'Sozialer Tod'

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Information: Dieser Eintrag entstand im Rahmen des Projektutoriums „Sklaverei, Kolonialismus und Rassismus“ und bezieht sich auf Sklaverei und Kolonialismus bzw. die Auseinandersetzung mit deutscher Sklaverei- und Kolonialgeschichte. Falls du den Artikel um Aspekte, die über diesen Kontext hinausgehen ergänzen möchtest, mache dies bitte durch ein Extra-Kapitel kenntlich.


Sozialer Tod (social death) ist eines der entscheidenden Kriterien, nach denen der Soziologe Orlando Patterson in seiner vergleichenden Studie „Slavery and Social Death“ Sklaverei definiert. Im Unterschied zu rechtlichen Definitionen von Sklaverei, die Sklaverei als ein Eigentumsverhältnis definieren, bildet für Patterson und andere soziologische Arbeiten das Zwangsverhältnis zwischen Versklavenden und Versklavten sowie der Ausschluss aus Verwandtschaftsstrukturen die Grundlage für die Definition von Sklaverei.


Pattersons Definition von Sklaverei

Am Ende der Einleitung kommt Patterson zu folgender Definition von Sklaverei: „slavery is the permanent, violent domination of natally alienated and generally dishonored persons“ (Patterson 1982: 13). In diesem Zitat fasst er die drei konsitutierenden Elemente von Sklaverei zusammen: erstens außergewöhnlicher Zwang, zweitens Entfremdung der Versklavten von Geburtsrechten und drittens Entehrung.


Außergewöhnlicher Zwang: In der Herstellung und Aufrechterhaltung des Sklaverei-Verhältnisses spielt extreme Gewalt eine besondere Rolle. Dabei muss der Status der Versklavten immer wieder erneut hergestellt werden: „Thus it was necessary continually to repeat the original, violent act of transforming free man into slave.“ (Patterson 1982: 3) Gewalt wurde zur sozialen Kontrolle und zum Erzwingen von Arbeit eingesetzt.


Entfremdung von Geburtsrechten: Den Versklavten wurde die Zugehörigkeit zu irgendeiner legitimierten sozialen Ordnung verweigert. Verwandtschaftsbeziehungen wurden gesetzlich nicht anerkannt, auch wenn informelle soziale Beziehungen existierten, die allerdings permanent von einer möglichen Trennung bedroht waren. Diesen Zustand beschreibt Patterson als sozialen Tod oder „natal alienation“. „I prefer the term 'natal alienation' [in Abgrenzung zu 'outsider status'] because it goes directly to the heart of what is critical in the slave's forced alienation, the loss of ties of birth in both ascending and descending generations. It also has the important nuance of a loss of native status, of deracination.“ (Patterson 1982: 7) Die Versklavung wurde durch eine Vielzahl von speziellen Ritualen, wie der Namensgebung, der Taufe oder dem Versehen mit körperlichen Markierungen, in die Versklavten auf körperlicher und diskursiver Ebene eingeschrieben.


Entehrung: Die Versklavten konnten nach Patterson keine Ehre besitzen, da sie keine Position in der sozialen Ordnung besaßen. Während sich die Versklavenden als ehrenvoll darstellten und soziales Ansehen genossen, wurden die Versklavten als unehrenvoll beschrieben.


Patterson betont, dass das Sklavereiverhältnis keine statische Einheit bildete, sondern sich durch einen komplexen interaktionalen Prozess auszeichnete. Dabei gab es immer Spannungen und Widersprüchlichkeiten. Obwohl sich Patterson für die Subjektebene interessiert, macht er deutlich, dass es sich bei Sklaverei um ein institutionalisiertes Verhältnis handelte, dass sich nur durch die Absicherung durch eine soziale Ordnung aufrechterhalten ließ. Dabei dienten auch Freilassungen von Versklavten zur Weiterführung und Legitimation von Sklaverei, worauf besonders im Kontext der chattel slavery in den US-amerikanischen Südstaaten häufig hingewiesen wurde.


Sozialer Tod

Orlando Patterson beschreibt Kriege als Situation, in der es besonders häufig zu Versklavungen kam. Dabei diente die Versklavung als Ersatz für die Ermordung der gefangenen Kriegsgegner_innen. Da die versklavte Person außerhalb ihrer Beziehung zu den Sklav_innen-Haltenden keine sozial anerkannte Existenz hatte, spricht Patterson von einer „social nonperson“. Mit sozialem Tod beschreibt er die fehlende Zugehörigkeit zu einer sozialen Ordnung. Dieser Ausschluss wirkte sich auf verschiedenen Ebenen auf die Versklavten aus. So hatten sie keinen rechtlichen Anspruch auf Eltern-Kind-Beziehungen oder auf Ehen. Familien, die rechtlich nicht als Familien angesehen wurden, konnten jederzeit getrennt werden. Durch diesen Verlust an Geburtsrechten wurde der Status als Versklavte vererbar. Außerdem wurden Versklavten von ihrem sozialen Erbe kulturell isoliert.


Literatur

Orlando Patterson: Slavery and Social Death. A Comparative Study. Cambridge, London 1982.

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