der Lebensstiländerung von enormer Bedeutung. Hauptfaktoren von klimaschädlichen Emissionen einer Industriegesellschaft liegen bei Verkehr und Haushalten. Diese beiden Bereiche können auch unter geschlechtsspezifischen Gesichtspunkten analysiert werden. Betrachtet man traditionelles Rollenverhalten in der patriarchal organisierten modernen Gesellschaft, ist umweltfreundliches Verhalten auf zweierlei Ebenen geschlechtspezifisch. Einerseits, weil die weibliche Eigenschaft der Empathie auch gegenüber der Natur den Frauen zugeschrieben wird, andererseits weil Bereiche, in welchen persönlich und ganz privat zum Umwelt- und Klimaschutz beigetragen werden kann, oft weiblich besetzte Lebensbereiche sind. Ein illustrierendes Beispiel dafür ist der verantwortungsvolle Umgang mit Lebensmitteln und Trinkwasser, mit Müll und Putzmitteln. Insgesamt bieten die Haushalte große Umweltschutz- und Einsparpotentiale. In den Privathaushalten gibt es insbesondere bei den Haushaltsgroßgeräten und den vielen versteckten Leerlaufverlusten günstige Möglichkeiten des Stromsparens, die für den „privaten“ Klimaschutz entscheidend sind.

Tabelle 1: Zusammensetzung des durchschnittlichen Stromverbrauchs in Privathaushalten:

Haushaltsgeräte: Anteil am durchschnittlichen Stromverbrauch Kühlen und Gefrieren 21,5 % Kleingeräte 19,8 % Warmwasserbereitung 14,1 % Elektroherd 9,1 % Beleuchtung 8,8 % Waschen und Kochen 7,2 % Fernseher, Video, Tongeräte, Rechner 6,5 % Elektrische Direktheizgeräte 4,2 % Geschirrspülmaschine 2,7 % Sonstiges 6,0 %

Quelle:Umweltbundesamt


Den Frauen wird traditionell eine größeres Verantwortungsbewusstsein für die sie umgebenes Leben und die Zukunft des Lebens in ihrer Rolle als Lebensspendende und Gebärende zugeschrieben. Auch weitsichtigeres Verhalten und komplexeres statt lineares Denken wird den weiblichen Sozialisationsmustern zugeordnet. Ich möchte hier keinesfalls für die Festschreibung traditioneller Rollenmuster plädieren. Doch solange in unserer Gesellschaft diese Mustern dominant sind, gestatte ich mir diese in Bereich des Umweltschutzes nutzbar zu machen, ohne sie dabei zu reproduzieren. In dem besonderen, abstrakten Falle des Klimaschutzes lohnt es sich m. E. darüber nachzudenken, ob nicht auch eine geschlechtsspezifische, nationale Klimaschutzpolitik, v.a. im Bereich der Aufklärung der BürgerInnen sinnvoll wäre.

Beispiel: Verkehr

Der Verkehrsbereich ist ein ebenso gutes Beispiel. Die durch den Verkehr verursachten klimaschädlichen Emissionen bewegen sich in einem stetigen Aufwärtstrend. Männer wollen auf das Autofahren mit großen Motoren die eine hohen Verbrauch haben nicht verzichten. Besonders die steigende Beliebtheit der so genannten Geländewagen oder SUVs (sports utility vihicle) lässt den Kraftstoffverbrauch der Fahrzeugflotte steigen. Lupo fahren ist unsexy und die Produktion des Energiesparautos wurde wegen zu geringem Absatz nach ein paar Jahren eingestellt. Überhaupt scheint in der Automobilindustrie die Idee der Effizienz der herkömmlichen Technik keine große Rolle zu spielen. Lieber werden Milliarden in die Entwicklung neuer “männlicher Spielzeuge” investiert, deren reale klimafreundliche Funktionalität erst in so fernen Jahren erreicht sein wird, wenn es für den Klimaschutz ggf. schon zu spät ist. Das Zeitfenster, in welchem Vorsorge im Klimaschutz noch relativ kosteneffizient bewältigt werden kann, wird immer schmaler. Ganz im Gegenteil: der Verzicht auf das Statussymbol Auto aus umweltpolitischen Gründen scheint für einen Grossteil, v.a. der männlichen Bevölkerung nicht denkbar zu sein. Borries verdeutlicht in seinem Aufsatz “Naturbetrachtung und Klimaperzeption” eine Differenz zwischen Problemwahrnehmung und Handlungs- bzw. Verhaltensänderungsbereitschaft. "Offenbar vermitteln solche Informationen (zur Klimaproblematik, Anm. d. Verf.) über die Medien einen systematischen Überblick über die Problematik möglicher Klimaveränderungen, der beunruhigend ist. Trotz dieser recht ausgeprägten Besorgnisse würden aber nur wenige der Befragten im Falle einer langfristigen Klimaerwärmung ihr umweltbezogenes Verhalten ändern. So gaben knapp 70% an, das sie ihre PKW-Nutzung nicht ändern, also auch nicht einschränken würden. Um eine Bereitschaft zu Verhaltensänderungen zu bewirken, war die Bedrohung, die von einer Klimaänderung ausging, offenbar nicht wirksam. Anders ausgeprägt waren die Erwartungen gegenüber Dritten, insbesondere gegenüber dem Staat. Von diesem wurden am häufigsten Maßnahmen zum Schutze des Wassers und der Erdatmosphäre erwartet." (Borries 1995: 61).

Abb. 1: Chancen zur Verringerung von Treibhausgasemissionen (geschätzt) bis Ende 2010 und 2020

Sektor Wachstumsrate in %/ Jahr (1990-1995) Mögliche Verringerung bis 2010 (Mio t Kohlenstofföquivalenten/ Jahr) Mögliche Verringerung bis 2020 (Mio t Kohlenstofföquivalenten/ Jahr) Gebäude 1,0 700-750 1000-1100 Verkehr 2,4 100-300 300-700 Industrie 0,4 300-700 700-900 Landwirtschaft 150-300 350-750 Abfallwirtschaft 1,0 ca. 200 ca. 200 Energiewirtschaft 1,5 50-150 350-700

Quelle: IPCC (2001): WG III, Third Assessment Report: vgl. Grafik: Umweltbundesamt

Nutzung rollenspezifischer Effekte für Klimaschutzkampagnen

Einige Kampagnen zum Klimaschutz erzielen schon heute rollenspezifische Effekte. Die Entscheidung des WWF, den Eisbären, als durch den Klimawandel bedrohte Tierart, als Maskottchen ihrer Klimaschutzkampagne zu wählen, ist hierfür ein gelungenes Beispiel. Der Eisbär spricht einerseits mit dem ausgeprägten Kindchenschema des mimiklosen Bärengesichts insbesondere Frauen an, und andererseits wird auch Männern durch den “starken Herrscher der Arktis” ein geschlechtsrollenspezifisches Identifikationsangebot gemacht. Es muss jedoch deutlich gemacht werden, dass nur durch Lebensstiländerungen jedes und jeder Einzelnen sinnvoller Klimaschutz eine Chance hat. So behaupte ich, dass mit spezifischer Aufklärung für bestimmte Lebenswelten, die durchaus männlich oder weiblich konnotiert sind, ein besserer Klimaschutz zu erreichen wäre, und dass dies hilft, unseren Planeten für uns und spätere Generationen zu erhalten. Auch wenn die Bemühungen im internationalen Klimaschutz manchen zunächst beruhigen, bleibt doch ein grundlegender ökologisch orientierter Struktur- und Lebensstilwandel unabdingbar!

Fußnoten

  1. Vorreiter und Visionär war hier Arenius
  2. Seit dem 16.2.2005 ist das Kyoto-Protokoll der Klimarahmenkonvention in Kraft getreten, welches internationale, völkerrechtlich verbindliche Emissionsminderungen mit Hilfe von ökonomischen Instrumenten festschreibt (vgl. Loske 1996, Ott/ Oberthür 2000).

Literatur

  • Arrhenius, Svante. (1896): On the influence of carbonic acid in the air upon the temperature of the ground. In: The London, Edinburgh and Dublin Philosophical Magazine and Journal of Science. 41: 237-276.
  • Borries, Volker von (1995): „Naturbetrachtung und Klimaperzeption.“ in: Dombrowsky, Wolf R. / Pasero, Ursula (Hrsg.): Wissenschaft, Literatur und Katastrophe. Opladen: Westdeutscher Verlag.
  • BUND/ Misereor (Hrsg.) (1996): Zukunftsfähiges Deutschland. Ein Beitrag zu einer global nachhaltigen Entwicklung. Basel, Boston, Berlin: Birkhäuser Verlag.
  • Georgescu-Roegens, Nicholas (1971): The Entropy Law and the Economic Process. Cambridge/ London: Harvard University Press.
  • IPCC (2001): Climate Change 2001: The scientific Basis. IPCC Third Assessment: A Report of the Intergovernmental Panel on Climate Change. Cambridge/ New York: Cambridge University Press.
  • Jänicke, Martin/ Kunig, Philip/ Stitzel, Michael (1999): Umweltpolitik. Bonn: Dietz Verlag.
  • Loske, Reinhard (1996): Klimapolitik: Im Spannungsfeld von Kurzzeitinteressen und Langzeiterfordernissen. Marburg: Metropolis-Verlag.
  • Oberthür, Sebastian/ Ott, Hermann E. (2000): Das Kyoto Protokol. Opladen: Leske+Budrich.
  • Opschoor, Johannes B. [Hrsg.] (1994): Economic incentives and environmental policies : principles and practice. Dordrecht [u.a.]: Kluwer.
  • Scheer, Hermann (1999): Solare Weltwirtschaft : Strategie für die ökologische Moderne (3. Auflage). München: Kunstmann
  • Weiß, Jens (2000): Umweltpolitik als Akteurshandeln. Marburg: Metropolis Verlag.
  • Wichterich, Christa (1993): „Die Rückkehr der weisen Frauen. Zur Konstruktion von Weiblichkeit im Diskurs über Frauen-Ökologie-Entwicklung“ In: Peripherie. Jg. 13, Heft 51/ 52: 120-136.
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