Doppelte Vergesellschaftung

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Inhaltsverzeichnis

Beschreibung

Die Begriff Doppelte Vergesellschaftung wurde 1985 von Regina Becker-Schmidt in die deutsche feministische und gender-theoretische Diskussion eingeführt. Sie beschreibt, dass Frauen doppelt vergesellschaftet sind, da sie sowohl für die reproduktive Aufgaben, wie die psychosoziale Versorgung von Kindern sowie erwachsenen Angehörigen und der Haushaltsführung Verantwortung tragen, als auch für die produktive Aufgaben, wie die Ausübung eines Berufes und den Gelderwerb, zuständig sind. Hausarbeit und Berufsarbeit stehen somit in einer wechselseitigen Beziehung zueinander und lassen sich nicht mehr voneinander isolieren. Dieser doppelte Aufgabenbereich soll sichtbar gemacht und formuliert werden, um die Benachteiligungen für Frauen durch diese Mehrbelastung aufzudecken und Handlungsstrategien für Gleichstellungsprogramme zu entwickeln.


Autorin

Regina Becker-Schmidt ist Professorin im Ruhestand am Institut für Soziologie und Sozialpsychologie (Fachgebiet Sozialpsychologie) der Universität Hannover. Sie studierte von 1957-1963 Soziologie, Sozialpsychologie, Ökonomie und Philosophie am Gesellschaftswissenschaftlichen Fachbereich der Johann Wolfgang Goethe Universität, Frankfurt a.M., und an der Sorbonne, Paris und promovierte 1971 zur Dr. phil.

Sie war von 1963-1968 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sozialforschung in Frankfurt a.M. und von 1968 bis 1972 zunächst wissenschaftliche Assistentin, dann Dozentin am gesellschaftswissenschaftlichen Fachbereich der J.W. Goethe-Universität Frankfurt; dort von 1970 bis 1972 Leiterin der Abteilung "Sozialisation/Sozialpsychologie".

Seit 1973 war sie Professorin am Psychologischen Institut der Universität Hannover.

Ihre Lehr- und Forschungsgebiete sind: Kritische Theorie und psychoanalytische Sozialpsychologie, gender studies (geschlechtsspezifische Sozialisation, Frauenarbeit, Theorien zum Geschlechterverhältnis), Sozialpsychologie der Technik


Debatte

Doppelbelastung

Die Doppelte Vergesellschaftung hat zur Folge, dass Frauen in traditionellen Familienstrukturen einer Doppelbelastung ausgesetzt sind, die nur ihnen zu Lasten geht. Gleichzeitig ist die Partizipation von Frauen auf dem Arbeitsmarkt, oder an anderen Formen der Öffentlichkeit, nur begrenzt möglich und nach ökonomischen Kostengesichtspunkten statt nach sozialen Lebensbedürfnissen kalkuliert, ist für diese Doppelbelastung keine oder nur wenig Rücksicht zu erwarten. Auch verläuft auf Grund der doppelten Vergesellschaftung der Selbstfindungsprozess junger Frauen konfliktreicher als der von jungen Männern. Entscheidungen müssen auf beide Bereiche hin abgewogen werden.


Status und Male Bias

Die Privatsphäre, die Frauen als soziales Praxisfeld zugewiesen ist, hat gegenüber den öffentlichen Bereichen weniger Bedeutung. Männer nehmen mit ihren Produktiven Tätigkeiten einen höheren sozialen Status ein, verfügen über mehr Prestige und üben mehr gesellschaftlichen Einfluss aus. Sie sind somit auch in jenen Sektoren stärker vertreten, die zu den gesellschaftlichen Machtzentren zählen: Militär, politische Foren, Wirtschaft, Wissenschaft und Technik. Das hat zur Folge, dass Entscheidungen in der Regel auch von Männern getragen werden, welche diese nur unter einer bestimmten Sichtweise fällen, diese „männliche“ Sichtweise wird auch als male bias beschrieben.


Dreifache Vergesellschaftung

Ilse Lenz thematisiert 1995 in Deutschland das Konzept der Dreifachen Vergesellschaftung indem sie die Strukturkategorie Nation mit in das Modell der Doppelten Vergesellschaftung einbezieht. Damit wird die dreifache Belastung und Diskriminierung von Frauen beschrieben, die in ihrer Abhängigkeit von Geschlecht und Ethnizität in Bezug zum Arbeitsmarkt durch dualistisch-vergleichende Denkformen in Benachteiligung geraten. So sind Frauen im Vergleich zu Männern, in Bezug zum Arbeitsmarkt benachteiligt, und auch als Frauen anderer Nationalität in ihrem Zugang zu Ressourcen wie Bildung, Qualifikation und Einkommen eingeschränkt. Im Falle der Dreifachen Vergesellschaftung ist ein weiterer Aspekt der Unterdrückung hinzugekommen, welcher weitere Verknüpfungen und Interdependenzen aufzeigt. Dennoch entsteht bei dieser Theorie die Problematik der eingeschränkten Differenzierung von Nationalität und Ethnizität, sowie der fehlenden Einbeziehung weiterer Strukturkategorien und somit auch anderer Vergesellschaftungsformen.


Interdependenzen und Homogenität

Die Doppelungen, aber auch andere Formen der Vergesellschaftung und die Interdependenzen sind vielfältig. Frauen werden letztlich auch als Angehörige von Klassen, Ethnien und Geschlecht vergesellschaftet. In der Frauenbewegung entwickelte sich insbesondere die Fragestellung, welche Frauen eigentlich mit „der“ unterdrückten Frau gemeint waren. In den USA begann Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre die Debatte um die drei Kategorien Race, Class and Gender. Gudrun Axeli-Knapp beschreibt den Internationalisierungsschub in der feministischen Debatte der Frauen- und Geschlechterforschung als Paradigmatische Verschiebung, in der das Thema der sozialen und kulturellen Inhomogenität des Referenzsubjekts Frau in den Mittelpunkt der Ausgangsbetrachtung rückt. Diese Debatte muss auch in Deutschland bei der Entwicklung bestimmter Strategien berücksichtigt werden.


Strategien

In der doppelten Vergesellschaftung von Frauen werden zwei Verhältnisbestimmungen aufgedeckt: die Relationen, durch die Frauen und Männer in einem bestimmten Geschlechterverhältnis zueinander in Beziehung gesetzt sind, und die Kriterien, nach denen die Position in der Gesellschaft bemessen wird. Durch diese Doppelung der Hierarchiestrukturen werden Geschlechterhierarchien einerseits stabilisiert, andererseits werden soziale Konflikte provoziert, die männliche Dominanzansprüche angreifbar machen. Die Aufdeckung und Thematisierung dieser Konflikte ebnet die Möglichkeit des Einsatzes von Beratungsprozessen zur Verwirklichung der Chancengleichheit und Geschlechtergerechtigkeit. Diese können bspw. mit Hilfe von politischen Strategien, wie Gender Mainstreaming, oder in anderen Beratungungsprozessen zum Einsatz kommen.


Literatur

Becker-Schmidt, Regine: Die doppelte Vergesellschaftung die doppelte Unterdrückung: Besonderheiten der Frauenforschung in den Sozialwissenschaften. In: Unterkircher, Lilo / Wagner, Ina (Hg.): Die andere Hälfte der Gesellschaft. Österreichischer Soziologentag 1985. Soziologische Befunde zu geschlechtsspezifischen Formen der Lebensbewältigung. Wien: Verlag des Österreichischen Gewerkschaftsbundes, 1987, S.10-25.

Becker-Schmidt, Regine / Knapp, Gudrun-Axeli: Feministische Theorien zur Einführung. Hamburg 2000.

Becker-Schmidt, Regine( Hg.): Gender and Work in Transition. Globalisation in Western, Middle and Eastern Europe. Opladen, 2002.


Weblinks

http://web.fu-berlin.de/gpo/pdf/becker_schmidt/becker_schmidt_ohne.pdf

http://www.gps.uni-hannover.de/gender/BECKER_SCHMIDTneu.htm

http://userpage.fu-berlin.de/~glossar/de/menu3.cgi?l1=keywords&l2=Doppelte%20Vergesellschaftung

http://www.zag.uni-freiburg.de/fff/ffs/band15/ffs15_reziBrand.pdf

http://userpage.fuberlin.de/~glossar/de/view.cgi?title=Doppelte%20Vergesellschaftung(Siggelkow,Ingeborg(2004:„DoppelteVergesellschaftung“)

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