Asexualität

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Asexualität ist eine sexuelle Orientierung, deren Mitglieder kein oder sehr wenig Interesse an sexueller Interaktion mit anderen Menschen haben. Das Adjektiv lautet asexuell.

Inhaltsverzeichnis

Begriff

Noch bis vor einigen Jahren war der Begriff asexuell fast ausschließlich in Bezug auf Organismen in Gebrauch, die sich durch (Zell-)teilung und nicht durch Kreuzung zweier Erbanlagen vermehren. Als bekanntes Beispiel hierfür galt die Amöbe. Wurde noch Ende der 1990er Jahre nach "asexuell" oder "Asexualität" bei google gesucht, so enthielten die meisten Suchergebnisse Inhalte über Amöben. Stark ausschlaggebend für die Umdeutung und Popularisierung des Begriffes war die Yahoo-Newsgroup "Haven for the Human Amoeba". Sie wurde mit der Zeit zu einem der bekanntesten Foren für Menschen, die sich als Asexuelle bezeichnen. In seiner neuen Bedeutung ist Asexualität ein relativ junger Begriff, der von einer Gruppe von Menschen als Selbstzuschreibung getragen wird. Das Phänomen ist wissenschaftlich weder intensiv erforscht, noch der Begriff klar definiert. Eine wissenschaftlichen Ansprüchen genügende Beschreibung mitsamt einer exakten Definition ist daher nicht lieferbar.

Charakteristika

Angesichts der Natur des Begriffes kann keine exakte Definition von Asexualität geliefert werden, da die letztendliche Autorität beim jeweiligen Individuum liegt, welches "Asexualität" als Selbstzuschreibung für die eigene Lebensrealität gebraucht. Aus der Menge der zumeist im World Wide Web zu findenden Quellen lässt sich jedoch eine Essenz erfassen, die im Folgenden die Grundcharakteristika von Asexualität umreißen soll:

  • Asexuelle Menschen verspüren kein Bedürfnis danach, mit anderen Menschen sexuell zu interagieren.
  • Asexuelle Menschen können eine Libido haben, wollen sie jedoch nicht mit anderen Menschen ausleben.
  • Asexuelle Menschen sind zum Sex nicht körperlich unfähig.
  • Asexuelle Menschen haben keine rationale Entscheidung gegen Sex getroffen und erleben ihre Asexualität als angeborene, natürliche Orientierung.
  • Asexuelle Menschen stehen Sex und sexuellen Menschen nicht ablehnend oder mit Ekel gegenüber, sondern empfinden für sich selbst einfach kein Interesse daran.
  • Es gibt Versuche, Asexuelle in verschiedene Kategorien zu unterteilen.

Ursachen

Da Asexuelle ihre Sexualität nicht vermissen, sondern ihren Zustand als natürlich und angeboren empfinden, wird von ihnen weitgehend auf die Suche nach Ursachen verzichtet. Eine (wissenschaftliche) Betrachtung von Asexualität aus neutraler Position kann jedoch ihren natürlichen Zustand in Frage stellen, Sexualität als "Norm" definieren und nach Gründen für die "Abweichung" suchen. Schon aus anderen Beispielen so gennanter "Abweichungen von der Norm" bekannte Erklärungsmuster könnten hier angewandt werden: z.B. Soziophobie, verdrängte Erlebnisse, Komplexe, etc.

Abgrenzungen

Auf den ersten Blick scheint Asexualität in engem Zusammenhang mit anderen Praktiken und Lebensweisen zu stehen, in denen das Nichtvorhandensein sexueller Interaktion die zentrale Rolle spielt. Es bestehen jedoch einige, grundliegende Unterschiede:

  • Zölibat: Eine auf Regelungen des Kirchenrechts basierende, rationale Entscheidung eines katholischen Priesters, für seine Weihe auf sexuelle Interaktion mit anderen Menschen zu verzichten. Der bewusste Verzicht bedeutet nicht, dass bei ihm, wie bei Asexuellen, kein Interesse an sexueller Interaktion bestünde.
  • Zölibatäre Lebensweise/Enthaltsamkeit: Eine dem priesterlichen Zölibat ähnliche, wenn auch nicht rechtlich begründete oder bindende, persönliche Entscheidung gegen sexuelle Interaktion, auch wenn grundsätzlich ein körperliches Verlangen vorhanden ist.
  • Kastration: Entfernung der für das Bestehen der Libido verantwortlichen Organe oder Drüsen, so dass mit der Libido auch der Wunsch nach sexueller Interaktion erlischt. Der Unterschied zur Asexualität liegt in der absichtlichen und plötzlichen Herbeiführung des Effektes, während Asexualität als angeboren, natürlich und immerwährend angesehen wird.

Beziehungsformen

Die Abwesenheit des Wunsches, mit anderen Personen sexuell zu interagieren, beschränkt keine asexuelle Person darin, vielfältigste Formen von Beziehungen zu anderen Menschen eingehen zu können. Sowohl geistige, als auch körperliche Intimität, sowie Zärtlichkeit werden von einer asexuellen Lebensweise nicht kategorisch ausgeschlossen. Wie auch bei sexuellen Personen, kennt die Gemeinschaft von Asexuellen eine große Vielfalt an möglichen Beziehungsformen und -intensitäten. Beziehungen von Asexuellen können sogar Sex enthalten (z.B. dem_der Partner_in zu Liebe). Sie zeichnen sich jedoch alle durch das Grundcharakteristikum aus, dass sexueller Kontakt nicht aus einem körperlichen Bedürfnis heraus gewünscht wird.

Form Queerer Praxis

Queeres Gedankengut kritisiert u.A. Heteronormativität, Bipolarität, Eindeutigkeit, Fremdzuschreibung und Pluralismusfeindlichkeit. Diese Kritiken spiegeln sich in verschiedenen queeren Theorien wieder. Queer ist jedoch nicht nur ein Theoriegebäude. Praktiken und Lebensweisen, die - deduktiv oder induktiv - mit den queeren Theorien verbunden sind, bilden Formen queerer Praxis. Asexualität kann als eine Form queerer Praxis gesehen werden, da sich einige ihrer Charakteristika queerem Gedankengut zuordnen lassen:

  • Asexualität als Lebensform entspricht nicht der heterosexuellen gesellschaftlichen Norm, wobei die Betonung auf "sexuell" liegt. Als gelebte Praxis wirkt Asexualität antiheteronormativ und unterstützt damit einen wichtigen Gedanken von queer.
  • Asexualität kritisiert sowohl das bipolare Ordnungsschema sexueller Orientierung (Hetero-Homo), als auch die erweiterte Variante (Hetero-Bi-Homo). Beide Schemata sind aus asexueller Sicht eindimensional und lassen weder an ihren Extrempunkten, noch in der Mitte Platz für Asexuelle, geschweige denn für Mehrfachidentifikationen. Indem Asexuelle das heteronormative und bipolare Schema für sich zu einem mehrdimensionalen Schema erweitern, begehen sie einen queeren Akt.
  • Mit der Sprengung eines bipolaren Ordnungsschemas und der eigenen Einordnung "dazwischen" oder "am Rand" wird dem Prinzip der Eindeutigkeit eine Praxis der Mehr- oder Un-Eindeutigkeit entgegen gesetzt, was einen queeren Grundgedanken darstellt.
  • Die vom Mainstream getragenen, bipolaren gesellschaftlichen Ordnungsschemata beruhen auf dem Prinzip der Fremdzuschreibung. Laut Stuart Hall kann sich das Eigene immer nur in Abgrenzung zum Anderen identifizieren. Hierbei setzt eine Autorität Kriterien fest und unterteilt von ihrem Standpunkt aus alles in ein "normales" A und ein "abweichendes" B. Queere Theorie fordert dieses Modell heraus. Sie überlässt die Entscheidung, sich queer zu nennen jeder Person selbst und verbietet die Kategorisierung anderer Personen. Das Prinzip der Selbstzuschreibung beinhaltet also a) die definitorische Freiheit, selbst zu bestimmen, was queer für sich selbst bedeutet und b) die Wahlfreiheit, dieser, einer anderen oder keiner Kategorie angehören zu wollen. Auf Grund der vielfältigen Internetquellen und -Communities gibt es für Asexualität (noch) keine verbindliche Definition. Darüber hinaus sind Begriff und Gemeinschaft von sich aus gewachsen und nicht Produkt einer gesellschaftlichen Abgrenzungs-Zuschreibung. Diese beiden Umstände haben dazu geführt, dass Asexuelle durch Selbstzuschreibung asexuell sind und darüber eine individuelle Definitionsmacht besitzen. Diese beiden Charakteristika sprechen ebenfalls dafür, Asexualität als queere Praxis zu bezeichnen.
  • Asexuelle sehen sich selbst als Angehörige einer sexuellen Orientierung, welche eine unter vielen ist und sogar Kombinationsmöglichkeiten bietet. Sie erheben weder Anspruch auf die alleinige "Richtigkeit" der eigenen Orientierung, noch werden andere Orientierungen moralisch bewertet. Mit dieser Positionierung sprechen sich Asexuelle für einen Pluralismus an sexuellen Orientierungen aus, was im Sinne von queer ist.

Externe Links & Quellen

http://www.asexuality.org/

http://www.asexuality.org/de

http://asex-wiki.org/

http://www.suite101.com/article.cfm/glbt_issues_life/82735

http://de.wikipedia.org/wiki/Asexualität


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