Feministische Kritik an Praxen des Bibliothekswesens
Aus Gender@Wiki
"Die Bibliothek war über Jahrhunderte der privilegierte Ort und Speicher des Wissens" (Stocker, 38)
Feministischer[1] Kritik am Bibliothekswesen liegen momentan vor allem zwei Schwerpunkte zugrunde. Einerseits Normierung und Diskriminierung, die Frage nach welchen Kriterien und zu welchen Zwecken das Bibliothekswesen die Welt ordnet. Andererseits die kritische Analyse sowohl der Informationstechnologien, als auch der Bibliotheken, wobei letztere als soziale Ressourcen und demokratische Institutionen betrachtet werden. Bisher gibt es allerdings noch keine umfassende Auseinandersetzung zwischen feministischen Theorien und dem Bibliothekswesen (bzw. der Bibliotheks- und Informationswissenschaft).
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Geschichte
Das Fehlen von Sammelstellen für Materialien, die sich mit der „Frauenfrage“ beschäftigten, führte Vertreterinnen der so genannten Ersten Frauenbewegung ab Mitte des 19. Jahrhunderts zur Gründung eigenständiger Frauenbibliotheken und –archive. Auch im Zuge der Zweiten Frauenbewegung wurde weiterhin auf autonome Einrichtungen gesetzt. Die Kritik an herkömmlichen Informationseinrichtungen bezog sich nach Dagmar Jank vor allem auf folgende Punkte:
- dem Fehlen von Büchern und Archivalien von und über Frauen,
- den unvollkommenen Bibliothekssystematiken bzw. Schlagwortkatalogen und auf den Archivbereich bezogen, den unvollständigen Findbüchern,
- und den für Frauen ungünstigen Öffnungszeiten.
Aufbauend auf den Erfolgen der autonomen Projekte entwickelten sich ab den 1970er Jahren Frauen-Informationsprojekte innerhalb bestehender Forschungsinsitutionen. Dagmar Jank nennt als Neuerungen, die diese Einrichtungen durch ihre Arbeit versuchten umzusetzen:
- die Selbstbestimmung der Arbeitsinhalte und damit des Bestandsaufbaus,
- den Abbau von hierarchischen Arbeitsstrukturen,
- die Aufhebung der Trennung organisatorischer und inhaltlicher Arbeit,
- die Vermeidung eines Dienstleistungs- bzw. Konsumentinnenverhältnisses zwischen den Projektfrauen und den Benutzerinnen,
- ein anderes Verhältnis zum gesammelten Material.
Aus der frauenbewegten Arbeit in Informations-, Dokumentations- und Archivinstitutionen hervorgegangen ist unter anderem i.d.a., der Dachverband deutschsprachiger Frauen/Lesbenarchive, -bibliotheken und –dokumentationsstellen.
Die Bibliothek als Arbeitgeberin
Das Berufsbild erweist sich als 'feminisiert' im politischen Sinn. (kolloquiA, 74)
Bibliotheken mangelt es an finanziellen, personellen und räumlichen Mitteln. Dies lässt sich unter anderem auf die mangelnde öffentliche Wahrnehmung der Institution Bibliothek und der dort Beschäftigten – in der Mehrzahl Frauen – zurückführen. Eine Vielzahl der anfallenden Arbeiten hat assistierende, vor- und zuarbeitende und soziale Funktionen. Es stellt sich die Frage, ob es diese Arbeit im Hintergrund ist, die „Bibliotheksarbeit zu einem der Bereiche frauenintensiver öffentlicher Dienstleistungen werden lässt, die weder die gebührende gesellschaftliche Anerkennung noch die adäquate Vergütung erfährt“ (Schader, 12 In: Kraus). Des Weiteren ist festzustellen, dass das bibliothekarische Berufsfeld überwiegend von Frauen gewählt wird, diese deswegen aber nicht in entsprechender Anzahl in den führenden Bibliotheksstellen zu finden sind.
Zugang zu Informationen
Die Bibliothek "reguliert durch das Ausmaß ihrer Zugänglichkeit, wer sich an den diskursiven Praxen von Lesen und Schreiben beteiligen darf" (Stocker, 46)
Bibliotheken waren bis in das 19. Jahrhundert elitäre Einrichtungen, ihre Benutzung war geschichtlich immer mit Kontrollen verbunden. Sie kontrollierten nicht nur den Zugang zu den Beständen, sondern es wurde auch überprüft, wer was las. Ihre heutige Verpflichtung, dem freien Zugang zu Wissen zu dienen, können sie nur bedingt erfüllen. So kann nicht jede Person eine Bibliothek ihrer Wahl nutzen, solange Bibliotheksgebäude nicht vollständig für Menschen mit Beeinträchtigungen zugänglich sind und Bibliotheken Nutzungsgebühren und amtliche Dokumente für die Anmeldung fordern, die nicht alle Personen aufbringen können. Des Weiteren ist weltweit eine sich verstärkende Kluft zwischen Informationsbesitzenden und Informationslosen zu beobachten. Stuart Hamilton kommt in einer von der IFLA [2] unterstützten Studie zu dem Ergebnis, dass zeitgleich mit der breiteren Nutzung der Internet-Infrastruktur in einem Land auch Beschränkungen im Zugang zu Informationen sichtbarer werden. Die Ergebnisse dieser Studie zum freien und gleichen Zugang zum Internet sind:
- der unzureichende Zugang zum Internet und der Mangel an modernen Computern,
- dass durch die Benutzung von Filtersoftware Nachteile beim Zugang zu Informationen entstehen können,
- dass zunehmende Überwachung und Datenspeicherung die Privatsphäre von Bibliotheksnutzenden beeinflussen und nachteilig für die Meinungsfreiheit von Internetnutzenden sind,
- dass durch die zunehmende Warenförmigkeit des Internets mehr für den Zugang zu Informationen verlangt wird (Bibliotheken sollen diese Kosten tragen, aber vielerorts werden sie auf die Nutzenden umgeschlagen),
- dass Änderungen im Umgang mit Online Urheber_innenrecht zu mehr Kontrolle durch die Besitzenden von großem intellektuellem Vermögen führen, Vorstöße in der digitalen Rechteverwaltung (DRM) die Nutzung von online Informationsressoucen begrenzen und den gemeinsamen Bestand von verfügbarem Wissen negativ beeinflussen,
- die zu geringe finanzielle Ausstattung von Bibliotheken,
- die unzureichende Schulung von Nutzenden und Mitarbeiter_innen.
Der Zugang zu Informationen hängt auch mit einer anzustrebenden hohen Beratungs- und Recherchequalität der Bibliotheken zusammen. Er wird erschwert wenn bspw. die Erhöhung der Öffnungszeiten und der Ausbau des Bibliotheksangebots nicht mit einer Erhöhung der Anzahl qualifizierten Personals bewerkstelligt werden. In den verlängerten Öffnungszeiten wird oft nicht das gesamte Spektrum der Bibliotheksdienste angeboten, da sie meist ohne zusätzliches Personal bzw. vorwiegend mit studentischen Hilfskräften abgedeckt werden, wie das Beispiel der Universitäts- und Landesbibliothek Bonn zeigt. Eingeschränkt wird der Zugang zu Informationen hier dadurch, dass innerhalb der verlängerten Öffnungszeiten keine Benutzer_innenausweise ausgestellt werden und erheblich weniger Personal für die Beratung und Recherche im Einsatz ist.
Im Zuge der Umsetzung von Gender Mainstreaming untersuchen nur einige Bibliotheken (und auch nur punktuell), wer ihre Informationsangebote nutzt. Das Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf von Berlin untersuchte die Nutzung des Internetangebots durch Mädchen und Jungen. Es stellte in seinen Stadtbibliotheken fest, dass die gleichberechtigte Nutzung für diese Nutzenden gegeben ist und sieht daher in diesem Bereich keinen Handlungsbedarf.
Klassifikationssysteme / Erschließungsinstrumente
Klassifikationssysteme dienen zur Erschließung von Dokumenten. Mit ihnen werden die Informationen zu Sachgruppen zugeordnet, die sich wiederum in einzelne engere Gebiete ausdifferenzieren. Die im deutschsprachigen Raum meistverwendeten Klassifikationssysteme sind hierarchisch geordnet, enthalten diskriminierende Bezeichnungen und sind für inter- und transdisziplinäre Arbeit weniger geeignet (Witte, 2005; Aleksander, 2003). Die Einarbeitung von Beständen frauenspezifischer Informationseinrichtungen in große Bibliotheken wird zudem dadurch erschwert, dass die jeweils verwendeten Klassifikations- und Schlagwortsysteme oft nicht zusammen passen (Aleksander, 2003).
Benennungspraktiken
Über die Erschließungsinstrumente hinaus, lassen sich Benennungspraktiken in vielen Bereichen des Bibliothekswesens kritisch hinterfragen. Besonderes Augenmerk verdienen Praktiken, die bestehende hierarchische Gesellschaftstrukturen (fort-)schreiben, wie:
- Geschlechterunsensible Bezeichnungen für Arbeitsplätze – wie bei „Leseranmeldung“,
- Expert_innenstatus zum Verständnis voraussetzende Bezeichnungen, wie bei Titelaufnahmen von Sammelwerken im OPAC – bei denen nur die Herausgeber_innen und der Haupttitel, nicht aber die einzelenen Beiträge und ihre Autor_innen sichtbar sind, als „Vollanzeige“,
- Unkenntlichmachung von Problemen und Nachteilen, wie bei der Bezeichnung von Gebührenerhöhungen und Serviceabbau als „Anpassung der Gebührenordnung“ bzw. „Flexibilisierung von Öffnungszeiten“.
Feministische Kritiken setzen hier an den Regeln und Richtlinien der Normierungen an, die sprachliche Diskriminierungen und Privilegierungen (fort-)schreiben.
Bestand
"Die Bibliothek leistet, indem sie aus den vorhandenen Büchern einen bestimmten Teil für ihre Sammlung auswählt, eine Einschränkung der möglichen Schriften, des möglichen Wissens. (...)Sie fixiert durch ihren Bestand einen Kanon an Schriften" (Stocker, 46)
Nach Hobohm (2005) sind Bibliotheken als Vermittler, aber auch als Medium selbst, immer auch ein Filter: Nicht nur greifbare „Unterdrückungshandlungen“ wie Aussonderungen, sondern auch bibliothekarische Tätigkeiten wie Erwerbung und Katalogisierung sind zensierenden Strukturen unterworfen. Latz (1998) stellt heraus, wie sich diese bibliothekarische Regulierung konkret auswirkt. So ist bspw. "Wissen aus der Sicht von Frauen" schwer zugänglich, da Hochschulbibliotheken keine effizienten Suchmöglichkeiten für dieses Arbeitsinteresse enthalten. Frauenbibliotheken und -archive versuchen dieses Problem zu lösen, indem sie relevante Dokumente sammeln und findbar machen. Aleksander (Women's Studies Collections in Bibliotheken, 4) nennt als Gründe, warum das Wissen von Frauen solange aus wissenschaftlichen Bibliotheken ausgeschlossen wurde:
- dass Bibliotheken Teil der gesellschaftlicher Strukturen sind, die Frauen von wissenschaftlicher Produktion ausschlossen und
- dass Bibliotheken langsamer als der Stand der Wissenschaft sind, da sie sammeln, was bereits (wissenschaftlich) produziert wurde und es dann – mittels ihrer schon vorher vorhandenen Instrumente - klassifizieren.
Das Ziel von Zensur ist immer ihre Verinnerlichung durch die betroffenen Subjekte, also die Selbstzensur. So konnte in den 1950er Jahren Majorie Fiske für den (US-)amerikanischen Raum zeigen, dass es im Untersuchungszeitraum meist die Bibliothekar_innen selbst waren, die sich eine Zensur bei der Buchauswahl auferlegten. Die Zensurforschung beschäftigt sich seit dem immer wieder mit der Diskrepanz zwischen der grundsätzlichen Unterstützung der Informationsfreiheit durch Bibliothekar_innen und dem Konflikt mit diesem Konzept in der täglichen Arbeit. Besonders an den Debatten um die Prinzipien des Bestandsaufbaus zeigt sich die Dynamik der Diskursbeschränkungen. So stießen bis in die 1980er Jahre Comics auf eine starke Ablehnung durch Bibliothekar_innen. Sie wurden als „Bild-Idiotismus“ bezeichnet und sind auch heute noch oft nur in Trögen und auf Fensterbänken untergebracht. Die bibliothekarische Freiheit zum eigenverantwortlichen Bestandsaufbau kann aber auch dazu dienen, als tendenziös eingestufte Medien [3] im Magazin zu lagern, oder sie überhaupt nicht zu erwerben. Wie Roschmann-Steltenkamp ausführt, kann dies außer Medien aus dem Bereich der Sekten und rechtsextremen Literatur durchaus auch Bücher über (Intim-)Piercings betreffen, wenn Bibliothekar_innen sie nicht mit ihren persönlichen Moralvorstellungen und Lebenserfahrungen in Einklang bringen können.
Zusammenschlüsse alternativer Bibliothekar_innen
- Akribie: Arbeitskreis kritischer BibliothekarInnen
- I.d.a.: Dachverband deutschsprachiger Frauen/Lesbenarchive: Homepage, Artikel im Gender@Wiki
- Kribibi: Arbeitskreis kritischer Bibliothekarinnen und Bibliothekare (Österreich)
- Progessive Librarian’s of the World
Fußnoten
- ↑ Feminismus ist hier als politischer Begriff gemeint, der als zentraler Referenzpunkt für heterogene Theorieentwicklungen fungiert, deren Gemeinsamkeit die Auseinandersetzung mit Macht- und Herrschaftsverhältnissen ist. Die Bezeichnung wird hier, als ein in weiten Kreisen verständliches Label, für das weitgefächerte Feld der Ungleichheitsforschung dienen.
- ↑ International Federation of Library Associations and Institutions
- ↑ Damit sind Medien mit einer starken Tendenz zu strafrechtlich relevanten oder jugendgefährdenden Inhalten gemeint, die keinen strafrechtlichen Tatbestand erfüllen.
Bibliographie
- Aleksander, Karin: Wer kümmert sich um die Literaturbedürfnisse der Geschlechterforschung: die Informationseinrichtungen der Frauen- und Geschlechterforschung und/oder die Universitätsbibliotheken? 2003
- Beger, Gabriele: Zensur oder Informationsfreiheit? Rechtslage bei Medien mit strafrechtlich relevanten, jugendgefährdenden und tendenziösen Inhalten In: Bibliotheksdienst 12/2001, ISSN 0006-1972, S. 1650-1656
- Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf von Berlin: Gender Mainstreaming in Charlottenbrug-Wilmersdorf 2005
- Ernst, Waltraud; Merschitzka, Heike: Feministische Theorie und Gender Studies in der systematischen Freihand-Aufstellung wissenschaftlicher Bibliotheken 2000
- frida, Verein zur Förderung und Vernetzung frauenspezifischer Informations- und Dokumentationseinrichtungen in Österreich (Hrsg.): kolloquiA. frauenbezogene, feministische Dokumentation und Informationsarbeit in Österreich. Wien, Bundesministerium für Bildung, Wiss. und Kultur; Wien, Verl. Österreich, 2001, ISBN 3-85224-059-X
- Hamilton, Stuart: free and equal access to the internet 2005
- Hauke, Petra, Busch, Rolf (Hrsg.): Ehrensache?! Zivilgesellschaftliches Engagement in Öffentlichen Bibliotheken. Positionen – Modelle – Grundlagen. Bad Honnef, Bock + Herchen, 2003, ISBN 3-88347-233-6
- Hobohm, Hans-Christoph: Bibliothek als Zensur 2005
- Jank, Dagmar: Frauenarchive und Frauenbibliotheken in Deutschland. In: Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie Sonderheft 54/1992, ISSN 0044-2380, S. 199-210
- Jank, Dagmar: FrauenMediaTurm. Feministischer Thesaurus. Das Feministische Archiv und Dokumentationszentrum Köln legt den ersten feministischen Thesaurus auf Deutsch vor. In: Bibliothek. Forschung und Praxis 19/1995, ISSN 0341-4183, S. 262-263
- Jessat, Anna Margareta: Recherchemöglichkeiten für sehbehinderte und blinde Bibliotheksnutzer und damit verbundene Problemfelder 2006
- Kraus, Karin; Gumpert, Heike; ÖTV Hessen (Hrsg.): Frauen wollen mehr. Frauen in Bibliotheken melden sich zu Wort. Frankfurt, ÖTV Hessen, Bezirksfrauensekretariat, 1998
- Latz, Birgit: Frauenarchive. Grundlagen und Nutzungsmöglichkeiten. Berlin, Ed. ID-Archiv im IISG, 1989, ISBN 3-89408-401-4
- Progressive Librarian (Volltexte der englischsprachigen Zeitschrift)ISSN 1052-5722
- Roschmann-Steltenkamp,Irmela:"Eine Zensur findet nicht statt" 2002
- Schleihagen, Barbara:Freier Zugang zu Informationen durch Bibliothekare?! Vortrag gehalten auf dem 95. Bibliothekartag, Dresden, 21.-24. März 2006
- Schulz, Dörthe: Transdisziplinäre Literaturrecherche am Beispiel der Gender Studies 2005
- Stocker, Günther: Schrift, Wissen und Gedächtnis. Das Motiv der Bibliothek als Spiegel des Medienwandels im 20. Jahrhundert. Würzburg, Königshausen und Neumann, 1997 ISBN 3-8260-1309-3
- Universitäts- und Landesbibliothek Bonn: Universitäts- und Landesbibliothek samstags länger geöffnet (03.02.2007, 14.42)
- Vetter,Danilo:Gender@Wiki. Zum Entwurf eines Fachwikis der Frauen- und Geschlechterforschung 2006
- Witte, Ben: kritische Analyse von Benennungen und Begriffen in deutschsprachigen Schlwagwortkatalogen, Klassifikationen und Thesaurie. Berlin, Humboldt-Univ., Magisterarbeit, 2005
- Women's Studies Collections in Bibliotheken. Red. Gabriele Jähnert... Berlin, Zentrum für interdisziplinäre Frauenforschung der Humboldt-Universität zu Berlin, 1999 (ZiF Bulletin; 18), ISSN 0947-6822

