Fernsehen
Aus Gender@Wiki
Fernsehen ist das Leitmedium unserer Zeit. Entgegen anders lautender Meinungen, die insbesondere mit der Bedeutungskonstruktion von populären Medienprodukten korrespondieren, gibt es derzeit kein anderes Medium, welches in dieser spezifischen Breite und Weise unsere Gesellschaft diskursiv begleitet und strukturiert.
Die Geschichte des Fernsehens ist bis heute vor allem eine Darstellung ihrer technischen Entwicklung. Doch die Auseinandersetzung mit dem Fernsehen in ihren theoretischen und praktischen Bezügen offenbart spezifische Entwicklungen, die für eine Gender-Perspektive von entscheidender Bedeutung sind.
Dieser Wiki-Artikel versteht sich einerseits als ein Bündelungsversuch verschiedener theoriegeleiteter Entwicklungen und andererseits als Versuch die Schnittstellen und Unterschiedlichkeiten in einer transdisziplinären und gleichzeitig populären Auseinandersetzung zu erkunden, um Erkenntnisse für Umgang und Denken um/mit/über das Fernsehen zu gewinnen.
Zentral für die nun folgenden Erkundungen ist die spezifische Entwicklungsgeschichte des Fernsehens in der Bundesrepublik Deutschland. Sie beginnt bei der technischen Entwicklung, geht über die Institutionen- und Programmgeschichte sowie schwerpunktmäßig die Theoriegeschichte und endet in der unergründlichen Erkenntnis, dass Fernsehen auch so richtig Spaß machen kann…
Inhaltsverzeichnis |
Technikgeschichte
Die Geschichte des Fernsehens wird primär als Technikgeschichte erzählt, wie bspw. in der Wikipedia.
Mediennutzung – Theorien und Entwicklungen
Eine umfassende Theorie über das Verhältnis von Medien und Publikum gibt es nach Ansicht der Kommunikationswissenschaftler_innen nicht. Vielmehr gehen innerhalb verschiedener Wissenschaftsrichtungen die Forscher_innen nicht nur mit unterschiedlichen Annahmen, sondern auch unterschiedlichen Fragestellungen an ihre Analysen heran. Grundsätzlich lässt sich die Entwicklung der Medienwirkungsforschung in drei Phasen einteilen. Zu Beginn, also in den 1920er Jahren, gingen die Wissenschaftler_innen von einer Allmacht der Medien aus. Bis in die 1960er Jahre wurde die These der Forschungsgruppe Lazarsfeld vertreten, dass Medien doch nur eingeschränkte Wirkungen hätten. Zurückgehend auf die Forschungen von Herta Herzog wandte sich die Medienwirkungsforschung in den darauf folgenden Jahren dem aktiven Rezipienten zu. Infolgedessen entwickelten Forscher wie Katz den Use- and Gratification-Ansatz. Er fragt nicht mehr, „was die Medien mit den Menschen machen“, sondern „die Menschen mit den Medien“. Damit wurde die dritte Phase der Medienwirkungsforschung eingeleitet (vgl. Prommer 1999: 19f.). Besteht nun Einigkeit über die Aktivität des Publikums, herrscht in der Wirkungsforschung Uneinigkeit über die Beschaffenheit dieser Aktivität. Insofern gibt es eine Vielzahl theoretischer Überlegungen, welche in dem 1996 erschienen Aufsatz „Social Action Perspectives in Mass Communication Research“ von Karsten Rencksdorf und Dennis McQuail unterschieden werden. In ihrer ersten Perspektive werden die Theorien nach den zentralen Bezugsgrößen (frame of references) aufgeteilt. Dabei sind die medienzentrierten Ansätze behavioristisch orientiert und gehen von Kommunikator-Intentionen und -Wirkungen aus. Hingegen gehen die publikumsorientierten Modelle von Transaktionen und Interaktionen zwischen Publikum und Medien aus. Dabei steht der Rezipient im Mittelpunkt der Betrachtung. Schließlich sehen die kulturorientierten Ansätze Kommunikationsforschung in einer soziokulturellen Tradition, wo Massenmedien Alltagskultur kultivieren und umgekehrt (vgl. Prommer 1999: 21). In der zweiten Perspektive gilt es, die Theorien aus dem Blickwinkel des aktiven Publikums zu betrachten. Diesem wurde das normativ/dipositionale Paradigma sowie das interpretative Paradigma zugrunde gelegt. Dabei gehen die normativen Ansätze von einer Weltvorstellung aus, „in der es eine für alle beobacht- und messbare Realität gibt. Das interpretative Paradigma geht von einer individuellen Konstruktion der Realität aus, also einer konstruktivistischen Sichtweise.“ (Prommer 1999: 21).
Zugrunde gelegtes Handlungskonzept:
| Zentrale Bezugsgröße | normatives & dispositionales Paradigma | interpretatives Paradigma | Konzept des Medieneinflusses |
|---|---|---|---|
| Medienzentriert (Kommunikator-Intentionen) | Agenda Setting & Schweigespirale | kein Ansatz | Wirkungen |
| Publikumszentriert (Rezipienten-Interesse) | Use and Gratification | Dynamisch - transaktionaler Ansatz & Nutzenansatz & Information-Seeking-Approach & Sense - Making - Research & Mediennutzung als sozialer Handel | Konsequenzen |
| Kulturorientiert (soziokulturelle Ziele) | Kultivierungsansatz & Knowledge - Gap - Forschung & Kritische Kommunikationsforschung | Cultural Studies | Ergebnisse |
(Quelle: Prommer 1999:22)
Infolgedessen zählen der Agenda-Setting-Ansatz und die Theorie der Schweigespirale zu den normativen und medienzentrierten Ansätzen. Sie gehen, nach Prommer, von Medieninhalten aus, welche die Gesellschaft beeinflussen, wobei keine Interpretationsleistungen von Seiten des Rezipienten mit einbezogen werden (vgl. Prommer 1999: 21). Es dürfte nicht überraschen, dass sowohl in der Politikwissenschaft, als auch in der Kommunikationswissenschaft im Hinblick auf den politischen Kommunikationsprozess der Agenda-Setting-Ansatz bisher eine große Bedeutung hat. So wird die Parteienkommunikation im Allgemeinen und die Politikvermittlung im Besonderen nur von der Seite der politischen Akteure aus betrachtet. Nach dem Schaubild zählt die Use-and-Gratification-Forschung zu den normativen Ansätzen mit Publikumszentrierung. Individuelle Sinnkonstruktionen werden dabei außer Acht gelassen. Bezugspunkt ist das Publikum. Der Nutzenansatz wurde um das Konzept des symbolischen Interaktionismus erweitert und nennt sich jetzt Use-and-Gratification-Modell. Dieses zählt nun zu den interpretativen Ansätzen mit Publikumsbezug. Zum interpretativen Paradigma werden der dynamisch-transaktionale Ansatz, Information-Seeking-Approach, Sense-Making-Research und die Mediennutzung als soziales Handeln gezählt (vgl. Prommer 1999: 21ff.). Als letzte Bezugsgröße wird die Kulturorientierung genannt. Zu den normativen und kulturorientierten Ansätzen zählen die Kultivierungstheorien, die Knowledge-Gap-Forschung und die „kritische Kommunikationsforschung“ (Rencksdorf/McQuail, zitiert nach Prommer 1999: 23). Zu den interpretativen Ansätzen gehören schließlich die Cultural Studies, die im Folgenden dargestellt werden.
Die Cultural Studies
Die Cultural Studies haben sich als inter- und transdisziplinäres Projekt Ende des 20. Jahrhunderts etabliert (vgl. Dörner 1999: 319). Im Gegensatz zur traditionellen Kommunikationswissenschaft mit ihrer Tendenz, die Medien als Forschungsobjekt von Gesellschaft und Kultur in ihrer Gesamtheit zu trennen, versuchen die Cultural Studies, die Medien als einen untrennbaren Aspekt von Populärkultur in modernen und postmodernen Gesellschaften zu verstehen (vgl. Hepp 1999: 11). Der große Erfolg der Cultural Studies beruht grundsätzlich auf ihrer Fokussierung auf Massenmedien und Unterhaltungskultur, welche mit einem deutlich gestiegenen sozialen Stellenwert dieser Bereiche korrespondiert. In der medialen Gegenwartsgesellschaft finden Prozesse der Deutungsmusterbildung, der Inszenierung von Identitäten und der Vermittlung von sozialem und politischem Sinn weitgehend in der Sphäre medienvermittelter Kommunikation statt (vgl. Dörner 1999: 318). Die Theorie geht davon aus, dass Gesellschaft und Sprache und dementsprechend auch Text (Buch, Fernsehen, Comic etc.) einer Produktion unterliegen, wobei die Leser_in als gleichberechtigte Akteur_in verstanden wird (vgl. Krotz 1997: 74). Für die Cultural Studies sind mehrere Annahmen, welche das Verhältnis von kulturellen Produkten und diese Erzeugnisse nutzenden Rezipient_innen bestimmen, zu konstatieren. In der Tradition der Birmingham School wird jede zu untersuchende kulturelle Manifestation als Text bezeichnet: Ein Fernsehprogramm, ein Pop-Musik-Song, Tanzrituale oder andere Textformen. Unter semiotischen Gesichtspunkten repräsentiert ein Text ein Muster an Bedeutungen. Damit lassen Textbedeutungen immer einen situationsbedingten Raum für Interpretationen (T. Lindlof, zitiert nach Jurga 1999: 130). In diesem Zusammenhang entwickelte Stuart Hall ein Modell massenmedialer Kommunikationsprozesse, welches von der Differenz des Encoding- Decoding-Vorganges ausgeht. Hall gelangte zu der Erkenntnis, dass die Bedeutungsgenerierung und Strukturierung von Texten bei Individuen von ihrer sozialen Situierung abhängt. Hall unterscheidet in seinem bedeutenden Aufsatz „Encoding/Decoding“ zwischen drei idealtypischen Positionen, von denen aus ein medialer Text decodiert wird: „1. die Vorzugslesart, die mit dem herrschenden ideologischen System übereinstimmt (‚dominant-hegemonic position’); 2. die ausgehandelte Lesart (‚negotiated position’); 3. die oppositionelle Lesart (‚oppositional position’).“ (Winter 1999: 52). Die aktive Auseinandersetzung mit (Medien-) Texten ist somit abhängig von der Klassenlage der Rezipient_innen (vgl. Jurga 1999: 131). Für hochdifferenzierte Gesellschaften ergibt sich daher, dass massenmediale Texte polyseme Strukturen besitzen müssen, wenn sie von heterogenen Zuschauerschaften angeeignet werden sollen (vgl. Jurga 1999: 130).
Medien und Gender
Das Themenfeld Gender und Medien gilt als eines der vielschichtigsten Gebiete innerhalb der Cultural Studies, welches in höchstem Maße unzureichend theoretisiert ist (vgl. Hepp 1999: 58). Unter dem Eindruck von poststrukturalistischen und konstruktivistischen Theorien vollzog sich in den 1990er Jahren ein Paradigmenwechsel in der Betrachtungsweise von Geschlecht (Mc Robbie zitiert nach Bechdolf 1998: 214). Während frühere feministische Theorien die Trennung von Geschlecht in „sex“ und „gender“ etablierten, in der „gender“ lediglich die kulturelle Überformung des natürlichen gedachten „sex“ darstellte, fallen diese beiden Begriffe inzwischen zusammen (vgl. Klaus 2002: 24f.). In der Auseinandersetzung mit Judith Butlers „Gender Trouble“ haben etliche Wissenschaftlerinnen zeigen können, wie das (als bis dato natürlich verhandelte) System der Zweigeschlechtlichkeit, das männlich und weiblich auf allen Ebenen hierarchisiert, in kulturellen Prozessen ständig neu reproduziert wird. In der Auseinandersetzung mit Medien und Gender stehen Wissenschaftlerinnen nun vor der Herausforderung, dass sowohl im Alltag als auch in den Medien die bipolare Genderkonstruktion (männlich/weiblich) reproduziert wird. Insofern ist Ute Bechdolf zuzustimmen, wenn sie sagt: „Indem wir davon ausgehen, dass jeder Mensch zwangsläufig ein und nur ein Geschlecht hat, unverwechselbar und unveränderbar, stellen wir Männlichkeit und Weiblichkeit als Polaritäten in all unseren Denk- und Handlungsweisen immer wieder her – ein alltägliches ‚doing gender’.“ (Bechdolf 1999: 214f.). Ein solches ‚doing gender’ manifestiert sich innerhalb von Medientexten und kann in der oppositionellen Lesweise „entlarvt“ werden. Daher richtet sich der aktuelle Fokus innerhalb der deutschen feministischen Kommunikationswissenschaft derzeit auf die Deutungen und Diskursanalysen dieser oppositionellen Lesweisen. Unter dem Einfluss der Queer Theorie stehen daher, wie bei Uta Scheer, Identitäten im Vordergrund, die sich jenseits der heterosexuellen Matrix (Homosexuelle, Transgender etc.) bewegen. Damit wird der aktuellen Debatte innerhalb der Gender Studies (Auflösung des Geschlechts) Rechnung getragen. Für die Forschung bleibt jedoch die Frage bestehen, wie populäre Fernsehserien zur Identitätskonstruktion in bestimmten Milieus und vor allem im Mainstream beitragen.
Fernsehen und Identität
Die Beschäftigung mit Identität aus der Perspektive der Cultural Studies wirft zentrale gesellschaftspolitische Fragen auf, die mit Macht- und Herrschaftsfragen einhergehen. Während einige Vertreter_innen der dekonstruktivistischen Theorien hier vielmehr immer wiederkehrende Konstruktionen sehen, meine ich, dass es genau diese Konstruktionen sind, die untersucht werden sollten, um die sich immer weiter verändernden und verdichtenden Machtmechanismen entlarven zu können. Die Beschäftigung mit Fernsehen als Reproduktion(-sort) dominanter Diskurse nimmt hier einen zentralen Stellenwert ein. Die Versinnbildlichung von Gender Diskursen können wir – wie Newcomb und Hirsch, die das Fernsehen als kulturelles Forum benannt haben – in ihren Konsequenzen ablesen, interpretieren und analysieren. Erst wenn wir Diskurse, Produktionen und Rezeptionen in ihrer interdependenten Wirkungsweisen verstehen, werden die schleichenden Veränderungen bspw. innerhalb der heterosexuellen Matrix sichtbarer. Eine der wichtigsten Vertreterinnen dieser Analyseform scheint mir derzeit Angela McRobbie zu sein. Unter der Überschrift „Four Technologies of Young Womenhood“ fasst McRobbie in ihrem neusten Buch die Bilder des „working girl“, „phallic girl“, des „global girl“ und der „post-feminist masquerade“ zusammen. Dabei sieht sie Frauen als Teil einer neoliberalen Welt, die sich mit den Fragen von Erfolg, Mode, Sexualität und Globalisierung beschäftigen müssen. In dieser Auseinandersetzung werden Frauen zu einer neuen Durchsetzungs- und Handlungsfähigkeit gebracht, die mit den Begriffen attraktiv und erfolgreich korrespondieren. Dabei müssen sich Frauen patriarchaler Verhaltensweisen bedienen, die sie verletzlicher machen und gleichzeitig die heterosexelle Matrix unter neuen Bedingungen weiter festigen. McRobbie kann durch die Analyse von Medien zeigen, wie gerade junge Frauen als Protagonist_innen eines neuen neoliberalen Geschlechterregimes imaginiert und angesprochen werden. Dies legt nahe, Gleichheit zwischen den Geschlechtern sei erreicht und Erfolg einzig eine Frage individuellen Wollens und individueller Durchsetzungsfähigkeit. Zwei zentrale Begriffe werden an diesem Beispiel deutlich, die ich im Folgenden noch etwas näher beleuchten möchte: Symbolische Gewalt und Identität.
Symbolische Gewalt
Für die Beschreibung des Begriffes symbolische Gewalt beziehe ich mich auf Lothar Mikos. „Als Teil der symbolischen Praxis der Individuen, die in lebensweltliche Kontexte eingebettet ist, läuft die Nutzung und alltägliche Bedeutung der Medien und des Fernsehens jedoch ihrer gesellschaftlichen Funktion im Rahmen von Öffentlichkeit als Sicherung von politischer, sozialer und ökonomischer Macht zuwider. Da Herrschaft aber in demokratischen Gesellschaften möglichst nicht durch repressive Zwangsmaßnahmen und demonstrative staatliche Gewalt gesichert wird, sondern durch symbolische Gewalt, äußert sich die Legitimationskrise der Gesellschaft – aufgrund der oben beschriebenen Mechanismen der Entfremdung staatlicher Institutionen von lebensweltlichen Realitäten – als ein Kampf um Bedeutungen. Die Medien der Massenkommunikation spielen dabei eine wichtige Rolle, weil sie für die Auseinandersetzung um politische und soziale Macht der konkurrierenden Gruppen, Verbände und Organisationen sowie der konkurrierenden Teilöffentlichkeiten notwendig sind, und weil außerdem nur die Massenmedien noch den Prozess gesamtgesellschaftlicher Integration listen können. Der Kampf um politische Macht bzw. deren Legitimation zeigt sich daher in dem Versuch, die Individuen in den herrschenden Konsens der jeweils konkurrierenden Öffentlichkeiten einzubinden; er vollzieht sich als Kampf um symbolische Gewalt.“ (Mikos 2001: 48). Nach Pross wird unter symbolischer Gewalt die Macht verstanden: „die Geltung von Bedeutungen durch Zeichensetzung soweit effektiv zu machen, dass andere Leute sich damit identifizieren.“ (Pross 1981: 69). Die Durchsetzung der geltenden Bedeutungen vollzieht sich nach Mikos, „im Allgemeinen über die Einbindung der Individuen in den herrschenden Konsens der von den gesellschaftlichen und staatlichen Institutionen vorgegeben ist. Das betrifft auch die Medien, insbesondere das Fernsehen.“ (Mikos 2001: 50).
Identität
„Die Frage nach Identität und der Verortung des Subjekts ist in der so genannten Postmoderne akut geworden.“ (Körber, Schaffar 2002: 80). Durch Pluralisierung, Individualisierung, Globalisierung und Mediatisierung kam es zu radikalen Veränderungen von Lebenswelten. Diese Begriffe stehen darüber hinaus für Diskurse einer sich verändernden Gesellschaft, in der Identität nicht mehr als stabil und kohärent gesehen werden kann, sondern als stetiger subjektiver Konstruktionsprozess. Dabei stehen die Medien „als Kristallisationspunkt im Zentrum der Auseinandersetzung, sie durchdringen den Alltag wie alle gesellschaftlichen Lebensbereiche und liefern eine Vielzahl an Identifikationsangeboten.“ (Körber, Schaffar 2002: 80). Eine besondere Bedeutung fällt dabei dem Fernsehen zu, deren kulturelle Bedeutung in einem Doppelaspekt gründet: Es ist Kommunikationsmedium und ästhetisches Objekt zugleich. Ein Ausdrucksmittel also, mit dessen Hilfe Wirklichkeit erzählend dargestellt wird und dadurch zum Gegenstand unserer Reflexion werden kann. Das Fernsehen ist dabei Bestandteil der symbolischen Ordnung einer Gesellschaft, denn Kommunikation ist ein symbolischer Prozess, mit deren Hilfe Mitglieder einer Gesellschaft Realität erzeugen und verändern (vgl. Newcomb, Hirsch 1986: 177 ff.) Seit den 1980er Jahren hat sich der Begriff „Identität“ zu dem Inflationsbegriff Nr. 1 entwickelt (vgl. Körber, Schaffar 2002: 80). Unter dem Eindruck der sich individualisierenden Gesellschaft (Beck 1986) stellt der Begriff eine der Herausforderungen innerhalb der Sozial- und Geisteswissenschaften dar. Mittlerweile haben sich eine Vielzahl verschiedener Identitätsperspektiven herausgebildet (vgl. dazu Frey 1987, Dülmen 2001). Innerhalb der queer- und postcolonial studies wird mittlerweile sogar um antiidentitäre Konzepte gerungen, die Wege aus der Zweigeschlechtlichkeit generieren sollen (vgl. Breger 2005: 47ff.). Mit Stuart Hall argumentiert konstruieren sich Identitäten innerhalb des Diskursiven und so „müssen wir sie als an spezifischen historischen institutionellen Orten, innerhalb spezifischer diskursiver Formationen und Praktiken wie auch durch spezifische Strategien hergestellt verstehen.“ (Hall 2004: 171). Darüber hinaus treten sie innerhalb des Spiels von bestimmten Machtfaktoren auf, was nach Hall vielmehr als Effekt der Kennzeichnung von Differenz und Ausschluss zu verstehen ist, als ein Zeichen einer identischen und natürlich konstruierten Einheit (vgl. Hall 2004: 171). Letztlich konstruieren sich Identitäten vor allem auf der Grundlage von Differenz. Dies hat nach Auffassung von Hall die radikale und beunruhigende Erkenntnis zur Folge, „dass die ‚positive’ Bedeutung jeder Bezeichnung – und somit ‚Identität’ – nur über die Beziehung zum Anderen, in Beziehung zu dem, was von ihr ausgelassen ist, konstruiert werden kann: in Beziehung zu dem, was das konstitutive Außen genannt wurde.“ (Butler, Laclau, Derrida zitiert nach Hall 2004: 171).
Literatur
Bechdolf, Ute (1999). Verhandlungssache „Geschlecht“: Eine Fallstudie zur kulturellen Herstellung von Differenz bei der Rezeption von Musikvideos. In: A. Hepp & R. Winter (Hrsg.). Kultur – Medien – Macht. Cultural Studies und Medienanalyse (213-226). Opladen, Wiesbaden: Westdeutscher Verlag.
Beck, Ulrich (1986). Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Breger, Claudia (2005). Identität. In: C. v. Braun & I. Stephan (Hrsg.). Gender@Wissen. Ein Handbuch der Gender-Theorien (47-65). Böhlau-Verlag: Köln, Weimar, Wien.
Dörner, Andreas (1999). Medienkultur und politische Öffentlichkeit: Perspektiven und Probleme der Cultural Studies aus politikwissenschaftlicher Sicht. In: A. Hepp & R. Winter (Hrsg.). Kultur – Medien – Macht. Cultural Studies und Medienanalyse (319-335). Opladen, Wiesbaden: Westdeutscher Verlag.
Hall, Stuart (2004). Wer braucht Identität? In: S. Hall. Ideologie, Identität, Repräsentation. Ausgewählte Schriften 4. (167-187). Hamburg: Argument Verlag.
Hepp, Andreas (1999). Cultural Studies und Medienanalyse. Eine Einführung. Opladen, Wiesbaden: Westdeutscher Verlag.
Jurga, Martin (1999). Texte als (mehrdeutige) Manifestationen von Kultur: Konzepte von Polysemie und Offenheit in den Cultural Studies. In: A. Hepp & R. Winter (Hrsg.). Kultur – Medien – Macht. Cultural Studies und Medienanalyse (129-144). Opladen, Wiesbaden: Westdeutscher Verlag.
Klaus, Elisabeth (2002). Ein Zimmer mit Ausblick? Perspektiven kommunikationswissenschaftlicher Geschlechterforschung. In: E. Klaus, J. Röser & U. Wischermann (Hrsg.). Kommunikationswissenschaft und Gender Studies (20-40). Wiesbaden: Westdeutscher Verlag.
Körber, Christian, Schaffar, Andrea (2002). Identitätskonstruktionen in der Medienwissenschaft. Theoretische Annäherungen und empirische Befunde. Medien Impulse, 41 (11) 80-86.
Krotz, Friedrich (1997). Kontexte des Verstehens audiovisueller Kommunikate. Das sozial positionierte Subjekt der Cultural Studies und die kommunikativ konstruierte Identität des symbolischen Interaktionismus. In: M. Charlton & S. Schneider (Hrsg.) Rezeptionsforschung. Theorien und Untersuchungen zum Umgang mit Massenmedien (73-89). Westdeutscher Verlag: Opladen.
Mikos, Lothar (2001). FERN-SEHEN. Bausteine zu einer Rezeptionsästhetik des Fernsehens. Berlin: VISTAS.
McRobbie, Angela (2006). Four Technologies of Young Womanhood. A Post Feminist Sexual Contract? Vortag am 31. Oktober 2006 an der TU Berlin.
Newcomb, Horace M., Hirsch, Paul M. (1986). Fernsehen als kulturelles Forum. Neue Perspektiven für die Medienforschung. Rundfunk und Fernsehen. 34 (2) 177-190.
Prommer, Elizabeth (1999). Kinobesuch im Lebenslauf: Eine historische und medienbiographische Studie. Konstanz: UVK Medien.
Pross, Harry (1981). Zwänge. Essay über symbolische Gewalt. Berlin.
Winter, Rainer (1999). Cultural Studies als kritische Medienanalyse. Vom „encoding/decoding“-Modell zur Diskursanalyse. In: A. Hepp & R. Winter (Hrsg.). Kultur – Medien – Macht. Cultural Studies und Medienanalyse (49-65). Opladen, Wiesbaden: Westdeutscher Verlag.

