Gender Mainstreaming an österreichischen Schulen
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GENDER MAINSTREAMING AN ÖSTERREICHISCHEN SCHULEN
Erstveröffentlichung: Tanzberger Renate: Gender Mainstreaming. In: Dzierzbicka Agnieszka, Schirlbauer Alfred (Hg.): Pädagogisches Glossar der Gegenwart. Von Autonomie bis Wissensmanagment. Löcker, Wien 2006
Zum Begriff
Die englischen Wörter sex und gender werden im Deutschen mit »biologisches Geschlecht« und »soziales Geschlecht« übersetzt, wobei mit Letzterem Vorstellungen, Erwartungen und Zuschreibungen verbunden sind, wie Frauen/Mädchen bzw. Männer/Buben sind bzw. zu sein haben.
So wichtig diese Unterscheidung ist, muss kritisch angemerkt
werden, dass mit der scheinbaren Natürlichkeit und Unveränderbarkeit
von sex im Unterschied zu gender, das als kulturell
überformt und veränderbar gilt, eine Dualität reproduziert
wird, die verschleiert, dass sex ebenfalls sozial und kulturell
überformt und lange nicht so eindeutig ist, wie es den Anschein
hat. Jedenfalls will Gender Mainstreaming gender in den
Mainstream, also den Hauptstrom von Politik, Verwaltung usw.
bringen und ist als Top-Down-Strategie gedacht.
Zur Entstehung und Definition
1985 wurde auf der 3. Weltfrauenkonferenz der Vereinten Nationen in Nairobi Gender Mainstreaming als neue Strategie der Gleichstellungspolitik vorgestellt. Nach der Weltfrauenkonferenz in Peking 1995 verpflichtete sich auch die Europäische Kommission dem Prinzip des Gender Mainstreaming. In Artikel 2 und 3 des EG-Vertrags von Amsterdam (1997) heißt es: »Die Förderung der Gleichstellung von Männern und Frauen ist eine der Aufgaben der Europäischen Gemeinschaft. Bei all ihren Tätigkeiten wirkt die Gemeinschaft darauf hin, Ungleichheiten zu beseitigen und die Gleichstellung von Männern und Frauen zu fördern.« Laut Definition des Gender Mainstreaming-Konzepts des Europarates ist Gender Mainstreaming »die (Re-)Organisation, Verbesserung, Entwicklung und Evaluierung grundsatzpolitischer Prozesse, mit dem Ziel, eine geschlechterbezogene Sichtweise in alle politischen Konzepte auf allen Ebenen und in allen Phasen durch alle normalerweise an politischen Entscheidungen beteiligten Akteure und Akteurinnen einzubringen« (vgl.http://www.imag-gendermainstreaming.at/cms/imag/content.htm?channel=CH0133&doc=CMS1060357834963).
Im Zusammenhang mit konkreten Maßnahmen wird immer wieder auf die 3-R-Methode verwiesen: Die drei R stehen für Repräsentation – wie viele Frauen bzw. Männer sind von einer Maßnahme betroffen bzw. an dieser beteiligt (so genanntes »Sexcounting«); Ressourcen – wie werden Geld, Raum und Zeit zwischen den Geschlechtern verteilt und Realisierung – bei Unterschieden in Zusammenhang mit Repräsentation und Ressourcen wird nach deren Ursachen gefragt und überlegt, welche Maßnahmen gesetzt werden können, um diese Unterschiede zu beseitigen. Umgelegt auf den Bereich Schule könnte das z.B. heißen, zu eruieren, wie viele Mädchen und wie viele Buben das Fach Textiles bzw. Technisches Werken in der AHS wählen, welche Räume und finanziellen Ressourcen den beiden Fächern zur Verfügung stehen und, wenn sich zeigt, dass es hier gravierende Unterschiede gibt, welche Maßnahmen zu ergreifen sind. Relevante Unterschiede könnten z.B. sein, dass Burschen kaum Textiles Werken besuchen, Mädchen zwar Technisches Werken, aber in weitaus höherem Ausmaß Textiles Werken besuchen; der Werkraum für Technisches Werken aber größer und/oder das Budget für Technisches Werken höher ist als jener/s für Textiles Werken. In einem solchen Fall muss überlegt werden, was von Schulseite her unternommen werden kann, um der Ungleichstellung entgegenzuwirken. So könnte eingeführt werden, dass sowohl Mädchen als auch Burschen in Textilem und Technischem Werken unterrichtet werden, ein Gender Budgeting könnte initiiert werden und ähnliches. Dieses Beispiel soll veranschaulichen, dass mit Gender Mainstreaming als Top-Down-Strategie die höchste Ebene involviert und in die Pflicht genommen wird. Diese ist die Schulleitung, wenn Maßnahmen schulautonom beschlossen werden können. Wenn dies nicht der Fall ist, sind die gesetzge- benden Stellen aufgerufen, Maßnahmen zu setzen.
Zur möglichen Umsetzung
In Österreich erfolgte am 7. Juli 2000 ein Ministerratsbeschluss zur verpflichtenden Umsetzung der Gender Mainstreaming-Strategie und zur Einrichtung einer Interministeriellen Arbeitsgruppe Gender Mainstreaming (IMAG GM), die dazu beitragen soll, die Gender Mainstreaming- Strategie auf Bundesebene zu implementieren. Auch das österreichische Bildungsministerium verpflichtete sich mit diversen Maßnahmen, die Idee des Gender Mainstreaming zu verbreiten. So wird im Aktionsplan 2003 »Gender Mainstreaming und geschlechtssensible Bildung« ausgeführt: »Gender Mainstreaming zielt auf Chancengleichheit und Gleichstellung der Geschlechter und erfordert die Berücksichtigung von Gender-Aspekten auch im Bereich der Schul- und Bildungspolitik. Gender Mainstreaming in der Schule bedeutet, die Gender-Perspektive in allen Bereichen des Lernens und Lehrens, in der Schulorganisation und im Handeln aller Beteiligten zu verankern, um geschlechtergerechtes Lernen zu ermöglichen. Geschlechtssensibler Unterricht und geschlechtssensible Berufsorientierung sind ebenso wie spezifische Fördermaßnahmen für das eine oder das andere Geschlecht Mittel zur Erreichung des Ziels« (http://www.bmukk.gv.at/medienpool/1020/Aktionsplan_2003.pdf). Der Gender Mainstreaming-Leitfaden für Projekt- und Programmverantwortliche des bm:bwk geht noch einen Schritt weiter, hier werden konkrete Maßnahmen, wie Gender Mainstreaming im Bildungsbereich umgesetzt werden kann, vorgeschlagen: Förderung von Pilotprojekten wie z.B. Einrichtung von Gender Mainstreaming-Clusterschulen, das Veranstalten von Tagungen zum Thema »Gender Mainstreaming und Schulqualität«, Einrichtung von Gender- Netzwerken, oder die Einrichtung von Gender Mainstreaming- Beauftragten an den Pädagogischen Instituten.
Keine Frage, Gender-Themen sind stark mit Werthaltungen
verbunden wie etwa: finde ich es richtig, dass ausschließlich
Männer zum Bundesheer/Zivildienst müssen, will ich – im
Sinne einer Gleichberechtigung –, dass auch Frauen verpflichtet
werden oder bin ich für eine Angleichung in die Richtung,
dass Männer ebenso wenig wie bisher Frauen zum Bundesheer/
Zivildienst müssen. Dass Gender Mainstreaming daher nicht
einfach umzusetzen ist, liegt auf der Hand. Wenn das Ziel von
Gender Mainstreaming Gleichstellung der Geschlechter heißt,
gilt es zu klären, was genau darunter verstanden wird und welche
Maßnahmen zur Zielerreichung beitragen. Dabei ist zu
bedenken, dass die Implementierung und Umsetzung von
Gender-Zielen verschiedene Ebenen einer Organisation betreffen
(Vgl. Schambach 2005, 45). Es sind die strukturellen, persönlichen
und inhaltlichen Ebenen der fachlichen Arbeit, die
miteinander verzahnt zu denken sind.
Bei Gender Mainstreaming geht es also um Organisationsentwicklung.
Bezogen auf Schule heißt das, einen Schulentwicklungsprozess
zu initiieren, wozu es Ressourcen und
Wissen braucht, bei dem mit Widerstand gerechnet werden
muss und der – nicht zuletzt – eines Umsetzungswillens auf der
erwähnten Führungsebene bedarf. Das Anliegen des Gender
Mainstreaming-Ansatzes, Personen in Leitungspositionen in
die Pflicht zu nehmen, muss deshalb betont werden, weil in der
pädagogischen Diskussion der Begriff Gender Mainstreaming
immer wieder verwässert wird. So wird oft Gender Mainstreaming
gesagt, obwohl gender-sensible Pädagogik gemeint
ist. Die Koedukationsdebatte und auch die Forderung nach
bewusster, reflektierter oder eben gender-sensibler Koedukation
gab es schon lange, bevor der Begriff Gender Mainstreaming
verwendet wurde. Daher ein kurzer Rückblick: Als beispielsweise
in Österreich 1975 die Koedukation eingeführt
wurde, gab es aus dem englischsprachigen Raum und aus
Deutschland bereits deutliche Hinweise darauf, dass ein
gemeinsamer Unterricht von Mädchen und Buben nicht automatisch
zum Abbau von Ungleichheit beiträgt. In der Folge
wurde auch in Österreich hinterfragt, inwieweit die Institution
Schule selbst zur Stabilisierung von Geschlechtermacht-
verhältnissen beiträgt, Stichwort: Heimlicher Lehrplan im
Zusammenhang mit Unterrichtsinhalten und Schulbüchern,
Benachteiligung von Frauen/Mädchen bei der Sprache, der
Schülerinnen bei Interaktionen und durch Methodik und Didaktik,
der Lehrerinnen bezogen auf Führungspositionen etc. Es
entstanden – oft auf Initiative einer einzelnen Lehrerin (seltener
eines einzelnen Lehrers) – Maßnahmen und Projekte, die das
Ziel Gender-Gerechtigkeit verfolgten. Durch die zunehmende
gesetzliche Verankerung der Gender-Thematik (Einführung des
Unterrichtsprinzips »Erziehung zur Gleichstellung von Frauen
und Männern« ab 1995, Verankerung des didaktischen Grundsatzes
»Bewusste Koedukation« in den Lehrplänen ab 2000,
Herausgabe des Leitfadens zum geschlechtergerechten Formulieren
2002) erhielten in Gender-Fragen engagierte LehrerInnen
Rückendeckung. Positiv könnte mit der Einführung von Gender
Mainstreaming im Bildungsbereich daher formuliert werden,
dass nun auch die Leitungspersonen herausgefordert sind, sich
für die Gender-Thematik zu engagieren.
Allerdings – und das ist ein großer Wermutstropfen – fehlt es an
finanziellen, zeitlichen und personellen Ressourcen, die für die
Einleitung von Gender Mainstreaming-Prozessen notwendig
wären. Auf der Leitungsebene mangelt es zusätzlich oft an
Interesse für und Wissen über Gender-Fragen. Wie soll ein
Schulleiter, der meint »dass an seiner Schule Mädchen ohnehin
nicht benachteiligt werden«, das Potenzial haben, einen Gender
Mainstreaming-Prozess einzuleiten, und die MitarbeiterInnen
motivieren, diesen Prozess mitzugestalten? Wie soll eine
Gender Mainstreaming-Beauftragte sinnvoll arbeiten können,
wenn ihr ein Kollege zur Seite gestellt wird, der sich eigentlich
nicht für das Thema interessiert, aber die Funktion ausüben
muss, weil das Konzept der Gender-Beauftragten dahingehend
missverstanden wird, dass ein Mann und eine Frau diese
Position ausüben müssen (Anweisung von oben: »Nur Frau +
Mann = Qualität«)?
Eine andere Gefahr, die v.a. Frauen nennen, die schon lange zu
feministischen oder Gender-Themen arbeiten, ist, dass durch
Gender Mainstreaming Maßnahmen abgesägt werden, die sich
ausschließlich an Mädchen bzw. Frauen richten. Diese Furcht
erscheint begründet, auch wenn z.B. im Gender Mainstreaming-
Leitfaden für Projekt- und Programmverantwortliche
explizit betont wird, dass Frauenförderung und Gender
Mainstreaming gleichzeitig stattfinden müssen (dass Gender
Mainstreaming also Frauen-/Mädchenförderung nicht ersetzt!).
Kritisiert wird Gender Mainstreaming auch dahingehend, dass
befürchtet wird, hinter den aktuellen Gender-Diskurs zurückzufallen.
Der Begriff »Gender« wird im Zusammenhang mit
Gender Mainstreaming oft völlig unreflektiert verwendet und
darauf verkürzt, dass nicht alle Frauen gleich sind (und
Gleiches wollen) und auch nicht alle Männer; das wird oft
ebenso übersehen wie die Tatsache, dass für Menschen neben
»Gender« noch andere Kategorien eine Rolle spielen (der
soziale und kulturelle Hintergrund, das Alter, die sexuelle
Orientierung …). Manchmal wird der Begriff »Gender« verwendet,
obwohl eigentlich »Sex« gemeint ist. Wenn mittels
eines Beobachtungsbogens eruiert werden soll, wie oft
Mädchen und wie oft Burschen in einer Stunde zu Wort kommen,
sollte auf dem Bogen nicht Gender-Beobachtungsbogen
stehen, da es sich um ein »Sexcounting« handelt.
Wenn Gender Mainstreaming in der Schule wirklich ernst genommen
wird, dann braucht das – wie Ergebnisse des bm:bwk-
Projekts zur Entwicklung von Strategien und Maßnahmen für
eine erfolgreiche Implementierung von Gender Mainstreaming
in Schulen zeigen – viel Engagement, eine Schulleitung, »die
nicht nur hinter dem Projekt steht, sondern voran schreitet und
Vorbild ist« (© Jürgen Horschinegg, bm:bwk), die Einbeziehung
aller an der Schule Beteiligten (neben LehrerInnen
auch SchülerInnen, Eltern et al.) und die Lust, sich auf eine
(nicht immer spannungsfreie) Entdeckungsreise einzulassen.
Literatur
bm:bwk: Aktionsplan 2003 »Gender Mainstreaming und geschlechtssensible Bildung« – Wien.
»Gender Mainstreaming« Leitfaden für Projekt- und Programmverantwortliche [o.J.]. Erstellt im Rahmen des Leonardo da Vinci Programms, Projekt »Fem-trainingnet«. – Wien. Download: http://www.bmukk.gv.at/medienpool/7402/PDFzuPubID329.pdf
Landesinstitut für Schule und Weiterbildung (2005): Schule im Gender Mainstream. Denkanstöße – Erfahrungen – Perspektiven. – Soest.
Netzwerk Gender Training (2004): Geschlechterverhältnisse bewegen. Erfahrungen mit Gender Training. – Königstein/Taunus.
Schacherl, Ingrid (2003): Gender Mainstreaming. Kritische Reflexion.– Innsbruck.
Schambach, Gabriele (2005): Grundsätze einer genderbewussten Organisationsentwicklung. In: Landesinstitut für Schule und Weiterbildung: Schule im Gender Mainstream. Denkanstöße – Erfahrungen – Perspektiven. – Soest.
Schneider, Claudia (2004): Gender Mainstreaming als Schulentwicklung. In: Erziehung und Unterricht, Heft 5-6/2004, 473-482.
Schulheft 2/2006 zum Thema »Gender Mainstreaming«. – Wien [in Vorbereitung].
Weblinks
http://www.gem.or.at [Stand: 7. 2. 2006]
http://www.imag-gendermainstreaming.at/cms/imag/index.html [Stand: 7. 2. 2006]
http://www.bmukk.gv.at/schulen/unterricht/ba/gender_schule.xml [Stand: am 6. 9. 2007 durch den korrekten Link ersetzt]

