Fetischismus

Aus Gender@Wiki

Wechseln zu: Navigation, Suche

Inhaltsverzeichnis

Definitionen

  • 1. In der Ethnologie: Bezeichnung für den kultischen Gebrauch bestimmter Gegenstände. Anbetung von Gegenständen, denen übernatürliche ("magische") Kräfte zugeschrieben werden.
  • 2. In klassisch psychoanalytischer Sichtweise (Sigmund Freud) ursprünglich als Form des männlichen Schutzes und Triumphes über die Kastrationsdrohung verstanden. Der Fetisch diene zur Schützung einer fragilen männlichen Identität (Geschlechtsidentität), die durch intensive Kastrationsangst bedroht sei. Später haben Psychoanalytiker_innen diese androzentrische Sicht abgelehnt und den Fetisch in seiner Funktion gesehen, Störungen des Körperbildes und damit einhergehende Ängste vor genitaler Beschädigung zu mildern und das Körperbild auf „magische“ Weise wiederherzustellen.
  • 3. Aus klinisch-psychologischer Sicht eine „Perversion“ der Libido mit Hinwendung zu Körperteilen (statt zu Sexualzonen oder Sexualpartner_innen) bzw. Hinwendung zu Gegenständen (Schuhe, Unterwäsche, Haarlocken u.a.). Die Gegenstände gewinnen eine hohe Reizqualität und sind Voraussetzung bzw. (vorgestelltes) Hilfsmittel für sexuelle Tätigkeit (Masturbation) des Fetischisten/der Fetischistin (Lexikon der Psychologie).
  • 4. In der Philosophie: Nach Auguste Comte (Dreistadiengesetz) die für das erste Stadium der Menschheitsgeschichte charakteristische Form der Welterklärung (Deutung von Dingen als wirkmächtige Wesen). Karl Marx spricht vom „Fetischcharakter“ der Waren, der die Entfremdung des Arbeiters/der Arbeiterin von seinem Produkt und damit die Verdinglichung der gesellschaftlichen Verhältnisse widerspiegelt (Meyers Lexikon).

Sigmund Freuds Erörterungen zum Fetischismus

Die frühste Erwähnung des Fetischismus bei Freud, ist in seinem Werk „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“ (1905) zu finden. Dort schrieb er: „Keine andere ans Pathologische streifende Variation des Sexualtriebes hat so viel Anspruch auf unser Interesse...“ (Freud 1905: 63). Freud hat sich vielfach mit dem Thema auseinander gesetzt. In seiner ersten Erörterung des Fetischismus äußerte er nur: „In der Auswahl des Fetisch zeigt sich (...) der fortwirkende Einfluss eines zumeist in früher Kindheit empfangenen sexuellen Eindruckes...“ (Freud 1905: 63) . Später zeigte er einen neuen Gesichtspunkt auf – den Zusammenhang des Fetischismus und der Riechlust. Darüber schreibt er dann ausführlicher in einer hinzugefügten Fußnote in der zweiten Auflage der „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“ (1910). Nachführend zeigte er eine weitere Verbindung auf. Er behauptete nun, dass der Fetisch den vermissten Penis des Weibes ersetze, welcher in der infantilen Sexualtheorie eine so große Rolle spielt. Später (1914) widmete er sich der Frage des Ursprunges des Fußfetischismus, diesen thematisierte er wiederholt vor der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung.

Freuds Text über Fetischismus aus dem Jahre 1927 ist eine Zusammenfassung seiner älteren Ansichten sowie der Ausbau seiner Theorie(n). Hinzu kommt ein neuer metapsychologischer Gedankengang. Er widmet sich dem Konzept der Verleugnung – vor allem in Bezug auf die Reaktion von Kindern bei der Beobachtung des anatomischen Geschlechtunterschiedes. In diesem kurzen Aufsatz über Fetischismus hat er die Struktur des Fetischismus als „doppelte Verleugnung“ beschrieben – als die Verleugnung von etwas, was es gar nicht gibt (Die Philosophin).


Vokabular der Psychoanalyse

Verleugnung

Abwehrform, die in einer Weigerung des Subjektes besteht, die Realität einer traumatisierenden Wahrnehmung anzuerkennen, insbesondere die Penislosigkeit der Frau. Dieser Mechanismus wird von Freud besonders dazu angeführt, um den Fetischismus und die Psychosen zu erklären.

Ichspaltung

Besonderes Phänomen, das vor allem beim Fetischismus und den Psychosen eine Rolle spielt: Die Koexistenz zweier psychischer Haltungen im Inneren des Ichs gegenüber der äußeren Realität, soweit diese eine Triebforderung durchkreuzt: Die eine bejaht die Realität, die andere stellt die Realität in Frage und setzt eine Wunschproduktion an deren Stelle. Diese beiden Haltungen bleiben nebeneinander bestehen, ohne sich gegenseitig zu beeinflussen.

Kastrationskomplex

Komplex, der auf die Kastrationsphantasie zentriert ist: Diese gibt eine Antwort auf das Rätsel, das der anatomische Geschlechtsunterschied (Vorhandensein des Penis oder Penislosigkeit) dem Kind aufgibt; dieser Unterschied wird dem Wegfall des Penis beim Mädchen zugeschrieben. Die Wirkung und Struktur des Kastrationskomplexes sind beim Knaben und beim Mädchen verschieden. Der Knabe fürchtet die Kastration als Realisierung einer väterlichen Drohung und als Antwort auf seine sexuelle Aktivität; daraus entsteht bei ihm eine heftige Kastrationsangst. Beim Mädchen wird die Penislosigkeit als erlittener Nachteil empfunden, den es zu verleugnen, zu kompensieren oder zu reparieren sucht. Der Kastrationskomplex steht in enger Beziehung zum Ödipuskomplex und spezieller zu dessen verbietender und normativer Funktion.

„Phallische Phase" (4.- 5.Lebensjahr)

Die Genitalien werden in dieser Phase zu erogenen Zonen. Knaben stellen fest, dass bei Mädchen der Penis fehlt und führen dies auf eine Bestrafung zurück. Daraus entwickelt sich Kastrationsangst; bei Mädchen kommt es zum Penisneid. Die Beziehung zu den Eltern ist durch den Ödipuskomplex bestimmt. Es treten Rivalitätsgefühle mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil auf, der andersgeschlechtliche wird geliebt. Auf der anderen Seite fürchtet das Kind den Verlust der Liebe des gleichgeschlechtlichen Elternteils. Dieser Konflikt wird durch die Unterdrückung der sexuellen Wünsche beigelegt. In der phallischen Phase kommt es zur Übernahme geschlechtlicher Moralbegriffe und zur Entwicklung des Über-Ich (Gewissen) (vgl. Laplanche).

Entstehung des Fetischismus nach Freud

Die Entstehung des Fetischismus ist mit der so genannten phallischen Phase der Entwicklung des Knaben (!) verbunden. Laut Freud weigert sich dieser, die Tatsache seiner Wahrnehmung zur Kenntnis zu nehmen, dass das Weib keinen Penis besitzt (Freud 1999: 384). Er verleugnet den Fakt, dass das Weib - seine Mutter - penislos ist. Die Verleugnung ist in diesem Sinne als Abwehrmechanismus des Ichs zu verstehen, durch den sich das Ich weigert, die Realität einer traumatisierenden Wahrnehmung (z.B. Penislosigkeit der Frau) anzuerkennen. Jedoch wird die Wahrnehmung nicht gänzlich ausgelöscht, sondern es bleiben vielmehr zwei parallele Wahrnehmungen im Knaben bestehen. Auf der einen Seite die Wunschvorstellung, dass die Mutter - das Weib - doch einen Penis besitze, auf der anderen die reale Wahrnehmung, dass die Frau penislos ist. Dieser innere Zwiespalt führt zur Ich-Spaltung. Freud betont, dass diese „Ich-Spaltung nicht bloß eine Eigentümlichkeit des Fetischismus sei, sondern tatsächlich in vielen anderen Situationen angetroffen wird, in denen das Ich mit der Notwendigkeit konfrontiert ist, eine Abwehr aufzubauen, und das die Ich-Spaltung nicht nur bei der Verleugnung, sondern auch bei der Verdrängung vorkommt“ (Freud 1999: 91ff). Mit der stattgefundenen Verdrängung (warum hier Freud jetzt von Verdrängung und nicht von Verleugnung spricht, ist unklar) geht auch die Entfremdung gegen das wirkliche weibliche Genital einher, die man laut Freud, bei keinem Fetischisten vermisst. Der Anblick des weiblichen Genitals führt in Folge zum Kastrationsschreck. „Warum die einen infolge dieses Eindruckes homosexuell werden, die anderen ihn durch die Schöpfung eines Fetisch abwehren und die übergroße Mehrzahl ihn überwindet, das wissen wir freilich nicht zu erklären“ (Freud 1999: 385).

Der Fetisch ist demnach als eine Form des Penisersatzes zu verstehen, jedoch nicht eines beliebigen, sondern eines ganz bestimmten. Der Fetisch ist der Ersatz für den Phallus des Weibes - der Mutter, an der Knabe geglaubt hat und auf den er nicht verzichten will.

Übersicht

Bild:wiki_grafik.jpg

Feministische Kritik

Die Philosophin


Marx und der Warenfetischismus

Karl Marx hat den Begriff des Fetisch der ethnologischen Fetischismustheorie entnommen. In einigen Texten ist nachzulesen, dass er sich mit der Fetischstudie von Charles de Brosses aus dem 18. Jahrhundert vertraut gemacht hat [1] [2]. In seinem Werk „Das Kapital“ führt er im Eröffnungskapitel in das Thema „Der Fetischcharakter der Ware und sein Geheimnis“ ein (Geld und Ware). Marx nutzte diesen Begriff als Metapher zur Erklärung der politischen Ökonomie - der Verwertungslogik des Kapitalismus.

Er geht davon aus, dass die Ware auf zwei Ebenen Bedeutung erfährt. Zum einen ist sie ein materielles Ding in Form ihres Gegenstandes. Als Ware die getauscht wird, verwandelt sie sich jedoch in ein übersinnliches Ding mit mythischem Charakter. „Das Geheimnissvoll der Warenform besteht also einfach darin, daß sie den Menschen die gesellschaftlichen Charaktere ihrer eigenen Arbeit als gegenständliche Charaktere der Arbeitsprodukte selbst, als gesellschaftliche Natureigenschaften dieser Dinge zurückspiegelt[...].“ (MEW 23: 86) Marx vergleicht dies mit Religion. Hier erscheinen Produkte menschlicher Ideen bspw. einer Göttin als mit eigenem Leben begabte und selbständige Gestalten. Diese Verselbstständigung der Bedeutungszuschreibung nennt Marx den Fetischismus, „[...] der den Arbeitsproduktion anklebt, sobald sie als Waren produziert werden[...]. “(MEW 23: 87)

Der Fetischismus entsteht durch die Besonderheit der unabhängig betriebenen Privatarbeit, wie Marx sie analysiert. Durch Unabhängigkeit beziehen Warenproduzent_innen sich erst beim Austausch auf dem Markt aufeinander. Dies geschieht indem sie ihre Waren mit denen anderer vergleichen. Dabei und dies geschehe unwissentlich, werden ausschließlich die in der Ware enthaltenen Arbeitszeiten verglichen (Auch Rohstoffe lassen sich letztlich auf ihre Arbeitszeitbestandteile reduzieren.) Ist ein solches System des Tausches ausreichend etabliert und entwickelt, erscheint die Reduktion aller Privatarbeit auf ihre Tauschbarkeit und letztlich auf ihren Wert als unumgehbares Naturgesetz.

In der marxschen Analyse ist es zunächst völlig unbedeutend, welche Waren mit einander in Austausch gebracht werden, da es sich immer schlicht um wertgleichen Tausch handelt. Hierbei lasse sich der Fetischcharakter noch relativ leicht erkennen. Durchaus schwieriger ist dies in einem Geldsystem, doch auch hier ist Geld nicht einfach ein allgemeines Äquvivalent, ihm haftet der Fetischcharakter ebenso an, wie zu Kapital gewandeltem akkumuliertem Geld. Der Marx-Interpret Heinrich spricht daher übergreifend auch vom Fetischismus bürgerlicher Verhältnisse. (Heinrich 2005: 179)


Literatur/Quellen

  • Freud, Sigmund (1999): Gesammelte Werke. Fischer-Taschenbuch Verlag, Frankfurt a.M., Bd. XIV, S. 309-318 (Studienbuchausgabe, Fischer-Verlag, Frankfurt a.M. Bd. 3, S.379ff).
  • Freud, Sigmund (1905): Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. Leipzig, Wien: Gesammelte Werke. Frankfurt a.M., 1964, S.63ff.
  • Lexikon der Psychologie. Zweiter Band, S. 35.
  • Laplanche, Jean/ Pontalis, Jean-Bertrand (1973/1994): Das Vokabular der Psychoanalyse. Frankfurt a.M.

Weiterführende Literatur

  • Heinrich, Michael (2005): Kritik der politischen Ökononmie. Stuttgart.
  • Jones, Ernest (1982): Das Leben und Werk von Sigmund Freud. 3.Auflage, Bern.
  • Schlesinger, Renate (1990): Mythos und Weiblichkeit bei Freud. Frankfurt a.M.
  • Stephan, Inge (1992): Die Gründerinnen der Psychoanalyse: Eine Entmythologisierung Sigmund Freuds in 12 Frauenporträts. Stuttgart.

Links

  • [3] (30.03.2008; 6:24) Meyers Lexikon
  • [4] (30.03.2008; 6:24) Lexikon der Philosophie
  • [5] (30.03.2008; 6:24) Die Philosophin - Forum für feministische Theorie und Philosophie
  • [6] (30.03.2008; 6:24) Böhme, Hartmut - Das Fetischismus-Konzept von Marx und sein Kontext
  • [7] (30.03.2008; 6:24) Grigat, Stephan - Zur Kritik des Fetischismus
  • [8] (30.03.2008; 6:24) Marx, Karl Das Kapital - Auszüge
  • [9] (30.03.2008; 6:24) Dr. phil. Gsell, Monika Abstract zu Estela V. Welldon - Perversionen der Frau
Persönliche Werkzeuge
Anmelden